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Der flämische Baron

Winfried Köppelle


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Rätsel

(11.02.2015) Jahrzehntelang jagte er einen komplexen Retrovirus – und wurde nach fast 40 Jahren ein gefragter Ansprechpartner für einen ganz anderen Erreger.

Die Bestie lauerte in einer blauglänzenden Thermoskanne – unerwartet groß, unerwartet lang gestreckt, seltsam wurmartig. Und sie war schon beinahe entfesselt: Das kühlende Eis war geschmolzen und eines der beiden Röhrchen geborsten. Im Handgepäck hatte man die lebensgefährliche Fracht aus Zentralafrika herbeigeschafft – 6.300 Kilometer nordwärts bis ins tropenmedizinische Institut in Antwerpen. Behutsam fischten die ahnungslosen Mediziner, geschützt durch einfache Laborhandschuhe, die unversehrte Ampulle aus dem blutigen Eiswasser. Der Mann, den es zu erraten gilt, war damals, im Herbst 1976, Postdoc; seinen Memoiren entstammt die geschilderte Szenerie.

Die Analyse des Inhalts stellt die Wissenschaftler vor Rätsel. Sie finden weder sphärische Virionen noch begeißelte Stäbchen. Testweise injizieren sie Mäusen die mysteriöse Flüssigkeit, woraufhin diese binnen Tagen kläglich verenden. Dennoch ist kein Erreger zu finden. Die Weltgesundheitsorganisation weist die unzulänglich bestückten Mediziner an, ihre Proben an ein britisches Hochsicherheitslabor abzugeben. Der Chef des Gesuchten indes lässt auf eigene Faust weiterforschen; er entpuppt sich nicht nur als Sturkopf, sondern auch noch als Tollpatsch: Ein Probenröhrchen zerschellt versehentlich auf dem Fuß eines Mitarbeiters. Er kommt mit dem Schrecken davon.

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Mysteriöser Killer in der Thermoskanne

Schließlich gelingt den Forschern das erste Foto in Nanometer-Auflösung – und sie fragen sich entgeistert: „Was zum Teufel ist das!?“ Eine frappierende Ähnlichkeit freilich existiert. Kann das sein? Die Courage des leidenschaftlichen Forschers siegt über alle Ängste und so reist der 27-jährige mit einem WHO-Krisenteam dorthin, woher die Thermoskanne und ihr Inhalt kamen: in eine kleine Stadt im Norden Zaires. Die Gegend gleicht dem alptraumhaften Szenario von Horrorfilmen: Hunderte Schwerstkranke liegen blutend auf den Straßen und in dem katholischen Missionskrankenhaus, von wo aus die Seuche ihren Ursprung nahm; die todgeweihten Menschen werden von Kreislaufzusammenbrüchen, Krämpfen und Lähmungen gebeutelt. Trotz aller modernen Medizintechnik vermögen die geschockten Mediziner kaum Hilfe zu leisten: Sämtliche verfügbaren Medikamente erweisen sich als wirkungslos. Immerhin gelingt es den Ärzten, wichtige Daten und Proben zu sammeln.

Als nach zehn Wochen die Epidemie abebbt, stehen 280 Tote und 38 Überlebende im Protokoll. Und ein neuartiges Virus mit bislang nicht bekannter Aggressivität, benannt in einer spontanen Laune nach einem nahegelegenen Fluss. Die Datenauswertung wird ergeben, dass die wohlmeinenden Missionsschwestern des Krankenhauses die Hauptschuld an der Epidemie tragen: Mit mehrfach verwendeten Injektionsnadeln verabreichten sie ihren schwangeren Patientinnen Vitaminspritzen und infizierten sie dabei mit dem tödlichen Erreger.

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Für den Gesuchten leitete die zentralafrikanische Episode eine nun schon fast 40 Jahre währende Karriere als Infektionsmediziner ein. Er verlegte sich auf eine ähnlich tödliche, jedoch weit hinterhältigere Mikrobe, die seit den 1980ern knapp 30 Millionen Leben gefordert hat. Über dieses Retrovirus schrieb er über 500 Publikationen und 15 Bücher; er bekämpfte es als Arzt, als Forscher, als ranghoher Funktionär der Vereinten Nationen und als Direktor einer der weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten für Infektionskrankheiten. Als solcher musste er kürzlich zugeben: „Bis heute haben wir lediglich mittelalterlich anmutende Maßnahmen, um das Virus zu bekämpfen.“

Wie heißt der Gesuchte, der sein halbes Leben in Afrika verbrachte, vom König seines Heimatlandes zum Baron und von afrikanischen Potentaten zum Träger des Leopardenordens gemacht wurde?




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Der gesuchte, flämische Baron ist der belgische Mikrobiologe Peter Piot (*1949). Er gehörte zur Forschergruppe, die 1976 in Antwerpen in Blutproben ein bislang unbekanntes Virus aufspürte, woraufhin er mit einem WHO-Team ins Seuchengebiet nach Zaire reiste, um Patienten zu behandeln, nach dem Ursprung des Erregers zu suchen und diesen „Ebolavirus“ zu nennen. Danach verlegte sich Piot auf die Erforschung und Bekämpfung von HIV und stieg im Laufe der Jahre zum stellvertretenden Direktor des globalen Anti-AIDS-Programms der WHO und zum Untergeneralsekretär der UNO auf. Piot, einer der profiliertesten HIV-Experten weltweit, ist seit 2010 Direktor der hochangesehenen London School of Hygiene and Tropical Medicine. König Albert II. von Belgien machte ihn zum Baron, afrikanische Herrscher zum Träger des Löwen- und Leopardenordens.




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