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Alzheimer - Die Zuckerkrankheit des Gehirns? (Teil 2)

Besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Diabetes und Alzheimer, ist die Gedächtnisschwäche gar eine Art von "Diabetes Typ III"? Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin.

(11.01.2007) Daten, die im Juli 2006 auf der 10. Internationalen Alzheimer-Konferenz in Madrid vorgestellt wurden, belegen einen Zusammenhang zwischen der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und der Alzheimer-Demenz. Eine Folge dieses Zusammenhangs ist, dass die Zahl der Alzheimerkranken noch stärker zunehmen dürfte, als Experten ohnehin schon befürchten. Weltweit leben heute 150 Millionen Diabetiker, eine Zahl, die sich laut einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation binnen 25 Jahren verdoppeln wird.

Zwar war bereits bekannt, dass ein schlecht eingestellter Blutzuckerspiegel bei älteren Diabetikern auch Gedächtnisstörungen zur Folge haben kann. Darüber hinaus aber zeigte eine in Madrid vorgestellte Langzeitbeobachtung von fast 23.000 US-amerikanischen Diabetikern, dass diejenigen mit der schlechtesten Blutzuckerkontrolle ein um 80 Prozent erhöhtes Risiko hatten, an einer Demenz zu erkranken. Studienleiterin Rachel Whitmer vom Forschungszentrum der Kaiser Permanente Krankenkasse in Oakland, Kalifornien, ermahnte die Ärzte deshalb, ihre diabetischen Patienten zu einer straffen Blutzuckereinstellung zu drängen.

Ursprünglich waren die Forscher davon ausgegangen, dass die Zuckerkrankheit indirekt das Gehirn schädigt, weil sie die Gefäße "verkleistert" und dadurch den Blutfluss zum Denkorgan verringert, sowie Schlaganfälle hervorrufen kann. Doch gibt es anscheinend auch weitere Zusammenhänge zwischen beiden Leiden. So gilt den meisten Alzheimer-Experten ein Eiweißbruchstück namens A-beta als Hauptverdächtiger bei der Entstehung der Gedächtnisschwäche. Und Anhäufungen von A-beta finden sich nicht nur im Gehirn, sondern auch in der Bauchspeicheldrüse, dem Organ, das bei der Zuckerkrankheit allmählich seinen Dienst versagt.

Ist Insulin das "Missing Link"?

Das Bindeglied zwischen A-beta und Diabetes könnte Insulin sein, jenes Hormon also, das gebraucht wird, um den "Treibstoff" Zucker aus dem Blut in die Zellen des Körpers zu schaffen. Beim Typ-II-Diabetes, auch Altersdiabetes genannt, versagt dieser Regelkreislauf allmählich. Die Zellen werden "taub" für Insulin ("Insulinresistenz"), was die Bauchspeicheldrüse zunächst durch eine vermehrte Produktion des Hormons auszugleichen versucht. Viele Details sind allerdings noch unklar und es gibt widersprüchliche Experimente, in denen der Gedächtnisschwund mal mit zu viel, mal mit zu wenig Insulin im Gehirn in Verbindung gebracht wurde.

Die Alzheimer-Krankheit als "Typ-III-Diabetes" zu bezeichnen, wie einige Experten dies in Madrid taten, scheint jedenfalls verfrüht. Die Behauptung, alle Diabetiker würden am Gedächtnisschwund erkranken ist offensichtlich ebenso falsch wie der Umkehrschluss, dass jeder Alzheimer-Patient auch unter der Zuckerkrankheit leidet.

Nicht wirklich neu: Gesundes Leben verringert Risiken - das gilt auch für Diabetes und Alzheimer

Trotzdem sind die neu entdecken Beziehungen zwischen Diabetes und Alzheimer-Demenz für die ärztliche Praxis äußerst wichtig: Maßnahmen zur Kontrolle des Blutzuckerspiegels wie eine aktive Lebensweise und eine fettarme Ernährung mit wenig Süßspeisen verringern offensichtlich sowohl die Gefahr, im Alter an Gedächtnisschwund zu erkranken, als auch das Risiko für die zahlreichen Spätfolgen der Zuckerkrankheit. Dazu zählen Herzinfarkt und Schlaganfall sowie Blindheit und Amputationen als letzte Konsequenz aus langfristigen Nervenschäden.

Neben Verhaltensänderungen hin zu einer gesünderen Lebensweise kann womöglich auch eine neue Gruppe von Diabetes-Arzneien, die Glitazone, das Alzheimer-Risiko senken. So ergab eine, von der Pharmafirma Glaxo finanzierte sechsjährige Beobachtung von mehr als 140.000 US-Veteranen und deren Angehörigen, dass diejenigen, die Pioglitazon oder Rosiglitazon eingenommen hatten, um fast 20 Prozent seltener an Alzheimer erkrankten, als diejenigen, die Insulin oder die Diabetes-Arznei Metformin bekamen.

"Die Glitazone helfen dem Körper, Insulin besser zu nutzen und sie scheinen außerdem gegen Entzündungen zu wirken", erklärte Studienleiter Donald Miller von der Boston University. Eine allgemeine Empfehlung für die Glitazone zur Demenz-Vorbeugung wollte Miller aber nicht abgeben. "Dies ist die erste Studie dieser Art; die Ergebnisse müssen unbedingt durch andere Forscher bestätigt werden."

Michael Simm



Letzte Änderungen: 11.01.2007
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