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Klagender Koloss

(27.03.2018) Breitmaulnashörner kommunizieren ab der Geburt über Lautäußerungen miteinander. Dabei nutzen Jungtiere einen besonderen Jammerlaut, um auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen.
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(27.03.2018) Die meisten Nashörner sind Einzelkämpfer. Anders das Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum), das eine sogenannte semi-soziale Lebensweise pflegt. Während sich die erwachsenen Männchen aus dem Weg gehen, leben die Weibchen mit ihren Jungtieren in einer Gruppe zusammen. Breitmaulnashörner haben eine Tragezeit von 16 Monaten und bringen in der Regel nur ein Jungtier zur Welt. Dieses wird für etwa ein Jahr gestillt und bleibt bei der Mutter, bis diese ein neues Kalb zur Welt bringt.

In einer solchen Gruppe mit komplexen sozialen Interaktionen müssen die Mitglieder miteinander kommunizieren. Erwachsene Breitmaulnashörner machen das unter anderem mit speziellen situationsabhängigen Lauten, von denen aktuell zehn bis elf beschrieben sind. Über die Lautäußerungen der Jungtiere war dagegen bisher nur wenig bekannt. Nun haben Wissenschaftler der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover diese Lücke geschlossen. Erstautorin Sabrina Linn und Marina Scheumann begleiteten acht Kälber aus dem Augsburger und dem Dortmunder Zoo sowie dem Serengeti-Park Hodenhagen für jeweils ein bis zwei Monate und zeichneten deren Rufe auf.

Ein Glücksfall für diese Studie war, dass ein von der Mutter verstoßenes Jungtier mit der Flasche aufgezogen werden konnte. Auf diese Weise war es den Wissenschaftlern möglich, angeborenes von erlerntem Verhalten zu trennen.

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Gesprächig von Geburt an

Insgesamt wurden vier verschiedene Laute bei den Jungtieren im Alter von einem Monat bis vier Jahren (entspricht einem Jugendlichen) festgestellt. Alle diese Laute äußerte auch das handaufgezogene Kalb, das keinerlei Kontakt mit Artgenossen hatte, wie es ein klassischer Kaspar-Hauser-Versuch verlangt. Daraus lässt sich schließen, dass das Lautrepertoire bei den Breitmaulnashörnern angeboren ist.

Drei der Laute waren bereits von den erwachsenen Tieren bekannt. Dabei handelt es sich um die Rufe Pant (Keuchen), Threat (Drohen) und Snort (Schnauben). Das Keuchen ist wahrscheinlich eine Art Begrüßungslaut zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern, denn es wird von den Nashörnern geäußert, wenn sie sich Gruppenmitgliedern nähern. Der Threat-Laut ist, wie der Name sagt, ein aggressives Geräusch und eine Form der Drohgebärde, um Gruppenmitglieder aber auch andere Tiere oder Menschen abzuwehren. Der Snort-Laut lässt sich im Unterschied zum Keuchen und Drohen nicht eindeutig einem Verhalten zuordnen. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass es sich wahrscheinlich um gar keine Kommunikationsform handelt, sondern dass die Nashörner mit diesem Schnauben lediglich ihre Nüstern von Gras, Stroh und Insekten befreien. Die weiteren bekannten Lautäußerungen der erwachsenen Breitmaulnashörner sind wahrscheinlich für die Jungtiere irrelevant, da sie mit dem Revier- und Paarungsverhalten im Zusammenhang stehen.

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Betteln nach Aufmerksamkeit

Exklusiv bei den Jungtieren fanden die Forscher einen Jammerlaut (Whine), der einsilbig oder in längeren Sequenzen verwendet wurde, um eine Form von Unbehagen auszudrücken. Bei Jungtieren ist dies insbesondere Hunger oder der Verlust des Sichtkontakts zur Mutter. Mit zunehmendem Alter und gleichzeitig zunehmender Unabhängigkeit der Jungtiere von der Mutter nahm dann auch die Häufigkeit des Whine-Lautes ab. Erwachsene Breitmaulnashörner äußerten diese Rufe nicht mehr.

Die Rolle des Jammerlauts als ein Zeichen der Einsamkeit und Ruf nach Aufmerksamkeit wird auch dadurch gestützt, dass das handaufgezogene Kalb mehr als zehnmal so häufig jammerte wie die anderen Kälber. Besonders auffällig war dies in den Morgenstunden nach der langen Phase der sozialen Isolation sowie beim Füttern mit der Flasche.

Interessanterweise zeigen andere Nashorn-Arten wie das Sumatra-Nashorn, das Java-Nashorn, das Panzernashorn und das Spitzmaulnashorn auch als erwachsene Tiere Lautäußerungen, die dem Whine ähneln. Je nach Tierart haben die Rufe aber unterschiedliche Funktionen. So sind sie beim Sumatra- und Panzernashorn als Paarungsrufe, beim Java-Nashorn dagegen als Kommunikationsform über größere Entfernungen hinweg beschrieben. Beim Spitzmaulnashorn scheinen sie Bettelrufe nach Nahrung zu sein.

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Deeskalation durch Babylaute

Obwohl erwachsene Breitmaulnashörner die Whine-Rufe nicht mehr äußerten, fanden die Forscher im Kontext des Territorial- und Paarungsverhaltens daran angelehnte Kreisch- oder Quietsch-Laute (Shriek- oder Squeal-Rufe). Möglicherweise benutzen die Männchen diese nach Kleinkind klingenden Rufe dazu, die Weibchen zu beschwichtigen.

Auch in der Mutter-Kind-Kommunikation wurde in einer anderen Studie ein Squeak-Ruf in Form eines kurzen, hohen Tones beschrieben, den die Kälber ausstießen, wenn sie von der Mutter getrennt wurden. Linn und Scheumann hörten diese Lautäußerung in dieser Form nicht. Sie vermuten, dass die untersuchten Kälber den Laut nicht einsetzten, weil sie im Beobachtungszeitraum nicht von ihren Müttern getrennt waren. Möglich wäre aber auch, dass der Squeak-Ruf einfach eine Spielart des sehr variablen Whine-Lauts darstellt. Ein Vergleich des Lautrepertoires mit dem anderer Nashorn-Arten scheint nun aufgrund der unterschiedlichen Sozialstrukturen und Lebensweisen besonders interessant.

Larissa Tetsch

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Letzte Änderungen: 27.03.2018

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