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Der Signalvorarbeiter

Ralf Neumann


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Rätsel

(07.02.2022) Da schiebt einer über lange Zeit ein Feld entscheidend an – und am Ende bekommen zwei andere, die es vollenden, den Nobelpreis dafür.

Da schiebt einer über lange Zeit ein Feld entscheidend an – und am Ende bekommen zwei andere, die es vollenden, den Nobelpreis dafür. Bis heute wurde der Medizin-Nobelpreis an 224 Personen verliehen, der Chemie-Nobelpreis an 187. Nimmt man jedoch alle Kommentare zusammen, wurden offenbar mindestens genauso viele Forscherinnen und Forscher übergangen, die bei den einzelnen Themen eine Berücksichtigung in gleichem Maße verdient gehabt hätten wie die letztendlich Gepreisten – vielleicht sogar mehr. Entsprechend groß ist die Zahl der Beispiele. Zuletzt etwa Douglas Prasher beim Preis für das Green Fluorescent Protein (2008) oder Harry Noller bei der Auszeichnung für die Ribosomenstruktur (2009).

Auch unser Gesuchter wurde oft als „verhinderter Nobelpreisträger“ bezeichnet. Seine Geschichte liegt allerdings schon etwas länger zurück ...

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Geboren wurde er gleich zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einer preußischen Provinz, die heute zu Polen gehört. Zwanzig Jahre später fand er sich an einer Universität am Südwestzipfel Deutschlands wieder, wo er nach dem Studium eine Doktorandenstelle bei einem Entwicklungsbiologen antrat, der später tatsächlich den Medizin-Nobelpreis erhalten sollte.

Bei ihm promovierte er zwar schließlich mit Bestnote, seine Arbeit über den Einfluss des Nervensystems auf die Entwicklung der Gliedmaßen bei Rana-Embryonen hinterließ jedoch keinen nachhaltigen Eindruck. Wichtig war sie für unseren Gesuchten dennoch – und zwar aus zwei Gründen: Zum einen lernte er dabei die ausgeklügelten mikrochirurgischen Methoden, die sein Doktorvater zur Entschlüsselung der Regulation von Entwicklungsprozessen etabliert hatte. Und zum anderen war sein Interesse an der neuralen Entwicklung endgültig geweckt. Über den gesamten Rest seines knapp 101 Jahre dauernden Lebens sollte es nicht versiegen.

Nach Postdoc-Aufenthalten in Göttingen und Berlin kehrte er Ende der 1920er-Jahre zurück zu seinem Doktorvater, der ihm einen Lehrauftrag angeboten hatte. Vier Jahre später erhielt er ein Rockefeller-Stipendium, um ein Jahr an der University of Chicago zu arbeiten. Dort musste er für seine Studien auf Hühnerembryonen umsteigen – und blieb für den über fünfzig weitere Jahre dauernden Rest seines Forscherlebens bei ihnen.

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Während seines Aufenthalts in Chicago erhielt er einen schicksalsträchtigen Brief von dem Philosophen Martin Heidegger, der damals Kanzler seiner Universität war. Darin verkündete er ihm die Entlassung aus der dortigen Fakultät, da er jüdischer Abstammung war. Ein Notfonds, den die Rockefeller-Stiftung eigens für deutsche Wissenschaftler eingerichtet hatte, die durch den Aufstieg der Nazis vertrieben worden waren, ermöglichte unserem Gesuchten schließlich die dauerhafte Emigration in die USA. Drei Jahre später nahm er eine Assistenzprofessur an einer Universität im Mittleren Westen der USA an – und blieb dort bis zum Ende seiner Karriere.

Von da ab dauerte es nicht lange, bis ihm auffiel, dass während der Entwicklung des Hühnerembryos die Mehrzahl der primären Neuronen in vielen Teilen des Nervensystems den Zelltod stirbt. Bald darauf zeigte er, dass die überlebenden Neuronen zwingend auf ihre peripheren Ziele angewiesen sind, um dorthin auszuwachsen – sowie dass es auf einer Art Wettbewerb basiert, welche Neuronen dies letztlich „schaffen“. Damit war klar: Es muss ein von der Zielstruktur ausgesandtes Signal geben, dass den Neuronen den Weg weist.

Natürlich hatte unser Gesuchter auch eine eigene Theorie dazu. Eine junge südeuropäische Neurowissenschaftlerin hatte jedoch eine andere. Also lud unser Gesuchter sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs kurzum zu sich ein, da es ihm sinnvoll erschien, die Kontroverse gemeinsam aufzulösen. Dies gelang ihnen schließlich, allerdings sollte am Ende die junge Kollegin recht behalten.

Von der fruchtbaren Zusammenarbeit angetan blieb sie insgesamt dreißig Jahre bei unserem Gesuchten. Die größte Ernte dieser Zeit war schließlich die Identifizierung des besagten Signals, das die auswachsenden Nervenzellen in die Peripherie dirigiert. Da dieses Projekt jedoch eher biochemischer Natur war, klinkte sich unser Embryologe mehr und mehr daraus aus. Ein Postdoc aus dem Radiologie-Institut übernahm schließlich diesen Teil der Arbeit – und konnte den Signalfaktor Jahre später endgültig identifizieren.

Als diese Entdeckung schließlich mit dem Nobelpreis geehrt wurde, verstanden nur wenige, dass lediglich die Neurowissenschaftlerin und der Biochemiker ihn erhielten. Zumal auch kein Dritter mehr geehrt wurde. Nicht zuletzt deshalb widmete die Neurowissenschaftlerin den Preis in ihrer Dankesrede explizit unserem Gesuchten. Ohne ihn, so erklärte sie, wäre damals niemand überhaupt auf das Signalprotein aufmerksam geworden. Und dessen erfolgreiche Entdeckung resultierte letztlich vor allem aus der Dreier-Kooperation eines experimentellen Embryologen mit einer Neurowissenschaftlerin und einem Biochemiker.

Die Neurowissenschaftlerin wurde am Ende übrigens noch älter als unser Gesuchter. Wir wollen hier aber seinen Namen wissen.

Wie heißt er?





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Der „Signalvorarbeiter“ ist Viktor Hamburger, der in seinen Studien zur Steuerung der neuronalen Wegfindung auch auf das Phänomen des programmierten Zelltods stieß.





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