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Der experimentierfreudige Narkosepionier

Winfried Köppelle


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Rätsel

(22.11.2012) Er brachte Stille in die Operationssäle – mit einer revolutionären Neuerung, der man innerhalb der Chirurgenzunft lange misstraute.

Was ist die bedeutendste Errungenschaft der Medizin? Aseptisches Arbeiten? Antibiotika? Das Impfen? Oder die vielfältigen Bildgebungsverfahren von Röntgen bis Computertomografie? – Die Antwort ist einfach. Stellen Sie sich vor, Sie lägen im Operationssaal und der Chirurg käme mit seinem Skalpell auf Sie zu. Uups! Was würden Sie jetzt am liebsten tun? Genau: Weglaufen – oder tief schlafen. Eine Narkose, auch Allgemeinanästhesie genannt, verhindert, dass Sie in solchen Situationen zu einem vor Schmerz und Entsetzen kreischenden Angstbündel werden.

Vor kaum 200 Jahren war das chirurgischer Alltag. Zu Lebzeiten Darwins, Mozarts und Goethes glichen die Operationssäle der Hospitäler blutigen Folterkammern, deren Insassen aus Panik beinahe verrückt wurden. Nicht wenige Patienten starben am Schock, viele später an Infektionen. Die Wundärzte zuckten mit den Schultern – und schnitten und sägten weiter, in ständiger Eile nicht nur wegen der immensen Blutverluste der ihnen Anvertrauten, sondern vor allem wegen der enormen Schmerzen, die sie diesen zufügten. Für die Amputation eines mit Wundbranderregern infizierten Beins – damals eine gängige Therapie – benötigten Chirurgen des ausgehenden 17. Jahrhunderts kaum eine Minute.

Ab dem Jahr 1846 sollte sich die Lage radikal ändern. Ein Bostoner Zahnarzt trat an den Chefchirurgen des örtlichen Krankenhauses heran und bat, eine neuartige Betäubungsmethode vorführen zu dürfen.

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Der Mann mit der Glaskugel

Er durfte. An einem Freitag um zehn Uhr verfolgte die im Hörsaal versammelte Medizinerschar skeptisch, wie unser Gesuchter eine zweistutzige Glaskugel hervorholte und sie dem als Versuchsperson ausgewählten Patienten an den Mund setzte. Der verdutzte Mann reagierte zunächst „unruhig“, dämmerte dann aber schnell weg – woraufhin sich unser Narkotiseur zum Chefarzt umdrehte und lakonisch bemerkte: „Der Patient ist bereit, Doktor!“

Die sich anschließende Operation dauerte nur wenige Minuten. Ein kleiner Hauttumor unterhalb des linken Unterkiefers musste entfernt werden. Bereits nach dem ersten Schnitt Unruhe unter der Ärzteschar: keine Regung, kein Zucken, nichts. Der skalpellführende Chefchirurg beeilte sich, dem Auditorium zu versichern: „Dies ist kein Humbug, meine Herren!“

Diese Geburtsstunde der Anästhesie kommentierte ein Anwesender beeindruckt: „Das, was wir heute gesehen haben, wird um die Welt gehen“ – und verfasste sodann einen Erlebnisbericht für das Boston Medical and Surgical Journal, der darin am 18. November 1846, tags darauf in der lokalen Tageszeitung und einen Monat später in einem deutschen Fachjournal erschien. Genau diese Publikation wurde jüngst zum „wichtigsten medizinischen Fachartikel der letzten 200 Jahre“ gekürt.

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Unser Narkotiseur, ein Bauernsohn aus Massachusetts, soll schon in jungen Jahren ungewöhnlich experimentierfreudig gewesen sein. Als Bürokaufmann bei einer christlichen Wochenzeitung hielt es ihn nicht lange, stattdessen lernte er Zahnarzt und tat sich mit einem Kollegen zusammen, der seine Patienten mit Lachgas betäubte. Die einschläfernde Wirkung von Schwefeläther schien unserem Gesuchten jedoch vielversprechender – wie wir wissen, sollte er damit recht behalten.

Nach seiner erfolgreichen Demonstration im später als „Äther-Dom“ bezeichneten Hörsaal verließ ihn jedoch das Glück. Ein anderer beanspruchte das erfinderische Vorrecht für sich; langwierige Patentstreitigkeiten trieben unseren Mann in den Ruin. Verbittert und verarmt starb er in den Slums von New York City. Wie heißt der Zahnarzt, der die Narkotisierung von Patienten mittels Äther zwar nicht als Erster nutzte, dieser aber durch seine Beharrlichkeit zum Durchbruch verhalf?




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Der gesuchte, experimentierfreudige Narkosepionier ist der amerikanische Zahnarzt William T.G. Morton (1819-1868). Zwar hatten vor ihm auch andere wie Humphry Davy (um 1800), John Warren (1805) und Crawford Long (1842) erfolgreich mit betäubenden Gasen experimentiert und teils auch Patienten damit behandelt – doch erst Morton verhalf der Anästhesie 1846 durch eine legendäre Vorführung im Bostoner General Hospital zum Durchbruch. Längerdauernde Operationen – heute Normalität – wurden durch die schmerzausschaltende Wirkung von Anästhetika (heute vor allem Barbiturate und Ketamin) erst möglich. Weil sich Morton in zwanzig Jahre andauernde Patentstreitigkeiten mit seinem Ex-Professor Charles Jackson (einem Chemiker) verstrickte, von dem der Tipp mit dem Schwefeläther stammte, starb er letztlich verarmt in den New Yorker Slums.




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