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Sorgen um US-Forschung

Seit den frühen 90er Jahren stagniert die Zahl der Paper pro US-Forscher oder Dollar Fördergeld, in manchen Disziplinen nimmt sie sogar ab. Die wahren Spitzenreiter sind inzwischen unscheinbare Länder wie die Schweiz und Schweden. Das war schon Ende der 90er Jahre in Laborjournal zu lesen.

(20.12.2006) Die US-Forschung schwächelt. Die Zahl der Paper pro Forscher oder Dollar Fördergeld stagniert, in manchen Disziplinen nimmt sie sogar ab. Die wahren Spitzenreiter sind unscheinbare Länder wie die Schweiz und Schweden. Inzwischen scheint der Sachverhalt auch US-Förderorganisationen, insbesondere der National Science Foundation (NSF), aufgefallen zu sein.

Am 7. November 2006 fand dazu in Arlington im US-Bundesstaat Virginia ein von NSF und SRS organisierter Workshop statt. Die SRS ist die Division of Science Resources Statistics der NSF (für nähere Informationen zur SRS siehe hier). Nach Ron Kostoff, einem der Teilnehmer, ging es um das Ergebnis einer mehrjährigen Studie der SRS, die gezeigt hatte, dass sich der Paperausstoß der US-Forschung seit den frühen 90er Jahren abflachte, obwohl immer mehr Geld hineingesteckt wurde und die Zahl der Forscher zunahm. Auf den Grund scheinen die Teilnehmer nicht gekommen zu sein, obwohl der auf der Hand liegt: Es ist die überbordende Bürokratie in den USA. Die US-Forscher sind fast nur noch mit dem Schreiben von grants und deren Begutachtung beschäftigt. Je besser sie sind, desto mehr grants müssen sie schreiben oder begutachten. Wer gut ist wird von dem, worin er gut ist – der Forschung im Labor nämlich – abgezogen und zum Bürokraten gemacht. Er macht sich dann nicht mehr Gedanken zum Problem, sondern wie er dafür Geld bekommt. Es findet eine negative Selektion statt.

Der Ausstoß von Papern und die Ernte an Zitaten sind jedoch nicht die einzigen Maßstäbe für den Einfluss eines Landes auf die Forschung. So hält der Budapester Scientometrieforscher Tibor Braun, Chefredakteur des Fachjournals Scientometrics, auch die nationale Verteilung von Torwächtern für wichtig, das heißt die nationale Verteilung von Leuten, die bestimmen, was wo publiziert wird: Editoren, Mitglieder von Editorial Boards und so weiter.

Haben die USA auch hier an Einfluss verloren? Für das Jahr 2003 findet Braun folgende Zahlen: USA 54 Prozent der Torwächter, Deutschland 6,4 Prozent, die Schweiz 2,1 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Torwächter stammte 2003 also aus den USA. Der US-Anteil am weltweiten Paperausstoß ist geringer, 2003 stammten nur 32 Prozent der Paper von US-Autoren. Zum Vergleich: Die Anteile von Autoren aus Deutschland beziehungsweise der Schweiz lagen bei 9 Prozent beziehungsweise 2,5 Prozent. Aus Brauns Daten läßt sich folgendes schließen:

–> Die US-Forschungsbürokratie scheint die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der USA – also den Anteil am Paperausstoß bezogen auf die Einwohnerzahl (USA 300 Mio. Einwohner, Deutschland 82 Mio., Schweiz 7,5 Mio.) – auf diejenige Deutschlands abgesenkt zu haben. Die Schweiz ist dreimal effizienter.

–> Obwohl über die Hälfte der Torwächter US-Amerikaner sind, stammt nur ein knappes Drittel der Paper von US-Autoren. Das spricht für die Objektivität der amerikanischen Editoren und Editorial Board-Mitglieder und dafür, dass der Torwächter-Indikator ein konservativer Parameter ist, das heißt einer, der sich nur langsam ändert. Letzteres ist kein Wunder: Wer einmal Mitglied eines Editorial Boards ist, bleibt dies in der Regel für den Rest seines Berufslebens. Der Torwächter-Indikator spiegelt also die frühere Leistungsfähigkeit der US-Amerikaner wider. Eine Konsequenz der absinkenden wissenschaftlichen Leistung der USA ist eine (im Vergleich zu den USA) zunehmende wissenschaftliche Bedeutung der EU. Ihr Gesamtausstoß an Papern lag 2003 leicht über dem der USA. Es dürften also in den nächsten Jahrzehnten mehr EU-Bürger in die Editorial Boards wissenschaftlicher Journale einziehen.

Das Dumme ist nur, dass die Europäer die Amerikaner in fast allem nachzuahmen pflegen. Im Schlechten noch mehr wie im Guten. So ist die Wissenschaftsbürokratie der EU-Organisationen womöglich noch schlimmer als die der NSF. Wer je einmal einen Blick in die Vorschriften zum 7. Rahmenprogramm getan hat, weiß was ich meine. Wenn die nationalen Förderorganisationen, vielleicht um verdiente Politiker zu versorgen, diesem Beispiel nacheifern sollten, könnten die USA bald wieder die Nase vorne haben – wenn auch auf niedrigerem Niveau.

Siegfried Bär



Letzte Änderungen: 08.01.2007
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