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Interview: André Koch zur Situation der Taxonomen in Deutschland

Auf der Erde gibt es schätzungsweise 13 bis 20 Millionen Tier- und Pflanzenarten. Die Aufgabe der Taxonomen ist es diese, sobald sie entdeckt sind, ins wissenschaftliche System einzuordnen. Doch das wird immer schwieriger, denn es fehlt an Geld und Nachwuchs.

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(22. Februar 2011) Vergangenen November wurde die Zukunft der Taxonomie gar im Bundestag debattiert. Daraufhin haben die Jungen Systematiker (JuSys), eine Arbeitsgruppe der Gesellschaft für Biologische Systematik, in einem offenen Brief erklärt, warum die Situation gerade für junge Taxonomen besonders schwer ist. Laborjournal sprach mit André Koch, Reptilienforscher am Forschungsmuseum Koenig in Bonn und stellvertretender Vorsitzender der JuSys, über die Zukunft der Taxonomen in Deutschland.

Laborjournal: Was machen moderne Taxonomen?

André Koch: Moderne Taxonomen machen im Prinzip noch das Gleiche wie schon vor 250 Jahren, zu Zeiten von Carl von Linné. Das heißt, sie beschreiben die Biodiversität auf unserer Erde, also die Vielfalt von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen. Nur machen sie das nicht mehr mit den gleichen Methoden wie vor 250 Jahren, da diese sich mit der Zeit immer weiter entwickelt haben. Wir verwenden unter anderem DNA-Sequenzierung und Rasterelektronenmikroskopie, um Organismen zu unterscheiden, zu charakterisieren und zu beschreiben. Es sind aber nicht nur rein morphologische oder molekulare Merkmale, sondern vielmehr auch ökologische und Verhaltensmerkmale, nach denen sich Tiere und Pflanzen voneinander unterscheiden. Das macht eigentlich das besondere an der Taxonomie aus, sie ist sehr facettenreich.

Wieso fehlt den Taxonomen der Nachwuchs?

André Koch: Der Nachwuchs fehlt, oder sagen wir besser, er geht langsam aus, weil es keine Zukunftsperspektiven gibt, als Taxonom später eine Anstellung zu finden. Es ist leider so, dass die Taxonomie an Universitäten gar nicht mehr gelehrt wird. Dort ist sie in den vergangenen Jahrzehnten quasi ausgestorben und anderen Lehrstühlen gewichen, etwa der Ökologie oder rein molekular-genetischen Lehrstühlen. Taxonomie wird heutzutage nur noch an großen Naturkundemuseen gelehrt und praktiziert, von denen es nicht viele gibt in Deutschland. Man kann sie fast an der Hand abzählen. Wobei es hierzulande noch besser ist als zum Beispiel in England, wo es nur zwei große Naturkundemuseen gibt. Wenn es aber Ausbildung und Stellen nur noch an den Naturkundemuseen gibt, kann man sich leicht überlegen, wie groß die Chancen sind dort später überhaupt eine Anstellung zu finden. Deshalb wählen viele Studenten die Taxonomie von vorneherein nicht.

Taxonomen kommen nur schwer an Fördergelder. Was ist denn teuer an der Taxonomie?

André Koch: Ich würde sagen, prinzipiell ist Taxonomie gar nicht so teuer, aber man braucht zunächst eine Stelle. Und die kostet eben was. Wenn man molekular arbeitet, sind die Kosten natürlich höher, es kommt auf das Projekt an. Aber klassische morphologische Untersuchungen sind nicht teuer. Die einzige Möglichkeit sich sich als Taxonom zu finanzieren, wenn es keine festen Stellen gibt, wäre über Drittmittel.

Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2011 bis 2020 zur Dekade der Biodiversität erklärt. Wurde es dadurch einfacher an Fördergelder zu kommen?

André Koch: Nein, denn die Fördergelder werden oftmals leistungsorientiert vergeben, auch bei der DFG zum Beispiel. Die Leistungsbarometer, die angesetzt werden, sind etwa der Impact Factor der Zeitschriften, in denen man publiziert. Das Dilemma ist: Wenn man eine Art beschreibt, kommt man damit kaum in Journals mit hohem Faktor. Und dann hat man gleich schlechtere Karten bei der Antragsstellung. Der Impact Factor basiert ja nur auf den Zitierungen der Arbeiten in einer Zeitschrift innerhalb der letzten zwei Jahre. Es ist ein sehr kurzlebiges Geschäft, denn zitiert wird nur das Aktuelle und nicht das, was fünf Jahre zurück liegt. Wenn zum Beispiel ein Ökologe mit einer Art arbeitet, gibt er alle Quellen an. Nur die Arbeit des Autoren, der die Art beschrieben hat, wird nicht zitiert. Das ist ein Misstand, der geändert werden muss, weil dadurch auch die Journale, in denen Taxonomen publizieren, noch weniger Aufmerksamkeit erlangen, als ihnen eigentlich gebührt. Denn eine Artbeschreibung ist nicht für zwei Jahre gemacht, sondern für die Ewigkeit. Deswegen ist dieser Impact Factor ein denkbar ungünstiger Index, um gerade diese Arbeit zu bewerten. Man müsste die Begutachtung über einen längeren Zeitraum machen und vor allem die Autoren von Artbeschreibungen konsequent zitieren. Denn jeder Artname, jede Artbeschreibung ist immer auch eine Hypothese. Die Hypothese wird festgelegt durch die Merkmale, mit denen man den Organismus charakterisiert. Diese müssen dann überprüft werden, beispielsweise bei einer taxonomischen Revision, in der die Art vielleicht in einem größeren Kontext behandelt wird. Oder wenn weitere Merkmale zur Verfügung stehen, etwa DNA-Sequenzen, falls man eine Art vorerst nur rein morphologisch beschrieben hat. Der Taxonomie wird oft vorgeworfen, sie sei eine rein deskriptive Wissenschaft und von daher nicht hypothesenbasiert und nicht reproduzierbar. Das stimmt nicht. Allerdings sind wir an dieser Misere selber schuld, wir haben zu wenig Lobbyarbeit gemacht und uns zu sehr in unsere Kämmerlein zurückgezogen. Das versuchen wir, die Jungen Systematiker, jetzt mit diesem offenen Brief zu ändern. Wir gehen damit aktiv in die Öffentlichkeit, haben Politiker und Zeitungen angeschrieben, um uns Gehör zu verschaffen.

Versprechen Sie sich etwas von der Bundestagsdebatte zur „Stärkung der Taxonomie in der Biologie“?

André Koch: Ich befürchte eher weniger. Nach unserem Brief fand ein Gespräch mit unserer Sprecherin Jana Hoffmann und René Röspel von der SPD in Berlin statt. Das war ganz nett, aber Röspel meinte, dass mittelfristig keine Konsequenzen oder Erfolge zu verzeichnen sein würden. Die Taxonomie aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken und neue Perspektiven zu schaffen, das dauert. Es ist auch nicht mit Exzellenzinitiativen oder dem Ausbau von Promotionsprogrammen getan. Was nützt es, wenn ich in der Taxonomie promoviere und später keine Festanstellung finde? Dann bleibt die Perspektive genauso schlecht, auch wenn ich während der Promotion drei Jahre Geld bekommen habe. An den Universitäten müssten mehr Stellen geschaffen werden. Und natürlich auch an den Naturkundemuseen und in den botanischen Gärten.

Was tun Sie als Junge Systematiker?

André Koch: Wir verbreiten die Wichtigkeit unserer Arbeit in der Öffentlichkeit. Ich persönlich habe das zum Beispiel mit Pressemitteilungen gemacht, wenn ich neue Arten entdeckt habe. Was ja interessanterweise nichts Spektakuläres ist, weil jedes Jahr über 15.000 neue Tier- und Pflanzenarten beschrieben werden. Das ist enorm, aber den Leuten ist nicht bewusst, wie wenig wir tatsächlich wissen. Man schätzt, dass wir bisher nur ein Zehntel der gesamten biologischen Vielfalt auf unserem Planeten kennen. Nur ein Zehntel! Das haben wir in 250 Jahren geschafft, da kann man sich ausrechnen, wie viele Jahrzehnte und Jahrhunderte noch nötig sind, wenn wir das in dem gleichen Tempo wie bisher machen. Wenn in Zukunft zudem noch weniger Taxonomen zur Verfügung stehen, ist das eine wahre Sisyphus-Arbeit. Es ist aber wichtig, dass wir die Lebewesen auf unserem Planeten kennen, da unsere Existenz unmittelbar von anderen Lebensformen abhängt. Wir ernähren uns davon, wir machen Kleidung daraus und wir gewinnen Arzneimittel aus ihnen. Wenn wir nicht wissen, welche Organismen auf der Erde leben und sie nicht benennen können, dann können wir schlecht über sie kommunizieren und sie noch schlechter erforschen, geschweige denn schützen. Meine Tiergruppe, die Warane, bietet sich gut an um in die Öffentlichkeit zu gehen und den Leuten bewusst zu machen, dass noch so viele Tiere unbekannt sind. Warane sind relativ große Reptilien, die bis zu zwei Meter lang werden. Wenn man eine neue Riesenechse entdeckt hat, ist das etwas Besonderes, anders, als bei einer der vielen Fliegen, die jedes Jahr neu beschrieben werden. Unterschiedliche Tiere bieten sich verschieden gut an, um Lobbyarbeit zu machen. Aber mit meiner Tiergruppe hat es bisher ganz gut geklappt, die Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Taxonomen und die Bedeutung der Arbeit zu lenken.

 

 

 

Link zum Antrag an den Bundestag "Schutz der biologischen Vielfalt – Die Taxonomie in der Biologie stärken"

 

Interview: Valérie Labonté
Bildnachweis (2): iStock/CrackerClips
                          André Koch



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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