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Urwaldmedizin für Affen

(18.09.2018) Madagassische Makis scheinen sich gegen Darmparasiten mit Tausend­füßlern zu behandeln. Beobachtet hat das Doktorandin Louise Peckre – ganz nebenbei.
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Rotstirnmakis (Eulemur rufifrons) stehen schon lange unter Beobachtung der Forscher am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Die Gruppe von Peter Kappeler studiert Lemuren und andere einheimische Arten schon seit über 20 Jahren im Kirindy-Wald auf Madagaskar – auf einer extra dafür eingerichteten Feldstation. Kappelers Doktorandin Louise Peckre hatte eigentlich anderes im Fokus, als sie im November 2016 dorthin reiste. „Ein Jahr zuvor hatte ich mit meiner Doktorarbeit begonnen, in der es um Kommunikation bei Lemuren geht, und die überhaupt nichts mit den Tausendfüßlern zu tun hat“, erklärt sie uns. „Die Beobachtungen, wie sich die Lemuren offenbar mit Tausendfüßlern behandeln, waren rein opportunistisch, und die Veröffentlichung ist für mich eigentlich ein Nebenprojekt“.

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Kamerad Zufall

Doch wie der Zufall so wollte, besuchte sie die Affen gerade in der richtigen Jahreszeit für ihre außergewöhnliche Beobachtung: Die Regenzeit, zu der die Tausendfüßler auf einmal massenhaft aus ihren Verstecken kriechen, hatte gerade begonnen – in der Trockenzeit kommen sie praktisch kaum vor. Peckre sah, wie die Lemuren auf den Gliederfüßern kauten und sich anschließend mit der zerkauten Masse einrieben, vor allem am Darm­ausgang und Schwanz. Einige Affen verspeisten die Invertebraten auch.

Daraus entwickelten die Forscher folgende Hypothese: „Verspeisen und Einreiben können komplementär wirken, um Darmparasiten und besonders Fadenwürmer zu bekämpfen. Im Darm können die aufgenommenen Tausendfüßler-Sekrete die ausgewachsenen Würmer schwächen, während das Einreiben rund um den After das Wachstum der infektiösen Stadien beeinflussen und ihre Übertragung verhindern könnte“, so Erstautorin Peckre.

Hypothesen passen nicht

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Aber Moment mal, wie können sich die Autoren da so sicher sein? Es ist nämlich wohl bekannt, dass manche Tierarten Gegenstände auf ihrem Fell reiben und sie oft danach auch verspeisen. Das kann dazu dienen, Gifte zu entfernen, kann aber auch eine Art der Selbsttherapie oder gar Kommunikation sein. Doch Doktorandin Peckre weist dies zurück, weil es nicht auf ihre Beobachtungen passt: „Die soziale Kommunikationshypothese passt nicht, weil junge Affen sich auch selbst behandeln während sie andere Kommunikations­arten noch nicht anwenden. Die Entgiftungshypothese passt auch nicht gut, weil die Affen nicht um die ‚vorbereiteten‘ Tausendfüßler konkurrieren. Außerdem fressen sie die ‚präparierten‘ Tausendfüßler nicht immer. Und drittens reiben sie die Tausendfüßler an ihrem Fell anstatt auf dem Boden.“ Damit sind sich die Göttinger Biologen recht sicher, die Lemuren nutzen die Gliederfüßer um lästige Darmparasiten loszuwerden.

Und warum ausgerechnet Tausendfüßler? Viele Vertreter dieser Gattung scheiden, um sich unattraktiv für Fressfeinde zu machen, Unmengen an Chemikalien aus, die sedativ, reizend und leicht toxisch sind. Am besten untersucht ist Benzochinon, das auch Mücken und Zecken abwehrt. Womöglich wirkt die Substanz auch gegen Darmparasiten.

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Kot widerspricht

Wie groß die tatsächliche Wirkung dieser „Therapie“ ist, ist jedoch noch nicht geklärt. Ein Indiz fanden die Göttinger Forscher allerdings in Kotproben der Lemuren, die für ein anderes, früheres Projekt gesammelt wurden. In diesen Proben suchten sie nun nach Parasiten und berechneten den Befall der jeweiligen Population je Monat. Demnach schwankte der Befall stark und stieg gerade mit Beginn der Regenzeit an. Ein Wider­spruch? „Wir wissen nicht, wie der Befall mit diesen Parasiten ohne die Selbstmedikation aussehen würde. Es scheint einige Schwankungen mit unterschiedlichen Spitzen während des Jahres zu geben. Wir müssten mehr Daten über das Verhalten der Lemuren sammeln, um die saisonalen Variationen von Selbstmedikation, Regenzeit, Nematoden-Prävalenz und Tausendfüßler-Präsenz genauer untersuchen zu können.“ Außerdem sei es wichtig, auch einzelne Lemuren zu betrachten. „Wir müssten Lemuren, die Tausendfüßler fressen und sich einreiben, mit solchen vergleichen, die es nicht tun“, meint Peckre.

Damit hat sie zwar schon eine Idee, wie dieses Projekt weitergehen könnte, Konkretes ist jedoch noch nicht geplant. Erst im Juli ist sie von der letzten Expedition auf Madagaskar zurückgekommen. „Ich wäre gerne weiterhin Teil dieses Projekt, aber wohl eher als Nebenprojekt. Nun muss ich mich auf meine Doktorarbeit konzentrieren, in der es ja um etwas ganz anderes geht.“ Manchmal wird aber gerade aus einem Nebenprojekt eine (Forschungs-)Leidenschaft fürs Leben.

Karin Lauschke

Peckre L. et al. (2018): Potential self-medication using millipede secretions in red-fronted lemurs: combining anointment and ingestion for a joint action against gastro-intestinal parasites? Primates, 59(5):483–94



Letzte Änderungen: 18.09.2018

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