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„Es ist ein super interessanter Job“

(02.08.2021) Und „irre spannend“, sagt Maria Leptin über ihre neue Aufgabe als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats. Was sind ihre Pläne? Wir sprachen mit ihr.
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Die Europäische Kommission ernannte mit Ihnen eine renommierte Biologin und Immunologin zur ERC-Präsidentin. Ist das Ausdruck einer Erkenntnis in Zeiten globaler Pandemien?
Maria Leptin: Ich weiß nicht, was die EU-Kommissare bewegt hat. Ich selbst habe da nichts reininterpretiert. Aus den drei ERC-Bereichen Lebens­wissenschaften, Natur- und Ingenieur­wissenschaften sowie Sozial- und Geistes­wissenschaften wechseln sich die Direktoren regelmäßig ab. Es gab ja schon vor mir einen Biologen als ERC-Präsident.

Warum wollten Sie die Stelle?
Leptin: Weil es ein super interessanter Job in einer fantastischen Organisation ist. Grundlagen­forschung nicht nur in den Lebens­wissenschaften, sondern insgesamt unterstützen zu dürfen, finde ich irre spannend. Beispielsweise werden die Geistes­wissenschaften in Deutschland noch einigermaßen gefördert. Aber in manchen anderen Ländern ist das nicht so. Dabei ist es wichtig, vernachlässigte Bereiche und die Zusammen­arbeit aller Disziplinen zu fördern.

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Wo werden Sie in der ERC-Agenda Ihre Schwerpunkte setzen?
Leptin: Dessen Förder­aufgaben sind ja völlig klar festgelegt. In fünf Stipen­dienlinien fördert der ERC themen­offen Einzel­forschende und ihre Teams in der Grundlagen- und Pionier­forschung in allen Forschungs­bereichen. Damit stimme ich voll überein. Mein erstes von zwei Hauptvorhaben wird es sein, für Stabilität und Expansion zu sorgen. In meiner Funktion als Vorsitzende des ERC-Auswahl­gremiums für Advanced und Synergy Grants habe ich so viele fantastische Anträge gesehen, die nicht gefördert werden konnten. Das ist ein Jammer! Deshalb will ich darauf hinarbeiten, das ERC-Budget zu erhöhen.

Und Ihr zweites Hauptvorhaben?
Leptin: Das Verständnis für Grundlagen­forschung zu fördern. Alle Bürger in Europa müssen verstehen, wie entscheidend intensive Forschungs­förderung für unser aller Zukunft ist.

Die EU erklärte bereits 2002, drei Prozent des Brutto­inlandsproduktes für Forschung und Bildung ausgeben zu wollen. Selbst zwanzig Jahre später liegt der EU-Durchschnitt nur bei 2,2 Prozent.
Leptin: Genau darauf weist der gegenwärtige ERC-Interims­präsident Jean-Pierre Bourguignon heute am 19. Juli auf einer Tagung in Ljubljana zur Erneuerung des Europäischen Forschungs­raums hin. Wir können es uns nicht leisten, in der Forschungs­förderung hinten­anzustehen. Europa hat schließlich ausreichend finanzielle Mittel. Da muss etwas geschehen.

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Das weiß die Wissenschaftsgemeinde seit Jahrzehnten. Warum folgen keine Taten?
Leptin: Ich bin kein Politiker. Bei EMBO konnte ich Politiker überzeugen, uns stärker zu fördern. Aber bei EMBO sind es natürlich minimale Summen, die wir im Vergleich zum 16 Milliarden Budget von „Horizont Europa“ brauchen.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie das ERC-Budget der nächsten Jahre?
Leptin: Sie wird die Verteilungs­schlüssel sicher nicht zugunsten der Lebens­wissenschaften beeinflussen. Denn das wäre kontra­indiziert. Was wird die nächste Krise sein? Keine Ahnung, ich bin keine Weissagerin. Aktuell haben wir massenhaft Überschwem­mungen und Ingenieurs- und Klima­wissenschaften rücken in den Brennpunkt. Etwas dann erst zu fördern, wenn das Unheil da ist, ist zu spät. Förderung muss breit gestreut sein. Die besten Leute müssen überall gleichzeitig grundlegende Prinzipien herausfinden.

Welche Lehren muss Europa hinsichtlich seiner Forschungs­strukturen aus der Krise ziehen?
Leptin: Natürlich Forschung intensiver zu fördern! Aber ich möchte völlig klar sein: Wir reden während der Pandemie immer so als sei es alleiniger Zweck von Forschung, Lösungen für Krisen­situationen zu finden. Darüber dürfen wir aber nicht grundlegende Wissenschafts­aspekte vergessen wie Neugier und kulturelles Interesse am Wissen. Wir müssen neben lösungs­orientierten Ansätzen zum Beispiel auch die Philosophie und Archäologie fördern. In einer Krisen­situation helfen sie vielleicht nicht direkt. Aber sie vertiefen unser Verständnis, wie Kultur und Gesellschaft funktionieren, was langfristig Krisen vermeidet oder abmildert.

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Wie viel Zeit wird Ihnen in den kommenden Jahren für Ihre eigene Forschung bleiben?
Leptin: Keine, denn es geht ja nicht nur um Zeit, sondern auch um Geld. Würden Sie mir als DFG-Gutachter glauben, dass ich neben meinem Job als ERC-Präsidentin noch dreißig Prozent meiner Zeit im Labor in Köln verbringe? Die Verträge meiner Leute laufen in den nächsten 18 Monaten aus. Neue Projekte fange ich nicht an.

Und nach dem ERC?
Leptin: Ich habe nie mehr als zwei, drei Jahre vorausgedacht oder Karriere geplant. Fragen Sie in vier Jahren ...

Die Fragen stellte Henrik Müller

Bild: EMBL

Für unsere Webseite haben wir das Gespräch gekürzt. Das ausführliche Interview mit der Kölner Entwicklungsgenetikerin lesen Sie in unserem September-Heft.


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Letzte Änderungen: 02.08.2021

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