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Der penible Chirurg

Winfried Köppelle


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Rätsel

(29.05.2015) Als Hygiene-Pionier entwickelte er die Ideen von Pasteur und Semmelweis konsequent weiter und machte Operationen zu einer sauberen Angelegenheit.

Die pathogenen Biester sind eine Art Miniaturversion von E. coli: ubiquitär, rundherum begeißelt, darmbewohnend und nach Gutdünken anaerob – im Gegensatz zum wichtigsten Modellorganismus der Biologie aber grampositiv, mit kleinerem Genom und vor allem: kältetolerant. Problemlos vermehren sie sich in vakuumverpackten Grillwürstchen und in Kühlschrank-gelagertem Käse, und wenn ungünstige Begleitumstände zusammentreffen, dann ist im Focus mal wieder von der „Ekelfalle Küche“ zu lesen und es gibt „Bakterien-Alarm“.

Benannt ist die Gattung, deren Vertreter sich in fast jedem mit Erde verunreinigtem Lebensmittel befinden, nach dem oben abgebildeten Herrn: einem britischen Chirurgen mit Elternhaus-bedingt naturwissenschaftlichem Hintergrund. Geboren wurde er im gleichen Jahr, in dem man die ersten Streichhölzer verkaufte und die Schiffsschraube erfand. Das Familienoberhaupt, ein Weinhändler und begeisterter Freizeit-Naturforscher aus East London, verbesserte die damaligen Lichtmikroskope entscheidend und wurde aus Anerkennung darüber in die Royal Society berufen. Der Sohn geriet nach dem Vater. Er schlug die Chirurgenlaufbahn ein und war als Student Augenzeuge einer legendären Begeben­heit: Robert Liston vollführte am 21. Dezember 1846 am University College Hospital in London die erste größere Operation unter Narkose in Europa und amputierte, für seinen Patienten weitgehend schmerzfrei, ein Bein.

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Enge familiäre Bindungen

Im feudal geprägten Medizinbetrieb sind ja bekanntermaßen fast alle Protagonisten miteinander verwandt oder verschwägert, voneinander abhängig oder zumindest in inniger Feindschaft verbunden; das ist heute so und war vor 150 Jahren nicht anders. Das Ärztewesen ist ein familieninternes, in geschlossenen Zirkeln ablaufendes Handwerk, das unser Mann als begabter Seiteneinsteiger eroberte: Nicht nur sein Familienname ähnelt dem des erwähnten Bein-Amputeurs; durch die spätere Heirat des Gesuchten mit einer Chirurgentochter wurde er sogar Mitglied von dessen Großfamilie. Bei seinem Schwiegervater wiederum (auch dieser ein prominenter Chirurg) trat er mit 28 eine Assistentenstelle an; und wie dieser sollte auch unser Mann einer der fortschrittlichsten Mediziner seiner Zeit werden: Mit 33 bekam er in Glasgow seinen ersten Lehrstuhl zugesprochen, danach wirkte er in Edinburgh und London. Er behandelte als „Chirurg der Queen“ Königin Victoria und war noch als 74-jähriger Greis Mitglied des ärztlichen Beratergremiums bei der Blinddarmoperation des kurz darauf zum König gekrönten Edward VII.

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Sein Weltruf als „Vater der keimreduzierten Operationskunst“ gründete auf den Arbeiten von Louis Pasteur über Gärungs- und Fäulnisprozesse; ähnlich wie der berühmte Franzose war auch unser Mann davon überzeugt, dass man „nie ein Instrument in den menschlichen Körper einführen dürfe, ohne es vor der Operation kochendem Wasser oder besser noch einer Flamme ausgesetzt“ oder es mit fünfprozentiger Karbolsäure desinfiziert zu haben: Ab 1865 zerstäubte er vor Operationen die hochgiftige, bakterizide Verbindung über den Händen der Ärzte, dem OP-Besteck und der Operationswunde und tränkte hinterher auch noch die Wundverbände darin. Damit führte er die von Ignaz Semmelweis ab 1847 geforderten Desinfektionsregeln konsequent in die Chirurgie ein und entwickelte sie weiter – auch wenn ihm die molekularen Ursachen der Sepsis natürlich zeitlebens ein Rätsel blieben.

Bis heute ist der von ihm geprägte Grundsatz „Bakterien dürften nie in eine Operationswunde gelangen“ gültig. Wie heißt der Gesuchte, der zudem sich selbstauflösende Nähfäden sowie die Wunddrainage in die Medizin einführte?




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Der gesuchte, penible Chirurg ist der Mediziner Joseph Lister (1827-1912). Der aus einer wohlhabenden Weinhändler-Familie stammende Brite war der erste Arzt, den die Queen in den Stand eines Lords erhob. Das war 1893, und Listers Hauptverdienst war es, als „Vater der antiseptischen Chirurgie“ die erschreckend hohe Patientensterblichkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts beträchtlich (von 50 auf 15 Prozent) gesenkt zu haben: Angeregt durch Louis Pasteurs Arbeiten über den Gärungsprozess führte Lister um 1865 herum den „Karbolsäure“-Verband sowie weitere auf Phenol basierende, infektionshemmende Hygienetechniken ein. Weniger bekannt ist, dass der exzellente Mikroskopiker ferner die Streptokokken entdeckte, den Catgutfaden als chirurgisches Nahtmaterial sowie die medizinische Gaze und Drainagen zur Versorgung frischer Wunden einführte.




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