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Buchbesprechung

von Esther Lilienweiss

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Bernhard Kegel:
Epigenetik. Wie Erfahrungen vererbt werden

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: DUMONT Literatur und Kunst Verlag; Auflage: 1 (28. September 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3832195289
ISBN-13: 978-3832195281
Preis: EUR 19,95

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Epigenetik
Epigenetik endlich bewiesen: Die Vorfahren dieses Zebras wurden konsequent mit Fleisch gefüttert.
Der Biologe und Schriftsteller Bernhard Kegel hat mit Das Ölschieferskelett (1996) einen der spannendsten und mit Der Rote (2007) einen der langweiligsten deutschen Wissenschaftsthriller geschrieben. Wonach schlägt sein neues Sachbuch?

Angeboren oder erworben? Geht es um den Ursprung und die Weitergabe von Eigenschaften, erhitzen sich traditionell die Gemüter von Wissenschaftlern und Religionsgläubigen. Bestimmt auch deshalb, weil es keine einfache Antwort gibt. Dies erschließt sich demjenigen, der sich mit der jungen Forschungsrichtung der Epigenetik auseinandersetzt. In seinem neuesten Buch Epigenetik – Wie Erfahrungen vererbt werden erläutert der Berliner Biologe Bernhard Kegel den aktuellen Forschungsstand dieser Disziplin.

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Epigenetik ist die Lehre von den vererbbaren Zelleigenschaften, die ohne Änderung der DNA-Sequenz auftreten. Oder, wie die Wiener Genetikerin Denise Barlow sagt, „all die seltsamen und wundervollen Dinge, die sich durch Genetik nicht erklären lassen“. Bernhard Kegel stellt die zugrundeliegenden epigenetischen Phänomene in 16 mit Informationen vollgepackten Kapiteln vor. Er tut dies lebendig und zitatenreich.

Ein Beispiel: Die 1744 von Carl von Linné beschriebene, erbliche „Monsterblütenform“ des Leinkrauts unterscheidet sich stark von der des Wildtyps (Linaria vulgaris). Deshalb nahmen die Systematiker an, es handele sich um eine eigene Art. Schaut man allerdings genauer hin, so erkennt man zwei Blütenausprägungen einer Spezies. Die naheliegende (jedoch falsche) Erklärung ist, dass eine Muta­tion in dem für die Blütenform verantwortlichen LCYC-Gen die Unterschiede bedingt und die Vererbung manifestiert.

Richtig hingegen ist: Ein epigenetischer Mechanismus, die DNA-Methylierung, ist für die unterschiedlichen Blütenformen verantwortlich. In den codierenden Sequenzen des Gens bindet eine Methylgruppe (reversibel) an bestimmte Cytidin-Basen, blockiert so den Zugang zur DNA und inaktiviert das Gen. Die Ausbildung der ursprünglichen Blütenform unterbleibt.


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Der Einfluss hungernder Opas

Auch hungernde Opas in der nordostschwedischen Gemeinde Överkalix brachten die Forscher zum Staunen. Gut dokumentierte Ernährungsdaten deckten den folgenden Zusammenhang auf: Litten die männlichen Dorfbewohner einst an Hunger, so steigerte dies die Lebenserwartung ihrer gleichgeschlechtlichen Enkel. Nahrungsmangel beeinflusst also via Vererbung die Physis nachfolgender Generationen.

Bernhard Kegel
Der Wissenschaftsautor Bernhard Kegel. Foto: Urania
Leider liefert Kegel keine Erklärung dafür, wie diese Vererbung fixiert sein könnte. Er deutet lediglich an, dass selbst die Epigenetik hier in Erklärungsnot gerate. Viel Platz räumt er dagegen den molekularen Grundlagen epigenetischer Prozesse ein. Die Biologen wird‘s freuen, die Laien frustrieren, denn eigentlich wollte Kegel doch ein Sachbuch schreiben. Allerdings verlangen seine detaillierten Schilderungen komplexer Zusammenhänge zu viele Vorkenntnisse und trüben den Lesespaß erheblich.

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Für Einsteiger in das Thema empfiehlt sich somit weniger anspruchsvolle Literatur. Leser mit Vorwissen dagegen erwarten spannende Schilderungen, etwa wenn Kegel weitere „Spieler der epigenetischen Mannschaft“ vorstellt. Zum Beispiel die Nukleosomen: Ursprünglich abqualifiziert als bloßes Verpackungsmaterial der DNA, lernt der Wissbegierige nun das epigenetische Potential der DNA-Histon-Komplexe kennen. Die Aminosäureschwänze der Histon-Untereinheiten ragen aus ihnen heraus und binden chemische Gruppen mit Signalwirkung. Das führt zur Aktivierung (oder Hemmung) der DNA-Transkription – wie genau, ist noch nicht aufgeklärt.


Nicht bloß Verpackung

In Kapitel 12 nimmt Kegel etwas Tiefgang heraus; der Leser darf sich erholen und erfährt, warum der nächtliche Gang zur Toilette aus epigenetischer Sicht zum Risiko werden könnte. Danach spekuliert Kegel über den Einsatz einer „Heuschreckenkitzelmaschine“ und zeigt damit sein Talent, Sachthemen in spritziger und origineller Weise darzustellen. Leider ist ausgerechnet dieses herrliche Kapitel mit 76 Fußnoten gespickt und zudem mit 47 Seiten zu lang geraten. Die Beispiele wollen kein Ende nehmen. Am Ende stellt der Autor die Frage, ob die aus der Epigenetik gewonnenen Erkenntnisse eine rigorose Erneuerung der geltenden Evolutionstheorie nötig machten. Kegels Meinung: Dies sei nur noch eine Frage der Zeit. Mal sehen.


Letzte Änderungen: 30.10.2011

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