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Aufgeschoben, nicht aufgehoben

(09.03.2020) Was ist eigentlich aus Plan S geworden? Dem Plan, mit dem öffentlich finanzierte Forschung frei zugänglich gemacht werden sollte.
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Stichtag für Plan S war der 1. Januar 2020. Schaut man in den Kalender, zeigt dieser jedoch bereits März an und noch immer sind tausende, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Publikationen hinter Bezahlschranken gefangen. Eigentlich sollte das doch seit 2 Monaten nicht mehr der Fall sein.

Um diesen Open-Access-Traum im akademischen Publikationswesen wahr werden zu lassen, hatte sich vor gut anderthalb Jahren, im September 2018, extra eine cOAlition S aus Forschungsförderern – darunter der österreichische Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), die französische Agence Nationale de la Recherche (ANR) und die Nederlandse Organisatie voor Wetenschappelijk Onderzoek – zusammengetan. Unterstützt und den Plan maßgeblich geschmiedet hat die Europäische Kommission, vor allem in Gestalt von Robert-Jan Smits, dem damaligen Generaldirektor für Forschung und Innovation.

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Nachteil für Karriere?

Plan S (das S kann laut Smits für Science, Speed, Solution oder Shock stehen) war in der Tat ein ambitionierter Plan. Vor allem, was den Zeitrahmen betraf. Hinzu kamen Befürchtungen, der Plan würde bisherige Freiheiten einschränken. Autoren wären nämlich dazu „verdammt“, nur noch in vermeintlich weniger Prestige-trächtigen Open-Access-Journalen veröffentlichen zu dürfen. Einige, insbesondere Jungwissenschaftler, sahen darin Nachteile für ihre Karriere. Der Widerstand gegen den eigentlich exzellenten und dringend nötigen Plan wuchs.

Aus diesem Grund holte sich die cOAlition der Forschungsförderer Feedback ein und veröffentlichte knapp ein dreiviertel Jahr später, im Mai 2019, einen überarbeiteten Plan S. Hauptpunkt: Plan S wird um ein Jahr verschoben. „2020 wurde von der Forschergemeinde und den Verlagen, die die Umstellung tatsächlich wollen, als zu ambitioniert angesehen“, konstatierte Marc Schiltz, Präsident der Lobbygruppe Science Europe, die Plan S mit angestoßen hatte, in Nature.

Neben der Verschiebung des Startdatums soll es nun auch eine Übergangsphase bis 2024 geben. In dieser Phase können öffentlich geförderte Wissenschaftler ihre Arbeiten auch bei sogenannten Hybrid-Journalen einreichen – in Abo-Journalen also, die gegen einen Obolus (Article Processing Charge) Artikel frei zugänglich machen. Es darf allerdings nur in solchen Hybrid-Journalen veröffentlicht werden, die sich ganz klar dazu verpflichtetet haben, in den nächsten maximal drei Jahren komplett auf ein Open-Access-Modell umzusteigen. Ursprünglich war die Hybrid-Variante nicht vereinbar mit Plan S und sollte zusammen mit dem Abo-Modell sofort beendet („terminated“) werden, wie Schiltz in einem Perspective-Artikel in PLoS Medicine 2018 schrieb.

Klar sind sich die Forschungsförderer der cOAlition auch in dem Punkt, dass sie das „Prestige“ des Journals künftig ignorieren wollen, wenn sie ihre Förderentscheide treffen.

Noch viel zu tun

Nun, im März 2020, noch 9 Monate bis zum neuerlichen Stichtag, gibt es immer noch einiges zu tun. Die Coronavirus-Krise macht momentan besonders deutlich, wie wichtig der uneingeschränkte Zugriff auf Forschungsergebnisse ist.

Aktuell konzentriert sich die cOAlition S deshalb auf fünf Hauptaufgaben, die für den Erfolg des Projekts sorgen sollen. Aufgabe 1: die cOAlition soll weiter wachsen. Zu den ursprünglich 11 Forschungsförderern kamen im Laufe der letzten Monate 13 weitere hinzu, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Wellcome Trust und auch die Staaten Jordanien und Sambia. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die European Molecular Biology Organization (EMBO) und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) gehören der Koalition zwar nicht an, beteiligen sich aber als Unterstützer. „Wir haben erkannt, dass, wenn wir erfolgreich einen weltweiten Wandel der Verbreitung von Forschung herbeiführen wollen, wir mehr Förderer brauchen, die Plan S unterstützen,“ schreibt Interims-Koordinator der cOAlition S Robert Kiley in einem aktuellen Beitrag. Mit US-Förder­organi­sationen sei man bereits in guten Gesprächen.

Außerdem will man Forschern unterstützend zur Seite stehen und sie nicht mit den neuen Vorgaben alleine lassen. Kiley betont in diesem Zusammenhang, dass Forscher durchaus in Abo-Journalen veröffentlichen können, solange sie eine Kopie ihres Artikels frei verfügbar machen, ohne Embargo und mit einer offenen Lizenz. Ebenso hat die Koalition ein Task Force ins Leben gerufen, die die Auswirkungen des Plans S überwachen soll. „Da besonders junge Wissenschaftler sich durch Plan S beeinträchtigt fühlen, haben wir auch Repräsentanten von der Global Young Academy, Eurodoc, Young Academy of Europe und der Marie Curie Alumni Association in diese Task Force aufgenommen, damit sichergestellt ist, dass auch die Stimme der Jungforscher gehört wird“.

Tool in Arbeit

Darüber hinaus wird aktuell an einem web-basierten „Journal Checker Tool“ gearbeitet, mit dem Wissenschaftler Journale und Plattformen finden können, die sich für eine Plan-S-konforme Veröffentlichung eignen. Ende November soll Forschern dieses Tool zur Verfügung stehen.

Auf ihrem Weg in eine Open-Access-Zukunft unterstützen, will man auch insbesondere wissenschaftliche Gesellschaften, deren Aktivitäten oft über Abo-Journale finanziert werden. Und natürlich steht ebenso auf der Agenda, sich weiterhin mit den großen Verlagen zu treffen und sie zu „ermutigen, Publikationsoptionen zu entwickeln, die den Plan S-Prinzipien treu sind“.

Last but not least, da die Kosten der Veröffentlichungen unter anderem von den Forschungsförderern übernommen werden sollen, wollen diese natürlich genau wissen, wofür wie viel Geld ausgegeben wird. Dazu läuft noch bis Ende März ein Pilotprojekt, an dem unter anderem Springer Nature, PLoS, the Company of Biologists und EMBO Press teilnehmen. Das Projekt dient allerdings erstmal nur dazu, zu schauen, ob es den Verlagen überhaupt möglich ist, so genaue Angaben zum Beispiel zum „prozentualen Anteil für das Peer-Review-Management“ zu machen und ob diese Information für Bibliotheken und Forschungsförderer von Nutzen wären.

Apropos Kosten: Elsevier testet momentan eine neue Einnahmequelle für Open-Access-Journale: eine „Editorial Processing Charge“. Dabei zahlt der Autor 527 Euro, wenn das Manuskript zum Peer Review durchkommt. Wird es dann abgelehnt, gibt‘s das Geld jedoch nicht zurück. Ob das Plan-S-konform ist, muss wohl erst noch geklärt werden.

Der cOAlition S stehen so oder so noch einige arbeitsreiche Monate bis zum 1. Januar 2021 bevor. Die Anstrengungen lohnen sich allemal – für ein Europa, eine Welt ohne Mauern und Schranken. Auch wenn es erstmal nur solche vor Publikationen sind.

Kathleen Gransalke

Bild: Pixabay/mohamed_hassan







Letzte Änderungen: 09.03.2020

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