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Doktorprüfung

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Auf Autopilot folge ich Professor Waldner durchs Chemiegebäude. Sind wir wirklich auf dem Weg zu meiner Doktorprüfung? Unter meinem Arm trage ich eine Kopie meiner Dissertation, voller unleserlicher Notizen, während sich meine Beine unwillkürlich voranschieben und meine Hände vor Schweiß triefen.

Den ganzen Sommer über habe ich mich darauf vorbereitet. Noch gestern hatte ich das Gefühl, alles zu wissen – aber jetzt ist mein Kopf leer.

Wir betreten einen kleinen Raum im hinteren Teil des Chemiegebäudes. Ein grauhaariger Mann springt von seinem Stuhl auf und stellt sich vor: „Professor Grün, guten Tag.“ Er spricht mit sanfter Stimme und hält mir eine kalte, schweißige Hand hin. Meine Güte, er wirkt so verletzlich. Bilder schießen durch meinen Kopf, wie er wohl als Schulkind jeden Tag seine Brotzeitdose rausrücken musste und immer der Letzte war, der im Sportunterricht in die Mannschaften gewählt wurde.

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Wir haben noch nicht einmal begonnen und ich empfinde bereits Mitleid mit meinem Prüfer. Wie komisch. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er mehr Angst vor der Prüfung hat als ich selbst.

Ich setze mich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Wenngleich Professor Grün viel weniger angsteinflößend ist, als ich es mir vorgestellt hatte, befindet sich mein Stresslevel noch immer in der Stratosphäre. Dieser Mann wird entscheiden, ob ich bestehe oder nicht. Schon sehr bald...

„Wen haben wir denn hier? Ich würde gerne etwas mehr über Sie erfahren, bevor wir loslegen. Was treibt Sie an?“

Ich starre ihn an und weiß nicht, was ich sagen soll. In der Vergangenheit hat mich meine Liebe zur Wissenschaft angetrieben, aber heute habe ich keine Ahnung, was mich antreibt oder warum ich überhaupt hier bin.

Professor Grün fixiert mich. „Was möchten Sie nach der Promotion gerne arbeiten?“

Vor vier Jahren wollte ich eine herausragende Wissenschaftlerin werden. Jetzt habe ich noch nicht einmal die Selbstsicherheit, um sagen zu können, dass ich gut Klos reinigen könnte.

„Haben Sie das Gefühl, dass Sie während Ihrer Promotion genug gelernt haben, um den nächsten Schritt in Ihrer Karriere zu tun?“

Die beiden Professoren blicken mich prüfend an, sie erwarten eine Reaktion. Ich könnte ihnen niemals die ungeschminkte Wahrheit sagen. Dass ich so viel „gelernt“ habe wie ein Pinguin, wenn er seinen tausendsten Fisch isst. Dass ich „gelernt“ habe, dass ich ein suboptimales, ach schlichtweg ein fehlerhaftes „Modell“ bin – und gerade jetzt hoffnungslos schwach?

„Ich nehme an, es gibt immer noch mehr zu lernen“, schaffe ich es gerade noch herauszupressen – und hoffe, dass sie nicht merken, wie mir die Frage beinahe die Tränen in die Augen getrieben hätte.

Beide Männer öffnen eine Kopie meiner Dissertation. Professor Grün hat sich massenhaft Notizen gemacht.

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„Dann gehen wir Seite für Seite durch“, erklärt er.

Ich blicke auf die 250 Seiten vor mir, dann auf all die Anmerkungen, die er in seiner Kopie gemacht hat. Verzweifelt schaue ich zu Professor Waldner. Er vermeidet Blickkontakt, doch verrät mir seine faltige Stirn, dass auch er diesen Vorschlag für irrsinnig hält.

„Hm, gerne doch“, entgegne ich.

Geduldig blättert Grün durch die ersten dreißig Seiten der Einleitung. „Sehr gut“, murmelt er. Dabei schaut er nicht auf und stellt auch keine Fragen. Wenn wir also nur die Existenz der 250 Seiten bestätigen, dann bin ich damit voll einverstanden. Dann werde ich bestehen, denn ich verfüge über unbestreitbare Kompetenz, wenn es darum geht, Buchseiten stumm anzustarren.

Schließlich deutet er auf eine chemische Formel. Nüchtern informiert er mich, dass eines von dutzenden Wasserstoffatomen in die falsche Richtung zeigt. Ah, Felix hatte mich schon vor der berüchtigten „Wasserstoff-Mafia“ gewarnt.

„Macht nur weiter, ich bin gleich zurück“, sagt Professor Waldner und verlässt den Raum. Professor Grün lässt das verwirrt zurück.

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„Sie kennen Professor Waldner?”, frage ich schnell. „Nein, erst seit heute.“ „Vermutlich ist er nur eine rauchen gegangen.“ Professor Grün blickt mich an, als hätte ich ihm offenbart, dass Professor Waldner sich gerade seine wöchentliche Dosis Rohypnol abholt.

Als Professor Waldner zurückkommt, werde ich gerade zu den verwendeten Techniken befragt – und wie ich bestimmte Schlussfolgerungen treffen konnte. All diese Fragen, die nicht mich persönlich betreffen, kann ich beantworten. Ich bin nicht mehr nervös.

Nach etwa zwei Stunden neigt sich die Prüfung dem Ende zu und Professor Waldner bittet mich, den Raum kurz zu verlassen. Im Gang lehne ich mich gegen die Wand und merke, wie mein Kopf schmerzhaft dröhnt. Ich schließe meine Augen und atme tief durch. Ich habe mich selbst vor Augen, wie ich vor vier Jahren als hochmotivierte Doktorandin anfing, besessen von dem Wunsch, eine Wissenschaftlerin zu werden. Und was ist davon heute übrig? Ich bin eine desillusionierte Doktorin-in-spe, die zu viel Wein trinkt und keine Zukunftspläne hat...

„Karin?“

Ich öffne meine Augen. Professor Waldners Finger ruhen auf meiner Schulter. „Du kannst wieder reinkommen.“

„Gratulation, Sie haben bestanden“, sagt Professor Grün mit einer Begeisterung, die ich nicht empfinde, und schüttelt meine Hand.

Seltsamerweise fühle ich mich irgendwie erniedrigt, wo ich doch stolz sein sollte.



Letzte Änderungen: 05.11.2018

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