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Sci-Hub – Zukunftsvision oder Sackgasse?

Henrik Müller


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(08.03.2021) Die kostenfreie Schattenbibliothek Sci-Hub von Alexandra Elbakyan ist kommerziellen Wissenschaftsverlagen seit zehn Jahren ein Dorn im Auge. Sie stellt Zeitschriftenkonzerne an den öffentlichen Pranger und zugleich die Moralvorstellungen des Wissenschaftsbetriebs zur Diskussion. Welche Alternative zum derzeitigen Publikationswesen bietet Sci-Hub?

Dem Beginn des World-Wide-Web-Projekts vor dreißig Jahren am CERN in Genf lag eine klare Absicht zugrunde: akademische Information frei zugänglich machen. Wissen sollte unmittelbar für jeden verfügbar sein und so den Erkenntnisgewinn beschleunigen. Eingetreten ist bis heute das Gegenteil. Das Internet hat den Transfer von Forschungsergebnissen zwar automatisiert und die Platzbeschränkungen in Fachzeitschriften vergessen lassen. Dennoch beuteln die Wissenschaftsverlage das gesamte Publikationswesen. Seit zwei Jahrzehnten setzen sie jährliche Preissteigerungen durch. Und digitale Inhalte verschärfen diese Entwicklung noch, da sich das kommerzielle Produkt „Forschungsartikel“ virtuell leichter kontrollieren und regulieren lässt.

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Sci-Hub-Gründerin Alexandra Elbakyan, Foto: Apneet Jolly

Wie nie zuvor klebt also ein Preisschild an Wissen. Ohne kostspielige Institutszugänge lässt sich nicht auf aktuelle Forschungsergebnisse zugreifen. Ein Oligopol aus acht Zeitschriftenkonzernen kontrolliert zwei Drittel eines Weltmarkts von sechzig Milliarden Euro pro Jahr. Der Marktführer Elsevier beispielsweise erwirtschaftete 2016 bei einem Umsatz von drei Milliarden Euro einen Gewinn von 1,2 Milliarden Euro.

Im Würgegriff der Verlage

Wie sind derartige Renditen möglich? Der öffentliche Haushalt finanziert sowohl Wissenschaftler, die den Verlagen ohne Entlohnung als Autoren, Gutachter und Herausgeber dienen, wie auch Universitätsbibliotheken, die die Artikel dann von den Verlagen zurückkaufen. Laut Bibliotheksstatistik zahlen deutsche Universitätsbibliotheken auf diese Weise jährlich über einhundert Millionen Euro an Wissenschaftsverlage – über die Hälfte davon an die drei größten Zeitschriftenkonzerne Elsevier, Springer Nature und Wiley.

Weltweit kosten die Subskriptionen 7,6 Milliarden Euro pro Jahr. Da die Wissenschaftler jedoch von aktueller Fachliteratur abhängen, senken nicht einmal jährliche Preissteigerungsraten von bis zu zehn Prozent deren Nachfrage. Als Folge befindet sich der freie Zugriff auf Forschungsinformation in einem Würgegriff. Elseviers Sprecher Tom Reller fasste diese Verlagspolitik 2018 einmal mit den Worten zusammen: „If you think information shouldn’t cost anything, go to Wikipedia.“

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Diese Preispolitik ruft jene auf den Plan, deren wissenschaftsethisches Empfinden durch Steuergelder finanzierte Forschungsergebnisse nicht länger hinter Bezahlschranken duldet. In ihren Augen korrumpieren kommerzielle Wissenschaftsverlage den ursprünglichen Sinn des Internets. Und die politischen Forderungen nach Open Access Publishing gehen manchen von ihnen nicht weit oder schnell genug (siehe Infokasten unten). Als „Buchpiraten“ erschaffen sie virtuelle Schattenbibliotheken – kostenfreie Volltextdatenbanken also, die sich nicht um Urheberrechtsbestimmungen scheren. Neben der in Deutschland geblockten digitalen Bibliothek „Projekt Gutenberg“ sind die wohl bekanntesten eBook-Schattenbibliotheken die Library Genesis (LibGen) sowie die Tor-Dienste Imperial Library of Trantor und Radical Militant Library.

Für akademische Schwarzkopien ist das Projekt Sci-Hub der freiberuflichen Web-Programmiererin Alexandra Elbakyan die weltweit umfangreichste Schattenbibliothek. Frustriert von den Bezahlschranken des Wissenschaftsbetriebs in ihrer Heimatstadt Almaty, Kasachstan, rief Elbakyan Sci-Hub im September 2011 ins Leben. Doch stärker als andere Schattenbibliotheken sucht Elbakyan die Öffentlichkeit und propagiert aktiv einen Guerilla Open Access.

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Bezahlschranken umgangen

Ihr Angebot wird von Naturwissenschaftlern dankbar angenommen. Laut der 32-Jährigen laden eine halbe Millionen Besucher mehrere Million Artikel pro Tag von Sci-Hubs Internetdomänen herunter. Im Januar 2021 stellte es mit 84,8 Millionen Publikationen etwa 85 Prozent aller weltweiten Artikel bereit, unter anderem 97 Prozent aller Elsevier-Artikel und 99 Prozent aller Publikationen der American Chemical Society.

Sci-Hubs PHP-Quelltext ist dabei kein Geheimnis (github.com/topics/sci-hub). Die Bibliothek stellt Artikel anhand ihrer digitalen Kennzeichnung (Digital Object Identifier, DOI) aus ihrer Datenbank zur Verfügung. Ist ein Artikel nicht vorhanden, ruft sie ihn automatisch von Verlagsseiten ab und fügt ihn der Datenbank hinzu.

Bezahlschranken umgeht Sci-Hub, indem es lizenzierte Zugriffe auf Verlagsseiten über IP-Adressen von Universitäts- und Landesbibliotheken vortäuscht. Wie es an die dafür notwendigen Anmeldedaten gelangt, erklärt Elbakyan gegenüber Laborjournal so: „Frustrierte Universitätsmitarbeiter geben sie freiwillig her. Vielleicht sind manche aber auch über Phishing-Methoden erworben. Und einige Artikel ruft Sci-Hub von gehackten Verlagsseiten ab.“ Laut PSI IPV Ltd., einer britischen Firma , die sich auf den Schutz von Urheberrechten spezialisiert hat, griff Sci-Hub im Dezember 2019 über 350 Universitätsnetzwerke in 39 Ländern auf lizenzierte Inhalte zu.

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Sperrung gescheitert

Eine derartige Popularität bedroht die Geschäftsmodelle von Wissenschaftsverlagen. Im Jahr 2015 verklagten Elsevier und die American Chemical Society (ACS) Alexandra Elbakyan deshalb vor US-amerikanischen Gerichten wegen Hackings, Diebstahls sowie unrechtmäßiger Reproduktion und Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials. In beiden Verfahren bekamen sie Recht und Schadenersatz in Höhe von 13 beziehungsweise 4,1 Millionen Euro zugesprochen. Seit 2017 müssen US-Internetprovider, Webhoster und Suchmaschinen den Zugriff auf Sci-Hub sperren.

Eine weltweite Regelung fehlt indes. So lehnte es das Oberlandesgericht München 2019 ab, Sci-Hub und LibGen zu sperren. Österreichische und französische Gerichte verpflichteten dagegen Internetprovider im gleichen Jahr, den Zugriff auf beide Schattenbibliotheken zu unterbinden. Das oberste Gericht im indischen Delhi wiederum widersprach im Dezember 2020 einer Blockierung mit der Begründung, Sci-Hub und LibGen seien „von öffentlichem Interesse und wichtig für die Wissenschaftsgemeinschaft“.

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Obwohl Zeitschriftenkonzerne die meisten Gerichtsverfahren für sich entschieden, resultierte ihr juristisches Vorgehen in einem unerwünschten Nebeneffekt. Die Schadenersatzforderungen von Elsevier und ACS basierten auf Listen von 100 beziehungsweise 32 raubkopierten Artikeln. Offen verkündeten sie, pro illegal bereitgestellter Publikation entstünde ein Schaden von 130.000 Euro. Solche Einnahmen machten selbst Laien stutzig, warum Wissenschaftsverlage derart großzügig an Steuergeld-finanzierten Leistungen verdienen, ohne der öffentlichen Hand etwas zurückzugeben.

Laut Elbakyan amplifizierte die darauffolgende Medienberichterstattung Sci-Hubs Kundschaft um eine Größenordnung. Selbst Nature wählte Elbakyan – vielleicht ein wenig janusköpfig – in „Nature’s 10“, ihre Liste der zehn bedeutsamsten Personen 2016. Sehen Wissenschaftsverlage also ein, dass Zugangskontrolle und Strafverfolgung kein tragfähiges Geschäftsmodell darstellen? Elbakyan relativiert: „Viele Wissenschaftler sagen, Sci-Hub verdiene den Nobelpreis. Doch obwohl es die Wissenschaften revolutioniert hat und extrem populär ist, gewann es nie irgendeinen Preis.“

Die Konsequenzen der Rechtsstreitigkeiten sieht die gebürtige Kasachin indes pragmatisch: „Einige Internetdomänen von Sci-Hub sind gesperrt, andere funktionieren.“ Da sich Sci-Hubs Infrastruktur in Osteuropa befindet, haben US- und mitteleuropäische Urteile wenig Auswirkungen. Der Gefahr, auf Reisen verhaftet und ausgeliefert zu werden, ist sich Elbakyan aber natürlich bewusst. Russland verlässt sie lieber nicht. Die technischen und juristischen Möglichkeiten, Sci-Hub aus- und seine Betreiberin einzusperren, scheinen ausgeschöpft.

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Ein kommunistisches Projekt

Zum Jahresende 2019 – Elbakyan hatte gerade ihr Masterstudium in Sprachwissenschaften an der Staatlichen Universität in St. Petersburg abgeschlossen – bezichtigte die US-Justizbehörde die Kasachin der Spionage in Zusammenarbeit mit Russlands militärischem Geheimdienst GRU. Sci-Hubs Ziel sei es, Forschungs- und Militärgeheimnisse von US-Universitäten zu stehlen. Prompt riefen die großen Wissenschaftsverlage erneut zur Sperrung von Sci-Hub auf – nicht weil es illegal sei, sondern weil es ein Sicherheitsrisiko darstelle.

Elbakyan leugnet jede Zusammenarbeit mit Geheimdiensten: „Sci-Hub ist ein kommunistisches Projekt, dessen Einfluss auf die US-Wissenschaft und öffentliche Meinung die US-Regierung fürchtet.“ Laut US-Behörden beweist schon allein das Ausmaß von Sci-Hubs Aktivitäten die Billigung, wenn nicht gar Unterstützung, seitens des Kreml. Elbakyan widerspricht erneut: „Keine Regierung ehemaliger Sowjetrepubliken hat zu Sci-Hub beigetragen oder es offiziell anerkannt. Auch nach russischem Recht ist es illegal. Falls Regierungsmitarbeiter also Sci-Hub unterstützen, ist ihr Einfluss gering.“ Russische Gerichte haben Sci-Hub bisher nicht belangt.

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Sind die Spionage-Vorwürfe also nur eine weitere Episode, mit der die Verlagslobby Open Access-Initiativen und -Aktivisten verteufelt? So versuchte beispielsweise die RELX Group, Elseviers Medienkonzern, die Verankerung von Open Access im EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 mit Lobbying-Ausgaben von jährlich 1,8 Millionen Euro zu behindern. Auf den Open-Access-StingWho is afraid of Peer Review?“ des US-Wissenschaftsjournalisten John Bohannon folgte 2013 eine Propagandakampagne der Verlagslobby.

Dienst an der Wissenschaft?

Tragischstes Beispiel ist wahrscheinlich der US-Programmierer und Hacktivist Aaron Swartz. In seinem Guerilla Open Access Manifesto leitete er 2008 aus dem Privileg wissenschaftlicher Ressourcen eine moralische Pflicht zur freien Weitergabe von Forschungsergebnissen ab. Da Wissen nicht privatisiert werden darf, rief er zu zivilem Ungehorsam gegen die Geschäftspraktiken der Verlagslobby auf. Deren Reaktion folgte prompt. 2011 wurde Swartz wegen Massenklaus von Wissenschaftsartikeln aus dem Computerarchiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) angeklagt. Im Fall einer Verurteilung drohten ihm bis zu 35 Jahre Haft sowie bis zu einer Million Euro Geldstrafe. Noch vor der Gerichtsverhandlung beging Swartz 2013 Selbstmord. Eine der Trauerreden hielt Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web.

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Auch in Elbakyans Augen ist Urheberrecht eine Zensur der freien Kommunikation von Ideen. Sie bestreitet die Illegalität ihres Dienstes an der Wissenschaft: „Die US-Gerichte entschieden gegen die Wissenschaftsgemeinde, die Bezahlschranken mehrheitlich ablehnt. Sie entschieden gegen die öffentliche Meinung und gegen Informationsfreiheit im Allgemeinen.“ Damit bezieht sie sich auf Artikel 27 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen: „Jeder Mensch hat das Recht […] am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben.“ Bezahlschranken verletzten dieses Recht und bremsten wissenschaftliches Wachstum.

Dank der Verträge des Projekts DEAL der deutschen Wissenschaftsorganisationen behalten deutsche Autoren mittlerweile das Urheberrecht an ihren Artikeln, sofern sie gegen Entrichtung von Gebühren in einer Golden- oder Hybrid-Open-Access-Zeitschrift von Springer Nature oder Wiley publizieren (siehe Infokästen). Hofft Elbakyan auf ähnliche Vereinbarungen überall? Oder wartet sie darauf, dass die Verlage aussterben, die nicht zu Open Access konvertieren? „Es interessiert mich nicht, wie lange Bezahlschranken noch existieren“, erklärt sie. „Dank Sci-Hub ist jeder Artikel schon heute im Open Access verfügbar. Mein Projekt ist mehr als ein Werkzeug, um das Publikationswesen umzukrempeln. Sci-Hub ist das Ziel! Das Publikationssystem muss sich ändern, damit Webseiten wie Sci-Hub problemlos funktionieren können.”

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Für Open Access eher schädlich?

Ginge es nach der Wissenschaftsgemeinde, stünden die Chancen dafür gut. In einer Online-Umfrage von 11.000 Personen war ein Download von raubkopierten Artikeln für 88 Prozent in Ordnung; 59 Prozent gaben an, sich bereits in Schattenbibliotheken bedient zu haben. Offensichtlich gewichtet die Mehrheit freien Wissenszugang höher als die Verwertungsinteressen von Wissenschaftsverlagen. Denn im Gegensatz zu Musik- und Filmschaffenden haben wissenschaftliche Autoren keine kommerziellen Interessen.

Doch Sci-Hub fängt nicht nur Versorgungsengpässe auf. Gleichsam führt es Verlagskonzernen ihr strategisches Versagen vor Augen. Ein Viertel von Sci-Hubs weltweiter Kundschaft kommt aus den OECD-Staaten, also den 37 reichsten Ländern der Erde, und dort vor allem aus US-amerikanischen und europäischen Universitätsstädten. Nutzer rufen also auch Artikel ab, die über die Lizenzen ihrer Heimateinrichtungen verfügbar sind. Warum? Weil Sci-Hub aufzeigt, wie effizient Literaturbeschaffung sein kann. Zwischen dem Einfügen einer DOI in Sci-Hubs Suchmaske und dem garantierten Herunterladen der Publikation vergehen Sekunden. Diese Benutzerfreundlichkeit macht den Umweg über VPN-Einwahl und Bibliotheks-Login der Verlagsdatenbanken unattraktiv.

Obendrein fördert Sci-Hub die wissenschaftliche Karriere. Aus der Schattenbibliothek heruntergeladene Artikel werden 1,7-mal öfter zitiert als sonstige Publikationen. Und mehr als das: Die Downloadrate von Sci-Hub sagt zukünftige Zitationshäufigkeiten sogar zuverlässiger voraus als der Impact-Faktor (arxiv.org/abs/2006.14979). Eigene Publikationen beeinflussen Kollegen also offenbar stärker, wenn sie bei Sci-Hub zugänglich sind? Warum sollte daher noch jemand pro Artikel mehrere Tausend Euro Gebühren an Open-Access-Verlage zahlen, wenn sich Forschungsergebnisse karriereförderlicher via Sci-Hub teilen lassen?

Antwort: Weil Sci-Hub keine echte Alternative zum wissenschaftlichen Publikationswesen bietet.

Paradoxerweise zögert Sci-Hub die Evolution des Verlagswesens sogar hinaus, da es die Versorgungsengpässe lindert, die Preprints und Open-Access-Journale ja zu lösen versuchen. Dank Sci-Hub baut die Wissenschaftsgemeinde weniger Druck auf die Zeitschriftenkonzerne auf, ihre Subskriptionsmodelle abzuschaffen und die Gebühren zu verringern (arxiv.org/pdf/2006.14979).

Zudem hilft das Robin-Hood-Angebot zwar dem Einzelnen, bringt Open Access im Allgemeinen aber in Verruf. Verlagsriesen nutzen die Verwirrung über die Legalität frei verfügbarer Angebote, verweisen auf ihre erfolgreichen Urheberrechtsklagen gegen Schattenbibliotheken und reagieren härter auf Open-Access-Bestrebungen. Illegales Open Access lässt Wissenschaftsverlage klagen, legales Open Access bringt sie an den Verhandlungstisch.

Sci-Hub löst auch nicht das ursächliche Problem des Verlags-Oligopols auf wissenschaftliche Reputation. Das Ansehen von Forschern bemisst sich weiterhin an ihrer Publikationsleistung in Fachzeitschriften mit hohem Impact-Faktor. Sci-Hub bietet ihnen keinen Anreiz, direkt im Open Access ohne Verlagsbeteiligung zu veröffentlichen. Aus Selbstschutz springen nur die wenigsten aus dem Hamsterrad.

Vor allem aber stellt Sci-Hub weder qualitativ hochwertige Publikationen sicher, noch die Maschinerie des Peer-Review-Prozesses in Frage. Obwohl Zeitschriftenkonzerne ihre Autoren, Gutachter und Herausgeber finanziell übervorteilen, hat ihre Tätigkeit doch einen Preis. Denn ihre Redakteure, Lektoren, Graphikdesigner, Plagiatswächter, Wissenschaftsjournalisten, Presseabteilungen und Webdesigner stellen das Verlegen, den Vertrieb und die Bewerbung wissenschaftlicher Information sicher. Diese Zehntausende von Mitarbeitern in über fünfzig Ländern müssen entlohnt werden.

Für diesen Aufwand jedoch hat Elbakyan wenig Verständnis: „Auf meiner Webseite kann jeder Publikationen kostenlos lesen und aus freien Stücken mit anonymen Spenden zum Projekt beitragen. Warum kann Elsevier nicht auch ohne Bezahlschranken funktionieren?“ Ihre Einstellung zum wissenschaftlichen Verlagswesen ist so geradlinig wie pragmatisch: „Setze die Wissenschaft frei, lass den Informationsfluss ohne rechtliche Hindernisse wie das Urheberrecht zu und warte einfach, bis sich das beste Open-Access-Modell von allein entwickelt!“

Das Warten auf einen Plan

Laut Elbakyan würde solch ein „wissenschaftlicher Kommunismus“ den Erkenntnisfortschritt merklich beschleunigen. In diesem marxistisch-leninistischen Konzept werden Informations- und finanzielle Ressourcen unvoreingenommen und gleichmäßig verteilt. Wie sie die Qualität von Publikationen und die Reputation von Wissenschaftlern darin gewichten würde, beantwortet Elbakyan nicht: „Denn der Stolperstein auf dem Weg zu Open Access besteht darin, auf einen detaillierten, staatlich gestützten Plan zu warten, wie Wissenschaft ohne Kontrolle durch Verlage funktionieren könnte. Das beste System kann der menschliche Verstand jedoch nicht berechnen – vor allem nicht, solange uns der gegenwärtige Status Quo des Verlagswesens einengt. Solange wir darauf warten, wird Wissenschaft niemals frei sein. Wir müssen den Sprung ins Ungewisse wagen!“

Ob nun Befreiungsschlag oder kontrollierte Reform – erst wenn Sci-Hub aus dem Schatten tritt, wird es sein eigentliches Potenzial entfalten. Als Mehrwertdienst könnte es zum Beispiel spezifische Information in seiner riesigen Datenbank auffinden und deren Bedeutung automatisiert erschließen. Es könnte sogar das Herzstück eines reformierten Publikationswesens werden, in dem beispielsweise Universitäten nicht-kommerzielle Open-Access-Angebote verlegen und die heutige Mitarbeiterschaft von Wissenschaftsverlagen beschäftigen. Dadurch würde Sci-Hub den Erkenntnisgewinn nochmals beschleunigen. Denn Elbakyan hat recht: „Sci-Hub bleibt! Kostenlose Online-Datenbanken mit wissenschaftlicher Literatur verschwinden nicht, sobald sie legal oder Verlagsdatenbanken frei sind. Es wird mehr von uns geben!“

All das steht und fällt mit der Frustrationsgrenze der Wissenschaftsgemeinde.




Der Farbkasten des Open Access (OA)

OA-Publikationswege unterscheiden sich in der Reputation ihres Erscheinungsorts, ihrer zeitlichen Verfügbarkeit und ihren Publikationsgebühren. Urheberrechte verbleiben im Rahmen unterschiedlicher Creative-Commons-Lizenzen beim Autor. Alle OA-Journale verzichten auf eine Druckausgabe. Ein Publishing-on-Demand inklusive ISBN-Vergabe und Nachweis in Buchhandelskatalogen ist oft möglich. Von 15.746 im Directory of Open Access Journals (doaj.org) gelisteten Zeitschriften verlangen 11.439 keine Publikationsgebühren (Stand: Januar 2021).

Gold: Artikel sind in der Verlagsdatenbank frei zugänglich. Publikationsgebühren werden als Article Processing Charges (APC) von Instituts- oder Projektmitteln, Publikationsfonds, Bibliothekskonsortien oder Fachgesellschaften getragen.

Grün: Preprints oder Postprints sind zusätzlich zur Verlagsdatenbank in einem Instituts-Repositorium oder auf einem Dokumenten-Server wie arXiv, bioRxiv oder PeerJ zugänglich – manchmal erst nach Monaten, und manchmal nur die Manuskript-Version, nicht aber der Artikel im Verlagslayout.

Blau: Artikel erscheinen auf grünem Weg mit einer Sperr- oder Embargo-Frist – oder als Postprint, falls Preprints nicht erlaubt sind.

Hybrid: Artikel erscheinen in herkömmlichen Subskriptionszeitschriften und werden gegen eine zusätzliche APC-Zahlung Open Access gestellt. Für den Artikel werden also Subskriptions- und Publikationsgebühren fällig (Informationspraxis, doi: 10.11588/ip.2015.1.18274). APCs können höher ausfallen als in reinen OA-Journalen. Viele Publikationsfonds schließen Hybrid-OA aus.

Bronze: Artikel dürfen am Erscheinungsort ohne OA-Lizenz kostenlos gelesen und heruntergeladen, aber nicht weiterverbreitet werden.

Schwarz: Schattenbibliotheken wie Sci-Hub und LibGen stellen die Artikel kostenfrei zur Verfügung.

Platin: Artikel werden ohne Publikations- oder Lesegebühren verbreitet. Jegliche Interessenkonflikte seitens der Verleger entfallen.

Bleiben noch die Zitationshäufigkeiten: OA-Artikel erhalten 18 Prozent mehr Zitationen, Subskriptionsartikel 10 Prozent weniger Zitationen als der Durchschnitt aller Veröffentlichungsformen. Spitzenreiter mit jeweils 33, 31 und 22 Prozent sind grünes, Hybrid- und bronzenes Open Access. Golden-OA-Artikel werden 17 beziehungsweise 9 Prozent seltener zitiert als der Durchschnitt beziehungsweise Subskriptionsartikel (PeerJ. doi: 10.7717/peerj.4375).




Erfolg und Niederlage von Open Access (OA)

Das Directory of Open Access Journals listet 15.746 Einträge (Stand: Januar 2021). Von weltweit rund 50.000 wissenschaftlichen Fachjournalen folgen also 32 Prozent einem OA-Lizenzierungsmodell. Allerdings konvertierten bisher nur 302 Zeitschriften zu goldenem Open Access, während 157 Journale zu gebührenpflichtigen Subskriptionsmodellen zurückwechselten.

Etwa 28 Prozent aller wissenschaftlichen Aufsätze sind legal frei erhältlich, oft nach Wartezeiten von mehreren Monaten und abhängig vom Fachbereich. Sind in der biomedizinischen Forschung 60 Prozent aller Artikel frei verfügbar, finden sich nur 15 Prozent der Publikationen aus der Chemie nicht hinter Bezahlschranken (PeerJ. doi: 10.7717/peerj.4375).

Der Marktwert von OA-Journalen wuchs von 570 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 675 Millionen Euro im Jahr 2019, trägt also nur wenige Prozent zum weltweiten Verlagswesen bei. Gleichzeitig ist es aber das Marktsegment, das mit zehn bis zwölf Prozentpunkten pro Jahr am schnellsten wächst.

Open-Access-Initiativen in Deutschland

Die „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ von 2003 soll kostspielige Zeitschriftenabonnements abschaffen. Autoren sollen uneingeschränkte Urheberrechtsinhaber bleiben. Neben der Hochschulrektorenkonferenz, dem Wissenschaftsrat, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie Helmholtz, Max-Planck, Leibniz, Fraunhofer & Co. unterzeichneten sie bisher 666 Institutionen. Seit 2009 fordert die „Gemeinsame Erklärung zu Open Access und Urheberrecht“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen „eine für den Leser entgeltfreie Publikation [...] von Forschungsergebnissen, die durch den Einsatz öffentlicher Mittel [...] erarbeitet wurden.“

Bis Ende 2018 ließen beinahe alle deutschen akademischen Einrichtungen ihre herkömmlichen Subskriptionsverträge auslaufen. Seitdem versucht die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen im Projekt DEAL, Publish-&-Read (PAR)-Vereinbarungen mit den drei größten Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley auszuhandeln.

Der im Januar 2019 erzielte Dreijahresvertrag mit Wiley macht 1.600 Zeitschriftentitel bis zurück ins Jahr 1997 dauerhaft verfügbar. In 1.420 Subskriptionszeitschriften können Autoren für eine PAR-Gebühr von 2.750 Euro im Open Access publizieren. Etwa 110 Golden-OA-Journale gewähren zwanzig Prozent Nachlass auf ihre APC-Listenpreise zwischen 550 Euro und 4.700 Euro pro Artikel.

Der im Januar 2020 abgeschlossene Dreijahresvertrag mit Springer Nature erschließt den dauerhaften Zugriff auf die Artikel von 1.900 Zeitschriftentiteln zurück bis 1997. Ausgenommen sind Nature-Zeitschriften und Magazine wie Scientific American und Spektrum der Wissenschaft. Die Vereinbarung ermöglicht Open-Access-Publikationen in 2.340 Zeitschriften – entweder in 1.900 Subskriptionszeitschriften für eine PAR-Gebühr von 2.750 Euro pro Artikel oder in 440 Golden-OA-Zeitschriften mit einem Nachlass von zwanzig Prozent auf die APC-Listenpreise zwischen 750 Euro bis 4.530 Euro pro Artikel. Der Nachlass gilt nicht für Nature Communications und Scientific Reports. Die jährliche Steigerung der APC-Preise ist auf 3,5 Prozent begrenzt.

Die Verhandlungen mit Elsevier sind wegen überhöhter Forderungen seitens des Verlags seit Juli 2018 ausgesetzt. Publish-&-Read (PAR)-Gebühren sind nicht mit Article Processing Charges (APC) gleichzusetzen. PAR-Gebühren ersetzen Zeitschriftenabonnements, indem sie sowohl die Veröffentlichungskosten von Artikeln im Open Access als auch die Kosten für den Lesezugriff auf Hybridzeitschriften abdecken.

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