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Wider den Machtmissbrauch

Larissa Tetsch


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(08.02.2021) KONSTANZ: Geierperlhühner leben in einer strengen Hierarchie. Missbrauchen die Alphatiere ihre Macht, können die Verlierer durch einen Mehrheitsentscheid die Gerechtigkeit wiederherstellen.

Die letzten vier Jahre konnte die Weltöffentlichkeit bei einer großen westlichen Nation beobachten, was geschieht, wenn ein Anführer Ressourcen für sich selbst und seine engen Vertrauten zurückhält. Die ungleiche Verteilung von Gütern, vor allem der Ausschluss von Teilen einer Gesellschaft davon, sorgt für Spannungen und Konflikte in einer Gruppe und kann im schlimmsten Fall in einem Bürgerkrieg gipfeln.

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Er begleitete die afrikanischen Vögel zwei Monate lang: Damien Farine. Foto: Privat

Eine mögliche Lösung für solche Situationen im Tierreich haben Danai Papageorgiou und Damien Farine vom Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Konstanz und dem Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der dortigen Universität nun bei Afrikanischen Geierperlhühnern (Acryllium vulturinum) beschrieben (Sci. Adv. 6(48): eaba5881). Die bodenlebenden Vögel bilden eine streng hierarchische Gruppe, in denen Alphatiere das Wort angeben. Ihre Vormachtstellung gibt ihnen die Möglichkeit, Nahrungsressourcen für sich zu beanspruchen und weniger dominante Tiere vom Nahrungsplatz zu vertreiben. Da die Vögel auf das Leben in der Gruppe angewiesen sind, müssen sie jedoch in der Lage sein, dieses Machtungleichgewicht und die Nachteile, die für die verdrängten Individuen bestehen, irgendwie auszugleichen.

Von Primaten zu Vögeln

In seiner Postdoc-Zeit hatte Farine in Kenia untersucht, wie Paviane Gruppenentscheidungen treffen, fand es aber schwierig, die Ergebnisse von einer auf eine andere Gruppe zu übertragen: „Woher sollten wir wissen, ob das Verhalten spezifisch für die beobachtete Gruppe war oder ob es sich um etwas Allgemeingültiges handelte?“ Eher zufällig bemerkte der Forscher während dieser Zeit die Geierperlhühner, die enge Gruppen bilden und sich in diesen koordiniert fortzubewegen schienen.

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Zurück zu Hause studierte Farine die Literatur und fand heraus, dass sich noch nie jemand die Vögel genauer angeschaut hatte. „Das gab mir die Möglichkeit, etwas völlig Neues, vielleicht sogar Einzigartiges zu finden.“ Obwohl Geierperlhühner fliegen können, halten sie sich hauptsächlich am Boden auf. Auch das faszinierte den Verhaltensforscher: „Warum laufen, wenn man fliegen kann? Gerade in der kenianischen Savanne mit den vielen großen Raubtieren ist die Lebensweise am Boden ziemlich risikoreich. Zumal die Vögel ein sehr auffälliges, blaues Gefieder besitzen.“ Schutz bietet ihnen in erster Linie das Zusammenleben in der Gruppe von immerhin bis zu sechzig Tieren.

2019 publizierten Papageorgiou und Farine zusammen mit anderen Autoren über das Sozialverhalten der Vögel ein erstes spektakuläres Ergebnis (Cur. Biol. 29: R1120-1). So treffen sich einzelne Gruppen immer wieder zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten. Dass ein urtümlicher Vogel wie das Geierperlhuhn mit seinem recht kleinen Gehirn zu solch komplexen sozialen Interaktionen fähig ist, war eine große Überraschung für die Fachwelt.

Um zu solchen Einsichten zu gelangen, muss man in gewisser Weise mit den Vögeln leben. Tatsächlich sind einige Gruppen im Mpala Research Center im kenianischen Laikipia-Distrikt inzwischen so an die Wissenschaftler gewöhnt, dass diese mit der Gruppe mitlaufen konnten. Indem sie dokumentierten, wer mit wem interagiert und wer eine Auseinandersetzung gewinnt, konnten sie relativ einfach die Hierarchie ermitteln – ein bisschen wie bei einem Fußballturnier.

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Einen größeren Überblick verschafften sich die Feldforscher, indem sie die Gruppen mit dem Auto verfolgten. „Schließlich dokumentierten wir genau, welche Gruppe sich wann wo aufhält, indem wir einzelne Tiere mit einem solargetriebenen GPS-Sender ausstatteten“, beschreibt Farine. „In einigen Gruppen haben wir sogar alle Mitglieder mit Sendern ausgestattet. So sehen wir auch, wo sich die Mitglieder in Relation zu den anderen befinden und wer zum Beispiel in der Gruppe vorne ist.“

Er selbst verbrachte etwa zwei Monate im Feld. „Zum Glück habe ich ein sehr talentiertes Team von Kenianern, die dauernd bei den Vögeln sind“, sagt er. „Sie sind meine Augen und meine Ohren und stellen sicher, dass wir das ganze Jahr über Daten aufnehmen können.“ Vor allem morgens, wenn es noch kühl ist, und abends vor der Dämmerung, sind die Tiere aktiv. Um die Mittagszeit ziehen sie sich in die Vegetation zurück, auch weil dann Adler eine große Bedrohung sind. Abends mussten die Wissenschaftler dann noch die GPS-Sender der einzelnen Vögel auslesen, wie Farine erklärt: „Dafür müssen wir bis auf ein paar hundert Meter an die einzelnen Tiere herankommen, was bis weit in die Nacht hinein dauern kann.“

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Eine Gruppe Geierperlhühner in Kenia Foto: Farine

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Mehrheit siegt

Normalerweise ernähren sich Geierperlhühner von Samen und Gräsern. Manchmal treffen sie aber auf besondere Leckerbissen wie eine Ansammlung von Insekten in einem Haufen Elefantendung. In solchen Situationen beobachteten die Forscher ein interessantes Verhalten: Zu Beginn drängten sich alle Tiere zur Futterquelle, aber schnell wurden schwächere Gruppenmitglieder an den Rand der Gruppe gedrängt, wo nur wenig Futter zur Verfügung stand. Dass dies nicht freiwillig geschah, sah man daran, dass die Tiere versuchten, der Futterquelle wieder nahezukommen. „Dabei sind die ausgeschlossenen nicht unbedingt die schwächsten Mitglieder“, so Farine. „Dominante Männchen tendieren beispielsweise eher dazu, untergeordnete Männchen auszuschließen, mit denen sie stärker um die Aufmerksamkeit der Weibchen konkurrieren. Jungtiere und Weibchen, die in der Hierarchie tiefer stehen, werden dagegen seltener ausgeschlossen.“

Spannend ist, was dann geschah: „Zuerst versuchten die Ausgeschlossenen zurück zur Futterquelle zu gelangen. War das vergeblich und die Gruppe an Ausgeschlossenen irgendwann groß genug, um vor Raubtieren sicher zu sein, zog sie los zu einer neuen Futterquelle“, beschreibt der Forscher die Situation. Die Alphatiere standen nun vor einem Konflikt: Entweder sie ließen die Nahrungsquelle im Stich oder blieben alleine zurück. Weil der Schutz der Gruppe für sie aber überlebensnotwendig ist, folgten sie dem Rest der Gruppe nach einer Weile. Auf diese Weise stellten sie automatisch sicher, dass alle Mitglieder Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Nahrung und Wasser haben.

Auch in demokratischen Nationen wird die Macht der Alphatiere durch demokratische Entscheidungsfindungen wie beispielsweise Wahlen eingeschränkt. Während dies aber oft ein eher langwieriger Prozess ist, reagieren die Geierperlhühner sehr schnell. Im Schnitt verbrachten ausgeschlossene Mitglieder nur etwas mehr als eine Minute an der Peripherie einer von den Wissenschaftlern angelegten Futterstelle, bevor sie gemeinsam aufbrachen. Ausschlaggebend waren dabei jedes Mal andere Individuen, aber am weitesten vorne in der Bewegung fanden sich immer Individuen, die aufgrund ihres Sozialstatus eine große Wahrscheinlichkeit hatten, ausgeschlossen zu werden.

Teure Interessenskonflikte

Anhand der GPS-Sender konnten die Wissenschaftler zeigen, dass sich die letzten an der Futterquelle verbliebenen Tiere sehr beeilten, die Gruppe wieder einzuholen. Dies deutet darauf hin, dass die Gruppe „zieht“ und nicht – wie man sich auch vorstellen könnte – das Alphatier signalisiert, dass die Ressource erschöpft ist und somit „von hinten“ zum Aufbruch drängt. Tatsächlich werden die Nahrungsquellen zurückgelassen, bevor alles leer ist. „Wir beobachten hier einen Konflikt zwischen den Interessen eines Individuums und einer Gruppe“, fasst Farine zusammen. „Die Gruppe würde zwar insgesamt mehr Nahrung erhalten, wenn die Nahrungsquelle voll ausgebeutet wird. Verhungern aber einzelne Mitglieder, ist das ebenfalls ‚teuer’, weil die Gruppe kleiner wird und weniger Schutz bietet. Unsere Studie ist deshalb so wichtig, weil sie zum ersten Mal zeigt, welche Rolle Gruppenentscheidungen spielen, um die Bedürfnisse aller Mitglieder auszutarieren, sodass jeder zumindest das Minimum bekommt, das er zum Überleben braucht.”

Die Forscher möchten diesen Wechsel der Führung zu den schwachen Gruppenmitgliedern (von ihnen als „Verlierer-Führungsmechanismus“ bezeichnet) nun gerne unter verschiedenen ökologischen Bedingungen weiter untersuchen. „Eine große Lücke bei den Studien zu Führung und kollektivem Verhalten klafft beim Verständnis, wie Gruppenentscheidungen von der Umwelt abhängen“, so Farine, der seine Forschung nun als Exzellenzprofessor an der Universität Zürich weiterführt. „Diese Lücke zu schließen, ist unser Ziel.“

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