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Dickes Lob ans Forschungszentrum Borstel!

Im Nachfolgenden loben wir den vorbildlich-vertrauenswürdigen Umgang, den die Geschäftsführung des Forschungszentrums Borstel mit einer hauseigenen Fälschungsaffäre pflegt.

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Laborgebäude des Forschungszentrums Borstel

(2. Mai 2011) Den Laborjournal-Redakteuren wird ja gelegentlich vorgeworfen, sie würden immer nur meckern, aber nie loben.

Doch, wie einst König Salomo sagte: „Wie wohl tut ein Wort zur rechten Zeit!"

Na gut, loben wir doch mal! Und zwar die beiden Geschäftsführer des nahe Hamburg gelegenen Forschungszentrums Borstel (FZB). Die Herren heißen Ulrich Schaible und Peter Zabel und haben derzeit alle Hände voll mit Vergangenheitsbewältigung zu tun.

Es geht um die Bulfone-Paus-Affäre, Sie erinnern sich? In Laborjournal 1-2/2011 hatten wir auf Seite 14 darüber berichtet, dass Wissenschaftler am FZB (gehört zur Leibnitz-Gesellschaft) zehn(!) Jahre lang Daten fälschten, dass in der Folge bisher zwölf(!) Paper zurückgezogen wurden (bzw. um Zurückziehung ersucht wurde) – und dass die verantwortliche Arbeitsgruppen-Leiterin, Silvia Bulfone-Paus, die auf all diesen Publikationen als Senior- und einmal sogar als Erstautorin fungiert, zu den Vorwürfen beharrlich schweigt (sie schweigt noch immer).

Pikant ist, dass Bulfone-Paus eine seit Jahren hochgelobte Spitzenforscherin ist und zudem (neben Schaible und Zabel) dem dreiköpfigen FZB-Direktorium angehört. Nach mutmaßlich sanftem Druck von Institutsseite lässt sie ihr Direktoriumsamt derzeit ruhen.

Warum verdient das Forschungszentrum Borstel Lob?

Wieso aber möchte ich Schaible und Zabel loben? Ganz einfach: Für die – zumindest bisher – nahezu vorbildliche Aufarbeitung dieser umfangreichen Wissenschaftsbetrugsaffäre. Die Geschäftsführung des Borsteler Forschungszentrums entschloss sich überraschenderweise und sehr früh, die Öffentlichkeit über alle Schritte im Klaren zu lassen und Neuigkeiten sofort auf der hauseigenen Website zu veröffentlichen. Die FZB-Oberen stellten sich der Presse jederzeit und ohne Verzögerung für Interviews zur Verfügung – und man hatte nie das Gefühl, sie würden einer unangenehmen Frage ausweichen (und unangenehme Fragen gab es wahrlich eine Menge!).

Hut ab! So geht man mit wissenschaftlichem Fehlverhalten um.

Bisher war das anders. Bisher bestand die akademisch-institutionelle „Aufarbeitung" derartiger Skandale in Deutschland darin, zu vertuschen, zu verzögern und den Informationsfluss zu behindern, zuallererst und vor allem gegenüber der Öffentlichkeit. Diesbezüglich braucht man nur auf die laufenden Verfahren in Berlin (Charité/Affäre Savaskan & Co.), in Heidelberg/Tübingen (Affäre Skutella & Co.) oder in Lübeck (ebenfalls erheblich beteiligt an der Affäre Bulfone-Paus, was bisher den meisten Außenstehenden aber nicht klar sein dürfte) zu blicken.

Transparenz und Aufklärung? Fehlanzeige...

Für all diese genannten – tatsächlichen beziehungsweise mutmaßlichen – Fälle des wissenschaftlichen Fehlverhaltens gilt gleichermaßen: Aufklärung? Fehlanzeige! Geschwindigkeit der jeweils eingesetzten Untersuchungskommissionen: Schneckengleich! Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit (welche die akademischen Forscher ja immerhin mit ihren Steuern bezahlt): Null!

Was am bedrückendsten ist: Die Spitze dieser höchst intransparenten Blockadepolitik stellt noch immer die DFG dar. Trotz ein paar viel zu spät geschaffenen Feigenblättchen (Ombudsmann; selbstaufgestellte Regeln zur „guten wissenschaftlichen Praxis" und zum Umgang mit Missverhalten; butterweiche „Sanktionen", die niemanden abschrecken) agiert die europaweit größte Forschungsförderungsorganisation immer noch wie ein kleiner, verfilzter Kaninchenzüchterverein: Bloß nix nach draußen lassen, möglichst alles unter den Teppich kehren, wirklich nur das tun was man tun muss, aber bloß nicht mehr, und vor allem: Aussitzen, Aussitzen, Aussitzen. Kurzum: man agiert in bester deutscher Vertuscher-Tradition. Das ist verständlich, aber nicht akzeptierbar.

Dass, wie der Schreiber dieser Zeilen in vertraulichen Gesprächen erfahren hat, der DFG-Ombudsman nur spärliches Vertrauen bei deutschen Forschern genießt und somit lediglich eine Alibifunktion erfüllt, ist eine Katastrophe – aber ganz gewiss keine Überraschung.

Fürwahr: Es wäre schön, könnte man die DFG in derartigen Dingen auch mal loben. Doch dafür hat sie bisher nur selten Grund geliefert.

Das Forschungszentrum Borstel hingegen erst kürzlich wieder: siehe hier.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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