Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen (9)

Die Hexen

von Siegfried Bär, Zeichnung: Frieder Wiech (Laborjournal-Ausgabe 11, 2005)


Warum wollte die Hexe den mageren Hänsel fressen, wo sie doch in einem luxuriösen Haus aus Brot, Zucker und Kuchen lebte? Die spärlichen Quellen der Göttinger Professoren Grimm liefern dazu keine Antwort, wohl aber Siegfried Bärs nachfolgender Artikel, in dem auch eine der Hexerei verwandte Wissenschaft zu Wort kommt: die Homöopathie.

Die Existenz von Hexen ist etwa ebenso gut belegt wie die Wirksamkeit homöopathischer Heilmittel. Weniger sicher sind dagegen die Mittel, denen die Hexen ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten verdanken. So können sie Wetter machen und auf Besen zum Blocksberg fliegen, um dort zu tanzen. Zum Fliegen sollen sie Flug- oder Hexensalben benützen. Schon im Standardwerk des Hexenwesens, dem Malleus Maleficarum oder Hexenhammer von 1487, wird eine Flugsalbe erwähnt: Die Art aber des Ausfahrens ist diese: Wie sich nämlich aus dem Vorhergehenden ergeben hat, haben sie sich eine Salbe aus den gekochten Gliedern von Kindern, besonders solcher, die vor der Taufe von ihnen getötet worden sind, zubereiten und nach Anleitung des Dämons damit irgend einen Sitz oder ein Stück Holz bestreichen, worauf sie sich sofort in die Luft erheben, und zwar am Tage und in der Nacht, sichtbar wie auch unsichtbar...


Können so viele Professoren irren?

Der Malleus ist ein ungemein seriöses Werk. Er stammt von zwei Professoren der Universität Köln, Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Sie haben ihre Erkenntnisse aus den Werken des Heiligen Augustinus, der Bibel und des Heiligen Thomas von Aquin, Professor zu Paris, hergeleitet. Die Fakultät der Universität Köln hat dem Buch auch ein lobendes Vorwort gewidmet: Der naive Glaube, dass Holz aus eigner Kraft nicht fliegen könne, ganz gleich wie oft oder auf welche Weise man es mit Fett beschmiert, muss also falsch sein: Schmieren und salben hilft allenthalben und so viele Professoren können nicht irren.


Wie stellt man Flugsalbe her?

Die beste Quelle zu Hexensalben wären, so denkt man, die Verhörprotokolle der Hexenprozesse. In vielen Protokollen werden jedoch keine Salben erwähnt. Wenn doch, dann wollen die meisten Delinquentinnen die Salbe nicht selber hergestellt, sondern von anderen erhalten haben. Dementsprechend machen sie selten Angaben über die Zusammensetzung. Diese Angaben sind widersprüchlich: die einen reden von Hostien, die verwendet worden seien, andere von der Asche ermordeter Kinder, wieder andere von Säuglingsfett oder dem Samen gehenkter Rothaariger. Die Farbe des Konkokts schwankt zwischen schwarz, grün, gelb und blaugrün. Mal wollen die Hexen sich selbst eingeschmiert haben, mal den berühmten Besenstiel oder eine Holzbank.

Eine Anleitung für Hexensalben gibt das 1456 veröffentlichte "Buch der verbotenen Künste" des Arztes Johannes Hartlieb (1400-1468). Danach bereiten die Hexen die Salbe aus sieben Kräutern, so Solsequium (Ringelblume?), Lunaria (Silberblatt), Verbena (Eisenkraut), Mercurialis (Bingelkraut), Barbam jovis (Dachhauswurz) und Capillus Verneris (Frauenhaarfarn). Jedes Kraut wird an bestimmten Tagen gebrochen und mit Vogelblut und Tierschmalz verrieben. Hartlieb ist der Meinung, dass Hexen physikalisch fliegen.

Der Freiherr von Valvasor (1689) dagegen nennt Schlafnachtschatten und Wolfswurz als Bestandteile von Hexensalben. Er glaubt, wohl schon beleckt von der Aufklärung, dass die Hexensalbe nur Träume vom Fliegen auslöst. In der Tat enthalten Nachtschattengewächse wie Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel die Wirkstoffe Atropin und Scopolamin. Atropin, ein kompetetiver Antagonist des Acetylcholins, löst in hohen Dosen Erregungszustände, Halluzinationen und Delirien aus. Scopolamin dagegen lähmt die Motorik und schläfert ein. Beide Verbindungen sind membrangängig. Es ist also vorstellbar, dass Extrakte von Nachschattengewächsen in einer fetthaltigen Salbe auf gut durchblutete Hautpartien aufgebracht, zum Beispiel unter den Achseln, Halluzinationen hervorrufen können. In der Tat haben im letzten Jahrhundert einige Hexenforscher Selbstversuche mit Hexensalben durchgeführt und hinterher über Träume berichtet, in denen es ums Fliegen ging.


Der Tübinger Flugsalben-Vorfall

So schön das klingt, es ist wenig wert. Es gibt keinen Hinweis dafür, dass Hartlieb oder der Freiherr von Valvasor ihre Rezepte wirklich von Hexen haben. Dass die erwähnten Versuchspersonen vom Fliegen träumten, besagt auch nichts, denn oft träumt man, was man erwartet oder womit man sich zuvor beschäftigt hat. Zudem scheint der Genuss von Hexensalben ein zweifelhafter zu sein. Das schließe ich aus eigenen Erfahrungen. Ich hatte als Biochemie-Student zusammen mit meinem Kollegen Kurt H. an einem Seminar des Tübinger Instituts für Völkerkunde teilgenommen. Es ging um den Gebrauch von Drogen bei Naturvölkern. Kurt und ich hielten einen Vortrag über Hexensalben. Das Seminar war gut besucht, denn es war die Zeit, in der ratlose Jünglinge Weisheit im Rausch und Erleuchtung im Dusel suchten - wobei die meisten Erleuchtung auch bitter nötig hatten.

Einige besonders erleuchtungshungrige Hörer baten uns hinterher um das Rezept der Hexensalbe und wie man denn Tollkirschen erkenne. Wir gaben bereitwillig Auskunft, worauf sie sich mit herzlichem Dank und augenzwinkernd in Richtung Botanischem Garten entfernten. Beim nächsten Vortrag jedoch fehlten sie und die Woche darauf saßen sie mit gelben Gesichtern auf dem Tübinger Marktplatz. Ich grüßte, wurde aber keines Blickes gewürdigt und Hexensalben wurden unter den Tübinger Studenten nie populär. Vermutlich ist die Atropin-Zufuhr durch Einsalben schwer zu dosieren und die Wirkung variabel und selten angenehm.

Diese Art Hexensalben, so scheint es, sind die Erfindung überspannter Mediziner. Gehen wir zurück zu den Quellen, zum Malleus. Dessen Notiz über Hexensalben würde bedeutend an Glaubwürdigkeit gewinnen, gäbe es auch nur einen einzigen Bericht, in dem eine Hexe selber die Salbe herstellt.

Diesen Bericht gibt es. Er stammt von zwei Professoren der Universität Göttingen(!), Jakob Grimm und Wilhelm Grimm. Die Bedeutung und richtige Auslegung dieses Berichtes ist bisher der Fachwelt entgangen: Anlässlich einer Hungersnot werden zwei Kinder, Hänsel und Gretel, im Wald ausgesetzt. Sie irren umher und stoßen schließlich auf ein Häuschen aus Brot, Zucker und Kuchen. Darin wohnt eine Hexe, die Symp-tome von Altersdiabetes aufweist (trübe Augen, Gehschwierigkeiten - vielleicht wegen Fußgeschwüren). Die Hexe lädt die beiden zum Bleiben ein und serviert Milch mit Pfannekuchen. Den Hänsel jedoch sperrt sie am nächsten Morgen in einen Stall, um ihn fett werden zu lassen. Das kontrolliert sie, indem sie seinen Finger abtastet. Gretel dagegen muss Wasser tragen und Krebsschalen essen.


Der fragwürdige Grimm-Report

Ist dieser Bericht nicht seltsam? Wie kommt jemand dazu, im regnerischen Mitteleuropa ein Haus aus Brot, Kuchen und Zucker zu bauen? Muss nicht der nächste Regenguss den Zucker wegwaschen und das Brot schimmeln lassen? Die Grimms erklären die Wahl der Baumaterialien damit, dass die Hexe damit Kinder habe anlocken wollen, um sie dann zu verzehren. Das ist Unsinn weltfremder Professoren. Das Haus liegt mitten im tiefen Wald, kein Mensch sieht es, Hänsel und Gretel haben es nur durch Zufall gefunden. Ausgehungert und verzweifelt hätten sie auch angeklopft, wenn das Häuschen nicht essbar gewesen wäre. Zudem wäre das Haus nach dem ersten Regen eben nicht mehr essbar gewesen.

Und warum, beim zwölfschwänzigen Teufel, liegt der Hexe daran, Kinder zu fressen? Sie hat doch Nahrung im Überfluß! Brot, Zucker, Milch und Krebse.

Und warum legt sie gerade auf das Fett der Glieder (Finger) Wert? Warum muß es so schnell gehen, dass sie nach einigen Wochen selbst mit dem mageren Hänsel vorlieb nimmt und noch seine Schwester braten will? Wäre es für die alte, behinderte Frau nicht besser gewesen, die beiden als Arbeitskräfte zu nutzen?

Die Antworten auf diese Fragen deuten alle in die gleiche Richtung.

Zum Sinn des Brothäuschens: Sie erinnern sich, es herrschte Hungersnot. Hexen waren bei Hungersnöten besonders verhasst. Zweifellos ist die Hexe vor der Wut ihrer Mitbürger mit ihren Vorräten an Brot und Kuchen in den Wald geflüchtet. Dort wird die vergessliche Alte festgestellt haben, dass sie nicht nur Lebensmittel, sondern auch ein Dach über dem Kopf braucht. Gut, Holz war genug da, aber womit Bretter sägen und Balken hauen? Säge, Axt und Stechbeitel gehören nicht zum Hexenhandwerk. Also baute sich die Hexe fürs erste das Brothäuschen, denn anderes Baumaterial war nicht verfügbar.

Weil Hexen kurzzeitig das Wetter beeinflussen können, was der Hexenhammer mehrfach versichert, könnte sie zudem eine Dürre ausgelöst haben, die dem wasserempfindlichen Bauwerk eine Schonfrist gab. Aber eine Dürre dauert nicht ewig, denn Hexenwerk ist unbeständig. Werkzeug musste her. Werkzeug gab es beim Obi in der Stadt. Gehbehindert wie die Hexe war, musste sie auf dem Besenstiel zum Obi reiten. Der aber musste geschmiert werden und die nötige Salbe hatte die Hexe wohl aufgebraucht oder im Kapiti Rapiti der Flucht vergessen. Sie brauchte neue Salbe und das schnell. Salbe aber wurde, siehe Zitat oben, aus den gekochten Gliedern von Kindern hergestellt. Daher die Fingerprobe bei Hänsel, daher die Eile. Es konnte ja jeden Tag anfangen zu regnen.


Ist Homöopathie ein Hexenwerk?

Bleibt das Problem, wie man durch Einschmieren einen Besenstiel zum fliegen bringt. Vielleicht mit Homöopathie? Bekanntlich behauptet die, dass man durch Verdünnen und Schütteln die Eigenschaften eines Stoffes potenzieren könne. Warum nicht auch die von Luft? In die Salbe eingeschüttelte Luft, ordentlich potenziert, könnte dem Besenstiel die Eigenschaften eines Luftballons verleihen.

Sicher, Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat zu einer Zeit gelebt, als das Hexenwesen schon am Ausklingen war. Aber wer sagt denn, dass die Hexen die Homöopathie von Hahnemann übernommen haben? Genauso gut könnte es andersrum gewesen sein. Hat sich Hahnemann nicht jahrelang in Siebenbürgen aufgehalten, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Dracula und seiner Hexenschar? Ich habe jedenfalls das deutliche Gefühl, dass Homöopathie und Hexerei viel gemeinsam haben.



Letzte Änderungen: 24.04.2006


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