Schlagabtausch: "verbal" gegen "real"

Es lebe die Streitkultur! Das Sommerloch gibt uns immer wieder Gelegenheit, uns mit Dingen zu befassen, die ansonsten außen vor bleiben. Und das lohnt sich!

(19. August 2008) Ulrich Kutscheras Artikel in Laborjournal 6/2008 erregte heftiges Aufsehen. Noch auf das diesbezügliche Editorial in Laborjournal 7-8/2008 gab es etliche geharnischte Proteste nach der Melodie "Ich bin kein Geisteswissenschaftler, aber ...". Ausnehmend gut geschrieben fanden wir die Entgegnung von Remigius Bunia, einem Friedrichshafener Kulturtheoretiker: Verbalwissenschaftler können eben doch was (nur selten das, was sie meinen zu können). Herr Kutschera fand sich bereit, auf Bunias Aufsatz eine Antwort zu verfassen. Eigentlich wollten wir beides im Heft veröffentlichen, doch dann war kein Platz und in der Redaktion machte sich die Meinung breit, dass dies Thema ein Unendliches sei und daher ins Netz gehöre. Sie finden Herrn Bunias Aufsatz "Wir Verbalwissenschaftler" und Herrn Kutscheras Entgegnung "Das Reale und Verbale in den Wissenschaften" unter diesen einleitenden Worten. Wir empfehlen die Lektüre dieses Schlagabtausches um so mehr, als beide Autoren die Sache mit einer Prise Humor nehmen.


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Remigius Bunia (Friedrichshafen):

WIR VERBALWISSENSCHAFTLER

Dass Ulrich Kutschera mit seinem Beitrag "Lobenswerte Bemühungen" für Empörung unter Geisteswissenschaftlern und Kulturjournalisten sorgen würde, hat er vermutlich nicht geahnt (Laborjournal 2008, 15(6):32-3). Ist doch sein Beitrag ausgewogen intendiert, wenn er hie und da die Leistungen der Kollegen von den Philosophischen Fakultäten lobt. Die Kritik richtet sich eigentlich allein gegen eine bestimmte Kommentierung biologischer Forschung, die sich als wenig informiert erweist. So dringt er darauf, dass Geisteswissenschaftler, die sich mit moderner Evolutionsbiologie und ihren unwissenschaftlichen kreationistischen Gegenentwürfen befassen, über ein Mindestmaß an Sachkenntnissen verfügen sollten. Diese vermisst er bei einem Beitrag von Florian Mildenberger im selben Heft des Laborjournals. Hierzu kann und will ich nicht Stellung nehmen; dazu weiß ich zu wenig über Evolutionsbiologie. Zu einer anderen Frage aber will ich aber – als wissenschaftlich tätiger Neuphilologe und als ausgebildeter Diplom-Mathematiker – Stellung beziehen. Denn was die Empörung provoziert hat, ist die Unterscheidung zwischen Real- und Verbalwissenschaftlern.

Zunächst erscheint der Ausdruck ,Verbalwissenschaftler' so passend, dass gegen ihn nichts einzuwenden ist. Er ist, vergleicht man ihn mit ,Geisteswissenschaften' oder den englischen ,Humanities', so treffend, dass ich beschlossen habe, ihn für meinen Sprachgebrauch zu übernehmen. Denn es ist richtig: Verbalwissenschaftler befassen sich mit dem gesamten Wortbestand dieser Welt. Dabei ist es in der Regel die Sekundärverwertung, um die es ihnen geht: Historiker zweitbenutzen Quellen, Juristen zweitbenutzen Gerichtsurteile, Literaturwissenschaftler zweitbenutzen Dichtung. Natürlich gibt es die Tertiärverwertung, von der Kutschera spricht, und an ihr ist grundsätzlich nichts auszusetzen: Historiker schreiben über Texte anderer Historiker, Juristen schreiben über Texte anderer Juristen, Literaturwissenschaftler schreiben über Texte anderer Literaturwissenschaftler, und so weiter. Bisweilen gibt es primäres Textschaffen: Auch Verbalwissenschaftler können Ideen in die Welt setzen, die diese verändern; zum Beispiel ist die Gewaltenteilung im Staat zunächst auf dem Papier entstanden.

Kein Mensch mit gesundem Menschenverstand zweifelt an dem Nutzen der Erforschung verbaler Phänomene. Auch Kutschera legt viel Wert darauf, die Verbalwissenschaftler nicht in einem Rutsch zu diskreditieren. Denn jeder Biologe, der sich mit einem DFG-Antrag schon einmal gequält hat, wird kaum leugnen wollen, dass die Kraft des Verbalen eine immense Gewalt auf sein Forscherdasein ausübt; er kennt Arbeits- und Dienstverträge und kennt ihre Wirkung; ja: dass gesprochene Sprache im Alltag von eminenter Bedeutung für alle sozialen Prozesse ist, kann kaum in Abrede gestellt werden.

Realwissenschaften?

Aber genau deshalb wirkt der meist umsichtige Text in seinem teils auch herablassenden Tonfall ärgerlich. Denn wie kann man behaupten, dass den Verbalwissenschaften die "Realwissenschaften" gegenüberstehen? Dieser Ausdruck ist ein grober Fehlgriff, nicht weil die Naturwissenschaften keine Realwissenschaften wären, sondern weil sich gerade Verbalwissenschaftler mit der harten Realität des gesprochenen Wortes beschäftigen. Dass Verbalwissenschaftler sich in der Lektüre auch ganz realen Primärphänomenen widmen, wird in Kutscheras Rede vernebelt, wenn er behauptet, sie sprächen bloß über "das, was andere über reale Sachverhalte gedacht und geschrieben haben", um es "gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren". Ein Biologe, der auf diese Weise leugnet, dass sich auf den verschiedenen Ebenen der Organisation von Materie jeweils eigene Gesetzmäßigkeiten erkennen lassen, müsste sich auch vom Physiker die Bemerkung gefallen lassen, eigentlich sei Biologie eine bloße Tertiärverwertung der Physik. Auch sind es doch gerade die Verbalwissenschaftler, die Ausdrücke wie ,Australneger' in ihren historischen Kontext setzen; und dass sich Schwarze inzwischen nicht ,Neger' nennen lassen, liegt daran, dass es – auch in der teils rassistischen biologischen Forschung um 1900 – praktisch keine ,neutrale' Verwendung dieses Wortes in Europa gegeben hat. In dieser Attacke scheint Kutschera dem Vorurteil erlegen zu sein, die meisten Verbalwissenschaftler seien verkappte Ideologen. Zwar schreibt Kutschera höflich in seinem Angriff ",Geistes-Wissenschaftler", doch ist man geneigt, in seinen Worten ein "Geistes-,Wissenschaftler" zu erkennen. Denn eine Wissenschaft, die keine Realwissenschaft ist, ist gar keine Wissenschaft. Darin liegt der Affront.

Selbstverständlich überschätzen Verbalwissenschaftler die Bedeutung des gesprochenen und geschriebenen Wortes notorisch. Ähnlich überschätzen Biologen oft die Wichtigkeit biochemischer Prozesse für das Aussehen unserer Welt. Insofern ist Kutscheras Diktum – "Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie" – dringend abzulehnen. Derartige Priorisierungen der eigenen Weltsicht sind zwar eine bloße déformation professionnelle, eine berufsbedingte Verengung der Sicht, aber wo sie erkannt sind, sind sie zu vermeiden.

Doch richtet sich Kutscheras Beitrag ja punktuell gegen einen Beitrag im gleichen Heft des Laborjournals, und gegen diese gezielte Schelte ist wenig einzuwenden. Wer sich mit Evolutionsbiologie und mit kreationistischen Umtrieben beschäftigt, sollte die aktuelle Schriftenlage kennen; Darwin allein genügt nicht. Man kann freilich zur Verteidigung Mildenbergers anführen, dass er mit ,Evolutionstheorie' einfach alle Theorien gemeint hat, ,die irgendwie von Evolution im Gegensatz zu intelligent design ausgehen', doch muss – zumindest im Laborjournal – auf das einzelne Wort mit größtmöglicher Sorgfalt geachtet werden. Genau das sollte ja den Verbalwissenschaftler auszeichnen: dass er auf das einzelne Wort genau schaut.

Die beiden Arten der Realwissenschaft sind nun allerdings durchaus miteinander verwandt: das Pendant des Experiments beim Naturwissenschaftler ist die Lektüre beim Verbalwissenschaftler. Während Forschungsanträge, Lehre und Verwaltungsaufgaben die Naturwissenschaftler vom Labor fernhalten, werden auf dieselbe Weise die Verbalwissenschaftler von der genauen Lektüre abgehalten. Die anschließenden Probleme sind vergleichbar. Überhaupt ähnelt das Experiment des Laborforschers in vielem der Lektüre eines Verbalwissenschaftlers: Auch hier muss die verbalwissenschaftliche These der Prüfung durch die Realität standhalten, und dies bedeutet Archivarbeit, ausgiebige, wiederholende, umfassende, genaue, kurz: philologische Lektüre. Auf diese spielt mein auf Friedrich Nietzsche verweisender Titel an. Und wenn man Mildenberger einen Vorwurf machen kann, dann ist es höchstens derjenige, in genau diesem Punkt versagt zu haben.

Bessere Vorwürfe und die Neurobiologie

Wenn Sichtverengungen zu beheben sind, dann gilt das auch für die Verbalwissenschaften. Doch sollte man hier auf ganz andere Weise kritisieren, als es Kutschera getan hat. Die Verbalwissenschaften neigen zwar in der Tat dazu, sich in der Lage zu sehen, alles zu kommentieren, bloß weil es "auch" Sprache ist. Aber man muss dieses Kommentieren ganz anders tadeln: Es kommt nämlich viel zu kurz, dass es andere Formen der Erkenntnisgewinnung gibt, die unsprachlich sind. Dazu gehören Formen der Kunst, aber auch Teile der Naturwissenschaften (die mit Gleichungen oder Diagrammen arbeiten), aber schließlich auch die Mathematik, die sich in Kutscheras merkwürdiger Dichotomie zwischen Real- und Verbalwissenschaften seltsam an den Rand gedrängt fühlen muss.

Dieser Fixierung auf Sprache liegt eine Haltung der Verbalwissenschaften, speziell der Philosophie, zugrunde, die über eine bloße déformation professionnelle hinausgeht. Sowohl der Poststrukturalismus als auch die analytische Philosophie – die beiden einflussreichsten verbalwissenschaftlichen Denkrichtungen der letzten hundert Jahre – gehen von einem Vorrang der Sprache aus. Die analytische Philosophie begreift sich sogar als Sprachphilosophie und beruft sich auf Wittgenstein, der an einer Stelle bündig vermerkt: "Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt, stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent" (Wittgenstein L. (1951): Philosophische Untersuchungen, Darmstadt: WBG 2001, S. 804, #96). Das große Unbehagen, das weite Teile der arrivierten Verbalwissenschaften mit der Neurobiologie verspüren, liegt nämlich tatsächlich nicht darin, dass der ,freie Wille' angezweifelt oder die ,Deutungshoheit über den Menschen' von der Biologie beansprucht wird. Das sind alte Hüte. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, dass Sprache und insbesondere Bewusstsein nicht mehr diejenigen Bestandteile ,kognitiver' Prozesse bilden, die allen ,seelischen' Prozessen vorangehen.

Man könnte mit Richard Rorty – der bis zu seinem Tode Verbalwissenschaftler an der von Kutschera erwähnten Fakultät der Stanford University gewesen ist – darauf hinweisen, dass in der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts strikt zwischen Leib und Seele getrennt worden ist – und dass ,uns' diese Unterscheidung bis heute nicht ganz loslässt. Es liegt ein merkwürdiger historischer Umstand darin, dass das moderne rationale Denken durch dieselben Schriften, insbesondere jene von René Descartes, seinen Ursprung nahm, die auch die radikale Leib-Seele-Trennung herbeiführten. Hieraus ist nicht zuletzt die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften erwachsen. Der moderne Rationalismus ist seit dieser schwierigen Geburt mit einigen blinden Flecken gesegnet, die bis heute dazu führen, dass zwischen naturalistischem und sprachorientiertem Weltbild große Unvereinbarkeit herrscht.

Dieser moderne Rationalismus geht nun möglicherweise seinem Ende entgegen. Weder das alte Bild der Natur (oder des Leibes) noch das alte Bild des Geistes (oder der Seele) lassen sich wahren. Daraus folgt freilich nicht, dass die Naturwissenschaften unsinnig werden, bloß weil nicht nur die Natur als ,real' begriffen wird. Aber genauso wenig folgt daraus, dass in einer nicht mehr nur sprachlichen Welt die Verbalwissenschaften unwichtig würden. Im Gegenteil können sie vielleicht erst jetzt zu einer Rolle finden, in der sie nicht mehr vom Universalen sprechen müssen, sondern von genau dem gar nicht so kleinen Ausschnitt der uns bekannten Welt, mit dem sie sich bestens auskennen: der durch Sprache konstituierten Realität. Die gegenwärtige Gereiztheit sollte also dazu genutzt werden, allseits etwas mehr Vorsicht zu erlernen: gegenüber allen kursierenden Einseitigkeiten, und auch gegenüber voreiligen Vereinfachungen. So wie Teile der Verbalwissenschaften bis heute zu Unrecht den Erfolg der Naturwissenschaften nicht recht anerkennen wollen, so bestreiten bis heute genauso zu Unrecht Teile der Laborforscher die empirische Härte des Gegenstands ,verbale Realität'. Dass sich an kulturellen und sprachlichen Phänomenen andere wissenschaftliche Methoden erproben lassen müssen, wird dabei gerne von den einen übersehen, während die anderen – wie Kutschera richtig herausstellt – allzu leichtfertig darüber hinwegblicken, dass sich der Laborforscher von einem Experiment zu einer Erkenntnis zwingen lässt. Daher lässt sich Kutscheras Diktum über das ,Licht der Biologie' unter Abwandlung eines anderen Wittgenstein-Zitats verallgemeinern und zugleich zurückweisen: ,Die Naturwissenschaft ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Allpräsenz der Sprache.' Im Gegenzug, so wäre hinzuzufügen, können Verbalwissenschaftler aber davor schützen, dass sich neue Allpräsenzen – etwa eine Allpräsenz der Biologie – durchsetzen.



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Darauf eine Entgegnung von Ulrich Kutschera:

DAS REALE UND VERBALE IN DEN WISSENSCHAFTEN

Zur Zeit sind wieder "Semesterferien"; da haben die faulen Studenten und deren nicht minder arbeitsscheue Chef-Ausbilder, sprich Universitätsprofessoren beziehungsweise "Hochschullehrer", über Monate hinweg frei. So ein lustiges Leben wünsche ich mir auch, lautet das Urteil vieler Steuerzahler.

Besuchen wir die Seminar-Räume und Bibliotheken der geisteswissenschaftlichen Fakultäten, so ist dort in der Tat außerhalb der Vorlesungs- und Schulferienzeit kaum jemand anzutreffen. Die fest angestellten Sekretärinnen trinken Kaffee und erzählen sich Geschichten über den dauerabwesenden Chef, die Assistenten weilen im Mutter- beziehungsweise Vaterschafts-Urlaub oder auf Tagungen, und die Studenten der Soziologie, Politologie, Germanistik, Anglistik, Geschichte, Philosophie, Theologie und so weiter sind, bis auf wenige Ausnahmen, verschollen: Wahrhafte "Geister"-Studenten. Nur einige Fleißige schreiben Hausarbeiten oder korrigieren solche.

Ein anderes Bild zeigt sich bei einer kleinen, bescheiden lebenden Studenten-Minderheit, den angehenden Biologen, Chemikern, Physikern und Ingenieuren. Sie haben kein "lustiges Studentenleben": Während der vorlesungsfreien Zeit (das Un-Wort "Semesterferien" gibt es in den Naturwissenschaften nicht) finden Labor-Praktika, Exkursionen und Prüfungen statt, und das in einem Ausmaß, dass ich mich als Biologie-Chemie-Student an der Uni Freiburg meistens auf das beginnende Semester gefreut habe. Zumindest jene Professoren naturwissenschaftlicher Fachgebiete, die man als Autoren von Fachbüchern und Web of Science-Publikationen im Internet findet, forschen in der vorlesungsfreien Zeit und schreiben an Manuskripten und Forschungsanträgen.

Wie ist diese unterschiedliche Nutzung der "Semesterferien", die eine statistisch belegte Tatsache ist, zu bewerten?

Es gibt dazu zwei Theorien:

1. Angehende Geisteswissenschaftler sind im Durchschnitt intelligenter als ihre Kommilitonen aus den Naturwissenschaften. Daher können sie die "Semesterferien" zum Erholen und Geld verdienen nutzen.

2. Die Naturwissenschaften fordern mehr Arbeitsaufwand und persönlichen Einsatz. Der Grund: hier wird Erkenntnis im wesentlichen über experimentelle Methoden gewonnen. Die Studenten unterwerfen sich strengeren Anforderungen, weil sie etwas Handfestes, Solides, Verwertbares lernen und sich die logisch-rationale Denkweise aneignen wollen.

Für Theorie 1 (höherer IQ bei angehenden Verbalwissenschaftlern) sprechen keine mir bekannten Fakten. Niemand scheint sich die Mühe gemacht zu haben, die Durchschnitts-IQ-Werte der Studenten verschiedener Fachbereiche zu messen (wobei noch zu klären wäre, was der IQ eigentlich misst). Es ist aber bezeichnend, dass (nicht nur) in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wesentlich mehr Studenten der Geisteswissenschaften ideologische Scheuklappen trugen als solche der Naturwissenschaften. Die Demonstrationszüge, in denen Massenmörder wie Stalin und Mao verherrlicht wurden, bestanden hauptsächlich aus Soziologen, Politologen, Pädagogen, Theologen – also aus Studenten, deren Expertise darin bestanden haben sollte, es gerade hier besser zu wissen. Wozu ist Politologie gut, wenn sie einem nicht einmal in der Politik Durchblick verschafft? Doch die angehenden Verbalwissenschaftler wussten es nicht besser, sie priesen ein System, dass einige Jahre später ruhmlos zusammenbrach und nichts zurückließ als gebrochene Karrieren und miserable Straßen. Zugegeben, das lässt nicht nur auf geringere Intelligenz und mehr auf mangelnde Urteilskraft schließen, aber immerhin haben sie sich dümmer verhalten als jeder Fabrikarbeiter. Es scheint mir daher nicht berechtigt bei den Verbalwissenschaftlern, im Vergleich zu den Realwissenschaftlern, von einem höheren IQ auszugehen.

Also scheint die Theorie 2 zuzutreffen. Ich betone, dass es auch unter Studenten der Realwissenschaften "Traumtänzer" gibt und manche Verbal-Studenten über die strenge Arbeitsmoral der besten "Realos" verfügen. Wir diskutieren hier den Durchschnitts-Studenten.

Verbal gleich real?

Im dem Beitrag "Wir Verbalwissenschaftler" hat sich der Mathematiker und Literatur-Gelehrte Remigius Bunia zu meiner vergleichenden Bewertung der Geistes- und Naturwissenschaften geäußert (siehe Laborjournal 2008, 15(6):32-3). Nach der taktisch zu wertenden Vorgabe Bunias, dass auch "Verbalwissenschaftler die Bedeutung des gesprochenen und geschriebenen Wortes notorisch überschätzen", und der lobenden Bewertung meines Begriffs "Verbalwissenschaften" als Synonym für die Geisteswissenschaften kommt R. Bunia zur Sache. Er ärgert sich über meinen Gegen-Begriff (Realwissenschaftler) und spricht von der "harten Realität des gesprochenen Wortes", dem sich die Verbalwissenschaftler widmen würden. Auch würden "Biologen oft die Wichtigkeit biochemischer Prozesse für das Aussehen unserer Welt" überbewerten. Daher weist Bunia meine Aussage "Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie" zurück und behauptet, dass das "Gegenstück des Experiments beim Realwissenschaftler die Lektüre beim Verbalwissenschaftler" sei. Ja er versteigt sich zu der Aussage, dass "das Experiment des Laborforschers in vielem der Lektüre des Verbalwissenschaftlers ähnelt".

Sind also Büchergelehrte den Real (Natur)-Wissenschaftlern gleichzustellen?

Kritischer Realismus und das Experiment

Zum Verdruss vieler Wissenschaftstheoretiker sind die meisten Naturwissenschaftler erkenntnistheoretisch naiv: Was Denker wie zum Beispiel Karl Popper, die nie im Labor oder Freiland tätig waren, geschrieben haben, interessiert sie kaum. Auch ich habe meine ersten wissenschaftlichen Publikationen zur Populationsdynamik bei Schlundegeln der Gattung Erpobdella als naiver Biologiestudent aus Interesse an der Sache durchgeführt – Lehrveranstaltungen zur Erkenntnistheorie habe ich erst später besucht. Trotz dieser Mängel sind praktisch alle erfolgreichen Labor- und Freiland-Biologen kritische Realisten: Die Belege für die Existenz einer realen Außenwelt, die wir mit unseren Sinnen nur teilweise erkennen können (daher zum Beispiel das Mikroskop), sind derart schlüssig, dass wir nicht daran zweifeln müssen. Auf der Grundlage von Freiland-Untersuchungen beziehungsweise Laborexperimenten werden Daten erhoben, die im Rahmen einer gewissen Variabilität reproduzierbar sein müssen. Daraus leitet der Biologe Hypothesen ab, die wahr oder falsch sein können. Gefälschte Daten und daraus abgeleitete Schlussfolgerungen werden früher oder später verworfen. Dies ist ein zentraler Unterschied zwischen den Real- und Verbalwissenschaften: In den Realwissenschaften gibt es richtige und falsche Fakten beziehungsweise Thesen, innerhalb der Ghost-Sciences werden Meinungen vergleichend bewertet. Es ist nicht möglich, wahr oder falsch zu unterscheiden: Zwei Analysen über Shakespeares "König Lear" oder das "Kapital" von Karl Marx können zu diametral entgegen gesetzten Aussagen kommen, ohne dass es je möglich sein wird, die eine mit dem Label falsch zu etikettieren – auch nach endlosen Diskussionen nicht. Es setzt sich vielmehr jene durch, die besser formuliert ist oder optimaler in einen politisch-ideologischen Zusammenhang passt. Daher auch die relativ höhere Ideologieanfälligkeit der Verbalwissenschaftler.

Der Biologe als Literatur-Konsument und Produzent

In der Biologie zählen nur Erkenntnisse, die über ein strenges Begutachtungsverfahren in referierten Fachjournalen publiziert wurden. Diplomarbeiten sind nur Bestandteil der Prüfungsakte und ohne ISBN-Nummer nicht zitierfähig. Nur jene Ausschnitte, die der Nachwuchs-Forscher in einem englischsprachigen Fachjournal veröffentlicht hat, existieren für die Fachwelt. Bei den Verbalwissenschaftlern dagegen ist es üblich, deutschsprachige Magister- oder Staatsarbeiten oder Dissertationen bei Spezialverlagen ohne Lektorat zu publizieren und diese Produkte dann als "Forschungsergebnis" zu deklarieren. Der Biologe muss, um neue Erkenntnisse zu erarbeiten, zuerst die Fachliteratur studieren und die bekannten Fakten zusammentragen. Das ist aber nur die Grundlage, dann geht es erst richtig los, dann kommt das Experimentieren. Schon deswegen ist der Vergleich des Experiments mit der Literaturarbeit (dem Lesen) völlig unakzeptabel. Ein weiterer Punkt ist die fehlende Reproduzier- und Überprüfbarkeit der Literaturarbeit: man liest "Tacitus" heute so und morgen anders. Dann die Schwammigkeit der Begriffe, die nur über andere schwammige Begriffe "definiert" werden können ...

Dazu ein Beispiel: Vor 80 Jahren hat der niederländische Botaniker Fritz Went (1903 – 1990) den Wuchsstoff Auxin entdeckt und dessen Wirkung an Getreidekeimlingen belegt. Seitdem fragen sich Pflanzenphysiologen, über welche Mechanismen Auxin die Zellstreckung in der Coleoptile des Keimlings auslöst. Tausende Arbeiten zur "Auxinwirkung" sind erschienen, doch diese Frage blieb letztlich unbeantwortet. Auch ich beschäftige mich damit. So kooperiere ich seit einiger Zeit als Visiting Professor mit Kollegen vom Carnegie Institution for Science (Stanford University, USA); meine Fertigkeit im Präparieren von Epidermis-Streifen wird mit der in Kalifornien etablierten Proteom-Analytik/Massenspektrometrie kombiniert. Wir haben inzwischen spezifische Auxin-Effekte auf dem Niveau mikrosomaler Proteine nachgewiesen. Das ist immer noch keine endgültige Lösung, doch Experiment für Experiment kommt man der Sache näher.

Hätten sich die Biologen auf das Lesen der Fachliteratur beschränkt, nach Ansicht des oben zitierten Bücher-Gelehrten ein Analogon zum Experiment, wären wir immer noch auf dem Stand von 1928. Mit diesem Fallbeispiel komme ich auf die eingangs erzählte Geschichte von den Verbal- und Realwissenschaftlern zurück.

Naturwissenschaften und das logisch-analytische Denkvermögen

Die Stundenten der Fächer Biologie/Chemie und verwandter Gebiete erlernen neben dem Faktenwissen die Prinzipien des Erkenntnisgewinns. Diese Denk- und Arbeitsweise basiert auf logisch-analytischem Schlussfolgern und der Überprüfung dieser Denk-Produkte an realen Dingen der belebten beziehungsweise "toten" Natur (das heißt Organismen und Fossilien). Die Gleichsetzung des zu neuen Erkenntnissen führenden Labor-Experiments mit der Bibliotheks-Literaturstudie, wie sie R. Bunia vertritt, ist lebensfremd. Wer nie seine Lieblingsthese an einem Experiment hat scheitern sehen, wird den Unterschied zwischen Real- und Verbalwissenschaften nicht verstehen. Das Experiment ist dem Realwissenschaftler der Halt im geistigen Chaos, der Verbalwissenschaftler dagegen rudert in den Nebeln von Avalon, ohne je ein Ufer zu erreichen.

Welche Bedeutung hat nun die Biologie für den in der Bibliothek "forschenden" Verbalwissenschaftler?

Er analysiert letztendlich immer gedachte Geistesproduktionen des Menschen. Denken aber ist ein biologischer Vorgang und das Verständnis seiner Produkte deswegen Sache der Biologie. Das ist natürlich wegen der Komplexität des Gehirns erst seit kurzem und auch erst in Ansätzen analysierbar. So hat die Biologie dem Problem der Willensfreiheit eine reale Grundlage gegeben. Erst die Biologie wird imstande sein, zu sagen, was "Intelligenz" ist und wie sie zu messen sei. Also gilt: Nur im Lichte der Biologie können geistige Produktionen sinnvoll ergründet und verstanden werden.

Geisteswissenschaftliche "Theorien" ohne faktische (biologische) Grundlage, wie sie zum Beispiel der von vielen Ghost-Scientists verehrte Philosoph Georg W. F. Hegel (1770 – 1831) publiziert hat, sind leere Worthülsen und oft das Papier nicht wert, auf dem sie verbreitet werden. Natürlich gibt es auch sinnvolle geisteswissenschaftliche Forschungen: So arbeiten etwa Historiker, die Dokumentar-Biographien erstellen, analog dem Evolutionsforscher. Dokumente werden entdeckt, geordnet, und zu einem Lebensbild zusammengefasst.

Ich verurteile also keineswegs sämtliche "Humanitäts-Studien". Die Behauptung jedoch, Bücher-Gelehrte seien den im Freiland und Labor arbeitenden Naturforschern gleich zu setzen, weise ich zurück.



Ulrich Kutschera

E-Mail-Adressen des Autors U. Kutschera:

kut@uni-kassel.de und ukut@stanford.edu (USA)



Letzte Änderungen: 21.08.2008
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