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Diabetes, und dann lange nix

Publikationsanalyse 2008-2017: Hormon- und Stoffwechselforschung
von Mario Rembold, Laborjournal 09/2019


Zu den Ranglisten: Meistzitierten Artikel / Reviews / Köpfe

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Foto: toppr.com

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Wer als Hormon- und Stoffwechselforscher an vielzitierten Publikationen mitwirken will, kommt um das Thema „Diabetes“ kaum herum. Ansonsten ist München Hotspot der meistzitierten Köpfe.

Für den experimentierenden Biologen ist die Welt vergleichsweise einfach, sobald er für seine Forschung auf proteincodierende Sequenzen zurückgreifen kann. Nukleinsäuren lassen sich nicht nur leicht sequenzieren wie auch als mRNA quantifizieren, vielmehr kann man auch einzelne Gene ausknocken, mit leuchtenden Fusionsproteinen markieren oder ihre Expression verstärken. Wer aber wirklich an die Stoffwechselprozesse jenseits direkter Proteinwirkungen heran will, hat es schwerer. So etwa beim Blick auf die Hormone. Es gibt zwar Peptidhormone wie Insulin, zu denen auch eine Nukleotidsequenz gehört, doch wer Metabolismus und Hormonwirkungen erforscht, kann nur selten direkt auf die vier Buchstaben des Lebens zurückgreifen.

Stressiges Hormongewitter

Trotzdem, und sicher auch gerade deswegen, ist die Endokrinologie ein spannendes Forschungsfeld. Denken wir etwa an die sogenannte „Stressachse“. Äußere Reize signalisieren eine Gefahr – nehmen wir ruhig den vielzitierten Säbelzahntiger – der unseren Vorfahren bedroht. Der Organismus sollte nun adäquat reagieren und seine Physiologie sehr schnell auf die Notlage hin optimieren. Eine endokrine Kaskade über Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde setzt eine Reihe von Hormonen frei. Das Herz schlägt schneller und der Blutkreislauf zentralisiert sich, um den Blutverlust bei etwaigen Verletzungen zu minimieren. Energiereserven sind schneller abrufbar. Gleichzeitig bremst Cortisol die Stressreaktion wieder ab und verhindert ein Überschießen. Mehr noch: Glucocorticoide regulieren auch noch das Immunsystem – und zwar weitaus komplexer, als dass man sie im physiologischen Kontext pauschal als „entzündungshemmend“ etikettieren dürfte.

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Überhaupt sitzen in der Stressachse viele Stellschrauben, die auch langfristige Veränderungen bewirken können. Für Stress braucht es keinen Säbelzahntiger, und chronisch kann die eigentlich lebensrettende Reaktion sogar krankmachen.

Wer die Stressachse erforscht, schaut also vom Gehirn bis zum Immunsystem in die unterschiedlichsten Ecken des menschlichen oder tierischen Körpers. So kommt es, dass auch Florian Holsboer unter den meistzitierten Köpfen dieses Monats auftaucht, nämlich auf Platz 13. Der Psychiater ist Gründer und Geschäftsführer der HMNC Brain Health, einem Münchener Unternehmen, das Therapieverfahren gegen Depressionen und Angststörungen entwickelt. Bis 2014 forschte Holsboer als Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Eigentlich ein Neurowissenschaftler, weshalb er auch in unseren beiden Publikationsanalysen zu Hirn und Co. gelistet ist. Doch sechzig Prozent seiner Artikel aus dem Analysezeitraum drehen sich eben um besagte Stressachse oder enthalten Stichworte wie „Cortisol“ oder „Corticosteron“ (dem Pendant der Nagetiere).

Auf Kosten der Vielfalt

Die Verbindung zwischen Endokrinologie und seelischer Gesundheit spülte eine Reihe von Neuroforschern ans Licht, die wir unter die Lupe genommen haben. Für das aktuelle Ranking wollten wir natürlich nur diejenigen auswählen, die wirklich ein zentrales Interesse an den hormonellen Zusammenhängen zeigen. Holsboer war der einzige unter ihnen, der es in die meistzitierten Dreißig schaffte.

Doch rund um die Hormone kann man sich natürlich viele weitere reizvolle Themen vorstellen: Sexuelle Lust, der weibliche Zyklus oder die Fruchtbarkeit bekommen Feintuning durch Östrogene, Gestagene und Androgene. Ebenso unterliegen natürlich alle möglichen Prozesse, die mit Wachstum und Entwicklung zu tun haben, hormonellen Einwirkungen.

Beim Blick auf die Forschungsthemen unserer meistzitierten Köpfe indes ist von dieser thematischen Vielfalt nicht viel zu sehen. In deren Publikationen geht es hauptsächlich um Ernährung, Übergewicht, den Body-Mass-Index und insbesondere um eines: Diabetes. Gerade dem Typ-2-Diabetes kommt als Volkskrankheit natürlich ein hoher Stellenwert in der medizinischen Forschung zu. Wirkstoffstudien zur Regulation des Blutzuckers haben einfach größere Auswirkung auf das Schicksal vieler Menschen als die neuesten Erkenntnisse zur Metamorphose holometaboler Insekten.

So sind es also wieder mal die Kliniker, die unsere Köpfe-Liste dominieren – einfach, weil deren Forschungsergebnisse nun mal von einer größeren Community aufgegriffen und somit auch häufiger zitiert werden. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Hormon- und Stoffwechselforscher mit weniger Zitierungen die schlechteren Wissenschaftler sind. Doch durch diese medizinische Prägung wird die aktuelle Publikationsanalyse eben mehr zu einer Übersicht über die Insulin- und Diabetesforscher als zu einem Überblick über die Themenvielfalt des Feldes.

Zwischen vielen Stühlen

Diabetes steht auch bei Jaakko Tuomilehto ganz oben auf der Agenda; er führt mit mehr als 50.000 Zitierungen die meistzitierten Köpfe an. Am Dasman Diabetes Institute in Kuwait geht Tuomilehto der Epidemiologie und Prävention von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf den Grund. Im Analysezeitraum war er auch eine zeitlang in Österreich tätig, nämlich am Zentrum für Vaskuläre Prävention an der Uni Krems.

Tuomilehto zeigt, wie schwer es sein kann, einen Endokrinologen eindeutig von anderen Disziplinen abzugrenzen. Schließlich publizieren die meisten forschenden Epidemiologen irgendwann auch zum Typ-2-Diabetes, sind dann aber weniger an der Physiologie dahinter als vielmehr an Korrelationen zum Lebenswandel interessiert. Auch viele Ernährungswissenschaftler mit Beiträgen zur Diabetesforschung sehen sich selber nicht als Hormonforscher. Wer umgekehrt aber ausgewiesener Diabetes-Experte ist, schreibt womöglich auch mal an Publikationen rund um kardiovaskuläre Erkrankungen mit. Denn die treten häufiger bei Patienten mit Diabetes auf – womit sich der Kreis zu den Epidemiologen schließt, die nach Korrelationen suchen.

Und wen überrascht es: Natürlich sind auch rund um Diabetes jede Menge Gen­loci bekannt, die irgendwie mit Zuckerverwertung und Insulinregulation zu tun haben. Auch Tuomilehto hat an humangenetischen Artikeln mitgeschrieben, die vierstellige Zitierzahlen erreichen.

Für die Entscheidung, wer nun tatsächlich als Hormon- und Stoffwechselforscher gilt, haben wir vor allem den Anteil der Artikel aus der Web-of-Science-Kategorie „Endocrinology & Metabolism“ im Kontext der gesamten Publikationshistorie betrachtet. Mit 138 von 370 Artikeln in Journalen dieser Kategorie steht bei Tuomilehto diese ebenso wie bei vielen anderen unserer meistzitierten Köpfe deutlich an erster Stelle. Darin sehen wir einen Hinweis, dass der Forscher seine Ergebnisse auch in dieser Community diskutiert sehen will.

Andererseits haben wir Wissenschaftler außen vor gelassen, die eindeutig der Herz- und Gefäßforschung zuzuordnen sind – oder die sich zwar mit Hormonen der Nebennierenrinde auskennen, aber klar unter dem Etikett eines Nephrologen in Erscheinung treten. Drin geblieben sind schließlich trotzdem einige Epidemiologen – wie zum Beispiel Christa Meisinger (3.), die in München und Augsburg forscht, oder Barbara Thorand (14.) vom Helmholtz-Zentrum München.

Martin Hrabě de Angelis (22.) wiederum sticht durch seinen Lebenslauf aus den anderen „Köpfen“ heraus. An der Technischen Universität München hat er die Professur für Ex­perimentelle Genetik inne und leitet die Mausklinik am dortigen Helmholtz-Zentrum. In der Vergangenheit hatte Hrabě de Angelis zu entwicklungsbiologischen Themen wie dem Delta-Notch-Signalweg publiziert. Heute sieht er seinen Schwerpunkt in der pathophysiologischen und genetischen Aufklärung von Diabetes und sitzt auch im Vorstand des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD).

Eine Abwechslung von Bauchspeicheldrüse, Insulin und Glucose liefert auch der Blick auf Platz 1 der meistzitierten Reviews: Hierin präsentieren die Autoren Leitlinien zur Behandlung und Prävention von Vitamin-D-Mangel. Die D-Vitamine ähneln nämlich den Steroidhormonen und werden aus Cholesterol synthetisiert. Statt Zuckerverwertung steht in diesem Beitrag also letztlich die Regulation des Calziumhaushalts im Mittelpunkt.

Die drei meistzitierten Artikel wiederum bringen keine Überraschungen. In allen dreien beschreiben die Autoren Ergebnisse aus klinischen Studien an Probanden mit Typ-2-Diabetes. Am Paper in der Poleposition hat Hans-Juergen Woerle (19.) mitgeschrieben, der bis 2014 bei Boehringer Ingelheim in Biberach forschte und an verschiedenen klinischen Studien mitwirkte.

Vier der zehn meistzitierten Artikel haben einen onkologischen Hintergrund – zum Beispiel zum Einsatz des Wirkstoffs Everolimus gegen neuroendokrine Tumore (5.) oder gegen Brustkrebs mit Tumorzellen, die positiv für einen Hormonrezeptor sind (6.). In zwei der Publikationen nahmen die Autoren Genloci unter die Lupe, die mit Übergewicht oder Diabetes in Zusammenhang stehen könnten.

Wo ist die Schweiz?

Unberücksichtigt bleiben in den Übersichten zu den meistzitierten Publikationen jene Arbeiten, die allgemein auf Volkskrankheiten schauen, wie etwa Artikel mit Auswertungen zu den Global-Burden-of-Disease-Studien. Auch kardiovaskuläre Themen haben wir ausgeklammert – wohl wissend, dass Bluthochdruck auch hormonellen Mechanismen unterliegt und Blutlipide unter anderem als Rohstoffe zum Aufbau diverser Hormone dienen.

Last but not least fällt als regionaler Hotspot München ins Auge. Neun der meistzitierten Köpfe, also ganze dreißig Prozent, haben irgendwann im Analysezeitraum dort geforscht – und tun das größtenteils noch immer. Vor allem das Helmholtz-Zentrum ist dort ein Magnet für zitationsstarke Diabetesforscher.

Und auch ein „Fehlen von etwas“ fällt auf: Während sich drei Forscher in der Dreißiger-Liste tummeln, die zumindest zeitweise in Österreich arbeiteten, sucht man Schweizer Forscher darin vergeblich.


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Letzte Änderungen: 10.09.2019


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