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Kritik unerwünscht

(23.01.2018) Eine Bloggerin wird von einer Pseudo-Medizinerin verklagt. Skeptiker starten einen Spendenaufruf.
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(23.01.2018) Sie wollen Krebs und andere Krankheiten durch geistiges Entgiften, Backpulver oder ein „Miracle Mineral Supplement“ (alias Chlorbleiche) besiegen. Pseudo-Mediziner (oft ohne jegliche medizinische Ausbildung) geben offenbar nicht viel auf evidenz-basierte Medizin – und schon gar nicht auf konstruktive Kritik ihrer Methoden, wie eine junge Bloggerin kürzlich feststellen musste.

Britt Hermes war einmal eine von ihnen, eine Naturheilpraktikerin. Sie studierte an der privaten, US-amerikanischen Bastyr Universität und praktizierte ihren Beruf in den USA. Bis sie eines Tages – aufgrund einer beiläufigen Bemerkung ihres Chefs (ein benötigtes Präparat wäre von der amerikanischen Arzneimittelbehörde wahrscheinlich beschlagnahmt worden) – ins Grübeln kam. Sie fing an, selbst zu recherchieren, und ihre „naturheile“ Welt brach zusammen. Kaum eins der Präparate, die sie verwendet hatte, war zugelassen oder hatte auch nur annähernd eine wissenschaftlich nachvollziehbare Wirkung.

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Backpulver gegen Krebs

Um mehr Menschen an ihren neugewonnenen Erkenntnissen teilhaben zu lassen, startete Britt, die inzwischen in Deutschland lebt, einen Blog. Im Februar 2016, postete sie einen Beitrag über Naturheilpraktiker in Kalifornien. In einem Kommentar erwähnte Krebsforscher Thomas Mohr von der Medizinischen Universität in Wien eine Studie einer bekannten Pseudo-Medizinerin namens Colleen Huber. Huber behandelt ihre Patienten unter anderem mit intravenösem Vitamin C und Backpulver. In der speziellen Studie ging es darum, zu schauen, ob eine Diät mit gesüßten Nahrungsmitteln einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf von Krebspatienten hat, die mit „anti-neoplastischen Nährstoffen und Kräutern“ behandelt wurden.

Mohr kommt nach einer Re-Analyse der Daten zu folgendem Schluss: „Abgesehen von ethischen Problematiken, dem Fehlen einer Genehmigung des Ethik-Komitees oder der Patientenzustimmung dieser extrem schlecht konzipierten Studie, zeigt eine schnelle Analyse der Daten das folgende Risikoverhältnis: 2,1 (95% CI 1.01 – 4.40, p<0.05) – und zwar für die moderne Behandlungsmethode. Mit anderen Worten: Patienten, die auf natürliche Weise behandelt werden, haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko zu sterben. Das ist kriminell“.

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Leser in die Irre führen

Immer wieder tauchten im Netz auch Webseiten mit Britts Namen auf, die allerdings alle zu Hubers Seiten führten. Wer dahinter steckt, ist unklar. „Ich glaube, der frühere Besitzer der Domains hatte gehofft, damit Google-Nutzer von meiner Webseite auf Seiten umzuleiten, die das Naturheilpraktikerwesen propagieren. Der frühere Besitzer hat auch Google-Anzeigen bezahlt, die auftauchen, wenn man nach meinem Namen sucht“, mailt Britt an Laborjournal und fügt hinzu „ich bin ein ausgesprochener Kritiker des Naturheilpraktikerwesens und der dubiosen Behandlungsmethoden der Naturheilpraktiker. Es scheint so, als ob naive Leser absichtlich in die Irre geführt werden sollten.“

Im Herbst letzten Jahres kam es aber noch dicker für Britt. Gleich zwei anwaltliche Schreiben flatterten ins Haus – eins von ihrer ehemaligen Universität (die es sich verbittet, dass negativ über sie geschrieben wird) und ein zweites von Huber (eine Unterlassungsklage). Huber erklärt darin, dass sie mit Mohrs Analyse nicht einverstanden ist und fordert, dass der Blog-Beitrag gelöscht wird. Britt kam der Forderung selbstverständlich nicht nach. Eine Klage ist die Folge.

Im Frühjahr/Sommer steht die erste richterliche Anhörung an. „Meine Kritik an Hubers ‚alternativen Therapien‘ für Krebs sowie meine Bedenken bezüglich der Methoden und ethischen Aspekte ihrer sogenannten Krebsforschung fallen in Deutschland und den USA unter Redefreiheit. Prozesse sind jedoch sowohl finanziell als auch emotional anstrengend. Ich hoffe, dass das deutsche Gericht zu einer schnellen Lösung kommt“, sagt Britt.

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Ziel erreicht

Um die Anwaltskosten stemmen zu können, hat die australische Skeptiker-Vereinigung einen Spendenaufruf gestartet, dem sich die deutsche Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) angeschlossen hat. Obwohl die Kosten schwer abzuschätzen sind, wurde das gesetzte Ziel von 50,000 Euro in knapp einer Woche erreicht. Über 2000 Spenden von überall auf der Welt gingen bis jetzt auf das Konto der Skeptiker ein. Es kann aber immer noch weiter gespendet werden, denn die tatsächlichen Kosten können weitaus höher liegen. Geld, das nicht benötigt wird, kommt der Sense about Science-Organisation zugute oder dem "Verteidigungsetat" der Skeptiker selbst.

Auch wenn diese Verhandlung beendet und die Klage abgewiesen werden sollte, das Problem bleibt bestehen. Unterschätzen die Behörden womöglich die Gefahr alternativer Heilmethoden? „Ich glaube, dass es sowohl in Deutschland als auch in den USA ein großes Missverständnis gibt, was die Gefahren von alternativen Therapien angeht“, meint Britt. „Sehr oft werden alternative Therapien, wie sie von Naturheilpraktikern und Homöopathen angeboten werden, als harmlos angesehen, dabei können sie auch sehr gefährlich sein. In den USA werden 'Heilmittel' aus der Homöopathie und des Heilpraktikerwesens nicht ausreichend reguliert und so können diese Produkte mit toxischen Substanzen verunreinigt sein. Erst letztes Jahr sind mehrere Kinder in den USA gestorben, nachdem ihnen kontaminierte homöopathische Mittel gegen Kinderkrankheiten verabreicht wurden. In Deutschland bemühen sich einige Mediziner, die Öffentlichkeit über die Gefahren zu informieren. 2017 veröffentlichten einige Ärzte einen Bericht, in dem sie zu dem Schluss kommen, dass der Heilpraktikerberuf entweder einer tiefgreifenden Reform bedarf oder abgeschafft werden sollte.“

Endlich echte Wissenschaft

Neben ihrem Blog konzentriert sich Britt aber auch auf ihre neue Karriere – als Wissenschaftlerin. Derzeit studiert sie evolutionäre Genomik in Kiel, Lübeck und Plön. „Deutschland hat mir eine Chance gegeben, ganz neu anzufangen. Ich bin sehr glücklich darüber, ein seriöses Programm gefunden zu haben, in dem ich ‚echte Wissenschaft‘ kennenlerne – nachdem ich so lange auf einem Gebiet tätig war, das sich einzig über Nonsens definiert.“

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 23.01.2018

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