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Spätstarterin mit Häschenohren

Ralf Neumann


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Rätsel

(02.10.2018) Sie formulierte ein Modell, mit dem sie ihr gesamtes Fach spaltete. Dabei gelangte sie nur durch eine zufällige Begegnung in die Wissenschaft.

Hin und wieder sind es seltsame Wege, auf denen jemand in die Bioforschung gelangt. Derjenige unserer Gesuchten kann sicherlich als besonders skurril gelten. Denn ohne ein paar salopp dahingesagte Gedanken über Stinktiere hätte sie wohl niemals den Einstieg in die Biowissenschaften gefunden.

Damals ging die 1954 in die USA eingewanderte Tochter einer Französin und eines holländischen Weltkriegs-Widerstandskämpfers allerdings schon stark auf die Dreißig zu – und in ihrem Lebenslauf standen bereits Tätigkeiten wie Jazz-Bassistin, Schreinerin, Hundetrainerin oder Club-Bedienung. Für einige Zeit war das Markenzeichen ihrer Arbeitskleidung gar ein Paar flauschige Häschenohren...

Ein Professor für Wildtier- und Fischereibiologie war es schließlich, den sie an einem Club-Abend mit ihren „Stinktier-Gedanken“ offenbar nachhaltig beeindruckte. Monatelang suchte er sie hernach bei der Arbeit auf, bis er sie endlich überzeugt hatte, zu studieren und in die Wissenschaft einzusteigen. „Diesem Mann verdanke ich mein Leben“, sagt sie heute über ihn.

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So spät die wissenschaftliche Karriere der zierlichen Dame somit begann, so schnell nahm sie dann Fahrt auf. Mit 32 Jahren wurde sie an einer kalifornischen Universität promoviert. Da hatte sie allerdings schon gleich in ihrem ersten größeren Paper mit einem kleinen, augenzwinkernden Autorenschwindel für einen Eklat gesorgt, der nicht ganz spurlos an ihr vorübergehen sollte.

Dies war jedoch sicherlich nicht der Grund dafür, dass sie dann für einige Zeit zurück nach Europa ging. Eher schon verortete sie hier die führenden Institute des Fachs, für das sie sich mittlerweile begeisterte – und das überhaupt nichts mehr mit Stinktieren zu tun hatte.

Vier Jahre verbrachte unsere Gesuchte folglich fortan als Postdoc an der Universität desjenigen Ortes, den viele in Oxford bis heute nur spöttisch „The Other Place“ nennen. Danach wechselte sie für sechs Jahre an die damalige Kaderschmiede Nummer 1 ihrer Disziplin – ein von einem Pharmaunternehmen finanziertes Institut in Alpennähe, das in den gut dreißig Jahren seines Bestehens als Paradebeispiel für flache Hierarchien galt und seinen Forschern weitestmögliche Freiheit ließ.

Diese Freiheit samt der Diskussionskultur an diesem Institut erlaubten es unserer „Spätstarterin“, sich vorwiegend theoretisch mit den offenen Fragen ihres Fachs zu befassen – und dies letztlich zu ihrer wahren Stärke auszubauen. Oder wie es ein ehemaliger Postdoc-Kollege später formulierte: „Sie fasst Altbekanntes in ein bestechendes Konzept zusammen.“

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Ihr mit Abstand bekanntestes und zugleich umstrittenstes Konzept formulierte sie schließlich erstmals Ende der achtziger Jahre – und entwickelte es seitdem immer weiter. Der entscheidende Geistesblitz dazu sei ihr eines Abends in der Badewanne gekommen, wie sie heute erzählt. Das Prinzip ihres Konzepts erklärte sie einmal mit folgender Analogie: „In dem Modell gibt es grundsätzlich kein Problem mit Touristen und Einwanderern – jedenfalls so lange nicht, bis sie anfangen, Fenster einzuschlagen oder ähnliches. Erst dann setzt sich die Polizei in Gang, um sie zu beseitigen. Allerdings spielt es gar keine Rolle, ob der Randalierer ein Auswärtiger oder ein Mitglied der Gemeinschaft ist. Diese Art von Verhalten wird generell als inakzeptabel angesehen – und das zerstörerische Individuum wird entfernt.“

Wohlgemerkt: Unsere Gesuchte beschrieb mit diesen Worten im Jahr 1998 Prozesse eines zellulären Systems aus unserem Organismus – und keineswegs gesellschaftliche.

Ihr Modell half unmittelbar, im Zusammenspiel mit bereits bestehenden Konzepten einige Phänomene zu erklären, an denen die Kollegen bislang gescheitert waren. Dennoch spaltete es die „Szene“ umgehend. Die einen waren begeistert, die anderen bezeichneten es als „Witz“. Wobei die Kritiker ihr bis heute vorwerfen, dass sie nie eigene Daten produziert habe, um ihre Aussagen zu belegen, sondern ihre Prinzipien stattdessen stets auf die Ergebnisse anderer stützte. Eigentlich ein schwacher Vorwurf.

Immerhin durfte sie von 1991 bis 2013 eine Abteilung an einem der großen National Institutes der USA leiten. Nicht ganz schlecht für eine, die die Klassenkameraden einst als diejenige unter ihnen kürten, die wohl am wenigsten Erfolg im Leben haben würde. Wozu auch noch kommt, dass seit 2009 der jährliche Preis einer US-Universität für besonders „furchtlose“ Frauen in der Wissenschaft ihren Namen trägt.

Welchen Namen also?




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Die „Spätstarterin mit Häschenohren“ ist die US-Immunologin Polly Matzinger (*1947). Mitte der 1990er formulierte sie die sogenannte Gefahren-Hypothese (Danger Hypothesis) zur Funktionsweise des Immunsystems. Bis heute sind sowohl Hypothese wie auch ihre Person Gegenstand lebhafter Kontroversen.




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