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Kunst und die Verantwortung in der Wissenschaft

Der Künstler Moritz Fingerhut bringt mit Zivilcourage in einem Projekt drei berührungslose Gebiete zusammen. Er verbindet spröde Natur-Wissenschaft, verantwortliche Ethik und Kunst.

(29.05.2006) Fingerhuts Thema ist die Verantwortung der Wissenschaftler und der Nutzen der Wissenschaft in einer Welt, in der manchem alles käuflich ist. Wie weit darf die Stammzellforschung greifen? Darf sie neue menschliche Embryonen bestellen? Darf ein verantwortlicher Mensch solche Zellen kaufen?

Diese Fragen übertrug der Künstler auf vier personenbezogene Collagen. Aus Zeitungen herausgeschnittene Buchstaben, Phrasen und Wörter stellte er auf DIN A4-Bögen zu Briefen zusammen, rahmte und signierte sie. Gerichtet waren die Briefe an zwei mit Stammzellen arbeitende Wissenschaftler und an zwei Künstler, die embryonale Zellen benutzen beziehungsweise verherrlichen.

Das erste Werk trug er in Düsseldorf zum Museum Kunst-Palast, der örtlichen feinen Adresse für moderne Kunst. Als die Wärter gerade woanders hinschauten, klebte er die Collage mit doppelseitigem Klebeband in die Nähe eines Bildes des Lokalmatadors Jörg Immendorff. Fingerhut versah seine Collage auch mit einem dezenten Namensschild, wie es die anderen Kunstwerke trugen.

Immendorff ist nicht irgendjemand: Seine letzte Ausstellung wurde durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet. Immendorff repräsentiert für Fingerhut Menschen, die kulturelle und/oder ethische Werte verändern. In der Collage fragte Fingerhut seinen Kollegen, wie er es mit seiner sozialkritischen Haltung vereinbaren könne, sich zwei Millionen menschliche fötale Zellen ins Gehirn spritzen zu lassen. In der Hoffnung, seinen Muskelschwund durch diese "Frisch-Zellen-Kur" zu lindern, war Immendorff extra nach China gereist. Fingerhut forderte Immendorff auf, sich öffentlich von seiner Tat zu distanzieren.

Von Düsseldorf ging es nach München, wo Fingerhut eine Collage in der Pinakothek neben einer Arbeit von John Cage aufhängte. Auch hier signierte er sein Werk mit einem scheinbar offiziellen Namensschildchen. Der Brief richtete sich an Miodrag Stojkovic, der in München am Max-Planck-Institut mit menschlichen embryonalen Stammzellen forschte, inzwischen aber nach Newcastle, England ausgewandert ist. Als Begründung hatte Stojkovic angegeben, dass dort embryonale Stammzellen zugänglicher seien als in Deutschland, wo er nur auf bereits etablierte Zelllinien hätte zurückgreifen können. Er war in England der erste Wissenschaftler, der eine Lizenz zum Klonen menschlicher Embryonen erhielt. Die Collage fragte Stojkovic indirekt, ob die Gesetze in Deutschland moralisch schlecht seien, ob die Freiheit mit menschlichen Embryonen neue Zelllinien zu etablieren, mit seiner Ethik zu vereinbaren sei, und ob ohne Embryonen seine Karriere in Gefahr sei. Stojkovic wurde aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen.

Die dritte Collage brachte Fingerhut im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin in der Nähe von Dan Flavin und Bernd und Hilla Becher unter. Adressat war Ahmed Mansouri vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Er hatte menschliche Zellen in Affenhirne injiziert. Der Künstler fragte Mansouri, ob er über seine Arbeit nachgedacht habe und ob er sich sicher sei, dass diese Experimente unumgänglich und ethisch gerechtfertigt seien.

Die vierte Collage stellte Fingerhut im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) aus. Sie richtete sich an den australischen Künstler Stelarc. Er propagiert am Symbiotica-Institut gemeinsam mit Wissenschaftlern die Vorzüge der Stammzellentechnik. Fingerhut fragte nach der Ethik einer Aktion, in der Stelarc sich als Kunstprojekt ein drittes Ohr aus gezüchteten menschlichen Zellen als "unnützliche" Prothese anoperieren lassen will. Fingerhut forderte Stelarc auf, das Projekt abzubrechen.

Aufschlussreich ist die Verweildauer der Fingerhutschen Objekte: Brief III verschwand aus dem Museum in Berlin nach etwa einer Woche, in der Pinakothek hielt sich Brief II zwei Wochen. In Karlsruhe dauerte es mehr als drei Wochen, bis jemandem auffiel, dass Fingerhuts Objekt in keinem Katalog geführt wurde. Vielleicht hatte sich auch das Klebeband von der bröseligen Wand gelöst und die Collage war einem Wärter vor die Füße gefallen. Natürlich hatten sich die Direktoren nicht die Blöße gegeben, der Polizei oder gar der Presse zu melden, dass über Wochen niemand gemerkt hatte, dass die Ausstellungen unbürokratisch um Spenden bereichert worden waren.

Im Kunst-Palast in Düsseldorf gefiel Besuchern wie angestellten Fachleuten die Harmonie zwischen den teuren Objekten und der freiwilligen kostenlosen Leihgabe so gut, dass drei Monate lang niemand etwas unternahm. Erst bei einer Führung für Münchner Kunststudenten unter der höchstpersönlichen Leitung des Leiters Moderne Kunst kam es zum Eklat. Eine Studentin merkte an, dass das Museum - Hut ab - so progressiv sei, dass dort auch Arbeiten von nicht etablierten Künstlern ausgestellt würden. Sie verwies dabei auf Fingerhuts Collage. Der Direktor schüttelte verblüfft sein etabliertes Haupt. Verlegen erklärte er, dass er diese Arbeit nicht kenne und sie auch nicht in die Ausstellung gehöre. Am nächsten Tag war die Collage verschwunden.

Es ist anzunehmen, dass die Collagen so lange in den Katakomben der Museen lagern werden, bis Fingerhut zum Establishment gehört.

Alle Besucher hatten die Briefe als Teil der Ausstellungen akzeptiert. Offen bleibt, wie viele den Text gelesen und darüber nachgedacht hatten. Die lange Verweildauer der Briefe lässt einen zudem an Sinn und Zweck von Kunst zweifeln: kommt der Museumsbesucher nur um kunstbeflissen zu erscheinen? Wie viele Gäste wollen verstehen, was da rumsteht und runterhängt? Wer von den Eintrittzahlern denkt an mehr als das Museumscafe? Dient Kunst nur als Prestigespender?

Warum ist dieses Projekt so bemerkenswert? Weil hier ein Künstler aus innerem Antrieb eines wichtiges Probleme unserer Gesellschaft mit Chuzpe an die Öffentlichkeit gebracht hat: Wie sollen wir mit der Wissenschaft und den Wissenschaftlern umgehen, die wir beide immer weniger verstehen.

Bisher ist die tiefer werdende Schlucht zwischen Mensch und Wissenschaft fast ausschließlich von der Wissenschaft und den Wissenschaftlern überbrückt worden. Die DFG setzt jährlich den mit 50.000 € dotierten Communicator-Preis für die pfiffigste Idee eines Wissenschaftlers aus, die der Popularisierung von Forschungsergebnissen dient. Die Werner und Inge Grüter Stiftung belohnt jedes Jahr den besten Wissenschaftsjournalisten mit 10.000 €. EMBO lobt jährlich 5.000 € für eine besonders gelungene Vermittlung von Wissenschaft aus. Außerdem vergibt sie 1000 € für die beste eingereichte wissenschaftsjournalistische Arbeit eines ihrer Stipendiaten. Das soll diese ermuntern, an die Öffentlichkeit zu treten und nicht als Käuze in Elfenbeintürmen zu versauern. Die Preisträger können zusätzlich an der Lotterie der EU um den mit bis zu 250.000 € dotierten Descartes-Preis für Wissenschaftskommunikation teilnehmen.

Die Kunst dagegen diente bisher nicht der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit.

Moritz Fingerhut und seine Aktion heben das, was Carl Djerassi in der Literatur ansatzweise getan hat, auf eine neue Ebene. Fingerhut kommt von der anderen Seite: er ist Künstler und will die normalen Menschen vertreten. Er stellt moralische Fragen an die Wissenschaftler und hat damit das Genre ConScience-Art geboren.

Es fallen immer mehr Entscheidungen über entscheidende Forschung, ohne dass dabei bestimmte Personen verantwortlich erscheinen. Diese Anonymität erstreckt sich bis zu den Institutionen und schließt die Geldquellen ein, die dem Einzelnen so diffus bleiben wie der Staat selbst. Außenstehende, aber auch Insider, wissen kaum, wer eine bestimmte Entwicklung verursacht hat und trägt.

Fingerhut wählte die Museen als Forum, weil sie Orte des öffentlichen Diskurses sind (oder sein sollten). Ferner sind Museen Präsentationsorte etablierter Künstler. Die Briefe erscheinen somit im gleichen Zusammenhang wie die Werke der angesprochenen Künstler und werden als Kunst präsentiert. Dabei kontrastieren ihr offener Inhalt und die Aktualität mit den kryptischen Aussagen der Etablierten. Während des Projektes wollte der Künstler keinen Kontakt mit der Presse, der hätte das Projekt verändert und den freien Ablauf gestört...

Mal sehen, was Moritz Fingerhut als nächstes verwirklicht: vielleicht fällt ihm ja auf, dass Wissenschaftler auch die Aufgabe haben, für den Fortschritt zu sorgen.

Moritz Fingerhut studiert etablierte Kunst an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Er ist 24 Jahre alt. Dieses Projekt ist Teil seines Hauptstudiums. Trotz seiner Jugend hat Moritz bereits Werke im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin, der Pinakothek der Moderne in München, dem Museum Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und im Museum Kunst-Palast für moderne Kunst in Düsseldorf ausgestellt.

Axel Brennicke



Letzte Änderungen: 09.06.2006
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