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Düstere Zukunft für strahlende Forschung?

(31.01.2022) Die Biologische Strahlen­forschung hat in Deutschland bislang einen hohen Stellenwert. Doch das könnte sich ändern, fürchten Strahlenforscher.
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„Gute Wissenschaft braucht verlässliche Arbeits­bedingungen“ – so lautet ein wichtiger Satz im Koalitions­vertrag der neuen Bundes­regierung aus SPD, Grünen und Liberalen. Eine Aussage, die vielen Forschern aus der Seele gesprochen ist und Hoffnungen weckt auf einen Kurswechsel in Sachen Wissen­schafts­zeitvertragsgesetz und Co. So sprechen sich die Koalitionspartner für mehr Planbarkeit und Verbindlichkeit in der Zeit nach der Doktorarbeit aus und wollen vermehrt Perspektiven für Karrieren außerhalb der Universitäts­landschaft schaffen.

Auf Unverständnis stieß deshalb bei den Betroffenen die vor Jahren getroffene Entscheidung, im Zuge einer thematischen Neuaus­richtung am Helmholtz Zentrum München – einer hauptsächlich vom Bundes­forschungs­ministerium finanzierten Großforschungs­einrichtung – Institute und Arbeitsgruppen zu verschlanken oder sogar stillzulegen. Die Deutsche Gesellschaft für Biologische Strahlenforschung e. V. (DeGSB), die davon ihr Forschungs­gebiet und einen Teil ihrer gut zweihundert Mitglieder betroffen sieht, hat sich deshalb mit einem offenen Brief an die neu berufene Bundes­forschungs­ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) gewandt. Unterschrieben wurde der Brief von den beiden Vorsitzenden der Gesellschaft, Verena Jendrossek und Udo Gaipl, sowie vier weiteren Mitgliedern der Fachgesellschaft.

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Forschung im Wandel

Der Sozialplan, der zwischen der Geschäfts­führung und dem Betriebsrat des Helmholtz Zentrums München abgeschlossen wurde und der allen Angehörigen zugänglich ist, spricht davon, Arbeitsgruppen und Institute, deren Forschung nicht in den Fokus der vierten Periode der Programmorientierten Förderung (PoF) für die Jahre 2021-2027 passt, stillzulegen oder im Umfang stark einzuschränken. In letzter Konsequenz könne dies, wie dem Sozialplan zu entnehmen ist, zu betriebs­bedingten Kündigungen führen.

Neu sind diese Pläne allerdings nicht: Sie gehen sogar zurück bis in die Zeit um das Jahr 2008, als die damalige GSF – Forschungs­zentrum für Umwelt und Gesundheit (die Abkürzung GSF steht für Gesellschaft für Strahlen­forschung, als die das Forschungs­zentrum in Neuherberg bei München in den 1960er-Jahren gegründet worden war) umbenannt wurde in Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungs­zentrum für Gesundheit und Umwelt. Alleine an dieser Umbenennung lässt sich ablesen, dass die Strahlenforschung nicht länger im Mittelpunkt der Großforschungs­einrichtung stehen sollte. In den Fokus rückte stattdessen der Einfluss von Umweltfaktoren auf die Gesundheit, die „Environmental Health“, die sich mit vielen chronischen Krankheiten wie Lungen­krankheiten, Allergien, Diabetes mellitus, Demenz und Depressionen befasst. In diese thematische Umstruk­turierung wurden seinerzeit sämtliche Gremien einbezogen, und sie erfolgte in enger Zusammen­arbeit mit dem Betriebsrat, der den Sozialplan unterschrieben hat und sich gemeinsam mit der Geschäfts­führung des Helmholtz Zentrums dafür einsetzt, dass Kündigungen wenn möglich vermieden werden.

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Strahlenforschung als Verlierer?

Nun stehen die Pläne vor der Umsetzung, was naturgemäß bei den Betroffenen Ängste und Befürchtungen weckt. Allerdings muss auch ihnen klar sein: Forschung ist kompetitiv, Fördermittel sind immer irgendwie knapp. Vor diesem Hintergrund sind von Zeit zu Zeit strategische Neuaus­richtungen mit einer von den verantwortlichen Gremien – und das sind hier Aufsichtsrat und Scientific Advisory Board – durchgeführten Neubewertung von Forschungs­themen und einer Konzentrierung auf Kernkompetenzen angemessen und sinnvoll. Während also an der einen Stelle Institute wie das für Strahlen­biologie (ISB) geschlossen werden, werden an anderer Stelle Themen, die den Zuwendungs­gebern zukunftsweisend scheinen, stark ausgebaut. Ein Beispiel hierfür: Helmholtz AI, eine Einrichtung zur Erforschung von angewandter künstlicher Intelligenz.

Die Notwendigkeit zur thematischen Weiter­entwicklung sieht auch der Betriebsrat des Helmholtz Zentrums München. Den Umfang und den knappen zeitlichen Rahmen des derzeitigen Umbaus bewertet er allerdings als kritisch, wie er gegenüber Laborjournal äußerte. Mit Sorge sehe man am Helmholtz Zentrum München eine Entwicklung hin zu weniger Partizipation der Wissenschaftler und einer Einschränkung der wissen­schaftlichen Freiheit. Für die von der Restruk­turierung betroffenen Mitarbeiter haben Betriebsrat und Geschäfts­führung gemeinsam den oben zitierten Sozialplan verhandelt. In erster Linie zielt dieser wie erwähnt darauf ab, dass Kündigungen vermieden werden und die Mitarbeiter in andere PoF-geförderte Bereiche wechseln können.

Die entscheidende Frage ist wohl, welche Forschungs­themen politisch aktuell für zukunfts­trächtig und förderwürdig eingestuft werden. Die DeGBS ist jedenfalls der Meinung, dass die Strahlen­forschung von den Kürzungen am Helmholtz Zentrum München in nicht vertretbarem Maße betroffen ist und appelliert deshalb an die neue Bundes­forschungs­ministerin, die Pläne ihrer CDU-Vorgänger zu überdenken und zu korrigieren. Die geplante „Schließung und Verschlankung von insgesamt 20 Instituten, Abteilungen und Forschungs­einheiten“ sehen die Unterzeichner des offenen Briefs als einen „in der öffentlich finanzierten Forschungs­landschaft einmaligen und nicht tolerierbaren Vorgang sowie einen Vertrauens­bruch in einem bisher noch nie dagewesenen Umfang“. Unter den Betroffenen seien „erfolgreiche Forschungs­einheiten mit langjähriger Zukunfts­perspektive […], deren Leitungen ein akademisches Berufungs­verfahren am Helmholtz Zentrum München durchlaufen haben.“ Die willkürliche Aufkündigung dieser Berufungs­zusagen könnte die deutsche Forschungs­landschaft und die akademische Tradition langfristig nachhaltig verändern, befürchten Jendrossek und Kollegen.

Traditionell hohes Ansehen

Offensichtlich gibt es in der „Community“ schon länger Befürchtungen, dass die Strahlenforschung in der deutschen Forschungs­landschaft nicht mehr den Stellenwert hat, der ihr zukommen sollte. So hat die Deutsche Strahlen­schutz­kommission – ein Beratungsgremium des Bundes­ministeriums für Umwelt, Verbraucherschutz und nukleare Sicherheit (BMUV) – dessen Mitglieder vom BMUV berufen werden, aber ehrenamtlich und weisungs­unabhängig arbeiten – bereits im Sommer 2021 in einer Stellungnahme die Befürchtung geäußert, dass es durch Stellenabbau und Kürzungen zu einem Kompetenz­verlust in der deutschen Strahlen­forschung kommen könnte. Dabei sei traditionell das Ansehen der deutschen Strahlen­forschung auch international sehr hoch, so das Papier.

Unterstrichen wird diese Aussage dadurch, dass der Vorsitzende der Deutschen Strahlen­schutzkommission Werner Rühm, Physiker am Institut für Strahlenmedizin des Helmholtz Zentrums München, seit 01. Juli 2021 auch dem internationalen Pendant, der Internationalen Strahlen­schutzkommission (ICRP), vorsteht. Die Empfehlungen dieser Kommission sind weltweit und auch in Deutschland Grundlage für viele gesetzliche Regelungen, Normen, Richtlinien und Grenzwerte rund um den Strahlenschutz. Zusätzliche gesellschaftliche Relevanz erhält die Strahlen­forschung durch die Anwendung ihrer Erkenntnisse in der Tumor­behandlung. Nicht umsonst kommen alle sechs Unterzeichner des offenen Briefs aus der Tumorforschung oder der Strahlentherapie.

Angst vor Bedeutungsverlust

In ihrer Stellungnahme fordert die Strahlen­schutzkommission deshalb den Erhalt bewährter Einrichtungen und die Weiter­entwicklung modernster Infrastruktur. Sie spricht sich außerdem für eine nachhaltige Integration der Strahlen­forschung in die nationalen Forschungs­strategien aus, zum Beispiel in die „Hightech-Strategie 2025“, die „Nationale Dekade gegen Krebs“ und die „Nationale Strategie für Künstliche Intelligenz“, aber auch in die Strategie der Bundes­regierung zur Energiewende. Bereits in dieser Stellungnahme wird die Helmholtz-Gemeinschaft als ein ehemaliger Hauptakteur der Strahlen­forschung beschrieben. Dort habe aber, so die SSK, „die Strahlen­forschung trotz ihrer hohen gesell­schaftlichen Relevanz an Bedeutung verloren“. Ein Beispiel hierfür sei die Schließung des oben bereits erwähnten Instituts für Strahlenbiologie (ISB), nachdem dessen Direktor Michael Atkinson Ende 2020 in den Ruhestand gegangen war.

Über die SSK-Stellungnahme diskutierten im Juni 2021 auf einer Abend­veranstaltung in Berlin Vertreter von SSK, BMUV und dem zum BMUV gehörenden Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) mit Vertretern aus Politik, Forschung und Medizin. Mit dem BMUV sei man sich dabei in Wesentlichen einig gewesen, sagten Teilnehmer der Veranstaltung gegenüber dem Laborjournal. Wie es mit der deutschen Strahlen­forschung nun weitergeht, bleibt abzuwarten. Eine Antwort auf den offenen Brief lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht vor.

Larissa Tetsch

Bild: Pixabay/Coernl (Himmel) & OpenClipaart-Vectors


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Letzte Änderungen: 31.01.2022