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Forscher-Anekdoten (4): Ferne Welten

(25.7.17) Es soll ja vorkommen, dass hin und wieder ein eingefleischter Biochemiker den Vortrag eines dezidierten Genetikers besucht. Wie oft sitzt er dann da, hört zu, denkt mit – und wartet vergeblich auf den Clou?

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Vor einiger Zeit trug ein Genetiker vor, wie er in Fliegen mit auffälligen Verhaltensstörungen eine Chromosomenregion kartiert hatte, in dem offenbar ein Gen liegt, dessen Ausfall den Defekt direkt mitverantwortet. Fünfzehn Vortragsminuten später hatte er das Gen identifiziert, fünf Minuten darauf hatte er es sequenziert. Und in den verbleibenden zehn Minuten beschrieb er noch, wie er durch gezielte Mutationen in eben jenem Gen verschieden starke Ausprägungen der Verhaltensstörung induzieren konnte – inklusieve, wie er die „schlimmsten“ Verhaltensmutanten durch Einbringen des „gesunden“ Gens retten konnte. Klar, dass am Ende des Vortrags der Genetiker sein Publikum glücklich und zufrieden ob dieser runden Story anstrahlte.

Im Publikum saß jedoch ebensolch ein eingefleischter Biochemiker – und der fragte nun: „Okay, Sie wissen jetzt, dass das Gen für das gesunde Verhalten notwendig ist. Aber wie steuert nun das Genprodukt das Verhalten? Was tut es in der Zelle? Wie und wo entfaltet es welche Funktion? Welcher Mechanismus steckt dahinter?“ Der Genetiker hob die Schultern, raunte leise, dass er dazu keine Hinweise habe – und grinste nunmehr leicht blöde weiter ins Publikum.

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Da waren sie also wieder mal aufeinander geprallt – die beiden Welten der Genetik und der Biochemie. Und einmal mehr wurden die konzeptionellen Unterschiede zwischen beiden allzu deutlich: Der grundlegende Ansatz des Genetikers ist, zu studieren, wie ein System variiert oder ausfällt, wenn einzelne Komponenten gestört oder defekt sind – um dann daraus zu schließen, welche Komponenten tatsächlich bei dem untersuchten Prozess mitspielen. Im Gegensatz dazu versucht der Biochemiker, zu entschlüsseln, wie die Komponenten eines Systems zusammenspielen und wie die daraus resultierenden Interaktionen die Funktion des gesamten Systems bewerkstelligen.

Beides komplementäre experimentelle Ansätze, um komplexe Systeme zu entschlüsseln. Die im Zusammenspiel jedoch nur funktionieren, wenn man den jeweils anderen versteht.

Ralf Neumann

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Letzte Änderungen: 25.08.2017

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