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Auf Shopping-Tour

(03.05.2018) Ein geplanter Kauf, zwei abgeschlossene Übernahmen und ein geplatzter Deal. Im letzten Monat wurden in der Biotech-Welt wieder einige Chefsessel neu besetzt.
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Was fehlt, kauft man ein. Dieses Motto gilt nicht nur für Privatverbraucher, auch in der Pharma-Welt kommt man mit Firmenübernahmen (neudeutsch: Merger) schneller voran. Wir haben uns vier aktuelle Akquisitionen angeschaut, bei denen mehrere Milliarden Euro die Besitzer wechselten.

Wir beginnen unsere Shopping-Tour in der Schweiz. Anfang April gab Novartis bekannt, dass sie für das 2010 gegründete US-Gentherapie-Unternehmen AveXis satte neun Milliarden US-Dollar (ca. sieben Milliarden Euro) in bar springen lassen möchten. Nur die Aktionäre müssen der Übernahme-Vereinbarung noch zustimmen, wovon aber ausgegangen wird.

Was haben die Amerikaner so Wertvolles in ihrer Pipeline? Ein Gen-Therapeutikum (Leitkandidat AVXS-101) zur Behandlung von spinaler Muskelatrophie (SMA) Typ 1. Diese monogenetische Erkrankung, die auf einen Defekt im Survival of motor neuron 1(SMN1)-Gen zurückzuführen ist, führt bei betroffenen Kleinkindern zu fortschreitender Muskelschwäche, Lähmung und in 9 von 10 Fällen zum frühen Tod.

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Vektoren mit gewissen Vorzügen

In den ersten klinischen Studien (Phasen 1 und 2) zeigte das Präparat bereits seine Wirksamkeit und Sicherheit. Mithilfe eines nicht-funktionellen Adeno-assoziierten Virus 9(AAV9)-Kapsids als Vektor wird ein voll funktionstüchtiges humanes SMN1-Gen in die Motoneurone eingeschleust und ersetzt das defekte. Das AAV9-Kapsid hat dabei zwei Vorteile: es kann die Blut-Hirn-Schranke problemlos überwinden und visiert hauptsächlich Motoneurone an. Damit reicht eine einmalige intravenöse Gabe des Therapeutikums völlig aus.

Novartis rechnet mit Millionen-Umsätzen, vor allem weil es derzeit nur ein Konkurrenzprodukt auf dem Markt gibt, ein Antisense-Oligonukleotid namens Nusinersen, das seit Sommer letzten Jahres in der EU zugelassen ist. Die Nachteile der Nusinersen-Behandlung: die Patienten müssen mehrere Spritzen-Kuren (Lumbalpunktion in den Spinalkanal) ertragen, die laut Deutscher Apotheker Zeitung insgesamt mehr als 800.000 Euro kosten.

Für AVXS-101 wird mit der Zulassung - zumindest in den USA - für 2019 gerechnet. Derzeit läuft, ebenfalls in den USA, Phase 3 mit 15 Patienten an. Offizielles Ende der klinischen Studie ist zwar der 31. März 2020, durch den von der US-Gesundheitsbehörde FDA verliehenen Breakthrough Therapy-Status sowie des PRIME (PRIority MEdicines)-Pendants der EU, könnte die Studie auch schon vorher abgeschlossen und das Therapeutikum Patienten zugute kommen.

AveXis gibt mit der Übernahme noch weitere vielversprechende Produktkandidaten in Schweizer Hände. Unter anderem arbeiten die Amerikaner an Therapien für das Rett-Syndrom, das auf ein mutiertes superoxide dismutase 1 (SOD1)-Gen zurückzuführen ist.

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Exklusiver Antikörper

Wir bleiben in der Schweiz, wo Protein-Therapeutika-Spezialist Baliopharm von den belgischen Zelltherapie-Experten Promethera Bioscience SA aufgekauft wurde. Besonderes Interesse hatten die Belgier wohl an dem Schweizer Antikörper-Kandidaten Atrosimab. Dieser bindet ausschließlich an den Tumornekrosefaktor-Rezeptor Typ1, der bei akuten und chronischen Entzündungen eine Rolle spielt. Baliopharm entwickelte den Antikörper unter anderem zur Behandlung von rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn oder Multipler Sklerose.

Promethera, mit ihrer Leberzell-basierten Technologie, möchte Atrosimab nun allerdings eher in Richtung Hepatitis-Therapeutikum weiterentwickeln. „Die Akquisition von Baliopharm fügt unserer Pipeline an Zelltherapien sofort sehr vielversprechende Antikörper-Assets hinzu und diversifiziert unsere therapeutische Strategie in NASH [Nicht-alkoholische Fettleber-Hepatitis]“, verkündet Prometheras Geschäftsführer John Tchelingerian in einer Pressemitteilung.

Wie viel Promethera für die „vielversprechenden Antikörper-Assets“ gezahlt hat, hielt das Unternehmen geheim.

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Von Chemie zu Therapie

Als nächstes geht‘s nach Bayern zur traditionsreichen Wacker Chemie AG. Vor 100 Jahren gegründet, begann man in den 1920er Jahren mit der Produktion von Polyvinylalkohol und stellte daraus die erste vollsynthetische Faser her. Neben klassisch chemischen Produkten, wie Siliconöle und Polymerharze, erweiterte Wacker in den letzten Jahren sein Portfolio um biopharmazeutische Produkte. Seit gut 20 Jahren stellt die Wacker Biotech GmbH im Auftrag therapeutische Proteine (Biologics) her.

Die zwei Produktionsstätten in Jena (300 Liter Fermenter-Kapazität) und Halle (1.500 Liter), die sich Wacker 2005 und 2014 einverleibt hatte, reichen nun allerdings nicht mehr. Deshalb kaufte sich Wacker kurzerhand (auch hier sind keine Summen bekannt) eine neue Produktionsanlage in den Niederlanden. Zu den zwei neuen 270 Liter und 1.500 Liter umfassenden Edelstahl-Fermentern kommt natürlich auch noch das Geschäft von Synco Bio Partners in Amsterdam.

Die Niederländer produzieren Wirkstoffe, Impfstoffe und rekombinante Proteine in Bakterien und sind eines von nur wenigen Unternehmen weltweit, die Produkte sowohl für die Klinik als auch für den kommerziellen Vertrieb herstellen. „Mit den zusätzlichen Fermentations­linien verdoppeln wir unsere bisherige Kapazität und erweitern so unsere Möglichkeiten zur kosteneffizienten Herstellung wichtiger Medikamente mit fortschrittlichen mikrobiellen Methoden,“ sagt Gerhard Schmid, Leiter des Geschäftsbereichs Wacker Biosolutions, dazu in einer Pressemitteilung.

Übernahme abgesagt

Schließlich landen wir in Bad Homburg, bei Fresenius. Das Medizintechnik und Gesundheitsunternehmen dachte sich, es könnte sein Geschäft mit Generika, vor allem in den USA, aufpolieren. Akorn, ein Pharma-Unternehmen, das eine Vielzahl schwierig herzustellende generische und Originalprodukte entwickelt, produziert und vermarktet, war der perfekte Kandidat für eine Übernahme. Schnell hatte man sich geeinigt: 4,4 Milliarden Euro wollten die Amerikaner überwiesen haben. Doch daraus wird wohl nichts. Ende April zogen die Deutschen ihr Angebot zurück.

Der Grund dafür waren anonyme Hinweise, die das deutsche Unternehmen im Februar erhielt und anschließend eine Untersuchung einleitete. Hierbei stolperte man unter anderem über „schwerwiegende Verstöße gegen FDA-Vorgaben zur Datenintegrität bei Akorn“. Was genau gefunden wurde, darüber schweigt Fresenius.

Akorn ist erwartungsgemäß nicht sehr begeistert über den geplatzten Deal - auch, weil das Geschäft momentan etwas schwächelt. Sie wollen die Übernahme unbedingt durchziehen und haben deshalb beim Delaware Chancery Court Klage eingereicht. In einer Stellungnahme schreibt Akorn, dass bei der Untersuchung keine belastenden Beweise gefunden wurden und es deshalb keinen Grund gibt, vom Kauf zurückzutreten. „Wir werden unsere Rechte und Fresenius‘ Pflichten energisch durchsetzen,“ lässt Akorns Führung Fresenius wissen. Die wiederum haben Akorns Mitteilung zur Kenntnis genommen, bleiben aber bei ihrer Entscheidung. Wie‘s weiter geht, entscheidet sich wohl demnächst in einem Delawarer Gerichtssaal.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 03.05.2018

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