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Die beherzte Arachnologin

Winfried Köppelle


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Rätsel

(24.03.2017) Ihre Furchtlosigkeit im Umgang mit achtbeinigen Krabbeltieren kostete dieser verkannten Heldin der Wissenschaft das Leben.

In Amerika sind nicht nur 2,4 Millionen Strafgefangene, 200 Millionen Schusswaffen, 120 lebende Nobelpreisträger und 136 Millionen Kreationisten beheimatet, sondern auch diverse Grizzlybären, Strumpfbandnattern und Pfeifhasen. Seit kurzem weiß man, dass in den USA auch die Vertreter von 29 Vogelspinnen-Spezies leben. Ja, genau: Vogelspinnen – jene achtbeinigen Kieferklauenträger, die in Supermärkten bisweilen aus Ökobananenkisten krabbeln und rechtschaffene Hausfrauen erschrecken.

Der Biologe Chris Hamilton vom Florida Museum of Natural History durchforstete mit seinem Team ein gutes Jahrzehnt lang zwölf US-Bundesstaaten und nahm dabei fast 3.000 Exemplare der haarigen Arachniden unters Binokular. Die Ergebnisse ihrer „Taxonomic revision of the tarantula genus Aphonopelma“ veröffentlichten Hamilton et al. 2016 im Open-Access-Journal ZooKeys. 14 neue Arten sind darin genannt – darunter jene tiefschwarz gefärbte, die sie Aphonopelma johnnycashi tauften. Sie war ihnen unweit der kalifornischen Folsom-Haftanstalt in die Falle getappt. Die in den USA lebenden Vogelspinnen würden für Menschen jedoch keine Gefahr darstellen, erklärte Hamilton gegenüber Pressevertretern. Im Gegenteil: Sie seien friedliche Zeitgenossen – quasi „Teddybären mit acht Beinen“.

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Seine Kollegin, nach der hier gesucht wird, stünden angesichts dieser Worte wohl die Haare zu Berge – würde sie noch unter den Lebenden weilen. Sie lernte die Vertreter der Gattung Aphonopelma nämlich ganz anders kennen: beißwütig, tückisch und: tödlich. Auch sie hatte in Vogelspinnen lange – zu lange – nur harmlose Studienobjekte gesehen. Als sie ihren verheerenden Irrtum erkannte, war es längst zu spät.

Gewagte Schlussfolgerungen

Das Verhängnis bahnte sich Ende der 1970er Jahre in Arizona an. Die junge Arachnologin von der State University in Tempe wurde in ein Provinznest unweit des Mount Mingus geschickt, um dem dortigen Gemeindeveterinär – einem unverbesserlichen Frauenheld – das kuriose Untersuchungsergebnis mitzuteilen: Der Tod eines jungen Zuchtbullen sei durch eine hohe Dosis Spinnengift verursacht worden; im Blut des Wiederkäuers habe man kaum noch rote Blutkörperchen nachweisen können.

Ein durch Spinnenangriffe ausgelöster Erythrozytenmangel? Ein wahrlich überraschender Befund – wirken die Peptidgifte der Achtbeiner doch üblicherweise neurotoxisch: Sie binden an die motorischen Endplatten neuromuskulärer Synapsen, öffnen dort Ionenkanäle und bewirken über die exzessive Freisetzung von Transmitter-Molekülen eine Dauererregung der Muskulatur, sprich: Muskelstarre.

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Die Gesuchte überraschte auch in analytischer Hinsicht: So gelang es ihr, durch bloßes Betrachten eines mit Hundeblut gefüllten Reagenzglases zu diagnostizieren, dass der Vierbeiner durch Vogelspinnen getötet worden war. Zudem rettete ihre intuitive Notfall-Therapie – die Neutralisierung von Spinnengift durch Ammoniak – dem erwähnten Tierarzt das Leben. Inzwischen ist diese Behandlungsoption jedoch in Vergessenheit geraten; im ärztlichen Alltag sind heute spezifische Antisera sowie sedierende Benzodiazepine die Mittel der Wahl. Auch etablierte sie den Einsatz chemischer Feuerlöscher als Notfall-Pestizidpumpe.

Selbstredend war die Gesuchte auch taxonomisch ein Ass: Sie entdeckte auf einem der Wissenschaft bis dahin unbekannten „Spinnenhügel“, dicht bevölkert von normalerweise solitär lebenden Arachniden, eine Art, die natürlicherweise 600 Kilometer entfernt lebt. Deren zunehmende Aggressivität gegenüber Säugetieren begründete sie mit dem durch übermäßige DDT-Dosen gestörten ökologischen Gleichgewicht. Und dieses wurde auch der gesuchten Zoologin – bei Wikipedia unzutreffend als „Insektenkundlerin“ charakterisiert – zum Verhängnis. Wie heißt sie?




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Die gesuchte, beherzte Arachnologin ist die amerikanische Spinnenkundlerin Diane Ashley (*1947). Ende der 1970er Jahre wurde sie von der Arizona State University in ein Provinzstädtchen im Verde Valley geschickt, um die sich dort häufenden Todesfälle bei Nutzvieh zu untersuchen. In enger Zusammenarbeit mit dem Veterinär Robert „Rack“ Hansen kam Ashley einer bis dahin unbekannten, in sozialen Verbünden lebenden und kooperativ jagenden Vogelspinnen-Spezies auf die Spur, die in Termitenhügel-ähnlichen Bauten haust und sich mangels geeigneter Insektennahrung auf das Erbeuten großer Säugetiere spezialisiert hat. Ashley und Hansen verschwanden während ihrer Freiland-Forschungen spurlos; im 1977 gedrehten Dokumentarfilm „Kingdom of the Spiders“ wird spekuliert, sie könnten ihren Studienobjekten zum Opfer gefallen sein.




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