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„Wir müssen die Grenzen zwischen Institutionen aufbrechen“

Nikolaus Rajewsky, Berlin
Das Interview führte Karin Hollricher, Laborjournal 3/2020


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Nikolaus Rajewsky vertraut trotz Absage des Flagship-Programms weiterhin darauf, dass die EU das „Mega-Projekt“ LifeTime fördern wird. Foto: MDC Berlin
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(11.03.2020) Im letzten Jahr kappte die EU überraschend die weitere Milliarden-Förderung im Rahmen ihres Flagship-Programms. Eines der europaweiten Großforschungsprojekte, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgreich in die Endausscheidung vorgearbeitet hatten, war LifeTime. Wir sprachen mit Nikolaus Rajewsky vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin, einem der beiden LifeTime-Koordinatoren, ob und wie es mit dem Projekt jetzt weitergeht.

Laborjournal: LifeTime gehörte zu den sechs Projekten in der letzten Entscheidungsrunde des EU-Flagship-Programms. Sie lagen hier gut im Rennen, sagen Sie. Worum geht es bei diesem Projekt?

Rajewsky » Wir sind eine Community von knapp hundert Forschungsinstitutionen und über achtzig Firmen aus fast allen europäischen Ländern – und wir haben eine große Vision. Wir wollen die neuen Technologien zur Single-Cell-Multi-Omics, die ja in den Lebenswissenschaften gerade alles verändern, mit künstlicher Intelligenz und personalisierten Krankheitsmodellen wie Organoiden aus Patientenzellen kombinieren. Ziel ist es, die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten molekular ganz genau zu verstehen, um die Erkrankungen bereits frühestmöglich erkennen und somit behandeln zu können, bevor sie sich voll entwickelt haben. Der medizinische Ausdruck für diesen fundamental neuen Ansatz ist Disease Interception. Heute greift man ja erst ein, wenn der Betroffene schon deutliche Symptome hat, was dann oft wirklich massive Interventionen erfordert. Natürlich kann man mit dieser Art von Früherkennung nicht alle Erkrankungen heilen – das ist keine Wunderwaffe. Aber wir glauben, dass wir eine ganze Reihe von Krankheiten, die wir heute nicht gut behandeln können, mechanistisch verstehen lernen – und dann darauf basierend bessere Therapien entwickeln können.

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Also weg von der Reparaturmedizin hin zur frühen Intervention. Aber wird dieses Konzept nicht auch als Systemmedizin bezeichnet?

Rajewsky » Das Wort Systemmedizin möchte ich nicht verwenden, denn für mich bleibt unklar, was es eigentlich bedeutet. Unsere Vorschläge dagegen beschreiben ganz klar die Techniken, die Methoden und die Ziele. Beispielsweise haben wir definiert, wie wir maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz für die Einzelzell-Analyse verwenden können, um aus diesen Ergebnissen neue Therapien und Medikamente für den Patienten zu entwickeln.

Wissen Sie eigentlich, warum die EU das Flagship-Programm jetzt plötzlich beendet hat?

Rajewsky » Diese Projekte liefen jeweils zehn Jahre. Die jahrelange Festlegung der Budgets war politisch anscheinend nicht mehr gewollt. Was ich schade finde! Denn mit kurzfristig angelegten Projekten können wir immer nur kleine Schritte machen. Wir können nicht die Infrastruktur bilden und die kritische Masse erzeugen, die nötig sind, um wirklich größere Fortschritte zu erreichen.

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Wie soll LifeTime nach dem Untergang des Flagship-Programms jetzt weitergehen?

Rajewsky » Oh, wir sind eine sehr lebendige Community. Wir hatten von der EU eine Million Euro bekommen, um eine Roadmap zu erarbeiten. Das haben wir auch getan. Quasi als Nebenprodukte sind dabei verschiedene Whitepaper und Artikel entstanden, die wir noch in diesem Sommer veröffentlichen werden. Wir sind in Verhandlungen mit verschiedenen Top-Journals, um eine Übersicht und weitere detaillierte Unterthemen zu publizieren.

Und die EU soll LifeTime auch ohne Flagship vom Stapel lassen?

Rajewsky » Ja, unbedingt! Wir haben sehr, sehr viel Arbeit hineingesteckt und nicht nur unter Wissenschaftlern diskutiert, sondern auch mit verschiedenen Abteilungen der Europäischen Kommission sowie mit Vertretern des Europäischen Parlaments und der nationalen Förderorganisationen gesprochen. Letztere sollen schließlich – so war es schon im Flagship-Programm vorgesehen – fünfzig Prozent der Kosten übernehmen. Das Ergebnis ist unsere Roadmap, an der ein hochkarätiges Team von Wissenschaftlern und Klinikern mitgearbeitet hat. Tatsächlich macht es mich unheimlich stolz, in LifeTime mit so vielen ausgezeichneten Leuten zusammenzuarbeiten. Tja, und jetzt geht es in die heiße Phase: Wir wollen mit Brüssel verhandeln, ob und wie unsere Roadmap umgesetzt werden kann. Wir haben in dem Papier nicht nur das Konzept und dessen technische Umsetzung umfassend dargestellt, sondern wir machen auch konkrete Vorschläge, wie die EU Geld aufwenden sollte, um diese Vision verwirklichen zu können. Ich kann natürlich nicht sagen, was da passieren wird – aber die Signale, die wir bekommen, sind eigentlich sehr ermutigend. Die Europäische Kommission sieht, dass LifeTime eine einzigartige Chance für Europa ist, die Medizin von morgen zu gestalten.

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Unterscheidet sich denn LifeTime konzeptionell von den früheren Flagship-Projekten?

Rajewsky » Im Unterschied zu früheren Projekten wollen wir nicht einfach nur Fördergelder für Forschung ausgeben, sondern wir wollen für Europa Infrastrukturen aufbauen, welche die Wissenschaft, die Medizin und die Patientinnen und Patienten besser vernetzen. Solche Single-Cell-Zentren – also „Integratoren“ von Molekularbiologie, Medizin und künstlicher Intelligenz – gibt es noch nicht. Zwar hat die polnische Regierung gerade die Förderung für ein nationales Zentrum bewilligt – aber wenn man auf nationaler Ebene verhaftet bleibt, fehlt der europäische Mehrwert. In den Lebenswissenschaften halte ich die EU-Entscheidung für wirklich irrational, weil gerade hier, und das wurde in den Diskussionen immer deutlicher, verschiedene Institutionen wirklich vernetzt miteinander arbeiten sollten – also die Experten für maschinelles Lernen mit den Molekularbiologen und Kliniker mit Grundlagenwissenschaftlern. Wir müssen die Grenzen zwischen Institutionen aufbrechen. Und dafür muss man langfristig investieren. Sonst werden wir auch in Zukunft die Sachen wieder teuer in den USA kaufen, statt Innovationskultur in Europa zu pflegen.

Nun gibt es ja neue EU-Kommissare. Müssen Sie denen jetzt nochmals erklären, was Sie vorhaben?

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Dreht die EU den Hahn für LifeTime wieder auf? Illustr.: iStock/ erhui1979

Rajewsky » Ja, wir haben durch die Neubesetzungen mehr Arbeit, denn Brüssel ordnet sich gerade um. Aber ich sehe das auch als Chance.

Die starke Industriebeteiligung spricht dafür, dass Biotech- und Pharmaunternehmen LifeTime für vielversprechend halten. Dabei ist es doch ein sehr langer Weg von der Erkenntnis zur Produktentwicklung.

Rajewsky » Letztes Jahr diskutierten in Basel Wissenschaftler mit den großen Playern der Pharmaindustrie, wie wir die Ergebnisse von LifeTime tatsächlich in Produkte umsetzen können, die den Menschen zugute kommen. Forschungsinstitute können diesen letzten Schritt ja nicht umsetzen, auch nicht mit Spin-offs. Wir brauchen daher also die großen, etablierten Unternehmen. Das war ein sehr spannendes Meeting. Wir haben da den „LifeTime Call for Action“ auf den Weg gebracht, weil uns allen klar wurde, dass ein neues und frühes Miteinander auf diesem Themengebiet gebraucht wird. Die Industrie sieht, dass die Grundlagenforschung die Integration von Einzelzell-Analyse, künstlicher Intelligenz und Organoid-Modellen leisten kann, ihre eigenen Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen das aber zurzeit nicht hinbekommen. Die Industrievertreter wollen deshalb neue Wege mit Grundlagenforschung und Kliniken gehen. Und das finde ich richtig aufregend. Denn dann könnten Wissenschaftler künftig zwischen Tätigkeiten in Forschung, Klinik und Industrie auch mal wechseln, statt sich für immer für einen Arbeitsplatz entscheiden zu müssen.

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Hundert Institute und achtzig Firmen aus fast allen EU-Ländern sind viele Partner, noch mehr Personen und sicher noch mehr Verwaltung. Wie will man so ein Forschungs-Dickschiff steuern?

Rajewsky » Ich sehe uns als eine Community. Auf den von uns organisierten Konferenzen treffen sich Menschen, die die Methoden anwenden, die wir entwickelt haben. Die Community ist sehr lebendig und erfreut sich intensiver Diskussionen. Da wird viel inhaltliche Arbeit geleistet. Aber natürlich hatten wir auch ein Steering Board sowie ein Büro mit sechs Vollzeit-Administratoren. Die sorgten dafür, dass die Kommunikation stimmt, die Roadmap geschrieben wird, die Whitepaper zustandekommen. So ein Büro benötigen wir natürlich auch in Zukunft.

Um wie viel Geld geht es bei LifeTime eigentlich?

Rajewsky » Die Flagships erhielten früher je eine Milliarde für zehn Jahre – und das halte ich für eine vernünftige Größenordnung, mit der man viel schaffen kann. Das klingt zwar nach sehr, sehr viel Geld. Aber davon soll die Hälfte aus nationalen Fördermitteln kommen, also jeweils jährlich fünfzig Millionen von der EU und ebenso viel von allen beteiligten Nationen.

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Apropos national: Wie kommt LifeTime denn beim Bundesforschungsministerium und der Mnisterin an?

Rajewsky » Wir arbeiten mit dem Bundesforschungsministerium konstruktiv zusammen und pflegen regen Kontakt zu verschiedenen Referaten. Mit der Forschungsministerin gab es leider noch keinen persönlichen Austausch.

Das klingt jetzt nicht so, als wäre Anja Karliczek eine große Unterstützerin.

Rajewsky » Das kann ich nicht einschätzen. Aber die Kanzlerin persönlich will uns unterstützen. Sie war bei der Eröffnung unseres Instituts BIMSB...

...Das Berlin Institute for Medical Systems Biology...

Rajewsky » ...Genau. Also, bei der Eröffnung haben unsere Studentinnen und Studenten ihr LifeTime genau erklärt, die Technologien vorgeführt – und ihr natürlich beschrieben, warum wir LifeTime für einen Game Changer halten. Frau Merkel hat das auch sehr genau verstanden und in ihrer Rede gesagt, sie fände LifeTime eine sehr wichtige Initiative. Sie war sehr angetan und erklärte, sie würde mit Frankreichs Präsident Macron darüber sprechen, den sie am folgenden Tag besuchen wollte. Geneviève Almouzni vom Institut Curie in Paris koordiniert ja das Projekt mit mir zusammen. Frau Merkel sieht diese Kooperation auch als deutsch-französisches Freundschaftsprojekt.

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Was machen Sie mit LifeTime, wenn es keine EU-Förderung bekommt?

Rajewsky » Wir – und damit meine ich eine große Zahl europäischer Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher – haben so hart gearbeitet, wie wir konnten, und werden dies auch weiterhin tun. Unsere Roadmap, entstanden in stetigem konstruktiven Austausch mit fast allen relevanten europäischen Gremien und Organisationen, ist gut und visionär geworden. Und ich finde, darauf kann Europa, inklusive der „Policy Makers“, stolz sein. Also schauen wir jetzt einmal mutig und zuversichtlich in die Zukunft. Und vertrauen mal ein wenig auf die Politik.



Letzte Änderungen: 11.03.2020

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