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Ein Plädoyer für den Abstract

Wie schreibt man einen guten Abstract?

Stefan Lang


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Viele Wissenschaftler glauben, der Abstract sei nur eine bessere Inhaltsangabe. Andere halten ihn für den wichtigsten Teil einer Publikation. Geschrieben wird er meist ganz am Ende. Warum eigentlich?

Auf den ersten Blick erscheint es logisch, den Abstract zum Schluss zu schreiben, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen und das Manuskript fertig ist. Denn der Abstract ist das Miniaturabbild eines Papers: Er fasst die zentralen Aussagen der Introduction, Methods, Results and Discussion zusammen. So kann der Leser Fragestellung, Ergebnis und Schlussfolgerung auf einen Blick erfassen und bereits während der Literaturrecherche entscheiden, ob ihn das Thema interessiert. Auch die gängige Ratgeberliteratur empfiehlt, den Abstract zum Schluss zu schreiben, weil er so wichtig ist: Der Abstract ist der am häufigsten gelesene Abschnitt einer wissenschaftlichen Arbeit – oftmals der einzige.

Aus diesem Grund sollte man im Abstract besonders auf Exaktheit und Präzision achten. Eine Selbstverständlichkeit? Eine Untersuchung an sechs großen medizinischen Journalen fand heraus, dass zwischen 18 % und 68 % der dort von 1996 bis 1997 veröffentlichten Abstracts fehlerhaft waren (Pitkin et al., JAMA 1999; 281(12):1110-1). Als Fehler wurde gewertet, wenn die Daten des Abstracts nicht mit denen des Artikels übereinstimmten oder dort überhaupt nicht zu finden waren. Eine andere Studie untersuchte 2004 die Abstracts einiger pharmazeutischer Journale. Fehlerquote: 60 % (Ward et al., Ann Pharmacother 2004; 38(7-8):1173-7). Und selbst in Papern zu klinischen Studien fehlen den Abstracts oft die entscheidenden Details – manchmal geben sie nicht einmal die zentrale Aussage des Artikels korrekt wieder (Burns et al., Crit. Care. Med. 2005; 33(9):1937-45).
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Drei Kardinalfehler

Wie schreibt man also einen guten und fehlerfreien Abstract? Die „Instructions to Authors“ der großen biomedizinischen Journale, die ja sonst alles Mögliche regulieren, sind hier keine Hilfe. Meist beschränken sie sich darauf, die Wortzahl zu limitieren und nur wenige Journale wie das Journal of Investigative Dermatology gehen ins Detail und schreiben den Aufbau des Abstracts vor: „Background, purpose, results and conclusions of the study, in that order, without headings.“ Doch die Herausgeber können sich die Mühe sparen, hier genauere Anweisungen zu geben. In einer weiteren Studie war nämlich eine Gruppe von Autoren ausdrücklich auf die drei häufigsten Fehler der Abstracts hingewiesen worden (Pitkin et al., JAMA 1998; 280(3):267-9): (1) Die Daten des Abstracts stimmen nicht mit denen des Textes überein, (2) fehlen dort vollständig oder (3) die Ergebnisse rechtfertigen nicht die Schlussfolgerung des Abstracts. Erstaunlicherweise unterschied sich der Prozentsatz der fehlerhaften Abstracts in dieser Gruppe nicht signifikant von dem der Kontrollgruppe, in der die Autoren nicht diese zusätzlichen Hinweise erhalten hatten (28 % vs. 26 %; p = 0,78).

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Es liegt also nicht an der fehlenden Unterweisung. Schlechte Abstracts haben eine andere Ursache, und die ist tief im gängigen Schreib- und Publikationsprozess verankert. Schreiben ist zwar eine einsame Tätigkeit, doch das Verfassen eines Research Papers ist ein höchst arbeitsteiliger Prozess. Fast immer sind mehrere Autoren beteiligt, die oft nur über E-Mailkontakt miteinander in Verbindung stehen. Der Erstautor muss Resultate für den Abstract aufbereiten, die von seinen Koautoren erhoben und oft erst während des Schreibprozesses dem Manuskript hinzugefügt wurden. Während der zahlreichen Korrekturrunden kommen weitere Details wie neue statistische Auswertungen hinzu. Selbst die Fragestellung, die zu Beginn des Projektes einmal formuliert worden war und eigentlich das gesamte Manuskript wie ein roter Faden durchziehen sollte, mag dann in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr gelten. Um nun einen präzisen und fehlerfreien Abstract schreiben zu können, muss der Autor nach der letzten Überarbeitung noch einmal tief in die Materie einsteigen und den Text im Detail durcharbeiten. Hierfür fehlt vielen Autoren – so kurz vor der lang ersehnten Einreichung – schlicht die Geduld.

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Drehen Sie den Spieß um

Wer es besser machen will, dreht den Schreibprozess um und beginnt ihn mit dem Abstract – nicht nur, weil man dann noch ausreichend motiviert und willens ist, dem Abstract die nötige Priorität einzuräumen. Nein, der Blick über den Tellerrand zeigt, dass der Abstract mehr als eine lästige Fleißarbeit ist, die man möglichst bald erledigt haben sollte. Im Gegenteil: Der Abstract kann helfen, die Zusammenarbeit mit den Koautoren zu organisieren und den Schreibprozess in die richtigen Bahnen zu lenken.

Bevor Schreibprofis wie Journalisten oder vielpublizierende Buchautoren ein vollständiges Manuskript verfassen, schreiben sie einen Abstract – nur nennen sie ihn „Exposé“. Das Exposé fasst den Inhalt einer Story zusammen, stellt die Hauptakteure vor und nennt die wichtigsten Fakten. Inhaltlich entspricht es also dem Abstract – auch wenn es im Gegensatz zu seinem wissenschaftlichen Pendant in der späteren Veröffentlichung nicht mehr erscheint. Doch das Exposé ist für Journalisten und Buchautoren eine wichtige Diskussions- und Arbeitsgrundlage: Mit dem Exposé überzeugen sie die Herausgeber, ihr Werk zu publizieren; und auf der Grundlage des Exposés besprechen sie mit Redakteuren und Lektoren notwendige Änderungen und Verbesserungen. Auch Medical Writer, die im Auftrag forschender Unternehmen Berichte verfassen, beginnen den Schreibprozess mit dem Abstract. So können sie die Eckpunkte eines Wissenschaftstextes wie Fragestellung und Schlussfolgerung mit Auftraggebern und Koautoren diskutieren. Die wichtigsten Daten werden festgehalten, Schlüsselbegriffe definiert. Erst wenn alle Beteiligten mit dem Rahmen, den das Abstract vorgibt, einverstanden sind, wird das Manuskript verfasst.

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Abstract und Exposé bilden also die Blaupause, einen Plan des zu schreibenden Textes. Ist der Abstract geschrieben und abgesegnet, kann sein Inhalt direkt in den ersten Entwurf des Artikels überführt werden: Das „General Topic“ des Abstracts, also der allgemeine Hintergrund, bildet den Anfang, die Fragestellung das Ende der Einleitung. Die Antwort auf die Forschungsfrage, die man im Abstract formuliert hat, kann direkt an den Anfang der Diskussion gesetzt werden. So bilden die Elemente des Abstracts den Rahmen der Geschichte, die in dem Paper erzählt werden soll. Edwin Gale, der Herausgeber der Fachzeitschrift Diabetologia, fordert in seinen „Instructions to Authors“: „Tell me a story.“ Auch er empfiehlt, mit dem Abstract zu beginnen. Denn: „It [the abstract] will then tell you what to put in the paper and what to leave out“ (www.diabetologia-journal.org/eicadvice.html).

So zwingt der Abstract die Autoren also, bereits im Vorfeld Aufbau und Inhalt des Papers festzulegen. Noch hat niemand untersucht, ob diese Schreib-Strategie auch in einer höheren Abstract-Qualität resultiert. Doch ich bin überzeugt, dass sie zu besseren Artikeln führt.

Keine Phrasen dreschen

Darüber hinaus ist der Abstract eine nicht zu unterschätzende Schreibübung. Da er eine präzise und besonders prägnante Ausdrucksweise verlangt, trainiert er einen Schreibstil, der auch im gesamten Manuskript vorherrschen sollte. Wer gute Ergebnisse mit wenigen Worten verständlich wiedergeben will, darf keine überlangen Schachtelsätze konstruieren. Vor allem muss er sich kurz fassen – der Wissenschaftsjargon, der auch heute noch viele Fachpublikationen unnötig aufbläht, ist hier fehl am Platz. So zwingt der Abstract die Autoren, auf Phrasen wie „a majority of“ und „a sufficient amount of“ zu verzichten, wenn es mit „most“ und „enough“ auch kürzer geht. Und wer mit 150 Wörtern auskommen muss, wird sich zweimal überlegen, ob er tatsächlich „has not been completely understood“ schreiben will – oder ob nicht ein einfaches „is unknown“ genügt.

(Der Autor ist promovierter Molekularbiologe und freiberuflicher Scientific & Medical Writer)



Letzte Änderungen: 06.10.2009


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