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Die Pumpenpolitikerin

Ralf Neumann


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Rätsel

(10.03.2022) Der Schwenk von der aktiven Wissenschaft in die Politik ist selten. Unsere Gesuchte hat ihn vollzogen – wenn auch nicht für lange.

Was treibt jemanden an, die Naturwissenschaften nach jahrelanger professioneller Tätigkeit zu verlassen und stattdessen in die aktive Politik zu wechseln? Zumal man damit quasi zum „Weltenwechsler“ wird: Man lässt eine Welt hinter sich, deren erstes Gebot darin besteht, durch robust ermittelte Fakten zu endgültigen Erkenntnissen zu kommen – und tauscht sie ein gegen eine andere, in der es vor allem zählt, eine Meinung mit Argumenten und Rhetorik mehrheitsfähig zu machen.

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Das sind schon sehr verschiedene „Funktionsprinzipien“, die prinzipiell auch jeweils eine andere Geisteshaltung erfordern. Kein Wunder, knirscht es daher auch immer wieder laut, wenn der Epidemiologie-Professor und neue deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach naturwissenschaftliches Evidenz-Denken und aktive Politik unter einen Hut bringen will.

Wie Lauterbach begann auch unsere Gesuchte ihr berufliches Tun mit naturwissenschaftlicher Forschung und wechselte schließlich in die Vollblut-Politik. Allerdings war es das schon fast mit den Parallelen zwischen beiden – zumal bei ihr noch ein Zwischenschritt in der chemisch-industriellen Entwicklung dabei war.

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Geboren wurde die spätere Umsteigerin als Tochter einer Chemikerin und eines Ingenieurs – und zwar im selben Jahr, in dem auch Microsoft das Licht der Welt erblickte. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr wuchs sie in einer kleinen Stadt auf, die im 1960 begründeten Kohle- und Energiebezirks der DDR lag. Dann kehrte eines Tages der Vater von einem Besuch in der Bundesrepublik nicht mehr zurück. Von Glasnost und Perestroika begünstigt durften Mutter und Tochter jedoch bald darauf zu ihm ausreisen – nur wenige Wochen, bevor die Mauer endgültig fiel.

Ihr Abitur machte unsere Gesuchte sechs Jahre später in der kleinen Stadt, in der die Familie seitdem lebte – nur etwa 20 Kilometer von Deutschlands größtem Fußballstadion entfernt. Danach wollte sie wie zuvor ihre Mutter Chemie studieren. Also angelte sie sich ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und ging damit an die University of Reading in England. Drei Jahre später kehrte sie mit dem Bachelor in der Tasche zurück nach Deutschland – und erwarb ihr Diplom schließlich als Werksstudentin der Schering AG und der Bayer AG an derjenigen Universität, an der auch „Glockenkurvler“ Carl Friedrich Gauß sein gesamtes akademisches Wirken bestritt.

Danach zog sie einen knappen Kilometer weiter an das dortige Institut für Pharmakologie und Toxikologie, wo sie während ihrer Promotion in einer humanen Hepatomzelllinie ein neues Mitglied einer Membranpumpen-Superfamilie aufspürte. Neben ihrer Dissertation sprangen hierfür zwei Erstautor-Paper heraus, die sich unter anderem mit verschiedenen Spleißprodukten des Pumpenprotein-Gens beschäftigten.

Aus ihrer nachfolgenden Postdoc-Zeit am humangenetischen Institut der Universität sollte noch ein weiteres Zweitautor-Paper folgen. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits ein anderer Plan im Kopf unserer Gesuchten gereift. Lange vorher hatte ihre Mutter einen Kunststoff für bestimmte Industrieanwendungen entwickelt, für den sich damals allerdings kein Hersteller wirklich interessiert hatte. Das Patent hatte die Mutter aber noch. Also gründete die Tochter nach der abgelaufenen Postdoc-Zeit zusammen mit ihr eine eigene Kunststoff-Firma mit Sitz in Leipzig.

Dieser Schritt schien überzeugend. Zumindest sammelte unsere Jungunternehmerin gleich fleißig Preise ein: unter anderem den Science4Life Venture Cup, den ugb Gründerpreis der Sparkasse Leipzig, den Darboven IDEE-Förderpreis, den Sächsischen Gründerinnenpreis – und, quasi als Krönung, die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In der Laudatio für die Auszeichnung heißt es: „Ihren Berufsweg prägen ganz besonders Courage und Tatkraft im Bereich Forschung und Entwicklung.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits vier Kinder, zwei weitere sollten später in ihrer zweiten Ehe folgen.

Trotz der Lobeshymnen lief die Firma jedoch nicht gut, Ende 2013 ging sie in die Insolvenz. Vielleicht war das Realisieren dieses Endes gleichsam der Startschuss für den abrupten Wechsel der Chemikerin in die Politik. Umgehend wurde sie Vorstandssprecherin einer frisch gegründeten Partei, für die sie auch in den sächsischen Landtag einzog. Bei der nächsten Bundestagswahl errang sie sogar ein Direktmandat, verkündete jedoch nur einen Tag später überraschend ihren Rückzug aus der Fraktion und zog als parteilose Abgeordnete in den Bundestag ein. Bald darauf trat sie im scharfen Streit aus der Partei aus – und zog sich nach erfolgloser Gründung einer neuen Partei mit dem Ende der letzten Legislaturperiode wieder komplett aus der Politik zurück.

In dieser kurzen Zeit als aktive Politikerin wurde sie wohl nahezu jedem bekannt. Nur wer wusste, dass sie eine derart „wissenschaftliche“ Vorgeschichte hat?

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Die „Pumpenpolitikerin“ ist Frauke Petry, die nach ihrer Dissertation über ein Pumpenprotein sowie Gründung (und Insolvenz) einer Kunststofffirma die AFD als Parteichefin in den Bundestag führte.





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