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Chamäleons klassifizieren

Publikationsanalyse 2009-2018: Rheumaforschung
von Mario Rembold, Laborjournal 11/2020


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Foto: EISCO Labs

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(11.11.2020) Rheumaforscher sammeln viele Zitierungen durch Arbeiten zur Klassifikation und Definition von Rheumaerkrankungen. Berlin ist regionaler Hotspot, gefolgt von Wien und Erlangen.

„Der Lupus ist das Chamäleon unter den entzündlich-rheumatischen Krankheiten“, erklärt die Rheumaliga Schweiz auf ihrer Webseite. Beschrieben waren Symptome dieser Autoimmunkrankheit bereits im Mittelalter: Hautrötungen im Gesicht, die nach dem Abheilen Narben hinterlassen. Dadurch, so fanden wohl damals die Namensgeber, wirke das Gesicht „wolfsähnlich“. Lupus kann sich aber auch in anderen Organen bemerkbar machen, zum Beispiel am Herzen oder in den Blutgefäßen. Denn auch Entzündungen der Blutgefäße, sogenannte Vaskulitiden, fallen mitunter ins Spektrum rheumatischer Erkrankungen.

Rheuma, das hat folglich irgendetwas mit dem Immunsystem zu tun. Oder auch nicht, wie uns Angela Zink 2015 in einem Interview erklärte (laborjournal.de/editorials/982.php). Es gebe nämlich zum einen die Definition der WHO, wonach unter Rheuma jene Erkrankungen zusammengefasst sind, die zu chronischen Schmerzen und Funktionseinschränkungen am Bewegungsapparat führen. Hier wären dann auch alle möglichen Formen von Rückenschmerzen, Arthrose oder Osteoporose inbegriffen. Zink, Leiterin der Epidemiologie am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) in Berlin, stellte aber anschließend klar: „Rheuma im engeren Sinne sind die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die auf Fehlsteuerungen im Immunsystem zurückgehen.“

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Review oder Artikel?

Wenn Lupus als Chamäleon sein Unwesen treibt, was ist dann erst mit dem gesamten Formenkreis rheumatischer Erkrankungen? Stecken wirklich physiologische Gemeinsamkeiten hinter all diesen Erkrankungen, oder schauen wir auf ein Sammelsurium ganz unterschiedlicher Ursachen? Offenbar waren sich auch die Rheumaforscher der letzten eineinhalb Jahrzehnte gar nicht so sicher, worüber sie eigentlich sprechen und ob sie alle wirklich dasselbe meinen. Jedenfalls behandeln die vielzitierten Arbeiten allesamt Klassifikationen und Definitionen rheumatischer Erkrankungen, sodass offenbar eine große Sehnsucht nach Klarheit besteht.

Nun ordnet das Web of Science einige Leitlinien und Konsensarbeiten den Reviews zu, andere hingegen sind als Artikel einsortiert. Für unsere Ranking-Tabellen zu den Papern haben wir uns schon vor einigen Jahren entschieden, Guidelines und ähnliche Übersichtsarbeiten als Reviews anzusehen. Doch entstammen die beiden meistzitierten Arbeiten unserer Reviews-Liste diesmal laut Web of Science der Kategorie „Articles“. Für die ermittelten Zitierzahlen der meistzitierten Köpfe jedoch können wir diese Unterscheidungen „per Hand“ nicht vornehmen. In die Summe der Gesamtzitierzahl eines Forschers fließt also jedes Paper ein, das im Web of Science mit dem Attribut „Article“ versehen ist. Und diese Zuordnung ist bei den Rheuma-Arbeiten recht uneinheitlich.

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Angela Zink zum Beispiel hat an Empfehlungen zum medikamentösen Management rheumatoider Arthritis mitgeschrieben (Ann. Rheum. Dis. 69(6): 964-75). Doch weil das Paper als Review hinterlegt ist, bringen ihr die mehr als 1.100 Zitierungen nichts für die Platzierung in der „Köpfe“-Tabelle, auch wenn sie es trotzdem noch auf Position 30 schafft. Julia Funovits hingegen hat am meistzitierten Review mitgewirkt – der jedoch für die ermittelten Zitierzahlen mitzählt. Von ihren elf berücksichtigten Publikationen sind die sechs am häufigsten zitierten allesamt Klassifikationen und Definitionen rund um rheumatische Erkrankungen. Ohne diese sechs Paper käme sie nicht auf 6.709 Zitierungen, sondern auf weniger als 300.

Die Klassifikation von Rheumaerkrankungen ist offenbar so zentral relevant, dass Forscher dieser Disziplin immer wieder Bezug auf diese Veröffentlichungen nehmen. Warum diese Arbeiten jedoch als Artikel zählen, während die ebenfalls vielzitierten Behandlungsleitlinien zu rheumatischen Erkrankungen unter die Reviews fallen, erschließt sich uns nicht. Und so sind die Zitierzahlen der hier gelisteten Rheumaforscher umso mehr mit Vorsicht zu genießen. Je nachdem, wen Sie in dieser Tabelle nebeneinanderstellen, sind die Zitierzahlen mit zweierlei Maß ermittelt worden – selbst wenn die Forscher an denselben Themen arbeiten. Ein solcher Vergleich sagt dann gar nichts aus, solange man nicht genauer hinschaut.

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Hohe Zitierzahl durch Klassifikationen

Der eigene Name auf zwei hochzitierten Rheuma-Klassifikationspapern reicht im Einzelfall als Eintrittskarte in die Top 30. Bei Julia Funovits ist das insofern bemerkenswert, als dass ihr letzter wissenschaftlicher Artikel aus dem Jahr 2012 stammt und sie anscheinend schon seit Jahren nicht mehr an der Medizinischen Universität Wien und – nach unserem Wissen – auch an keiner anderen Adresse forscht. Trotzdem landet sie nach unseren Kriterien auf Platz 14 der meistzitierten Rheumaforscher.

Bei den Arbeiten, die wir als rheumabezogene Artikel zählen, haben wir uns eher an die engere Definition gehalten, die die Rolle des Immunsystems einbezieht. Schlagworte wie „Osteoporose“ oder „chronischer Rückenschmerz“ spielten daher keine Rolle bei der Auswahl der Paper. Auf Platz 1 der meistzitierten Artikel landet eine Arbeit, die dennoch in der Grauzone liegt. Diese geht nämlich um Osteoarthritis in Hüfte und Knie und deren Bedeutung für die globale Gesundheit. Entzündungsprozesse spielen bei diesen Leiden zwar eine wichtige Rolle, doch viele Gelenkentzündungen werden ursächlich durch mechanische Belastung und nicht zwangsläufig durch ein fehlgeleitetes Immunsystem ausgelöst.

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Das Beispiel zeigt aber, warum saubere Definitionen zu rheumatischen Erkrankungen ein so zentrales Thema der Rheuma-Community sind. Die im meistzitierten Artikel aufbereiteten Zahlen stammen übrigens aus der Global-Burden-of-Disease-Studie 2010. Hier mag man fragen, ob solch eine Analyse bereits verfügbarer Daten nicht eher in die Review-Schublade gehört. Andererseits bringt ja eine Metaanalyse wirklich neue Daten hervor, die von den Autoren dann auch in einem echten Ergebnisteil präsentiert werden.

Auf Platz 2 eine genomweite Assoziationsstudie zur Schuppenflechte, und damit ein weiterer Anlass zur Diskussion über die Zuständigkeit der Rheumaforscher. Ist Psoriasis nicht eine Hauterkrankung? Die Grenzen sind fließend, denn die Psoriasis-Arthritis, die bei einem Drittel der Schuppenflechtenpatienten auftritt, ist wieder ein klarer Fall für den Rheumatologen. Die hier erwähnte Genomstudie stellt zudem einen Bezug her zu immunologisch relevanten Signalwegen.

Wenn Rheuma solch ein diffuses Gebiet ist, sollte es eigentlich schwer sein, die meistzitierten „Köpfe“ zu ermitteln. Trotzdem war in den meisten Fällen klar ersichtlich, ob sich jemand selbst als Rheumatologe sieht oder nicht. Dass ein Wissenschaftler auf sein Adressschild das Wort „Rheuma“ schreibt, aber niemals in Fachzeitschriften zur Rheumaforschung publiziert, kommt praktisch nicht vor. Umgekehrt finden wir natürlich Schnittmengen zur Immunologie oder vereinzelt auch zur Dermatologie. Hier gehen wir aber davon aus, dass jemand, der regelmäßig in Rheuma-Journalen veröffentlicht, auch ein zentrales Interesse an der Rheumaforschung mitbringt.

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Rheuma-Radiologe

Georg Schett, Platz 1 der meistzitierten „Köpfe“, führte bereits 2017 unser letztes Ranking der Immunologen an. Am Uniklinikum Erlangen ist er Direktor der Medizin 3, die auf Immunologie und Rheumatologie spezialisiert ist. Mit den Dermatologen hingegen gibt es zumindest unter den jeweils dreißig meistzitierten Forschern keine Überschneidungen in den „Köpfe“-Tabellen – vermutlich, weil sich die Dermatologen doch eher auf Melanome konzentrieren oder ihre Arbeiten zur Schuppenflechte lieber in dermatologischen als in rheumatologischen Zeitschriften veröffentlichen.

Regional zeigen sich drei Rheuma-Hotspots im Laborjournal-Verbreitungsgebiet: Sieben der „Köpfe“ arbeiten in Berlin, und zwar entweder an der Charité oder am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum  (DRFZ). Gerd Burmester (3.) führt die Berliner in Sachen Zitierzahlen an. Die Uniklinik Erlangen beherbergt vier unserer Rheumaforscher, auch wenn Frank Roemer (13.) außerdem in Augsburg und Boston forscht. Überdies sticht er als eingesessener Radiologe zwischen den anderen „Köpfen“ heraus. Doch natürlich ist auch die Bildgebung bedeutsam für das Verständnis rheumatischer Erkrankungen. Neben Beiträgen in rheumatologischen Zeitschriften publiziert Roemer auch zu sportmedizinischen Themen.

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Zurück zur Landkarte der Rheumaforschung: Ebenfalls viermal taucht Wien als Adresse auf und stellt mit Josef Smolen auch den zweitplatzierten Rheumaforscher der Liste. Mehr als 6.000 Zitierungen verdankt Smolen jenen als Articles kategorisierten Papern zu Klassifikationen und Definitionen. Mit Salzburg und dem Anatomen Felix Eckstein (22.) von der Paracelsus-Privatuniversität ist Österreich sogar fünfmal vertreten – Eckstein forscht zur Funktion muskoskelettaler Gewebe. Und last but not least taucht die Schweiz viermal in der Tabelle der Köpfe auf, angeführt von Oliver Distler (6.) vom Universitätsspital Zürich.


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Letzte Änderungen: 11.11.2020

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