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Vom Hormonforscher bis zum Ökonom

Publikationsanalyse 2010-2019: Ernährungsforschung
von Mario Rembold, Laborjournal 11/2021


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Foto: medium.com

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(10.11.2021) In der Ernährungsforschung trifft die Expertise aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen aufeinander. Viele Zitierungen gibt es für Epidemiologen.

„Du bist, was du isst“, sagen die einen. Andere machen in erster Linie die Gene dafür verantwortlich, wie wir Nährstoffe aufnehmen und verstoffwechseln. Oder ist das Darm-Mikrobiom an allem schuld? Und warum entscheiden wir uns überhaupt für bestimmte Nahrungsmittel? Offenbar kann man aus verschiedenen Richtungen auf die Ernährung schauen – und das macht es schwer, das Gebiet klar einzugrenzen.

Zwar findet man in Web of Science unter der Kategorie „Nutrition & Dietetics“ Veröffentlichungen aus Journals zur Ernährungsforschung. Die Autoren dieser Artikel haben aber meist den deutlich größeren Teil ihrer Publikationen in Zeitschriften mit anderen Schlagworten platziert, da sie sich häufig primär für Volkskrankheiten interessieren. Wer den Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder Krebs auf der Spur ist, hat eben auch hin und wieder mit Ernährung zu tun.

Umgekehrt gibt es jene, bei denen sich das Thema „Ernährung“ wie ein roter Faden durch die Titel der Paper zieht, aber trotzdem nur ein geringer Anteil davon in Zeitschriften zur Ernährungsforschung auftaucht. Immer wieder mussten wir also sehr genau hinschauen, um die Liste der meistzitierten Köpfe nicht allzu sehr durch Schnittmengen mit anderen Disziplinen zu verwässern und dennoch relevante Köpfe der Ernährungsforschung einzufangen. Eine Frage, die wir uns in solchen Fällen stellen: Wenn ein Wissenschaftler seine Expertise in drei Schlagworten umreißen soll, taucht dann dabei auch die im aktuellen Publikationsvergleich analysierte Disziplin auf?

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Schnittmengen ...

Konkret bedeutet das: Wer in einem Herzzentrum tätig ist, wird sich in den seltensten Fällen als Ernährungsforscher sehen. Blicke auf die Institutsbezeichnung, den Lehrstuhl oder den Steckbrief auf der Webseite helfen im Zweifelsfall bei der Entscheidung. Auch wenn Kardiologen mitunter auf den Lebenswandel ihrer Patientinnen und Studienteilnehmer schauen, so liegt ihr Fokus doch bei Herz und Kreislauf – und somit einem Genre, das wir in einem separaten Publikationsvergleich würdigen.

Andere „Baustelle“: Wie so oft mischt sich auch diesmal eine Reihe von Humangenetikern in die engere Auswahl. Auch diese Fraktion ist aber in einem eigenen Publikationsvergleich berücksichtigt. Andererseits sind Ernährungsforscher gerne mal als Co-Autoren von humangenetischen Publikationen gelistet.

Analog widmen sich auch die meistzitierten Artikel von Michael Stumvoll genetischen Merkmalen, die mit Übergewicht und einem erhöhten Body Mass Index (BMI) korrelieren. Stumvoll forscht an der Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie der Uni Leipzig, seine Hauptdisziplin laut Web of Science ist passenderweise „Endocrinology & Metabolism“. Dennoch hat er im Analysezeitraum 38 Artikel in Ernährungs-Journalen veröffentlicht. Schlagworte in seinen Publikationen wie „Fettleber“, „Glucose-Metabolismus“, „BMI“ oder „Vitamin-D-Status“ sprechen ebenso gleichfalls für einen Fokus auf Ernährung. Daher belegt Stumvoll Platz 5 der meistzitierten Köpfe.

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Tatsächlich finden wir in der Hormon- und Stoffwechselforschung die deutlichste Schnittmenge zu den Ernährungswissenschaften: Insgesamt sechs Köpfe sind letztlich in beiden Publikationsvergleichen unter den jeweiligen Top 30 vertreten. Vor allem Diabetes und die Fettverteilung im Körper bilden das verbindende Glied beider Welten.

Mit Sibylle Koletzko (15.) begegnet uns außerdem ein Name aus dem Publikationsvergleich zur Gastroenterologie wieder. Durch ihre Forschung zu Zöliakie (siehe laborjournal.de/editorials/1781.php) publizierte sie rund ein Viertel ihrer Originalarbeiten in ernährungswissenschaftlichen Journalen. Ihr Ehemann Berthold Koletzko (16.) publizierte im Analysezeitraum sogar mehr als die Hälfte seiner Artikel in dieser Kategorie. Seine Themen: Nährstoff- und Vitaminversorgung sowie Fettsäuremetabolismus und der BMI bei Kindern. Beide Koletzkos sind tätig an Kliniken der Ludwig-Maximilians-Universität München.

... und Grenzgänger

Nicht nur Übergewicht, sondern auch Anorexie und andere Essstörungen kommen in ernährungsspezifisch ausgerichteten Journalen vor. Daher sind Johannes Hebebrand (25.) vom Uniklinikum Duisburg-Essen und Anke Hinney (29.) vom LVR-Klinikum Essen unter den Ernährungsforschern gelistet – beide jeweils tätig in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ihrer Einrichtung.

Selbst Berufsfelder, die fern der Lebenswissenschaften angesiedelt scheinen, stehen im Lebenslauf einiger unserer Köpfe. Oder würden Sie den Namen eines Forschers in einem Laborjournal-Publikationsvergleich vermuten, der in einer Abteilung für Verbraucherentscheidungen tätig ist? Mit dem Ökonomen und Psychologen Michael Siegrist (24.) von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich haben wir genau solch einen Mann „zwischen den Stühlen“. Lebensmittelverschwendung und Kaufverhalten sind Fragestellungen, denen er nachgeht. Klar, das sind nicht typische Laborjournal-Themen, doch Siegrist hat 50 seiner 192 Artikel in relevanten Fachblättern veröffentlicht. Dabei ist sein Blickwinkel auf ernährungsbedingte Volkskrankheiten durchaus interessant: Warum nämlich wählen wir ausgerechnet diese oder jene Lebensmittel zum Verzehr aus?

Auch auf Platz 1 steht mit der Wiesbadenerin Andrea Werdecker eine Forscherin, die nicht dem typischen Bild einer Lebenswissenschaftlerin entspricht. Die Ernährungsberaterin und Ökotrophologin ist am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden tätig. 2016 untersuchte sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit, wie sich Patienten mit Typ-2-Diabetes motivieren und befähigen lassen, ihren Lipidstatus zu beeinflussen – „Patient-Empowerment-Effekte“ nennt sie das.

Wie einige andere Ernährungsforscher auf den vorderen Plätzen der Köpfe verdankt auch Werdecker ihre hohen Zitierzahlen ihrer ­Mitwirkung an etlichen Veröffentlichungen im Rahmen des „Global-Burden-of-Disease“-Projekts, oft mit hunderten Autoren aus aller Welt. Vor allem Epidemiologen sind gerne in solche „Massenautoren-Studien“ involviert. Gerade bei der Suche nach komplexen Zusammenhängen zwischen Genen, Lebenswandel und Gesundheitsrisiken braucht es solche multizentrischen internationalen Projekte, um überhaupt ausreichend große Datensätze für die Statistik zu generieren. Epidemiologische Fragestellungen lassen sich folglich nur angehen, wenn der einzelne Mitwirkende bereit ist, mit der eigenen Eitelkeit zurückzustehen. Hier müssen ganze Konsortien an einem Strang ziehen, um Korrelationen zu finden und somit erst einmal Hypothesen generieren zu können. „Massenautorschaft“ sollte daher kein Schimpfwort sein und nicht als generelles Synonym für schwache wissenschaftliche Leistungen missverstanden werden!

Weil die Epidemiologen mit Ernährungsbezug oft den Volkskrankheiten im Allgemeinen auf der Spur sind, war es auch hier nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen. Bei Heiner Boeing auf Platz 2 der Köpfe mussten wir allerdings nicht lange überlegen – er arbeitet am Deutschen Institut für Ernährungsforschung und hat 163 seiner Artikel in entsprechenden Zeitschriften platziert. Bei Gabriele Nagel (3.) vor der Uni Ulm war die Sache weniger klar, publiziert sie doch auch zur Epidemiologie von Krebs und Allergien. Mehr als ein Drittel ihrer Artikel tragen aber ernährungsrelevante Stichworte im Titel, und auch die Instituts-Webseite nennt explizit die Ernährungsepidemiologie als einen Schwerpunkt.

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Mitbewohner im Darm

Der meistzitierte Artikel zur Ernährungsforschung hat unser Darm-Mikrobiom im Visier und vergleicht dessen Diversität mit metabolischen Markern. Insgesamt widmen sich fünf der ersten zehn Paper dieser Tabelle unseren winzigen Mitbewohnern. Die Verarbeitung von Ballaststoffen, Korrelationen zur Insulin-Sensitivität oder der Vergleich der Mikrobengemeinschaften zwischen schlanken und übergewichtigen Probanden sind Themen dieser Publikationen. Peer Bork vom EMBL in Heidelberg hat an drei der Arbeiten mitgewirkt und ist hierzulande bekannt als Fachmann fürs Darm-Mikrobiom. Allerdings sehen wir Bork als Bioinformatiker mit Projektschwerpunkten in Genetik und Mikrobiologie – auch wenn einige seiner Artikel sicher zum Erkenntnisgewinn in der Ernährungsforschung beitragen.

Veröffentlichungen aus der „Global Burden of Disease Study“ haben wir nicht für die Tabelle der meistzitierten Artikel berücksichtigt, weil diese Arbeiten sehr viel breiter auf die Gesundheit der Bevölkerung schauen. Daher auch die Diskrepanz zwischen der Liste der Köpfe und den Artikeln: Kaum ein Name taucht in den Autorenlisten der meistzitierten Paper auf. Dafür aber haben gleich vier der meistzitierten Ernährungsforscher am Artikel auf Position 9 mitgewirkt – und ausgerechnet diese Publikation ist nun humangenetisch ausgerichtet und berichtet über neue Loci mit Assoziation zu Fettverteilung und Insulin-Stoffwechsel.

Fünf der meistzitierten Köpfe arbeiten in Leipzig – womit die sächsische Metropole in der geographischen Konzentration der Ernährungsexperten vorne liegt. Berlin taucht dreimal auf, und werten wir das Ruhrgebiet als zusammenhängende Region, dann ziehen die Forscher aus Bochum, Essen und Duisburg gleichauf mit der Bundeshauptstadt. Kurt Widhalm (12.) aus Wien ist der einzige Österreicher der Liste, die Schweiz ist mit Zürich zweimal vertreten.

Immerhin aber stehen diesmal acht Frauen unter den 30 meistzitierten Köpfen. Geschlechtermäßig ausgeglichen ist das zwar nicht, doch ist der Frauenanteil damit sehr viel höher als in den meisten anderen Publikationsvergleichen.


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Letzte Änderungen: 10.11.2021