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Fenster in das Innenleben von Organen
Organ-Chips

Andrea Pitzschke


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Illustration: Labor Donald Ingber

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Um die grundlegenden Funktionseinheiten eines Organs möglichst naturgetreu nachzubilden, genügt ein kleiner dreidimensionaler Ausschnitt des Gewebes. Bringt man diesen auf einem durchscheinenden Plastik- Chip unter, kann man die Funktionsweise des Organs wie durch ein Fenster beobachten.

Nicht immer benötigen Biowissenschaftler Ratten oder andere Versuchstiere, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Zellkulturen und nachgebildete Gewebe sind nützliche Alternativen, die nicht nur ethische Bedenken umgehen, sondern mitunter auch mehr Informationen liefern – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Dass im Tiermodell nicht alles so abläuft wie beim Menschen, ist keine neue Weisheit. Die wirksame oder tödliche Dosis berechnet sich nun einmal nicht nach dem Körpergewicht, und viele Substanzen werden je nach Spezies anders verstoffwechselt – im Tier- wie im Pflanzenreich.

Auch die personalisierte Medizin funktioniert nicht im Tiermodell, weil niemand weiß, welcher Hamster oder welche Maus den Krebsverlauf und die Chemotherapie-Reaktion eines Patienten realitätsnah simuliert. Das geht nur mit Zellen oder Gewebe des Patienten selbst.

Möglichst authentisches Modell

Um die Prozesse, die sich darin abspielen, so authentisch wie möglich abbilden zu können, verwenden Forscher zunehmend dreidimensionale (3D) Zellkulturen. Gründe hierfür gibt es zuhauf: In 2D-Zellkulturen wachsen alle Zellen in einer flachen Schicht und haben Kontakt zur Umgebung. In echten Organen erfahren dagegen nur die Oberflächen-Zellen die Außenwelt direkt. Die Zellen im Inneren kommunizieren untereinander, geben Sub­stanzen teilweise verstoffwechselt an ihre Nachbarzellen weiter und teilen sich weniger als die äußeren.

Sollen Zellkulturen auch in der dritten Dimension wachsen, benötigen sie ein Gerüst, etwa aus Kollagen, Fibronektin oder Alginat, das der extrazellulären Matrix (ECM) von Geweben ähnelt. Damit 3D-Kulturen aber länger als nur ein paar Stunden oder Tage überleben können, müssen sie regelmäßig mit Nährstoffen versorgt werden. Gleichzeitig müssen nicht mehr benötigte Stoffwechselprodukte entsorgt werden.

Besonders einfach und dennoch sehr nah an der Realität gelingt dies, wenn man die Zellen auf speziellen Organ-Chips (Organ-on-Chip, Organs-on-a-Chip) kultiviert, die echte Organe nachahmen und meist nicht größer sind als eine Euromünze. Die Chips enthalten winzige Kanäle, Pumpen und Ventile, über die die Zellen mit Blut oder Nährlösung versorgt werden. Das einfachste Organ-Chip-Modell enthält zwei Mikrokanäle, die wie ein kurzes zweiadriges Stromkabel aussehen, dessen Stromleitungen an den Enden Ypsilon-förmig aufgetrennt sind. Im dazwischen liegenden Abschnitt sind sie jedoch übereinander angeordnet und verlaufen parallel. An den Enden können Testsubstanzen in die Mikrokanäle appliziert werden, die in den parallel verlaufenden Abschnitt des Kanals wandern. Von dort können sie über eine poröse Membran in den benachbarten Kanal gelangen.

Es ist möglich, zwei Zelltypen gleichzeitig in den beiden Kanälen des Organ-Chips zu kultivieren, die durch eine Membran getrennt sind. Ein Zelltyp repräsentiert das nachzubildende Organ, beziehungsweise ein Gewebe, das eine organspezifische Funktion erfüllt (Parenchym). Der andere bildet einen mit Endothelzellen ausgekleideten Kanal der ein Blutgefäß nachahmt.

Gewundene Kanäle

Von diesen minimalistisch aufgebauten Organ-Chips existieren inzwischen verschiedene optimierte Varianten. Bei diesen winden sich die etwa zehn Nanometer dicken Mikrokanäle meist in engen Kurven, ähnlich wie bei einer Heizspirale. Wozu die engen Windungen? Flüssigkeiten fließen als laminare Strömung in Schichten durch die Mikrokanäle. In einem geradlinig verlaufenden Kanal verteilen sich die in den Flüssigkeiten gelösten Substanzen sehr schlecht. Die Kurven in den gewundenen Kanälen verursachen jedoch winzige Verwirbelungen, die dazu führen, dass sich die Moleküle besser verteilen können.

Die Herstellung der Organ-Chips ist gar nicht so kompliziert, wie manche vielleicht denken. Früher wurden dazu meist lithographische Verfahren eingesetzt. Heute verwendet man in der Regel einen 3D-Drucker, der nach einer Vorlage klar definierte Strukturen produziert, die weitere Feinarbeiten ersparen.

Der Drucker stellt aber nicht den eigentlichen Chip her, sondern nur eine Gießvorlage, die mit einem geeigneten Kunststoff ausgegossen wird. Das Gießmaterial muss sehr viele verschiedene Anforderungen erfüllen und entsprechend sorgfältig ausgewählt werden. Wichtige Kriterien sind zum Beispiel: Druck- und Temperaturbeständigkeit, Robustheit und Dehnbarkeit. Zudem muss es möglichst inert und mit lebenden Zellen kompatibel sein –und natürlich auch kostengünstig.

Optimal wäre ein Material, von dem die Zellen in ihrer künstlichen Behausung gar nichts mitbekommen und in dem sie sich wie in einem echten Organ fühlen. Das ist natürlich reines Wunschdenken: Ein Material, das für alle Organ-Chip-Anwendungen passt und mit dem sich die Ergebnisse von Organ-Chip-Experimenten unmittelbar vergleichen ließen, gibt es nicht.

Einfaches Kunststoff-Gehäuse

Die meisten Forscher favorisieren jedoch den Kunststoff Polydimethylsiloxan (PDMS) für die Herstellung von Organ-Chips. PDMS besteht aus linearen Polymeren, die sich durch Quervernetzungen in Elastomere verwandeln. Je nach Grad der Vernetzung lässt sich die Viskosität und Elastizität des Kunststoffs variabel einstellen. PDMS wird zum Beispiel auch als Gleitbeschichtung von Kondomen benutzt, oder für Wurzelkanalfüllungen beim Zahnarzt.

Der Kunststoff ist nicht nur als Baumaterial für die Gehäuse und Mikrokanäle von Organ-Chips geeignet, sondern auch für die Membranen. Hierfür wird flüssiges PDMS hauchdünn auf eine Art Miniatur-Waffeleisen gegossen, gepresst und ausgehärtet. Entsprechend den Waffeleisen-Erhebungen ist die fertige Membran dann von regelmäßig angeordneten winzigen Poren durchzogen. Sehr anschaulich ist der gesamte Herstellungsprozess bis hin zum fertigen Organ-Chip in einem Paper des Organ-Chip-Spezialisten Donald Ingber vom Whyss Institute for Biologically Inspired Engineering, der Harvard University beschrieben (JoVE, 140, e58151).

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Die mit zwei Farbstoffen gefüllten Kanäle verdeutlichen den grundlegenden Aufbau eines einfachen Organ-Chips: Der obenliegende gelbgefärbte Kanal wird mit Parenchym-Zellen besiedelt, die das jeweilige Organ nachbilden. Der darunterliegende blaue Kanal, der ein Blutgefäß imitiert, wird mit Endothelzellen ausgekleidet. Im parallel verlaufenden Abschnitt sind die Kanäle durch eine Membran voneinander getrennt, über die Substanzen von einem Kanal in den anderen gelangen können. Foto: Donald Ingber

Zellen können einziehen

Ist das Gehäuse des Organ-Chips gegossen und ausgehärtet, muss es mit den gewünschten Zellen besiedelt werden. Hierfür verwenden Forscher immortalisierte Zelllinien oder induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Bei primären humanen Zellen, die einem Patienten zum Beispiel bei einer Organresektion entnommen wurden, ist Vorsicht geboten. Der Patient, inklusive seiner Organe, hat meist schon verschiedene Medikamentenbehandlungen durchlebt und das Probenmaterial ist nicht mehr „jungfräulich“ – je nachdem, von welcher Position im Organ die Probe stammt, variieren die Eigenschaften. Induzierte pluripotente Stammzellen des Patienten sind hierfür weitaus besser geeignet. Je nach Kultivierungsbedingung lassen sie sich in den gewünschten Zelltyp differenzieren. Die Parenchym-Zellen, die ein bestimmtes Organ nachbilden sollen, werden im obenliegenden Kanal des Chips deponiert. Prinzipiell sind verschiedenste Zelltypen für die Besiedelung des Kanals denkbar. So wurden bereits Organ-Chips hergestellt, die Herz, Hirn, Darm oder Lunge nachbilden.

Auch bei der Entwicklung von Tumor-­Chips gibt es erste Erfolge. Ziel ist es, die Mikro-Umgebung von Krebszellen nachzustellen, in der sie physisch und chemisch miteinander interagieren. Tumor-Chips sind insbesondere für das Screening von Krebsmedikamenten interessant. Noch spannender wird es, wenn man den Tumor-Chip mit einem anderen Organ-Chip koppelt, um zum Beispiel die Auswirkungen von Leberkrebs auf Darm, Niere, Milz oder andere Organe zu verfolgen.

Atmender Lungen-Chip

Wie man einen Lungen-Chip herstellen kann und wie dieser aufgebaut ist, zeigt Donald Ingbers Team in einem Video, das auf der Webseite der Gruppe zu finden ist. Der Chip basiert auf dem Standardmodell mit zwei Mikro­kanälen, die durch eine poröse Membran getrennt sind. Auf der oberen Membranseite ist eine Schicht aus Lungenepithelzellen angesiedelt, auf der unteren eine Lage Endothelzellen, die für gewöhnlich Blutgefäße auskleiden. Durch den oberen Kanal strömt Luft, durch den unteren Blut. Über die Poren gelangen Bestandteile des Bluts in den oberen Kanal. Die Kommunikation zwischen den zwei Zelltypen ist damit schon mal sichergestellt.

Aber eine Lunge atmet auch. Je nach Alter, Kondition und sportlicher Belastung durchläuft das Lungengewebe 6 bis 64 Schlaff-Straff-Zyklen pro Minute. Diesen Rhythmus muss auch der Lungen-Chip simulieren. Ingbers Team erreicht dies mit einem raffinierten Trick: Links und rechts des Luft-Blut-Doppelkanals verlaufen zwei parallele Kanäle, an die ein Vakuum angelegt werden kann. Unter Vakuum dehnt sich das flexible Material des Luft-Blut-Doppelkanals aus – inklusive der Membran und dem darauf haftenden Zellgewebe. Ohne Vakuum entspannt es sich wieder. Über das Vakuum wird so die Atemfrequenz einer Lunge simuliert.

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Was mit Organ-Chips möglich ist, verdeutlicht der Lungen-Chip, den die Gruppe von Donald Ingber konstruierte. Wie üblich sind in dem obenliegenden Kanal Parenchym-Zellen untergebracht, die in diesem Fall das Lungen-Gewebe repräsentieren. Der darunterliegende, mit Endothelzellen ausgekleidete Kanal bildet ein Blutgefäß nach. Getrennt sind die beiden Kanäle durch eine Membran. Links und rechts verlaufen zwei zusätzliche Kanalstrukturen aus einem dehnbaren Material. Wird in diesen ein Vakuum angelegt, schrumpfen sie, wodurch sich der Kanal mit dem Lungen-Parenchym ausdehnen kann. Wird das Vakuum aufgehoben, schrumpft das Lungen-Parenchym wieder etwas zusammen. Der Lungen-Chip atmet fast wie eine echte Lunge. Untersuchungen zur Aufnahme von Luftschadstoffen in das Lungengewebe sind hierdurch wesentlich realitätsnaher als in starren zweidimensionalen Zellkulturen. Illustration und Foto: Donald Ingber

Wie beim echten Atmen erleichtern die verringerte Dicke und die vergrößerte Fläche der Membran bei der Dehnung Luftschadstoffen den Zugang. Mit Lungen-Chips könnte man deshalb zum Beispiel die Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Lunge analysieren. Durch den Mikrokanal für den Lufttransport kann man Gase, die einzelne Schadstoffe oder ganze Giftcocktails enthalten, über das Epithelgewebe leiten und etwaige Auswirkung biochemisch oder mikroskopisch untersuchen.

Differenzierte Analyse

Auf diese Weise ließe sich nicht nur die unmittelbare Antwort der Epithelzellen abfragen, etwa über die Expression von Marker-Genen, den programmierten Zelltod oder Metabolit-Veränderung – man könnte auch die Reaktionen direkt im Blut analysieren. Wie reagiert das Gewebe zum Beispiel auf ein Teilchen, das im Luftstrom transportiert wird? Wird es abgewehrt oder zerstört? Um diese Fragen beantworten zu können, leitete Ingbers Gruppe E. coli-Zellen durch den Luftkanal des Lungen-Chips, die eine Infektion vortäuschen und eine Immunantwort auslösen sollten. In den Blutstrom speiste das Team Leukozyten ein, die mit einem Fluoreszenz-Marker versehen waren. Was passierte? Die Bakterien setzten sich an einigen Stellen auf dem Lungenepithel ab. Das hierdurch ausgelöste Signal gelangte über die durchlässige Membran in den Blutstrom und alarmierte die Leukozyten. Diese machten sich über die Membran auf den Weg zu den attackierten Epithelzellen und eliminierten die Bakterien.

Näher an der Realität

Wie wichtig die eingebaute Atem-Rhythmik für Experimente mit Lungen-Chips ist, zeigt eine Studie, die Ingbers ehemaliger Schüler Dan Huh vom Engineering Systems Laboratory der University of Pennsylvania mit dem Lungen-Chip durchführte (Ann Am Thorac Soc. 12 (Suppl 1): S42-44). Huh leitete toxische Nanopartikel durch den Luftkanal über die Epithelzellen und verfolgte ihren weiteren Weg. War die Atem-Rhythmik eingeschaltet, wanderten wesentlich mehr Nanopartikel in den unteren Blut-durchflossenen Mikrokanal. Das „atmende“ Lungen-Chip-System bildet die Realität bei Toxizitätstests also weit besser ab als ein „starres“ Lungen-Zellkultursystem.

Zellkommunikation funktioniert

2014 gründete Ingber das Spin-off Emulate, das neben Lungen- auch Darm-Chips entwickelt. Faszinierend ist, wie naturnah sich die Zellgewebe-Kulturen im Mikrokanal verhalten. Deponierten die Forscher Zellen der menschlichen Darm-Innenwand auf dem Organ-Chip, so formierten sich diese ganz von selbst zu faltigen Gebilden, die „echten“ Darmfalten ähnelten. Offensichtlich funktioniert die Kommunikation zwischen den Zellen – mit statischen 2D-Kulturen wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem kann der obenliegende Kanal mit einem definierten Darm-Mikrobiom ausgestattet werden, um den Einfluss auf die Immunantwort zu simulieren. In 2D-Kulturen würden sich die Bakterien und Pilze einfach als Rasen über Zellen und Nährstoffe hermachen.

Aber nicht nur in den USA arbeiten akademische und industrielle Arbeitsgruppen an Organ-Chips. Auch hierzulande sowie in der Schweiz und Österreich versuchen Forscher mithilfe von Organ-Chips, die Strukturen und Prozesse in Organen möglichst exakt abzubilden. Zu diesen zählt auch Günter Lepperdinger, der an der Universität Salzburg die Funktion mesenchymaler Stammzellen bei Alterungsprozessen untersucht. Lepperdinger gründete die Initiative System-Precision-on-Chip Laboratories (SPOC Labs), mit der er die Herstellung von Organ-Chips und anderen Mikrofluidik-Geräten nach industriellen Standards vorantreiben will.

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Verbindet man einzelne Organ-Chips über Versorgungsleitungen miteinander, so erhält man einen Multi-Organ-Chip. Treibt man das Spiel weiter, hat man schließlich einen ganzen Körper auf einem Chip (Body-on-a-Chip). Foto: JAMA Network

Fehlende Standards

In fehlenden Standards sieht Lepperdinger das größte Problem für die stärkere Verbreitung von Organ-Chips in Forschungs-Laboratorien. „Es gibt weltweit“, so Lepperdinger, „nur sehr wenige Zentren, die sich auf das Design, den Prototypenbau und die Produktion von Biochips für den Routinegebrauch verstehen. Deshalb scheitert oftmals die Umsetzung einer guten Idee an der technischen Machbarkeit oder zu geringen Erfahrungswerten. In den SPOC Labs können Prototypen in kleinen Serien kostengünstig und schnell gefertigt und Organ-on-Chip-Lösungen in Forschungslaboren mit High-End-Untersuchungsmethoden getestet werden. Die ‚humanisierten Organversuche‘ werden in Salzburg aber nicht einfach nur mit den Ergebnissen aus gängigen Tierversuchsmodellen verglichen, die derzeit vor allem aus kurzlebigen Arten wie Mäusen bestehen. Wir untersuchen vor allem Fragestellungen, die für die alternde Gesellschaft relevant sind: Viele Krankheiten treten bei langlebigen Arten erst dann auf, wenn die Labortiere normalerweise gar nicht mehr leben. Für die Organ Rekonstruktion verwenden wir deshalb im SPOC Lab gealterte menschliche Stammzellen (Trends Biotechnol 32(5): 245-53).“

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu möglichst realitätsnahen Modellsystemen sind ­Multi-Organ-Chips. Wenn man ein einzelnes Organ nachahmen und mit einem Kanalsystem versorgen kann, so müssten sich auch weitere Organe daran anschließen lassen.

Multi-Organ-Chip

Als Basis dient auch hier ein Mikrokanal, der als Blutgefäßsystem fungiert. Anders als auf einem Einzel-Organ-Chip hat der Kanal kein unmittelbares Ende, sondern geht in den Endothel-ausgekleideten Mikrokanal des benachbarten Chips über. Das hindurch fließende Blut trifft auf keine Barrieren, kann also Substanzen von einem Organ-Chip zum nächsten transportieren. Ein im Leber-Chip verstoffwechseltes Medikament wandert zum Beispiel zum Nieren-Chip. Dort wird es unter Umständen andere (Neben-)wirkungen hervorrufen, als es dies an einem einzelnen Nieren-Chip getan hätte. Solche Konstellationen helfen also, Nebenwirkungen von Medikamenten auf Nicht-Ziel-Organe zu testen.

Mit jedem weiteren Chip, der angehängt wird, tauchen jedoch immer mehr Unbekannte auf, etwa die Kanaldicke, relative Organgrößen sowie unterschiedliche Lebensdauer der Zellen. Bei Mikrokanälen mit gerade mal zehn Mikrometern Durchmesser werden Oberflächeneffekte mit wachsender Kanallänge zum Problem – hier und da bleiben applizierte Substanzen oder zu messende Produkte an den Kanalinnenflächen hängen. Nicht minder heikel sind die Größen der zu verknüpfenden Organe. Soll man sie relativ zum Organgewicht im echten Organismus festlegen und zum Beispiel jeweils ein Tausendstel Niere und ein Tausendstel Leber verwenden?

Welches Größenverhältnis?

Auf dem Chip weichen Form, Durchblutung und Tot-Raum (clearance volume) eines Organs von den Werten im Organismus ab. Eine Gruppe um Stacy Sherrod von der Vanderbilt University in Nashville, USA, schlug deshalb bestimmte Parameter als Bezugsmaßstab vor, welche die entsprechenden funktionalen Aktivitäten eines Organs widerspiegeln: Etwa das Pumpvolumen für das Herz oder das ausgetauschte Gasvolumen für die Lunge.

Organ-Chips haben großes Potenzial. Es sind aber noch einige Hürden zu überwinden, bevor sie Tierversuche ersetzen sowie Routine-Aufgaben in der personalisierten Medizin oder im Medikamentenscreening übernehmen können. Ein Problem ist die schlechte Haftung der Zellen an PDMS. Werden zum Beispiel Endothelzellen vom Blut- oder Nährlösungsstrom teilweise weggespült, entsteht an der Kanalverkleidung eine Lücke. Abhilfe könnte ein Überzug des PDMS-Chip-Materials mit Kollagen schaffen. Dann tritt man aber schon in das nächste Fettnäpfchen, da das Zellverhalten durch das Unterlagen-Material beeinflusst werden kann. Unter Umständen wechselt eine Zelle auf einen anderen Stoffwechselweg, was wiederum bei Medikamententests zu gänzlich abweichenden Ergebnissen führen würde.

Zu kurzes Leben

Die nächste Hürde ist die Lebensdauer. Die Zellen auf Organ-Chips halten zwar länger durch als 2D-Zellkulturen, dennoch sind sie ziemlich kurzlebig. Ein paar Tage reichen für Langzeit-Studien zu Medikamenten-Wirkungen nicht aus, ganz zu schweigen von Experimenten zur Zellalterung.

Ein weiteres Manko ist die Reproduzierbarkeit beziehungsweise das Fehlen eines gemeinsamen Standards. Viele Organ-Chip-Forscher gehen ihren eigenen Weg bei der Optimierung ihrer Systeme. Das macht den Vergleich von Ergebnissen schwierig. Für Pharmatests bräuchte es einen klar definierten Standard, der verschiedene Fragen beantwortet –etwa: Welches Chip-Material wird verwendet? Wie viele Zellen werden eingesetzt? Aus welcher Quelle stammen sie? Und wie groß ist die Fläche, auf der sie wachsen?

Nötiger Konsens

Zumindest für den prinzipiellen Aufbau von Organ-Chips sollte ein Konsens erreichbar sein. Etwa indem man einheitliche Schablonen für das PDMS-Gießen sowie Protokolle für die Chip-Zusammensetzung und Befüllung festlegt. Auch bei den Versorgungsmedien sollte man sich darauf einigen können, ob man zum Beispiel Blut oder Nährlösung verwendet.

Last but not least gibt es auch ein logistisches Problem. Zwar sind Organ-Chips wunderbar handlich, doch für manche Auswertungen sind umfangreiche Hightech-Geräte nötig. Selbst wenn ein Labor also einen Chip selbst zusammenzimmert, Zellen kultiviert und behandelt: Die Autonomie hört auf, sobald komplexere Analysen gefragt sind.



Letzte Änderungen: 06.02.2019


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