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Große Worte –
jenseits der Realität?

(11.02.2020) Wolfgang Nellen zur Forderung der Bundes­forschungs­ministerin Anja Karliczek nach mehr Wissenschafts­kommunikation. Ein Essay.
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Wissenschaftskommunikation tut not. Da hat unsere Bundesforschungsministerin Anja Karliczek völlig recht.

Ob man Wissenschaftskommunikation allerdings durch eine Kopplung an die Forschungsförderung erreichen kann, ist dagegen fraglich.

Wie Ralf Neumann in seinem Beitrag „Inkubiert“ (LJ 12/2019: 8) bereits schrieb: Was sollen Wissenschaftler noch tun neben den anderen Aufgaben, die sie nie (offiziell) gelernt haben? Wie etwa Gesetzestexte lesen und umsetzen, Lehre, Personalführung, Verwaltung, Finanzwesen und so weiter.

Zunächst haben Wissenschaftler Wissenschaften studiert (deshalb heißen sie so). Tatsächlich schlagen sich die meisten als „Quereinsteiger“ auch ganz gut mit all den zusätzlichen Aufgaben: Sie sitzen in Gremien, setzen die gesetzlichen Sicherheits­vorschriften für Chemikalien, Gentechnik, Bildschirm­arbeitsplätze, Trittleitern et cetera um, sie machen (meistens) ordentliche Forschung und Lehre – und schreiben Förderanträge, denn ohne diese geht keine Forschung an den Universitäten.

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Nun kommt also die Öffentlich­keitsarbeit dazu. Selbstverständlich müssen verschiedene Zielgruppen definiert werden, denn Schülerinnen und Schüler müssen anders angesprochen werden als Young Professionals, Landwirte, Executives oder Migranten oder gar Politiker. Es müssen verschiedene Formate entwickelt werden. Der Front-to-Back-Vortrag ist nicht mehr zeitgemäß. Besser sind interaktive Workshops, Science Slams, Science Cafés, Wissenschafts­märkte, Tage der offenen Tür mit entsprechenden Programmen und so weiter. Und dann gibt es ja noch die Partizipation an Citizen-Science-Projekten. Dabei müssen die Bürger angeleitet und begleitet sowie die Ergebnisse gemeinsam ausgewertet werden.

Erstaunlicherweise machen die Hochschul­lehrerinnen und -lehrer das tatsächlich! Fast überall gibt es ein paar enthusiastische „Öffentlich­keitsarbeiter“, die nebenbei (!) auch daran noch Spaß haben.

Aber das können und wollen nicht alle! In der gleichen Zeit, in der man einen Science Slam entwickelt, könnte man auch ein Paper schreiben. Oder mit den Mitarbeitern über das nächste Projekt diskutieren. Oder fünfzig Klausuren korrigieren.

Es gibt durchaus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sehr gute Forschung und sehr gute Lehre machen. Manche können zusätzlich noch prima Gesetzestexte lesen – und dann Anträge auf Erweiterung einer gentechnischen Anlage schreiben oder ein neues Tierhaus für Zebrafische gesetzes­konform entwerfen.

Aber nicht jeder kann alles. Öffentlichkeitsarbeit verlangt, dass Wissenschaftler sich in den Wissensstand der jeweiligen Zielgruppe hineinversetzen können – und ihnen dann ihre Wissenschaft verständlich, unterhaltsam und humorvoll erklären können. Klar, man kann das alles auch durch etwas Comedy, Gesangseinlagen und ein paar witzige Gedichte aufpeppen – aber müssen Wissenschaftler denn tatsächlich auf irgendeine Weise auch noch Entertainer werden?

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?

Man könnte in Versuchung kommen, den Fachdidaktikern die Öffentlich­keitsarbeit zu überlassen. Schließlich lehren sie Didaktik und sind in einem wissenschaftlichen Fach verwurzelt. Ich halte das dennoch für falsch. Didaktiker sind meist Lehr- und Lernforscher und haben mit der aktuellen Fachwissenschaft nicht mehr viel zu tun. Und ihre Arbeit qualifiziert sie ebenso wenig für die Öffentlich­keitsarbeit wie die Fachwissenschaftler.

Man könnte – und ich befürchte, das wird die Praxis werden – die zusätzlichen Mittel für Öffentlich­keitsarbeit in den Presse- und Kommunika­tionsstellen der Universitäten konzentrieren, und diese personell aufstocken. Aber dort sitzen kaum Wissenschaftler. Die Forschung muss sie mit aufbereiteten Informationen füttern und zusätzlich darauf achten, dass diese Informationen gut und richtig weitergegeben werden. Über ein paar Pressemitteilungen mehr wird das kaum hinausgehen. Nach meiner Erfahrung ist man dort bisweilen schon mit der Organisation einer öffentlichen Veranstaltung überfordert.

Eine intensive Schulung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für Öffentlich­keitsarbeit als Alternative wäre grober Unfug. Diese frisst Zeit und hält sie von den Arbeiten ab, für die sie ihre Ausbildung gemacht haben. Zudem glaube ich, dass gerade in der Wissenschafts­kommunikation Zwang überhaupt nicht hilft und durch Kommunikations­training bestenfalls eine minimale Verbesserung erzielt werden kann.

Die sorgfältige Suche nach den wenigen „Naturtalenten“ unter den Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftlern wäre eine bessere Lösung. Aber bisher gibt es keinerlei Anerkennung für gute Öffentlich­keitsarbeit. Warum also sollten sie dafür Zeit investieren? Sie werden nach ihren wissenschaftlichen Leistungen beurteilt – und ein wenig auch nach ihren Lehrleistungen. Folglich müsste es dafür ein motivierendes Bewertungs­system geben. Und sie dürfen am Ende nicht zu hauptberuflichen Öffentlich­keitsarbeitern werden. Denn dann verlieren sie ihre wissenschaftliche Authentizität – und ihre wissenschaftliche Karriere.

Eine vernachlässigte Ressource sind Wissenschaftler im Ruhestand. Sie sind durch viele Jahre Erfahrung tief in der Forschung verwurzelt, und sie haben die Zeit. Sie stehen nicht mehr in der Tretmühle von Verwaltung, Lehre und Publika­tionsdruck, sie haben meist eine gewisse Gelassenheit erworben und stehen trotzdem ihrem ehemaligen Forschungsfeld sehr nahe. Selbstverständlich gibt es auch unter ihnen mehr oder weniger geeignete Kommunikatoren, und es muss daher sorgfältig ausgewählt werden. Zusätzlich müssen Universitäten aber Anreize für sie schaffen und ihnen Wertschätzung entgegenbringen. Das ist in vielen Fällen nicht gegeben.

Es gibt Vereine, die hervorragende Wissenschafts­kommunikation betreiben. Doch nach etlichen Jahren erfolgreicher Arbeit geben sie auf, weil sie einfach nicht mehr die Kraft haben, noch einen weiteren befristeten Förderantrag zu stellen. Oder es endet damit, dass sie mehr Zeit für die Beschaffung von Geldern aufwenden als für die eigentliche Arbeit. Dabei geht nicht nur professionelle Expertise verloren, sondern auch Nachhaltigkeit durch Netzwerke und ein mühsam aufgebautes Vertrauens­verhältnis zur Öffentlichkeit.

Für Wissenschaftskommunikation müssen entsprechende Geldmittel bereitgestellt werden. Gewisse Nichtregierungs­organisationen (NGOs) wie auch andere, vom Bund geförderte „wissenschafts­kritische“ Vereine haben zwei- bis dreistellige Millionenbeträge zur Verfügung, um professionelle Web-Auftritte und bunte Broschüren zu finanzieren.Ob ähnliche Beträge für die Wissenschafts­kommunikation der Universitäten und Forschungsinstitute verfügbar werden, möchte ich bezweifeln. Allerdings werden große Summen für zeitlich befristete Einzelprojekte ausgegeben. Ist ein solches Projekt abgeschlossen, verschwindet es jedoch in der Schublade. Ich kenne mehrere hervorragende Projekte, für die nach aufwändiger Entwicklungs­arbeit das Geld zur Umsetzung in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen war. Nachhaltigkeit geht anders.

Trotz alledem ist die Forderung nach mehr Wissenschafts­kommunikation grundsätzlich gerechtfertigt. Die Bundesministerin muss sich allerdings auch einen konkreten Einblick in die Situation verschaffen, um realisierbare Vorschläge machen zu können.

Wir haben Frau Karliczek eingeladen, sich einen solchen Einblick im Science-Bridge-Labor (Kassel) oder im Gläsernen Labor (Berlin) zu verschaffen. Es gab keine Reaktion aus ihrem Hause. Erfreulicher­weise haben indes andere Mitglieder des Bundestags unser Angebot dankbar angenommen. Ob sich Frau Ministerin Karliczek von ihren Kolleginnen und Kollegen wohl darüber informieren lässt?


Wolfgang Nellen war bis 2015 Professor für Genetik an der Universität Kassel und ist seitdem Gastprofessor an der Brawijaya University in Malang, Indonesien. Von 2011 bis 2014 war er Präsident des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland, VBIO e. V. 1996 gründete Nellen das mobile Schüler- und Öffentlich­keitslabor Science Bridge (zunächst unter dem Namen MobiLab). Dieses versteht sich als „Brücke zwischen Forschung und Gesellschaft“, welche die Biowissenschaften für jedermann konkret erfahrbar macht – und ist bis heute aktiv. Nellen ist daher Pionier und „Veteran“ der Wissenschafts­kommunikation zugleich.

Der Essay erschien zuerst in Laborjournal 1/2-2020.

Illustr.: Pixabay/geralt





Letzte Änderungen: 11.02.2020

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