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Publikationen verdoppeln

Wie kann man ein und denselben Artikel in zwei verschieden-sprachigen Journals publizieren?

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(7. Februar 2012) Auf deutsch zu publizieren ist unter Medizinern nicht ungewöhnlich. Doch dieselbe Studie stillschweigend noch einmal in einem englischsprachigen Journal zu veröffentlichen, verstößt gegen die Forscherehre. Laborjournal sprach mit Jürgen Meyer zu Tittingdorf, Leiter des Academic Publishing bei Springer Medizin, über Doppelpublikationen in deutschen und internationalen Medizin-Journalen.

 

Laborjournal: Herr Meyer zu Tittingdorf, welche Zielgruppen haben die deutsch- und englischsprachigen Medizinzeitschriften?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Die englischsprachigen Zeitschriften, die in Deutschland erscheinen, haben ihren Schwerpunkt in der medizinischen Forschung. Sie bedienen hauptsächlich die wissenschaftlich interessierten Ärzte, die überwiegend in Kliniken oder Instituten arbeiten. Darüber hinaus gibt es ein großes Fortbildungsbedürfnis jenseits der Wissenschaft, das vor allem die deutschsprachigen Medizintitel abdecken. Nach einer nicht mehr ganz taufrischen Untersuchung aus dem Jahr 2003 von Haße und Fischer (Dtsch Med Wochenschr 2003, 128(24):1338-41) erwarten über 80 Prozent der Ärzte deutschsprachige Artikel in den Zeitschriften ihrer Fachgesellschaften. Auch auf Kongressen im Inland erwarten sie Deutsch als Tagungssprache. Beides ist sicherlich eng damit verknüpft, dass damals lediglich 20 Prozent angegeben haben Englisch in Wort und Schrift gut zu beherrschen.

Wie könnte man, trotz des meist attraktiveren Impact Factors englischer Zeitschriften, auch der deutschsprachigen Leserschaft aktuelle Artikel zur Verfügung stellen?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: An der Tatsache, dass ein hoher Impact Factor eng an die englische Sprache geknüpft ist, werden wir nichts ändern können. Dennoch ist es möglich attraktive Zeitschriften in deutscher Sprache zu publizieren. Gerade Zulassungen von Medikamenten oder politische Rahmenbedingungen haben häufig eine nationale Relevanz. Außerdem darf man nicht unterschätzen, wie wichtig es vielen Autoren ist, neue Erkenntnisse in Übersichtsartikeln für ihre Kollegen zusammenzufassen. Solche Übersichten verbessern letztlich die Qualität der medizinischen Versorgung in Deutschland. Es sind also nicht die großen, randomisierten klinischen Studien, die eine gute deutsche Zeitschrift ausmachen, sondern primär gute Übersichtsarbeiten, die in ihrer Qualität den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen.

Wie werden mehrfach publizierte Ergebnisse identifiziert? Wer erkennt das?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Es gibt die Möglichkeit softwarebasiert Literatur zu vergleichen und Ähnlichkeiten zu identifizieren. Gerade bei Publikationen in verschiedenen Sprachen stößt dieses Verfahren aber schnell an seine Grenzen. Hier können nur qualifizierte Gutachter mit einer profunden Kenntnis der Literatur potenzielle Doppelpublikationen schon im Vorfeld aufdecken. Reicht ein Autor seine Arbeiten aber zeitgleich bei mehreren Journalen ein, können auch Gutachter nicht helfen. Ein vollständiger Ausschluss von Doppelpublikationen ist daher schwierig und wir sind dankbar für Hinweise, die an den Verlag herangetragen werden.

Wie gehen Sie vor, wenn eine Doppelpublikation entdeckt wird?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Springer hat sich „Policy of Publishing Integrity“-Richtlinien auferlegt, die sich an die Vorgaben des Committee on Publishing Ethics (COPE) anlehnen. Diese stehen im Einklang zum Beispiel mit dem Kodex des International Committee of Medical Journal Editors und geben klar vor, wie im Falle einer Doppelpublikation zu verfahren ist. Dies führt dazu, dass die Arbeit beim zweitpublizierenden Journal zurückgezogen wird und es dem Autorenteam untersagt ist, innerhalb der nächsten fünf Jahre ein Manuskript für die betroffenen Journals einzureichen. Zudem werden die Arbeitgeber der beteiligten Autoren über das Fehlverhalten informiert.

Gibt es auch Umstände, unter denen eine Doppelpublikation erlaubt ist?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Ja, manchmal kann es sogar sinnvoll sein, eine Arbeit mehrfach zu publizieren. Die 2010 erschienenen neuen Leitlinien zur Reanimation sind dafür ein gutes Beispiel. Nur durch die Publikation in mehreren Sprachen und Journalen wurde damals sichergestellt, dass die neuen Empfehlungen schell weit verbreitet wurden. Letztlich müssen Autoren, Herausgeber und Verlage gemeinsam entscheiden, ob eine Doppelpublikation sinnvoll – vielleicht sogar geboten – und wissenschaftlich und ethisch zu vertreten ist. In jedem Fall gilt es bei einer Zweitpublikation ein Maximum an Transparenz zu wahren. Das International Commitee of Medical Journal Editors (ICMJE) hat dazu klare Richtlinien formuliert. So müssen unter anderem die Herausgeber und Verlage beider Journale im Vorfeld über eine geplante Zweitpublikation informiert werden. Zudem muss die zweite Publikation zeitlich verzögert erfolgen und sich an einen anderen Leserkreis wenden. Schließlich muss eine Fußnote in der nachgeordneten Publikation deutlich auf die entsprechende Erstpublikation hinweisen.

Würden deutschen Zeitschriften ohne Doppelpublikationen die Artikel ausgehen?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Obwohl es für alle Beteiligten, auch die Verlage, viel einfacher geworden ist, durch Online-Recherche derartige Fälle zu identifizieren, ist die Zahl der aufgedeckten Doppelpublikationen sehr überschaubar geblieben. Die deutschen Medizintitel müssen sich um ihre Existenz keine Sorgen machen.

Sind Doppelpublikationen ein echtes wissenschaftsethisches Problem?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Fakt ist, dass wir eine Häufung von Einzelfällen bemerken und jeder Einzelfall ist wissenschaftlich-ethisch ein echtes Problem, das entsprechende Konsequenzen nach sich zieht. Ich würde daraus aber nicht den Schluss ziehen wollen, dass sich dies quer durch das medizinische Publikationswesen zieht oder dass es um die Ethik im Publikationswesen generell nicht gut bestellt sei. Damit würde man die Leistung der vielen Wissenschaftler, die Herzblut, Zeit und Engagement investieren und mit einer Publikation die Früchte ihrer Arbeit ernten, zu unrecht schmälern.

Ein Fall, der Ihnen sicher bekannt ist: Prof. Roland Hetzer und Kollegen aus Berlin veröffentlichten identische Daten in Der Chirurg und in Anesthesia & Analgesia. Wieso leistet sich ein erfahrener Mediziner dieses wissenschaftliche Fehlverhalten?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Mir ist bisher kein Fall innerhalb unserer deutschsprachigen Medizintitel bekannt, bei dem der Wunsch nach Steigerung des individuellen Impact Factors Motivation für eine Doppelpublikation gewesen wäre. Selbst in dem von Ihnen genannten Beispiel möchte ich dies ausschließen, wenn man sich den Impact Factor von Anesthesia & Analgesia anschaut und mit hochrangigen Publikationen der Autoren vergleicht. Vermutlich ist es eher der Wunsch der Autoren nach größerer Verbreitung der Forschungsergebnisse und mehr Sichtbarkeit, der letztlich zu Doppelpublikationen führt.

Handelt es sich um ein spezielles Problem der heutigen Zeit, wo die Länge der Publikationsliste ein Qualitätskriterium für den Wissenschaftler darstellt?


Jürgen Meyer zu Tittingdorf: Sicherlich ist der Druck zu publizieren heute größer als noch vor zwanzig Jahren, aber ich sehe darin in den meisten Fällen nicht den Grund für eine Doppelpublikation. Aufgrund der Vernetzung großer Literatur-Datenbanken, frei verfügbarer Plagiatssoftware und auch durch ein allgemein gestiegenes Interesse an solchen Fällen, nachdem einige Prominente mit Plagiaten in den Medien waren, werden heute mehr Fälle aufgedeckt, die früher vielleicht verborgen geblieben wären. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit führt jedoch auch zu einer Sensibilisierung der Autoren, sodass ich für die Zukunft von einer rückläufigen Anzahl an Doppelpublikationen ausgehe.

 

 

Interview: Kai Krämer
Bild: privat



Letzte Änderungen: 20.02.2012
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