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(06.02.2020) Ein Impfstoff soll gegen die Achtbeiner schützen. Norden Vaccines arbeitet daran – mit Speichelproteinen, Go-Bio-Förderung und nem Surf-Fan als CEO.
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Gegen fiese Krabbelviecher, genauer Zecken der Gattung Ixodes, entwickeln Forscher der TU Braunschweig eine Impfung. Für anschließende klinische Studien haben Biologe Michael Hust, Professor an der TU, und Biotechnologin Viola Fühner, Postdoc ebendort, gemeinsam mit weiteren Mitstreitern die Firma Norden Vaccines gegründet.

Frau Fühner, Herr Hust, Ihr – ich nenne es mal – Zeckenprojekt ist medial auf großes Interesse gestoßen und die klinische Entwicklung soll nun innerhalb der Firma Norden Vaccines erfolgen. Wie weit sind Sie mit diesen Plänen?
Michael Hust: Ja, wir haben die Firma im September 2019 gegründet, aber zur Zeit ist sie eher noch eine Hülle.
Viola Fühner: Sie ist bisher eigentlich nur auf dem Papier existent. Das Projekt liegt nach wie vor innerhalb der Universität und soll dann als Startup fortgeführt werden.
Hust: Das ganze Zeckenprojekt wird über die Go-Bio, also vom BMBF [Gründungsoffensive Biotechnologie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung], finanziert. Diese Förderung ist dazu da, Startups aus Universitäten heraus zu initiieren. Und die Firma soll dann, nach der universitären Forschungsphase, die Entwicklungsarbeit weiterführen.

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Reden wir über das Projekt: In einigen Berichten wird geschrieben, dass sie einen universellen Impfstoff gegen von Zecken übertragbare Krankheiten entwickeln. Das ist ja nicht ganz korrekt. Was genau ist Ihr Ansatz?
Hust: Richtig, wir machen keinen Impfstoff gegen Borrelien oder das FSME-Virus. Ich hole mal ein wenig aus: In Nordamerika und Europa sind für die Übertragung auf den Menschen die Ixodes-Spezies am wichtigsten, Ixodes scapularis in Nordamerika und Ixodes ricinus in Europa. Und diese Zecken übertragen als Vektoren viele Krankheiten, allerdings erst nach etwa 24 bis 36 Stunden. Denn erst dann kann eine Zecke Blut aufnehmen. Vorher muss sie gegen unser Immunsystem ankämpfen und die einsetzende Blutgerinnung hemmen. Es gibt aber Menschen, die eine erworbene Zecken-Immunität haben. Das heißt, wenn die von einer Zecke gebissen werden, gibt es eine extrem starke Immunreaktion gegen die Zecken. In einigen Fällen fällt die Zecke sogar tot ab.
Fühner: Also haben wir uns die Seren dieser Menschen angeschaut. In einem Projekt mit Partnern an der University of Rhode Island haben wir in einem Phagendisplay-basierten Verfahren immunogene Proteine aus Zeckenspeichel identifiziert, auf die diese Leute mit der erworbenen Zecken-Immunität reagieren.

Also ein Impfstoff gegen die Zecke an sich, nicht gegen die von ihr übertragenen Krankheiten?
Fühner: Genau. Es gibt bereits einen solchen in Südamerika und Australien zugelassenen Impfstoff gegen Zecken für Rinder. Der betrifft aber nicht die Ixodes-Spezies, sondern Rinder-relevante Spezies, Rhipicephalus.
Hust: 50 Prozent der Rinder sind nach einer Impfung gegen Zecken geschützt. Dieser Impfstoff basiert auf einem einzigen Zeckenspeichelprotein. Unser Impfstoff wird auf einem Gemisch von mehreren Speichelproteinen basieren.
Fühner: Dadurch, dass wir mehrere Proteine kombinieren, erhoffen wir uns einen deutlichen höheren Schutz im Menschen.

Mit wie vielen Ausgangsproteinen gehen Sie denn an den Start?
Fühner: Wir arbeiten zur Zeit mit 14.
Hust: Aber nicht alle 14 werden nachher in die Mischung einfließen. Wir schauen uns erst die Einzelproteine an, ihre Immunogenität, welche Immunantwort sie auslösen. Dann erst werden Gemische getestet. Anfang 2020 starten wir die Challenge-Versuche. Bei unserem Partner in den USA werden dann Zecken, die Borrelien tragen, auf immunisierte Mäuse gesetzt und geschaut, ob die Borrelien auf die Mäuse übertragen werden. So hoffen wir, im Sommer Proof-of-concept-Daten zu erhalten, mit denen wir dann die klinische Entwicklung vorantreiben können.

Spätestens dann verlässt das Projekt die Universität, oder?
Hust: Das wird innerhalb der Norden Vaccines stattfinden. Eine klinische Studie Phase 1 kostet mehrere Millionen Euro, dafür benötigen wir Geldgeber.

Herr Hust, Sie sind ja bereits gründungserfahren. Unter anderem mit Stefan Dübel haben Sie die YUMAB gegründet, eine Firma, die therapeutische humane Antikörper herstellt. Hat auch die TU Braunschweig einen Einfluss auf die Gründungsfreude ihrer Wissenschaftler?
Hust: Absolut, das ist wirklich bemerkenswert hier. Selbst unsere Unipräsidentin Anke Kaysser-Pyzalla sagt: Lehre ist unsere „first mission“, Forschung „second mission“, „third mission“ ist Technologietransfer. Wir wurden und werden wirklich großartig dabei unterstützt, unsere Projekte in die Anwendung zu bringen.

Dann bleibt mir zum Schluss noch die Frage: Warum heißt Ihre Firma Norden Vaccines? Das ist ja doch eine eher ungewöhnliche Kombination aus einem deutschen und einem englischen Wort.
Hust: Die Idee hatte Karsten Fischer, der ja nun Geschäftsführer der Norden Vaccines ist. Er war früher bei einer Venture-Kapital-Firma und ist jetzt Geschäftsführer einer Biotech-Firma in der Schweiz. Aus seiner Perspektive sind wir hier im Norden. Außerdem heißt seine Surfbrett-Lieblingsmarke ebenfalls Norden. So ist der Name entstanden. Ich hatte eher etwas im Kopf wie „Tick Vaccines“, also mit einem Bezug auf Zecken. Aber nun haben wir es allgemeiner gehalten.

Damit sind Sie ja auch offen für anderes Getier.
Hust: Das stimmt, und war auch mit ein Argument, warum sich dieser Name durchgesetzt hat.

Die Fragen stellte Sigrid März

Steckbrief Norden Vaccines
Gründung: September 2019
Sitz: Braunschweig
Mitarbeiter: am Projekt arbeiten in Deutschland neun Personen und an der University of Rhode Island vier Personen
Produkt: Impfstoff gegen Zecken

Sie möchten mehr über Norden Vaccines, Zeckenspeichel und Impfstoffentwicklung erfahren? Dann lesen Sie das Gründerporträt über das Braunschweiger Startup in der aktuellen Printausgabe von Laborjournal (1-2/2020).

Foto: Wikimedia/Public Domain






Letzte Änderungen: 06.02.2020

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