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Bekenntnisse einer Aussteigerin

(19.06.2020) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Wie einem allzu eintöniges Experimentieren den Antrieb zur Wissenschaft nehmen kann.
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Bericht einer ehemaligen Doktorandin:

„Ich will euch mal erzählen, wie das war mit meiner Doktorarbeit. Das ist inzwischen zwar schon eine ganze Weile her, aber sei’s drum...

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz und glücklich ich war, als ich damals endlich „so richtig“ im Labor anfing. Erstmals hatte ich ein eigenes Projekt, in das ich mich mit Hirn und Händen hineinstürzen konnte.

Und ganz ehrlich, zu Beginn machte es auch wirklich Spaß. Ich dachte viel nach über die Kernfrage des Projekts, die es zu lösen galt.  Ich suchte zusammen, was andere in dieser Richtung bereits herausgefunden hatten – und versuchte, Hypothesen für „das Problem“ zu entwickeln und gegeneinander abzuwägen. Ich ersann experimentelle Strategien, um die einzelnen Aspekte meiner vermeintlich robustesten Hypothese zu testen. Und als dann meine ersten Ergebnisse hereinkamen, sinnierte ich ausgiebig darüber, wie sie am besten in das größere Gesamtbild passen könnten. Mit diesen Erkenntnissen entwarf ich dann neue Experimente, und so weiter...

Salz in der Suppe der Wissenschaft

Bis dahin war alles neu und aufregend, und deshalb empfand ich sogar die rein technisch-methodischen Dinge als ziemlich spannend. Obwohl ich zur gleichen Zeit schon ahnte, dass das reine wissenschaftliche Denken und Spekulieren für mich deutlich eher das Salz in der Suppe der Wissenschaft darstellte.

Leider nahm dieses kreative Denken mit fortschreitender Zeit jedoch immer mehr ab. Irgendwann hatte ich das Dutzend Methoden für meine Art Experimente einfach gelernt – und das Projekt kam bald an den Punkt, an dem das „vermeintliche Schlüsselprotein“ schlichtweg gereinigt werden musste.

Klingt eigentlich banal. Jedoch handelte sich um ein pflanzliches Membranprotein, und Membranproteine waren damals generell schwer zu reinigen – womöglich sind sie es sogar heute noch. Deshalb verbrachte ich am Ende nahezu zwei extrem monotone Jahre damit, immer die gleichen Pflanzen anzuziehen, sie zu ernten und aufzuschließen, immer die gleichen Membranen daraus zu präparieren, sie zu solubilisieren, Säulen über Säulen mit dem Solubilisat zu beladen und laufen zu lassen, immer den gleichen Essay mit den Fraktionen durchzuführen sowie Hunderte von Proteingelen laufen zu lassen...

Monotones Testen und Optimieren 

Am Ende isolierte ich tatsächlich das Protein. Aber erst, nachdem ich hunderte Kilos an Pflanzenmaterial herangezüchtet und verarbeitet sowie zur schonendsten Solubilisierung „meines“ Proteins in schier endlosen Versuchsreihen mehrere Dutzend Detergenzien und ebenso viele potenzielle Proteinstabilisatoren getestet hatte. Dass ich weiterhin noch jede Menge Aufschlussverfahren zur Optimierung der Membranausbeute wie auch alle nur denkbaren Chromatographie-Säulen von verschiedenen Lieferanten zur Auftrennung des Proteingemischs ausprobiert hatte, fiel daneben kaum noch ins Gewicht.

Ich schrieb also meine Doktorarbeit und zwei Paper – und verließ das Forschungsgeschäft.

Zu diesem Zeitpunkt war mir schon  lange klar geworden, dass mir das wissenschaftliche Denken und Knobeln zwar sehr gut gefiel, nicht aber das konkrete Experimentieren. Sicher, womöglich hatten meine ganz eigenen persönlichen Erfahrungen mich am Ende zu einer unverhältnismäßig voreingenommenen Sicht der Dinge getrieben, aber damals stand mein Urteil fest: Forschung betreiben bedeutet im Grunde genommen, einige Tage lang kreativ über eine wissenschaftliche Fragestellung nachzudenken sowie eine robuste experimentelle Strategie zu deren Lösung zu entwickeln – gefolgt von Monaten, wenn nicht Jahren voller ziemlich monotonen Durchziehens reiner Methoden.

War ich zu romantisch?

(Interessanterweise begegneten mir in den folgenden Jahren immer wieder andere Jungforscher mit genau den gleichen Klagen. Auch die dachten wohl, wissenschaftliche Entdeckungen zu machen funktioniert stets nach dem „Heureka“-Prinzip. So wie Alexander Flemings berühmte Entdeckung des Penicillins. Waren wir da alle zu romantisch? Oder hat sich der Schwerpunkt experimentellen Forschens über die letzte Zeit nochmals besonders stark auf das rein technisch-methodische Arbeiten verlegt?)

Wie auch immer, mein Fazit aus dieser Zeit war jedenfalls klar: Auch wenn man nach dem Postdoc womöglich immer weniger selbst an der Bench steht, so muss man zumindest in jungen Forscherjahren definitiv auch Spaß an diesem technisch-tüftlerischen Aspekt der experimentellen Forschung haben – sonst wird es für einen sehr schwer mit erfolgreicher Wissenschaft.

Ich hatte daran auf Dauer leider nicht den erforderlichen Spaß.“

Ralf Neumann

Foto: iStock / gece33

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)







Letzte Änderungen: 18.06.2020

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