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Zehn Jahre für die biologische Vielfalt

Deutschland hat die von der UN ausgerufene Dekade zur Biologischen Vielfalt offiziell eingeläutet. In den Jahren 2011 bis 2020 soll die Biodiversität auf der Welt vor dem Kollaps gerettet werden. Nur, wie? Und was tragen Forscher dazu bei?

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(24. November 2011) Nicht nur Pflanzen und Tiere, auch Bakterien und Viren, ganze Ökosysteme und einzelne Gene gehören zur Biodiversität der Erde. Und die nimmt täglich ab. Laut der kürzlich von der internationalen Naturschutzorganisation IUCN vorgestellten Roten Liste gefährdeter Arten sind beispielsweise etwa ein Viertel der 5.500 bekannten Säugetierarten entweder „gefährdet“, „stark gefährdet“ oder „vom Aussterben bedroht“. Verschwinden Arten, gehen auch gleich unzählige Gene mit ihnen verloren, die zum Beispiel Resistenzen gegen Nutzpflanzenkrankheiten aufweisen oder für potenzielle Wirkstoffe codieren. „Die Aussterbensrate liegt konservativ berechnet etwa hundert mal höher, als das, was erdgeschichtlich als natürlich zu betrachten ist – vielleicht sogar noch deutlich darüber“, macht der Zoologe Stefan Klose vom Institut für Experimentelle Ökologie der Uni Ulm die Dringlichkeit von Gegenmaßnahmen klar.

 

Um den unwiederbringlichen Verlust von Arten und Lebensräumen aufzuhalten, widmen rund um den Globus Wissenschaftler ihre Arbeit dem Erhalt der Biodiversität und somit den Zielen der Biodiversitäts-Konvention (CBD). Die CBD wurde 1992 auf einer UN-Konferenz in Rio de Janeiro beschlossen, es folgten zehn weitere Konferenzen der Vertragsstaaten (COPs), zuletzt im Oktober 2010 im japanischen Nagoya in der Präfektur Aichi. Auf den fünf sogenannten Aichi-Zielen baut nun der strategische Plan für die Dekade der Biodiversität auf. Die Ziele sind konventionsgemäß vage formuliert: So sollen bis 2020 erstens die Ursachen für den Rückgang der Biodiversität bekämpft und zweitens negative Einflüsse verringert werden. Drittens soll die biologische Vielfalt durch den Schutz von Ökosystemen, Arten und genetischer Vielfalt gesichert werden und viertens sollen alle gesellschaftlichen Gruppen mehr Nutzen aus ihr ziehen können. Zu guter letzt soll die Durchsetzung von Maßnahmen zur Biodiversitätserhaltung unter anderem durch Wissensmanagement verbessert werden. – Diese Ziele lassen viel Spielraum für kreative wissenschaftliche Projekte.

Stefan Klose und seine Kollegen erforschen unter anderem den Nutzen gesunder Ökosysteme für den Menschen. Im Coronaviral Zoonoses Project untersuchen sie die Bedingungen, unter denen Coronaviren Artgrenzen überwinden. Derlei RNA-Viren sind zum einen für einen großen Teil der Atemwegserkrankungen in Deutschland verantwortlich, aber auch für das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS), das 2002/2003 für eine weltweite Pandemie gesorgt hatte. „SARS wird durch ein Coronavirus verursacht, das aus einer Hufeisennasenfledermaus auf den Menschen überging“, erklärt Klose. Welche ökologische Barriere das Virus überwinden musste, um von einer Spezies auf die andere überzuspringen, und wie es in die Zellen des neuen Wirtes eindringen konnte, untersuchen die Ulmer zusammen mit Forschern aus Bonn und Ghana.

Bereits jetzt vermutet Klose, dass ein solcher Prozess in einem intakten Ökosystem mit hoher biologischer Vielfalt seltener geschieht: „Ein neues Virus kann sich schneller in wenigen dominanten Arten ausbreiten und größere Schäden verursachen, als wenn es im Ökosystem viele Artschranken zu überwinden gilt.“ Bis 2020 wollen er und seine Kollegen wissen, ob weniger Biodiversität zu neuen Viruserkrankungen führt: „Das ist ein überschaubares, aber auch realistisches Ziel auf dem Weg hin zu einer höheren Wertschätzung der Dienste, die Biodiversität für uns immer und überall leistet“, findet Klose.

Im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZMFK) in Bonn entwickeln Wissenschaftler Methoden, mit denen die Erfassung von Arten schneller und einfacher werden soll. Denn bisher sind erst um die zwei Millionen Arten auf der Welt wissenschaftlich beschrieben. Möglicherweise gibt es aber bis zu 30 Millionen Arten – um die zu bestimmen und zu beobachten fehlen Experten. „Taxonomen sind mittlerweile selbst eine bedrohte Spezies. Für viele Tier- und Pflanzengruppen gibt es nur jeweils einen oder überhaupt keinen Spezialisten, der die Arten bestimmen kann“, erklärt der Insektenkundler und Tropenökologe Klaus Riede vom Museum Koenig.

Die Bonner beteiligen sich am Projekt German Barcoding of Life (G-BOL): Von allen in Deutschland vorkommenden Arten soll anhand standardisierter Sequenzen ein genetischer Fingerabdruck in der öffentlich zugänglichen Datenbank BOLD hinterlegt werden, mit dem man eine Art sicher identifizieren kann. Außerdem richten Riede und seine Kollegen zusammen mit Forschern aus Griechenland im Projekt Automatic acoustic Monitoring and Inventorying of Biodiversity (Amibio) ein automatisches System zur Bestandserfassung gefährdeter Tierarten ein. Vier solarbetriebene Messstationen zeichnen bereits im östlich von Athen gelegenen Hymettos Tierstimmen und Umweltparameter auf. Bald sollen es sechzehn Stationen sein, die die Daten dann auch drahtlos zur automatischen Auswertung senden. Anhand der Informationen können die Wissenschaftler die Größe von Insekten-, Amphibien-, Säuger- und Vogelpopulationen abschätzen und bekommen zudem mit, wenn Unbefugte jagen oder Bäume fällen.

Solche Ton-Aufnahmen werden zum Beispiel in der Global Biodiversity Information Facility (GBIF-D) zusammengetragen. In der Datenbank kann jeder kostenlos wissenschaftliche Informationen über die weltweite Artenvielfalt abrufen. Dazu gehören Daten aus den naturhistorischen Sammlungen, aber auch Fotos und Videos. „Derzeit werden über 312 Millionen Datensätze bereitgestellt, jeder von Ihnen beinhaltet die Dokumentation einer bestimmten Art zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort“, erläutert Landschaftsökologin Maren Gleisberg vom Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem der Freien Universität Berlin, wo der deutsche Ableger von GBIF koordiniert wird. In Deutschland stellen acht sogenannte GBIF-Knoten – sieben Naturkundemuseen und die Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig – ihre Forschungs- und Beobachtungsdaten zur Verfügung. „GBIF ist keine ganz neue Initiative, sie wurde von mehreren Staaten im Jahr 2001 gegründet und wird derzeit von 57 Mitgliedsstaaten und 47 internationalen Organisationen getragen. Es ist aber im Rahmen der UN-Dekade eine der wenigen wirklich globalen und produktiven Initiativen, die die bekannten Fakten zur Biodiversität zugänglich macht“, so Gleisberg.

Mit diesen und vielen anderen Projekten, die am Beginn der Dekade stehen, wollen Wissenschaftler den Verlust von Biodiversität aufhalten oder zumindest verlangsamen. Zur offiziellen Auftaktveranstaltung Anfang November fuhr auch Klaus Riede vom Museum Koenig aus Bonn nach Berlin, doch er saß dort, wie viele andere Wissenschaftler, nur im Publikum: „Bei der Dekaden-Eröffnung fehlten in der vom Umweltjournalisten Jürgen Vogt moderierten Diskussionsrunde die Wissenschaftler völlig! Dafür waren Filmemacher, Umweltminister und -ministerinnen, ein Vertreter der Putzmittelfirma Frosch und die UN-Dekadenbotschafter dabei. Schön, dass alle die Biodiversität retten wollen, aber wie?“

 

 

Valérie Labonté
Bild: daniel.schoenen / photocase.com



Letzte Änderungen: 13.12.2011
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