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Buchbesprechung

Hubert Rehm


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Carl Djerassi:
In Retrospect: From the Pill to the Pen.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: World Scientific Pub Co Inc (21. Oktober 2014)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 1783265310
ISBN-13: 978-1783265312
Preis: 57,47 Euro (Gebundene Ausgabe), 26.53 Euro (Taschenbuch).

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Alte Männer

Kurz vor seinem Tod vor genau einem Jahr hat Carl Djerassi seine dritte Autobiografie veröffentlicht. Eine kritische Rezension von Hubert Rehm.

Ich habe schon einmal ein Buch von Carl Djerassi gelesen. Meine Doktorandin Eva hatte mir Cantors Dilemma geliehen (1991 erstmals auf deutsch erschienen). Weil es so langweilig war, habe ich es der Eva wieder zurückgegeben – obwohl ich sonst geliehene Bücher zu behalten pflege.

From the Pill to the Pen ist mein zweites Djerassi-Buch. Eine alte Dame, die sich für Biografien interessiert, hat es mir geschenkt. Sie hat das Buch ebenfalls gelesen und gemeint:

„Der ist ja ungeheuer eitel“,

„Diese ewigen seitenlangen Zitate von eigenen Werken gingen mir auf den Wecker.“

„Es liest sich von Anfang an dröge, und zum Schluss wird es immer langweiliger.“

„Der hat es nie verwunden, dass er nicht den Nobelpreis bekam.“


Carl Djerassi, Miterfinder der Antibabypille (links), 2011 in Berlin mit dem Chemie-Nobelpreisträger von 1981, Roald Hoffmann. Foto: TU Berlin-Pressestelle-Ruta

Nun gehe ich mit der alten Dame, insbesondere was ihre eigene Biografie betrifft, nicht immer d’accord, und so war ich gespannt, wie Djerassi auf mich wirken würde: Ein langweiliger Romanschreiber kann ein guter Selbstbiograf sein. Romane sind ausgedachter Käse; in einer Biografie jedoch muss man keine Handlungsfäden an den Haaren herbei ziehen, sondern nur aufschreiben, was geschehen ist. Nicht der Schreiber treibt den Stoff, sondern der Stoff den Schreiber. Ist dem Besonderes zugestoßen und widersteht er der Versuchung des „Schönens“, können Bücher mit Ewigkeitswert zustande kommen. Beispiele sind Der Fragebogen von Ernst von Salomon, Out of the Night von Richard Krebs, Homage to Catalonia von George Orwell.

From the Pill to the Pen gehört nicht zu diesen Meisterwerken, das sei vorausgeschickt.

„Der ist ja ungeheuer eitel“

In der Tat weist schon die Tatsache, eine Selbstbiographie geschrieben zu haben, auf Eitelkeit hin und From the Pill to the Pen ist Djerassis dritte (!) Selbstbiographie.

Ja, Djerassi ist eitel, er lässt nichts aus – nicht die Briefmarke, die zu seinen Ehren herausgegeben wurde; nicht den nach ihm benannten antarktischen Gletscher; nicht das große Verdienstkreuz der BRD; nicht die Lichtenberg-Medaille; und auch nicht, dass ihm Präsident Nixon 1973 die National Medal of Science überreichte. Aber man nimmt es ihm nicht übel, weil es so offensichtlich und auch ein bisschen lächerlich ist.

Mehr auf die Nerven gegangen sind mir Djerassis endlose Auslassungen über das „Jüdischsein“: Hinterher weiß man nicht einmal, was Djerassi unter einem Juden versteht. Es nerven die x-mal wiederholten, weinerlichen Hinweise auf seine Vertreibung aus Österreich; die x-mal abgegebene Erklärung, dass er die „Mutter“ und nicht der „Vater“ der Pille sei; das endlose Gesülze des Heimatlosen über den Begriff „Heimat“. Es nerven auch die Beschreibungen der Einrichtungen seiner diversen Wohnsitze.

Gut, dass er diesen Text nicht mehr lesen kann! Djerassi reagierte empfindlich auf Kritik und war leicht beleidigt. In From the Pill to the Pen erregt er sich seitenlang über einen belanglosen Artikel in Chemie in unserer Zeit, der ihn falsch darstelle. Er nimmt es übel, dass ihm die Stanford Universität zum 80. Geburtstag keine Karte schickte. Er hätte soviel für sie getan und sie sei ihm akademische Heimat gewesen. Nun, er wird nicht der einzige sein, bei dem es hieß: abgetreten – abgeschrieben.

Angesichts dieser Selbstbezogenheit erstaunt es, wie korrekt Djerassi die Entwicklung der Pille und ihres 1951 erstmals synthetisierten Wirkstoffs Norethindrone darstellt. Er streicht sich nicht heraus, er betont den Anteil seiner Mitstreiter. Er erwähnt die Vorarbeiten von Maximilian Ehrenstein (1899-1968), der als erster das C19 zwischen den Ringen A und B des Steroidskeletts entfernen konnte – eine Arbeit, die heute wegen mangelnder Reproduzierbarkeit nie publiziert worden wäre. Djerassi lobt seinen Doktoranden Luis Miramontes, der die Synthesearbeit machte, und er verweist auf Elva Shipley, die die Biologie von Norethindrone untersuchte. Djerassi gibt sogar dem Österreicher Ludwig Haberlandt (1885-1932) die Ehre, der lange vor ihm auf die Möglichkeit eines oralen Kontrazeptivums hinwies.

„Der hat es nie verwunden...

Djerassis wissenschaftliche Arbeit erschöpfte sich nicht in der Synthese von Norethindrone. 1951 hatte er auch als erster Cortison aus Diosgenin synthetisiert, und später war er einer der Pioniere der Optischen Rotations-Dispersion (ORD). Er schrieb Lehrbücher und diese verkauften sich ausgezeichnet: Vom Ertrag eines Buches konnte sich Djerassi einen Swimmingpool bauen. Zum Vergleich: Bei den Lehrbüchern des Rezensenten reicht es gerade zu einem Vogelhäuschen. Djerassi scheint auch ein begabter, unkonventioneller Lehrer gewesen zu sein. Dieser Ansicht war auch die eingangs erwähnte alte Dame. Die wissenschaftlichen Abschnitte sind denn auch die besten Seiten dieses Buches.

Seit 1952 stand Djerassi nicht mehr an der Laborbank; er scheint die praktische Chemie schnell gegen das Antragsschreiben eingetauscht zu haben. Ein Grund:

My original dream about the supposed freedom of life in academe, especially nowadays, was also naive, because the search for monetary support for one’s research is so tough, time-concuming, and even demeaning that it constitutes a form of control frequently more oppressive than that always assumed to exist in industry.

Ob es Djerassi wurmte, dass er nie den Nobelpreis bekam, kann ich nicht sagen. Sicher aber trieben ihn die demographischen Auswirkungen seiner (Mit)-Erfindung um. Seitenlang scheint er sich dafür zu entschuldigen, zum Beispiel mit dem Argument: „In Japan sanken die Geburtenraten schon vor der Pille“.


Djerassi als junger Mann beim Manuskriptverfassen

...dass er nicht den Nobelpreis bekam“

In der Tat ist die „Pillenknick“-Hypothese, nach der die Einführung der Pille 1960/1961 die Ursache des darauf folgenden Sinkens der Geburtenrate sei (in USA ab 1961; Deutschland ab 1968; Mexiko, dem Geburtsland der Pille, ab 1971), inzwischen widerlegt. Die sinkenden Geburtenraten in den 1960er Jahren sind Teil einer schon seit 1890 anhaltenden Entwicklung. Sie hat wohl mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Frauen und mit der Gier nach Wohlstand zu tun. Zwar sollte man annehmen, dass zunehmendes Einkommen zu mehr Kindern führe, aber Spieltheorie und Evolution haben ihre eigenen Gesetze: Vor allem, um mit Djerassi zu sprechen, das Gesetz der unerwarteten Folgen („the law of unintended consequences“). Daher hinterlassen die Bewohner der Industrieländer nicht ihre Gene, sondern Container voll Müll und polierte Grabplatten.

Mit Vehemenz wendet sich Djerassi gegen den Vorwurf, er bekäme einen finanziellen Anteil von jeder verkauften Pillenpackung. Den bekam Djerassi nicht: Er hatte die Pille als Angestellter, nicht als Teilhaber der mexikanischen Firma Syntex miterfunden. Aber die Pille hat ihn, über Firmenanteile und den Ruf, den sie ihm verschaffte, dennoch reich gemacht. Vielleicht nicht so reich, wie man glaubt, aber für eine 500 Hektar große Ranch in Kalifornien reichte es. Es ging Djerassi beziehungsweise Syntex übrigens nicht um die Pille, als sie Norethindrone synthetisierten: 1951 interessierte sich die Pharmaindustrie nicht für Kontrazeptiva. Norethindrone wurde denn auch erst 1957 von der FDA zugelassen.

Das erste orale Kontrazeptivum enthielt nicht Norethindrone, sondern, aus firmenpolitischen Gründen, das etwas später entwickelte Steroid Norethynodrel. Es wurde zum Wirkstoff der im August 1960 auf den Markt gebrachten ersten Anti-Babypille.

From the Pill to the Pen soll nicht nur eine Autobiographie sein, sondern auch – wie sich das für einen ehemaligen Wiener gehört – eine Autopsychoanalyse. Vielleicht liest es sich deswegen so langweilig und so langatmig. Zur Autopsychoanalyse gehört vermutlich die Kontaktanzeige in der Zeit, von der Djerassi glaubt, dass er sie selber geschrieben haben könnte. Ja, Djerassi scheint regelmäßig die Kontaktanzeigen in der Zeit gelesen zu haben. Darüber sollten Sie sich nicht wundern: Die Kontaktanzeigen sind das Interessanteste an diesem wöchentlich erscheinenden deutschen Zentralorgan für die politisch-korrekte Lehrerin.

Trotz oder wegen Djerassis Weitschweifigkeit bleiben Fragen offen.

Warum verfiel Rosencranz, der technische Direktor von Syntex, darauf, ausgerechnet den noch unbekannten Carl Djerassi anzuheuern? Djerassi hatte sich bei Syntex nicht beworben.

Warum bekam er von seiner ersten Frau Virginia keine Kinder?

Nun, Weitschweifigkeit ist bei einem alten Mann entschuldbar, doch Djerassis politische Überzeugungen muten seltsam naiv an für einen Mann von seinen Erfahrungen. So bezeichnet er sich als „Male Feminist“. Eine befreite Frau sei für ihn eine Person, die über ihre eigene Fertilität bestimme. Die Pille, zusammen mit der Möglichkeit menschliche Eier einzulagern, befreie die Frau von dem Zwang, sich zwischen Karriere und Kindern entscheiden zu müssen. Aber Frauen gehen mit zunehmendem Alter nicht nur die Eier aus – im Alter von 35 Jahren haben sie 95 Prozent davon verloren – sondern auch die Geduld, mit Kindern umzugehen. Die Eieinlagerung ist meist nur ein Mittel, um Attacken von Torschlusspanik zu bekämpfen, ein Beruhigungsmittel.

Zudem glaubt Djerassi, dass die Männer sich mehr um die Geburtenkontrolle kümmern sollten. Die „Mutter der Pille“ hat sich deswegen auch vasektomieren lassen. Doch vor der Pille war die Geburtenverhütung jahrzehntausendelang Männersache: Entweder mussten sie den Verkehr vor dem Samenerguss unterbrechen oder ein Kondom benutzen. Letzteres war eine lusttötende Angelegenheit aus Schafsdärmen oder Fischhaut. Erst der Berliner Jude Julius Fromm (1883-1945) erfand im Jahre 1914 das Latex-Kondom. Erstaunlich, dass Djerassi das nicht erwähnt, besaß er doch eine der größten Kondomsammlungen der Welt. Fromm wurde 1937 quasi enteignet, seine Kondomfirma ging an Hermann Görings Tante, er selbst emigrierte nach London. Fromm hätte Grund, beleidigt zu sein!

Um bei der Politik zu bleiben: Selbstverständlich hasst Djerassi den Hitler, obwohl er ohne ihn, wie er sagt, in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Arzt in Österreich geworden wäre. Hier fehlt, dass das Österreich von Djerassis Kindheit sich nur in zwei Punkten vom Deutschland Hitlers unterschied: Es betrieb keine aggressive Außenpolitik und es ließ seine Juden in Ruhe. Ansonsten war der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg ein Diktator, der ebenfalls Konzentrationslager unterhielt (in Österreich hießen sie Anhaltelager), gewaltige Reden schwang und ein kleines Schnurrbärtchen trug.

Immerhin: Dem heute an den Universitäten grassierenden Gender-Gaga schien Djerassi nichts abgewinnen zu können; so naiv war er dann auch wieder nicht.

„Zum Ende wird‘s immer langweiliger“

Finde ich nicht. From the Pill to the Pen schleicht sich vielmehr wie ein langsam fließendes Bächlein durch dürre Wiesen, ohne im Sande zu verlaufen oder an Fahrt zu gewinnen. Nur bei der Beschreibung des Freitodes seiner Tochter Pamela im Jahre 1978, damals Djerassis einzige Vertraute, kräuselt sich die Oberfläche. Die Künstlerin litt wohl an Depressionen, die durch chronische Rückenschmerzen verstärkt wurden. Djerassi hält es für möglich, dass die Depressionen vom Ärger seiner Tochter über den angeblich männerdominierten Kunstbetrieb ausgelöst wurden. Wieder eine seltsam naive Ansicht, die ihm vermutlich seine dritte Frau, Diane Middlebrook, eine Feministin, eingeredet hat. Sicher ist, dass Djerassi der Tod seiner Tochter nahe­gegangen ist wie sonst kein Ereignis in seinem Leben.

Ich könnte noch endlos weiterschreiben, aber diese Besprechung ist nun fast so weitschweifig geraten wie Djerassis Buch. Also Schluss jetzt, und nehmen Sie es nicht übel: So ist es halt, wenn alte Männer ins Schwafeln geraten.




Letzte Änderungen: 30.01.2016