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Grundlegendes Sammelsurium

Publikationsanalyse 2012-2016: Physiologie
von Mario Rembold, Laborjournal 01/2018


Zu den Ranglisten: Meistzitierten Artikel / Reviews / Köpfe

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Ranking 18_01
Illustr.: Public Domain Pictures

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Fast die Hälfte der meistzitierten Physiologen unseres Verbreitungsgebiets war in Zürich oder in Tübingen tätig. Schnittmengen gibt es vor allem mit Neurologie, Nierenforschung und Herz-Kreislauf-Themen.

„Lehre der natürlichen Lebensvorgänge“ lautet die Definition für Physiologie. Wer den Begriff nachschlägt und weiterliest, findet in der Regel noch die Ergänzung, dass die Physiologie die biochemischen und biophysikalischen Prozesse im Organismus zum Gegenstand hat. Steigt man noch tiefer ein, dann stößt man auf ein Sammelsurium von Subdisziplinen wie Sinnesphysiologie, Neurophysiologie oder Muskelphysiologie, um nur drei Beispiele zu nennen.

Physiologie ist folglich eine weitgefasste Themenlandschaft, sodass sich vor einer Publikationsanalyse die Frage stellt: Welche Forscher aus den Lebenswissenschaften sind denn dann keine Physiologen? Selbst ein Evolutionsbiologe könnte sich ja durchaus für physiologische Adaptionen interessieren. Tatsächlich gibt es so gut wie keine biologische oder medizinische Genre-Bezeichnung, die man nicht vor das Wort „-physiologie“ setzen kann, ohne bei der Recherche auf Treffer zu stoßen.

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Ausgefranste Grenzen

Trotzdem haben sich natürlich einige Disziplinen so verselbstständigt, dass sich deren Vertreter nicht als Physiologen bezeichnen würden. Denken wir an Genetiker und Biochemiker, die ja mitunter auch die Auswirkungen chemischer Interaktionen auf den Gesamt­organismus untersuchen. Doch werden diese Wissenschaftler eher selten in physiologischen Fachjournalen publizieren.

Deswegen lag unser Augenmerk beim aktuellen Ranking noch mehr als sonst darauf, in welchen Zeitschriften ein Autor vorwiegend zu finden ist. Auch hier fiel die Entscheidung nicht immer leicht, denn manchmal tauchte die Physiologie zwar als dritt- oder vierthäufigste Fach-Kategorie auf, doch der betroffene Autor war dennoch klar einer „Organ“-Disziplin wie Kardiologie oder Hirnforschung zuzuordnen. In diesen Fällen haben wir auch auf die Titel der Veröffentlichungen geschaut und vor allem auf die Institutsbezeichnung des Wissenschaftlers. Die Institutsbezeichnung war für uns nämlich ein ebenso wichtiges Indiz für die Zuordnung zur Physiologie – selbst wenn der Autor nur wenig oder gar nicht in den entsprechenden Fachzeitschriften publiziert. Denn wer an einem physiologischen Institut forscht, wird in den meisten Fällen wohl auch als Physiologe wahrgenommen.

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Genau hinschauen mussten wir vor allem bei denjenigen, die mit Kardiologie und Neurobiologie zu tun haben. Beide Felder sind mitunter schwer abzugrenzen von der Physiologie. Wir haben uns bei den Grenzfällen bemüht, möglichst enge Kriterien einzuhalten. Ein auf Bildgebung spezialisierter Hirnforscher mag sich Fragen widmen, die ebenfalls Physiologen umtreiben: Konnektivität von Neuronen bei Funktionseinschränkung von Ionenkanälen zum Beispiel. Arbeitet solch ein Wissenschaftler aber an einem Institut für klinische Neurologie und hat im Analysezeitraum nie oder nur vereinzelt in physiologischen Zeitschriften publiziert, dann haben wir ihn hier nicht berücksichtigt. Schließlich gibt es bei uns für die Neuroforscher gleich zwei eigene Rankings in unserem Analyse-Zyklus.

Nieren in Tübingen

Konnten wir einem Forscher im Rahmen unserer Recherche aber eine Mitgliedschaft in einer physiologischen Fachgesellschaft oder eine Lehrtätigkeit in der Physiologie nachweisen, oder ließen Lebenslauf oder Labor-Webseite auf einen klaren Bezug zur Physiologie schließen, war das für uns wiederum ein Argument für die Physiologen-Schublade.

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Prinzipiell ausgeklammert haben wir jedoch die Pflanzenphysiologen. Auch Ökophysiologen bleiben außen vor, sodass das aktuelle Ranking sich nur auf Human- und Tierphysiologie bezieht – und nicht zuletzt dadurch einen starken klinischen Schwerpunkt bekommt.

Werfen wir also mit diesen Kriterien im Hinterkopf einen Blick auf die Liste der meistzitierten Köpfe. Wie bereits in den Jahren 2009 und 2013 führt auch diesmal Florian Lang vom Institut für Physiologie der Uni Tübingen die Riege der Physiologen an. Lang interessiert sich besonders für die Vorgänge in der Niere und ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich eine organspezifische Forschungsrichtung mit der Physiologie überschneiden und ergänzen kann. Dabei zieht Lang weite Kreise in unserer Köpfe-Liste: Zehn weitere Autoren haben im Analysezeitraum in besagtem Institut gearbeitet und zusammen mit Lang publiziert. So etwa Rosi Bissinger (6.) und Majed Abed (10.), die zum programmierten Zelltod roter Blutkörperchen, der „Eryptose“, publiziert haben.

Herz und Hirn

Schauen wir an dieser Stelle gleich auf die regionale Verteilung der hochzitierten Physiologen im deutschsprachigen Raum. Ganze zwölf Mal taucht Tübingen in der Liste auf, wenn man auch diejenigen berücksichtigt, die im Analysezeitraum nur zwischenzeitlich dort tätig waren. Zürich folgt mit elf Einträgen als zweithäufigster Standort in der Tabelle. Am dortigen Universitätsspital war bis letztes Jahr auch der Zweitplatzierte unserer Köpfe-Liste, nämlich der Kardiologe Thomas Lüscher, zu Hause.

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Insgesamt arbeiten aus der Liste neben Lüscher noch sieben weitere Kollegen an kardiovaskulären Themen. So zum Beispiel auch Ralf Brandes (18.) von der Uniklinik Frankfurt. Neben Gefäßerkrankungen interessieren ihn auch Gewebshormone und reaktive Sauerstoffspezies.

Rund zwanzig Prozent unserer meistzitierten Köpfe haben einen Bezug zur Neuroforschung. Hier bringt Michael Nitsche die meisten Zitierungen mit und platziert sich an dritter Stelle. Kortikale Aktivität, transkranielle Magnetstimulation und neuropharmakologische Effekte sind seine Steckenpferde. Ein anderes Beispiel für einen neurobiologischen Physiologen ist Peter Reeh aus Erlangen (20.). Er schaut auf die Signalweiterleitung in Schmerzrezeptoren und das Zusammenspiel mit Neurotransmittern und Entzündungsmediatoren.

Sport fürs Labor

Interessanterweise hat es eine Handvoll Sportwissenschaftler in die Reihen der Physiologen geschafft. Allen voran Thomas ­Rosemann (4.) vom Universitätsspital Zürich. Publiziert hat er unter anderem zur Laufleistung von Marathonläufern und geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Leistung von Ausdauerschwimmern. Auch Diabetes und koronare Herzerkrankungen standen auf der Agenda des Direktors vom Institut für Hausarztmedizin. Am selben Institut forschte im Analysezeitraum Beat Knechtle (32.), der mittlerweile eine eigene Arztpraxis in St. Gallen führt. Knechtle schwimmt, radelt und läuft auch selber um die Wette – auf seiner persönlichen Webseite stellt er sich als „Arzt und Ausdauerathlet“ vor.

Weitere Themen im aktuellen Ranking sind zum Beispiel die Hautphysiologie, repräsentiert durch Jürgen Lademann (9.), Knochenbildung und Osteoporose mit ­Dieter ­Felsenberg (41.) oder chemische Sinne für Geruch und Geschmack, denen Thomas Hummel (12.) auf den Grund geht.

Um auch die meistzitierten Artikel und Reviews zu ermitteln, konnten wir die Suche nicht allein auf physiologische Journale oder Adresslisten mit physiologischen Instituten einschränken. Deswegen haben wir zusätzlich nach Veröffentlichungen mit relevanten Stichworten zur Physiologie gesucht. Aus dieser Liste galt es dann, streng zu filtern. Genetische Assoziationsstudien, Metaanalysen und epidemiologische Arbeiten haben wir komplett außen vor gelassen, auch wenn in einigen Fällen durchaus ein Interesse an der Physiologie erkennbar war. Für uns stand aber im Vordergrund, dass die Autoren wirklich einem Mechanismus auf den Grund gehen, der für den gesamten Organismus relevant ist.

Salz und Metabolite

Salzreiche Nahrung könnte die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen begünstigen – zu diesem Schluss kommen die Autoren des meistzitierten Physiologie-Artikels unseres Rankings. Auf Platz zwei folgt ein Paper, in dem die Autoren ein Software-Tool namens Recon 2 vorstellen. Damit lässt sich eine virtuelle Landkarte des menschlichen Metabolismus erstellen; so kann man ermitteln, an welchen Reaktionen ein ausgewähltes Molekül beteiligt ist. Ein Projekt aus der Bioinformatik also – trotzdem schien uns ein Interesse an der Physiologie in diesem Fall deutlich erkennbar.

Erst an vierter Stelle steht ein Artikel, den auch Forscher aus der „Köpfe“-Liste mitverfasst haben: Ralf Brandes (18.) und Katrin Schröder (39.) untersuchen darin die protektive Wirkung von Nox4 unter ischämischem Stress und bei Entzündungsreaktionen. Dass in den meistzitierten physiologischen Papern kaum Physiologen unserer Köpfe-Liste zu finden sind, liegt einfach an der Bandbreite des Fachs: Nicht jeder Autor der meistzitierten physiologischen Paper ist ein Physiologe. Und umgekehrt sammelten viele Physiologen unserer Köpfe-Liste ihre meisten Zitierungen in Disziplinen wie Kardiologie, Neurologie oder Nephrologie.

Alles in allem zeigt sich die Physiologie also ein bisschen unübersichtlich, wenn man deren Forscher und ihre Veröffentlichungen gemeinsam auflistet. Andererseits besprechen wir diesmal eine der grundlegenden Disziplinen der Lebenswissenschaften. In diesem Lichte wundert es nicht, dass die Physiologie letztlich in allen Forschungsrichtungen der Biologie und Medizin ihre Spuren hinterlässt – und dass es somit auch keine exakt zugeschnittene Schublade für sie alleine geben kann.


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Letzte Änderungen: 04.02.2018

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