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Die Kunst des Vergessens

Juliet Merz


(06.09.2022) LEIPZIG: Manche Erinnerungen können ganz schön quälend sein. Belastende oder sogar traumatische Ereignisse zu vergessen, klingt daher nach einer hilfreichen Lösung, die Therapeuten schon seit langem diskutieren. Aber können wir Erinnerungen wirklich aktiv verschwinden lassen?

Vergessen hat einen schlechten Ruf. Besonders wenn unser Gehirn ungewollt Informationen rausschmeißt, die wir eigentlich gerne behalten hätten. Da durchsucht die gestresste Geschäftsfrau hektisch ihre Wohnung nach dem Haustürschlüssel, den sie gerade noch in der Hand hatte, dem Studenten fallen in der mündlichen Zellbio-Prüfung partout nicht alle Komplexe der Atmungskette ein oder die demenzkranke Mutter erinnert sich nicht mehr an das Gesicht, geschweige denn den Namen des eigenen Sohnes. Gleichzeitig tragen manche Menschen Erinnerungen mit sich herum, die so belastend oder quälend sind, dass sie diese am liebsten löschen möchten.

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Illustr.: Adobe Stock/ Andrea Danti

Bereits Sigmund Freud vermutete, dass wir unerwünschte Erinnerungen vergessen können, indem wir sie nicht wissentlich ins Unbewusstsein schieben – ein Prozess, den er Verdrängung nannte. Wissenschaftlich ist diese Theorie umstritten und unterscheidet sich maßgeblich von den Prozessen, die die Forschungsgruppe von Roland Benoit vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersucht. „Wir stellen uns die Frage: Können Erinnerungen verblassen beziehungsweise zerstört werden, indem wir sie aktiv unterdrücken, und was spielt sich dabei auf neuronaler Ebene ab?“, fasst Benoits Doktorandin Ann-Kristin Meyer zusammen. Gemeinsam haben sie kürzlich eine Studie in eLife veröffentlicht, in der sie der Gedankenunterdrückung weiter nachgegangen sind (11: e71309).

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Die Spur im Gehirn

Kognitionsforschende und Neurowissenschaftler haben das Thema schon seit einigen Jahren auf dem Schirm. Und diverse Studien mit Verhaltensexperimenten am Menschen und Versuchen mit Magnetresonanztomographen zeigen: Wenn Probanden aufkommende Erinnerungen aktiv blockieren, können diese tatsächlich verblassen. Im Gehirn läuft dabei Folgendes ab, wie Meyer erklärt und dafür etwas ausholt: „Erinnerungen sind sehr komplex und können aus unterschiedlichen Sinneseindrücken bestehen – aus Bildern, Geräuschen, Empfindungen und so weiter. Diese Eindrücke sind in unterschiedlichen Regionen im Gehirn gespeichert. Bei einer Erinnerung spielt deshalb eine Vielzahl unterschiedlicher Neuronen beziehungsweise Neuronenpopulationen in verschiedenen Hirnregionen eine Rolle. Jede Erinnerung hat quasi ihr eigenes spezifisches neuronales Aktivitätsmuster, eine Art Erinnerungsspur. Ein grober Schnappschuss dieser Muster ist im Hippocampus gespeichert, er kann die für eine Erinnerung notwendigen Neuronen aktivieren.“

In den Versuchen von Meyer und Benoit nimmt aber noch eine weitere Hirnregion einen wichtigen Part ein: der dorsolaterale präfrontale Cortex. Er ist quasi das Kontrollzentrum unseres Gehirns und hilft dabei, Aktivitäten bewusst zu starten oder abzubrechen. Möchten wir also eine aufkommende Erinnerung stoppen, so passiert das über den dorsolateralen präfrontalen Cortex. Dieser verhindert, dass der Hippocampus die neuronale Erinnerungsspur abspielt.

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Um zu untersuchen, was bei der Gedankenunterdrückung mit den Erinnerungsspuren passiert, maßen die Kognitionsforschenden im Magnetresonanztomographen (MRT) die Aktivitätsmuster von Erinnerungen bei Probanden vor und nach dem Unterdrücken. Dafür wählten sie einen mehrstufigen Versuchsansatz. Zuerst mussten die insgesamt 33 Probanden sich mehrere Bildpaare einprägen. Die Fotos zeigten immer je eine traumatische Szene sowie einen alltäglichen, harmlosen Gegenstand, der zufälligerweise auch in der Szene auftauchte. „Häufig werden Erinnerungen durch einen externen Stimulus getriggert – zum Beispiel ein Geräusch, ein Geruch oder eben auch ein visueller Reiz“, erklärt Meyer und ergänzt in Bezug auf ihr Versuchsdesign: „In der Vergangenheit haben vergleichbare Studien häufig mit neutralen Wörtern gearbeitet. Die Probanden mussten beispielsweise das Bild eines Clowns mit dem eines Eisbären gedanklich verknüpfen und dann nach Konfrontation mit dem Clown-Bild die Erinnerung an den Eisbären aktiv unterdrücken. Das wollten wir anders machen.“ Meyer und Benoit wählten deshalb Fotos, bei denen Menschen möglicherweise eine stärkere Motivation verspüren, diese wieder zu vergessen. Darunter Aufnahmen eines Autounfalls, einer Flutkatastrophe oder eines toten Hundes.

Nachdem die Probanden die negativen Szenen mit neutralen Gegenständen gedanklich verknüpft hatten – zum Beispiel die Flutkatastrophe mit einem Gummistiefel –, ging es in der zweiten Phase ab in den Magnetresonanztomographen. Meyer: „Darin konfrontierten wir die Probanden lediglich mit den Fotos der neutralen Gegenstände und baten sie, sich nun die entsprechende traumatische Situation so bildlich und lebendig wie möglich wieder ins Gedächtnis zu rufen.“ Die MRT-Aufnahmen zeigten schließlich, welche Gehirnregionen bei welchen Erinnerungen aktiv waren. „So konnten wir das Aktivitätsmuster visualisieren und hatten quasi eine Art Schablone der jeweiligen Erinnerung.“

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Ann-Kristin Meyer (li.) und Roland Benoit erforschen, wie sich Erinnerungsspuren im Gehirn beeinflussen lassen. Fotos (2): MPI CBS

Anschließend folgte die Kernaufgabe der Versuchsreihe, bei der die Leipziger Forschenden den Probanden erneut Fotos der neutralen Gegenstände zeigten. Nun sollten sie entweder die Erinnerungen abrufen („Think-Bedingung“) oder sich nur auf die neutralen Gegenstände konzentrieren („No-Think-Bedingung“). Sollten die zuvor eingeprägten negativen Szene bei der „No-Think-Bedingung“ vor dem inneren Auge der Teilnehmenden wieder aufflammen, waren diese angehalten, die Erinnerungen so gut es geht aus dem Bewusstsein wegzuschieben beziehungsweise zu unterdrücken. „Dank der zwei unterschiedlichen Bedingungen konnten wir den Abruf und das Unterdrücken im Gehirn miteinander vergleichen“, fasst Meyer zusammen. „Manche Gegenstände zeigten wir übrigens gar nicht, um damit eine Baseline-Bedingung zu schaffen, die uns verriet, inwieweit aktives und nicht bloß passives Vergessen im Spiel war.“ Meyer gibt noch einen weiteren Einblick: „Vielen Versuchspersonen gelingt das aktive Unterdrücken am Anfang nicht so gut. Deshalb wiederholen wir die Aufgabe mit den verschiedenen neutralen Fotos, sodass die Teilnehmenden das Unterdrücken üben können. Die meisten werden mit der Zeit besser darin, der Prozess scheint also tatsächlich lernbar zu sein.“

In der finalen Aufgabe zeigten Meyer und Benoit erneut die Gegenstände und baten die Probanden, sich an die schlimmen Szenen zu erinnern. Das Ergebnis: „Die neuen MRT-Aufnahmen unterschieden sich deutlich von den zuvor erstellten Schablonen“, so Meyer. „Die Erinnerungsspur beziehungsweise das neuronale Aktivierungsmuster wird nicht mehr so stark reaktiviert im Vergleich zu Erinnerungen, die nicht unterdrückt wurden.“ Auch die Einschätzung der Probanden untermauerte die Beobachtung: „Die Teilnehmenden, bei denen das Aktivierungsmuster laut MRT verblasst war, hatten auch angegeben, sich die Szene nicht mehr so lebhaft vorstellen zu können.“

Unfähig, zu vergessen

Meyer ist ein Punkt jedoch ganz wichtig: „Mit unseren Ergebnissen wollen wir nicht suggerieren, es sei ein Allheilmittel, negative Erinnerungen einfach zu vergessen oder zu verdrängen.“ Denn wie sich die Gedankenunterdrückung auf die psychische Gesundheit auswirkt, ist noch kaum untersucht. „Bislang zeigen unsere und andere Grundlagen-Studien lediglich, dass wir unsere Erinnerungen aktiv beeinflussen können – aber auch nicht immer.“ Die Leipziger Doktorandin spielt dabei auf Studien an, die die Gedankenunterdrückung im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) untersuchten. In einer Meta-Analyse verglich die Forschungsgruppe um Benoit Daten aus 25 Einzelstudien miteinander, auch Meyer hat an der Publikation im Journal of Experimental Psychology: General mitgeschrieben (150(5): 828-50). Ängstliche oder depressive Menschen konnten demnach unerwünschte Erinnerungen weniger gut unterdrücken als gesunde Kontrollgruppen. Meyer: „Es bleibt allerdings noch völlig unklar, ob diese Unfähigkeit der Gedankenunterdrückung eine Depression oder PTBS in ihrer Entstehung begünstigt oder vielmehr ein Symptom psychischer Erkrankungen ist.“

Meyer spricht in dem Zusammenhang eine weitere interessante Studie an, die 2020 in Science erschienen ist (367: 6479). Ein Team von französischen Neurowissenschaftlern hatte über einhundert Personen rekrutiert, die die Terroranschläge 2015 in Paris überlebt hatten. Am 13. November 2015 hatten Attentäter in der französischen Hauptstadt in Bars, Restaurants und dem Konzertsaal Bataclan das Feuer auf Besucher eröffnet. Über die Hälfte der für die Studie eingeladenen Versuchspersonen hatte im Anschluss an die Terrorattacke eine PTBS entwickelt. Die Forschenden fragten sich, wie die Menschen mit den Erinnerungen an die traumatischen Szenen umgehen und warum manche von ihnen von den Bildern aus der Nacht vom 13. November verfolgt wurden, andere wiederum nicht. Es zeigte sich: Menschen mit einer PTBS konnten Erinnerungen im Allgemeinen schlechter unterdrücken als Menschen, die keine PTBS entwickelt hatten.

Für Meyer und Benoit bleibt eine Frage besonders spannend: Welche unbewussten nicht-steuerbaren Reaktionen hinterlassen Erinnerungen im Körper, obwohl die bewusste Erinnerungsspur verblasst ist. „Angenommen man sieht einen Gummistiefel, erinnert sich aber nicht mehr ganz so genau an die erlebte Flut, so kann es dennoch sein, dass man vielleicht Herzrasen oder schwitzende Hände bekommt. Solche emotionalen Reaktionen könnten bleiben, obwohl man sich nicht bewusst an die Szene erinnert. Wir fragen uns, ob wir durch die Gedankenunterdrückung auch diese emotionale Komponente verändern können“, gibt Meyer einen Ausblick.

Die Leipziger Kognitionsforscherin wird sich an dem Projekt zwar auch beteiligen, konzentriert sich aber derzeit vor allem auf die Einreichung und Verteidigung ihrer Doktorarbeit. Wohin es sie anschließend zieht, kann Meyer noch nicht sagen. Für Benoit steht indessen fest, dass ihn die Forschungsfragen rund um die Gedankenunterdrückung noch viele Jahre begleiten werden.