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Das geächtete Mobbingopfer

Winfried Köppelle


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Rätsel

(01.09.2015) Ein harmloser Scherz, gefolgt von einem geifernden Inter­net-Shitstorm: Der hier gesuchte Zellforscher hatte sich sein Karriere-Ende sicherlich anders vorgestellt.

Kritisch-rationale Wissenschaft im Popperschen Sinne ist objektiv, überprüfbar und nähert sich durch ständige Fehlerkorrektur der Wahrheit an. Dogmatische Glaubensbekenntnisse, unbelegte Verdächtigungen und Spekulation dagegen haben in der Wissenschaft nichts zu suchen. Der hier Gesuchte musste jedoch unlängst erfahren, dass derlei Theorie in der harten Lebensrealität keinen Penny wert ist, und dass gerade jene, die sich gerne als „Intellektuelle“ sehen, oftmals die engstirnigsten Fanatiker sind.

Der Mann, um den es hier geht, wuchs in den Nachkriegsjahren an der britischen Westküste auf. Schon als Knabe entdeckte er die Naturwissenschaften sowie Cricket für sich – ein merkwürdiges, an Baseball erinnerndes Schlagballgewimmel, unterbrochen von offiziellen Mittags- und Teepausen und angefeuert durch jährliche Wettumsätze von 30 Milliarden Dollar. Mangels Talent wurde aus unserem Mann jedoch kein professioneller Bowler und auch kein Batsman, sondern ein Biochemiker: Mit 21 spezialisierte er sich in Cambridge auf die Erforschung der RNA-Translation und ganz allgemein der ribosomalen Proteinsynthese. Er durfte die Nobelpreisträger George Beadle und Sydney Brenner als Universitäts-Lektoren erleben und erforschte in den folgenden vier Jahren für seine Doktorarbeit die molekulare Entstehung des Hämoglobinmoleküls. 1968 veröffentlichte er darüber einen fünfzehnseitigen Beitrag im Journal of Molecular Biology.

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Das mysteriöse Seeigel-Protein

Auch in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten drehte sich seine Forschung um die Aufklärung der Translation. Und dann, eines Tages im Juli 1982, förderte ein „eigentlich recht simples Experiment“ in befruchteten Seeigel-Eiern, mit radioaktivem Methionin als Marker, eine rätselhafte Bande im SDS-Gel zutage: Der Fußabdruck eines bis dahin unbekannten Proteins, das nach jeder Zellteilung wieder spurlos verschwand. Es sollte ihm den Nobelpreis verschaffen.

Heute kennt man dutzende solcher Proteine; sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Steuerung des Zellzyklus. Unser Mann taufte deren erstes „Cyclin“. Wie er vor wenigen Jahren augenzwinkernd verriet, habe die Namensgebung allerdings nichts mit dessen Funktion zu tun gehabt, sondern sei aus der Begeisterung für den Radsport heraus entstanden: „The name cyclin, which I coined, was really a joke, it‘s because I liked cycling so much at the time...“.


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Er ist eben ein Spaßvogel in der Tradition des berühmten britischen Humors. Leider versteht diesen nicht jeder, und so stolperte er kürzlich über einen harmlosen Joke, der in seinem Fall auch noch die reinste Wahrheit war – hatte er seine Frau doch einst im Labor kennengelernt: Auf einer Konferenz bat man ihn, einen Toast auf die anwesenden weiblichen Journalisten und Wissenschaftler auszubringen, und er scherzte: „Drei Dinge passieren, wenn Mädchen im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, weinen sie. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Jungen und Mädchen einrichten?“

Dass er übergangslos wieder ernst wurde und im Rest seiner Rede die unverzichtbare Rolle weiblicher Wissenschaftler betonte, interessierte eine anwesende Feministin nicht; sie trat mithilfe von Falschbehauptungen und faktenverdrehenden Unterstellungen einen Internet-Fäkalsturm gegen unseren angeblichen „Sexisten“ los, in dessen Folge man diesem die Ehrenprofessur entzog und ihn aus dem Europäischen Forschungsrat und der Royal Society drängte. Eine inzwischen vorliegende Tonbandaufzeichung, ein Gesprächsprotokoll sowie mehrere Zeugenaussagen beweisen, dass man dem gemobbten Zellforscher enormes Unrecht tat – doch rehabilitiert hat man ihn bislang nicht. Wie heißt er?




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Das gesuchte, geächtete Mobbingopfer ist der britische Biochemiker Sir Richard Timothy („Tim“) Hunt (*1943). Der in seinem Denken von den Nachkriegsentbehrungen geprägte Hunt studierte ab 1964 in Cambridge Biochemie und beschäftigte sich fortan mit der Proteinbiosynthese, der mRNA-Translation sowie der Entstehung des Hämoglobinmoleküls. 1982 erwählte er sich den Seeigel als Modellorganismus und entdeckte bei Experimenten an dessen Eiern, dass ein bis dato unbekanntes Molekül („Cyclin“) offenbar eine Schlüsselrolle bei der Zellteilung einnimmt. Zusammen mit seinem britischen Kollegen Paul Nurse und dem Amerikaner Leland Hartwell verlieh man ihm 2001 „für die Entdeckungen die Zellzykluskontrolle betreffend“ einen Nobelpreis. 2015 wurde Hunt nach einem falsch verstandenen Scherz zum Opfer einer wochenlangen Diffamierungskampagne.




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