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Was geschah in Sudelfeld?

Beim Studium von Dokumenten aus der NS-Zeit entdeckt man manchmal Seltsames, meistens Unangenehmes. So auch bei einem hochangesehenen Gießener Ernährungswissenschaftler.

(15.02.2007) Hans Diedrich Cremer galt als Pabst der deutschen Ernährungswissenschaft. Er hat über 200 Artikel und Übersichtsartikel veröffentlicht und war seit 1956 Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaften in Gießen. Sein Lebenslauf scheint makellos.

Geboren am 14.2.1910 in Kiel studierte Cremer von 1928 bis 1933 Medizin in Bonn, Köln, Kiel und Innsbruck. Er promovierte zum Dr. med. am 21.12.1933 in Köln. Nach einer kurzen Assistenzzeit arbeitete Cremer ab 1936 im Physiologisch-Chemischen Institut der Militärärztlichen Akademie Berlin und gehörte gleichzeitig der Chirurgischen Sondergruppe des Oberkommandos des Heeres an. 1942 wurde ihm der Aufbau und die Leitung des Gebirgsphysiologischen Instituts in St. Johann (Tirol) übertragen. Er stand im Rang eines Oberstabsarztes.

Verbindung zu Sigmund Rascher?

Aus dieser Zeit gibt es einige seltsame Dokumente. Das erste ist ein Brief eines Dr. med. Sigmund Rascher an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Der Brief ist datiert vom 6. November 1942:

Betrifft: Zusammenarbeit von SS-Ärzten mit Ärzten der Gebirgstruppen.

Auf der Tagung "Seenot und Winterkälte" waren alle vier Wehrmachtsteile vertreten. Von Seiten des Heeres u.a. Oberstabsarzt Dr. Craemer, Chef der Forschungsstelle bei der Gebirgssanitätsschule St. Johann. Dr. Craemer bat mich, an Sie hochverehrter Reichsführer, bittend heranzutreten, ob es nicht möglich wäre, dass die Sanitätseinheiten der SS-Gebirgstruppen bezw. die verantwortlichen Ärzte dieser Truppenteile offiziell mit der Forschungsstelle der Sanitaetsschule der Gebirgstruppen zusammenarbeiten könnten. Es seien bisher lediglich inoffiziell öfters SS-Ärzte nach St. Johann gekommen, um aus den langjährigen Erfahrungen der Gebirgsjägerärzte zu profitieren. Nachdem sich eine ausgezeichnete Zusammenarbeit der beiden Truppenformationen an der Front ergeben habe, waere es sehr wuenschenswert, wenn die SS-Ärzte sich die langjährigen Erfahrungen der Gebirgstruppenaerzte zunutze machen koennten. Dr. Craemer war über die von mir vorgetragenen Ergebnisse so begeistert, dass er mich bat, die Versuche in der Praxis sehen zu dürfen. Neben einer, von ihm erbetenen, und im besonderen zu schildernden wissenschaftlichen Zusammenarbeit ersuchte er mich, einen Entscheid ueber obige Zusammenarbeit zu erwirken.


Die angesprochene wissenschaftliche Zusammenarbeit schilderte Rascher in einem zweiten Brief mit gleichem Datum wie folgt:

Betrifft: Gemeinsame Forschungsarbeit Dr. Rascher und Forschungsstelle der Gebirgssani-tätstruppen.

Oberstabsarzt Dr. Craemer frug ob eine Möglichkeit bestünde mit mir zusammenzuarbeiten. Als vordringliches Problem ist zu klären die Anpassung der Truppen an Winterkälte und die zur besten Anpassung notwendige Ernährung. Da die Lösung dieses Problems auch für die SS-Truppen von äußerster Wichtigkeit ist kam ich nach reiflicher Überlegung auf folgenden Weg: Nachdem auf dem Gelände des SS-Berghauses bei Bayrischzell bereits KL-Häftlinge untergebracht sind, müßte es möglich sein, im dortigen Gelände, das bis zu einem gewissen grad abzusperren ist, die Gewöhnungsversuche durchzuführen. Die naturgetreueste Gewöhnung müßte in Schneehütten (Iglu's) bei normaler truppenmäßiger Bekleidung erfolgen. Zu erproben wäre:

a. fettreiche Kost

b. vitaminreiche, fleischlose Kost

c. Fleisch-Fettkost der Nordländer

Nach den Gewöhnungsversuchen wäre von Bedeutung, ob Erfrierungserscheinungen der Extremitäten bei den Kältegewohnten günstiger verlaufen, als bei den Kälteungewohnten. Veranlassung zu dem Gedankengang der Gewöhnung gibt die Tatsache,

1. daß ich in Dachau zeigen konnte, daß kältegewöhnte Individuen die 3-4 fache Überlebenszeit bei selben Unterkühlungsverhältnissen gegenüber Kälteungewöhnten hatten.

2. Daß im Abschnitt Mitte seit Anfang eingesetzte Gebirgstruppen bei 40 Grad Celsius Kälte mit normaler Bekleidung ohne Erfrierungen kämpften, während von der nachrückenden Ersatzabteilung aus Westfrankreich bereits 50% auf dem Anmarschweg der Kälte erlagen.

Die Berechtigung des Vorschlags der Durchführung oben angeführter Versuchsreihen scheint mir daher gegeben. Ich bitte um Prüfung und entsprechende Befehle.


Bei Sigmund Rascher handelt es sich um einen Günstling Himmlers, der im Konzentrationslager Dachau Häftlinge als Versuchspersonen benutzte. Es ging zum einen darum, das menschliche Verhalten in großen Höhen, das heißt bei niedrigem Luftdruck, zu erproben, zum anderen um die beste Wiedererwärmungsmethode für stark unterkühlte Personen. Für die Höhenversuche wurde die Häftlinge in eine Kammer gesteckt, aus der die Luft herausgepumpt wurde, bis die gewünschte "Höhe" erreicht war. Für Wiedererwärmungsversuche wurden die Häftlinge entweder in Eiswasser geworfen oder unbekleidet ins Freie gestellt und stündlich mit Wasser übergossen bis ihre Kerntemperatur auf den gewünschten Wert gefallen war. Danach wurden sie mit verschiedenen Methoden wiedererwärmt. Bei den Unterdruckversuchen kamen zwischen fünfzehn und achtzig Häftlinge ums Leben, bei den Unterkühlungsversuchen lag die Todesrate ähnlich hoch. Oft war ihr Tod geplant, also Bestandteil des Versuchsprotokolls (sogenannte "terminale Versuche"). Die meisten Häftlinge waren zu den Versuchen gezwungen worden. Bei den Unterkühlungsversuchen arbeitete Rascher mit Ernst Holzlöhner von der Universität Kiel zusammen.

Die Initiative zu den Unterdruck- und Unterkühlungsversuchen war von Rascher ausgegangen. Er wollte damit Karriere machen, unter anderem einen Lehrstuhl an einer Universität erhalten. Die in dem ersten Brief erwähnte Tagung hatte am 26. und 27. Oktober 1942 in Nürnberg stattgefunden. Teilnehmer waren 94 Herren von der Luftwaffe, dem Heer, der Marine, der Waffen-SS und 19 Zivilisten, darunter etliche Universitätsprofessoren. Sigmund Rascher und Ernst Holzlöhner trugen die Ergebnisse ihrer Menschenversuche vor. Nach dem Tagungsbericht haben sie mit Bezug auf in eiskaltem Wasser erstarrte Versuchspersonen unter anderem erzählt: Der Rigor hört schlagartig auf, wenn der Tod eintritt. (Ernst Klee, Zitat aus "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer", S 238). Es musste den Hörern also klar sein, daß bei den Versuchen Menschen gestorben waren.

Einer der Hörer war der Freiburger Pathologe Franz Büchner. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass am Ende einer Nachmittagssitzung von einem SS-Arzt (entweder Rascher oder Holz-löhner) ein Vortrag über Unterkühlungsversuche beim Menschen gehalten worden sei. Es habe sich um Versuche mit zum Tode verurteilten Schwerverbrechern gehandelt. Die Hörer seien zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Büchner und eine Reihe anderer Forscher wollen hinterher, der Reihe nach, beim diensthabenden Sanitätsoffizier der Luftwaffe heftigen Einspruch gegen derartige Experimente erhoben haben. Der in Raschers Briefen erwähnte Dr. Craemer scheint sich an Raschers Experimenten nicht gestört zu haben. Offensichtlich hatte er Rascher angesprochen um die guten Verbindungen Raschers zum Reichsführer SS nutzen und ebenfalls mit Dachauer Häftlingen zu experimentieren. Rascher hatte eine Woche nach der Tagung die Memoranden an Himmler verfasst.

Wiederum eine Woche später, am 12. November 1942, konnte Rascher seinem Kollegen Craemer berichten:

Sehr geehrter Herr Oberstabsarzt! Gestern war ich beim Reichsführer SS zum Vortrag und habe ihm, wie besprochen, eine Zusammenarbeit von SS-Gebirgs-Truppen-Ärzten und Gebirgsärzten der Heereseinheiten vorgeschlagen. Der Reichsführer SS ist mit der Zusammenarbeit einverstanden, und hat bereits entsprechende Anweisung an den Reichsarzt-SS, Gruppenführer Professor Dr. Grawitz gegeben. Auch habe ich dem Reichsführer SS über die Kälteversuche in Iglus Vortrag gehalten. Der Reichsführer ist auch mit dieser Versuchsreihe völlig einverstanden und hat mich mit der Durchführung derselben beauftragt. Mit der Erprobung verschiedener Nahrungsmittel ist der Reichsführer-SS einverstanden, die Ausführung und Organisation der Versuche hat er mir befohlen. Eine geeignete Örtlichkeit in 1100m Höhe im Gebirge ist ebenfalls gegeben. Darf ich Sie bitten, wenn Interesse Ihrerseits besteht, sich mit mir in Verbindung setzen zu wollen.

Rascher war in den Unterdruck- und Unterkühlungsarbeiten von erfahrenen Wissenschaftlern angeleitet und beaufsichtigt worden, bei den Unterdruckversuchen von Hans Romberg, bei den Unterkühlungsversuchen von dem schon erwähnten Ernst Holzlöhner. Rascher stammte aus Anthroposophenkreisen, hatte dort auch eine "wissenschaftliche" Ausbildung erhalten und vor seinem Dachauer Kommando nur höchst zweifelhafte Arbeiten veröffentlicht. Vermutlich war er auch bei dem Projekt "Kälteanpassung" auf die Mitarbeit eines seriösen Wissenschaftlers angewiesen. Der Ton des Briefes lässt allerdings vermuten, dass Rascher die Stellung eines Leiters beanspruchte und das Projekt auch ohne Craemer durchgeführt hätte. Ob der nun Interesse angemeldet oder sich beleidigt zurückgezogen hat, ist eben so wenig bekannt wie Craemers Vorstellungen zum Umgang mit Häftlingen; eine schriftliche Äußerung Craemers war nicht auffindbar. Am 13. Dezember 1942 jedoch erhielt Rascher von Himmler folgenden Auftrag:

...Durch Kälteanpassungsversuche in Schneehäusern (Iglu) mit unterschiedlicher Nahrung ist zu erproben, ob eine Gewährung an die Kälte und eine Widerstandssteigerung gegen Erfrierungen erzielt werden kann. Diese Versuche sind auf dem Gelände des SS-Berghauses Sudelfeld durchzuführen...

Das SS-Berghaus Sudelfeld wurde 1938 errichtet und diente als Erholungsheim für SS-Angehörige. Zeitweise leisteten dort bis zu 150 Dachauer Häftlinge Zwangsarbeit, unter anderem pflasterten sie die Straße zu dem Heim.

Wurden in Sudelfeld mit Häftlingen medizinische Versuche durchgeführt?

Es scheiterte erstmal an praktischen Gesichtspunkten. Rascher gehörte der SS-Organisation "Ahnenerbe" an, und daher war der Geschäftsführer des "Ahnenerbes", Wolfram Sievers, verantwortlich für die Organisation des Projekts: die Unterbringung des Hilfspersonals, die Abtrennung des Geländes für die Iglus und die Bereitstellung der Nahrungsmittel. Sievers hielt Sudelfeld für ungeeignet. Es konnte jedoch keine Ausweichmöglichkeit gefunden werden und daher beschloss man, die Versuche doch im Sudelfeld durchzuführen, allerdings erst im Winter 1943/44. Rascher nutzte die Zeit – das ergibt ein Brief an seinen Mitarbeiter Walter Neff vom 21. Oktober 1943 – um einen Antrag an den Reichsforschungsrat (eine Unterorganisation der DFG) zustellen. Der Antrag wurde anscheinend genehmigt. Ob Craemer Mitantragsteller war und welche Stellung er zu den Versuchen inzwischen hatte, ist unbekannt.

Wurden die Kälteanpassungsversuche 1943/44 durchgeführt?

Man weiß es nicht. In den Akten steht nichts darüber, aber die Akten sind nicht vollständig. Nach der Aussage Sievers vor dem Nürnberger Militärtribunal seien die Versuche auf den Winter 1944/45 verschoben und im Sommer 1944 aufgegeben worden. Der Grund: Am 1. April 1944 wurde Sigmund Rascher von der Münchner Kripo verhaftet. Man verdächtigte ihn und seine Frau, Kinder entführt zu haben (Falls Sie diese Affäre interessiert, hier klicken).

Aber ist diese Aussage von Sievers zuverlässig? Sievers kämpfte in Nürnberg um seinen Kopf, denn man machte ihn für Raschers Aktivitäten verantwortlich. Wenn im Sudelfeld dubiose Experimente stattgefunden hatten, dann lag es in Sievers Interesse diese zu verschweigen. Sicher ist: Sigmund Rascher wurde kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Dachau von der SS erschossen.

Ich vermute, dass es sich bei "Craemer" um Hans Diedrich Cremer handelt. Cremer leitete 1942 die Forschungsgruppe der Gebirgssanitätsschule St. Johann, Craemer war Chef der Forschungsstelle bei der Gebirgssanitätsschule St. Johann, beide waren Oberstabsärzte, beide interessierten sich für Ernährung. Zudem hat Hans Diedrich Cremer an der Nürnberger Tagung teilgenommen. Rascher hat wohl einfach Cremers Namen falsch geschrieben – (Cremer sagte vielleicht zu Rascher: "Ich schreibe mich mit C und e") – und dies ist umso wahrscheinlicher, als Rascher ein Chaot war, der nicht einmal ein Postscheckformular richtig ausfüllen konnte.

Im Gegensatz zur Karriere Raschers war die von Hans Diedrich Cremer ein Erfolg. Er habilitierte am 25.1.1944 in Berlin und ging 1945 an die Universität Heidelberg und 1946 an die Universität Mainz. Danach arbeitete er drei Jahre in Schweden am Institut von Tiselius (trägerfreie Elektrophorese, Nobelpreis 1948). Bei Tiselius war Cremer maßgeblich an der Entwicklung der Festphasen-Elektrophorese beteiligt. 1950 wurde er zum apl. Professor in Mainz ernannt. Ab 1951 leitete er das Institut für angewandte Ernährungswissenschaft in Hannover. Am 31.10.1956 wurde Cremer Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaften in Gießen. Er starb hoch geehrt am 18.4.1995.

Siegfried Bär

Bild: "Sigmund Rascher mit einem seiner Söhne" von Frieder Wiech (aus: "Der Untergang des Hauses Rascher", Lj-Verlag, 2006)



Letzte Änderungen: 15.02.2007
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