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Brisante Chefsache
Publikationsverhalten

Henrik Müller


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Produktives Pipettieren von 1 bis 384 Kanälen mehr

(10.05.2021) Es ist nicht verwerflich, als Chief Editor mit seiner Gruppe im eigenen Fachblatt zu veröffentlichen. Nimmt dies jedoch überhand, kann der Verdacht aufkommen, die Arbeitsgruppe poliere das eigene Publikationskonto damit auf. Ein toxikologisches Fallbeispiel.

Am 17. Februar 2021 erhielt die LJ-Redaktion eine E-Mail, in der folgender Verdacht geäußert wurde:

„Ich möchte Sie über einen Sachverhalt informieren, der – wenn er denn so stimmt – bestenfalls eine unethische aber noch legale Methode zur Steigerung von Zitationen [...] darstellt, schlimmstenfalls aber [...] wissenschaftliches Fehlverhalten.

Auf einer Konferenz [...] ist mir eine Publikation eines Doktoranden aufgefallen, die wie ein Review aussah, bei der er aber alleiniger Autor war. [...] Sie hat ganze zwei Absätze, zitiert aber 21 Artikel – 13 davon aus dem Labor von Jan Hengstler. [...] Nach einer kurzen Suche bin ich auf weitere solche Artikel gestoßen – ohne dass Herr Hengstler jemals als Autor auftritt. [...] Auffällig ist auch, dass diese Artikel überwiegend in Archives of Toxicology oder im EXCLI Journal erschienen. Bei beiden Journalen ist Herr Hengstler der Editor. [...] In einer Zeit, in der Zitate immer wertvoller werden, um Drittmittel zu bekommen, hat Herr Hengstler offensichtlich ein System geschaffen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

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Illustr.: AdobeStock / Anastasiia

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Reine Missgunst?

Natürlich weiß auch der angesprochene Jan Hengstler, Experte für genotoxische und krebsauslösende Mechanismen sowie wissenschaftlicher Direktor am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo), um die Bedeutung der Anzahl von Publikationen und Zitierungen für Ruf und Karriere im aktuellen Wissenschaftssystem. Auf Nachfrage äußerte er sich dann auch erst einmal kritisch über die seiner Ansicht nach allzu einseitige Evaluation nach puren Veröffentlichungskennzahlen. Er schrieb via E-Mail: „Zur Beurteilung wissenschaftlicher Qualität muss man Publikationen durcharbeiten [...] Es ist wichtig, dass Logik und Qualität einer Arbeit überzeugen.“

Daher hält Hengstler auch reine Publikationslisten offenbar für kein geeignetes Maß zur Evaluation der Qualität von Projekten oder Forschern. Zwar würdigte er noch in einer IFaDo-Pressemeldung von 2015 den damaligen Laborjournal-Publikationsvergleich „Toxikologie“, bei dem er den ersten Platz belegte, als „eine wichtige Auszeichnung für unser Haus, denn damit wird die Leistung vieler Mitarbeiter am IfADo anerkannt.“ In seiner jetzigen E-Mail bezeichnet er Publikations-Rankings jedoch als „pseudowissenschaftliche Farce“ – und ergänzt: „Wer aus ihnen Konsequenzen über eine wissenschaftliche Wertigkeit ableiten möchte, ist auf dem Holzweg.“

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Warum sollte sich jemand, der die Aussagekraft bibliometrischer Kennzahlen derart abstreitet, ausgerechnet hier „einen Vorteil verschaffen“ wollen? Entsprang die Vedachtsäußerung gegen Hengstler womöglich eher niederen Motiven?

Werfen wir zur Klärung zunächst einen Blick in die Archives of Toxicology. Die Zeitschrift erscheint monatlich. Bereits ein Blick in ihre Oktoberausgabe 2020 erstaunt. Neun der darin enthaltenen 27 Publikationen richten sich als Letter to the Editor an Jan Hengstler und wurden von Alleinautoren verfasst – allesamt Mitarbeiter von ihm am IfADo. In den neun Leserbriefen verweisen 113 von 177 Referenzen auf Hengstler. Ein detaillierter Blick auf seine Publikationsdaten scheint demnach gerechtfertigt.

Auffällige Publikationsraten

Die Datenbank Web of Science von Clarivate Analytics führt insgesamt 659 Publikationen mit Jan Hengstler als Erst-, Mittel- oder Letztautor (Stichtag: 7. März 2021). Als er Anfang 2008 das Ruder von Arch. Toxicol. als Editor-in-Chief übernahm, hatte er keine seiner damaligen 49 Erst- und Letztautor-Paper dort publiziert. Auch fand sich sein Name bis dahin zwar auf 121 Originalartikeln und 7 Reviews, aber nur 4 davon waren mit ihm in mittlerer Autorenposition in Arch. Toxicol. erschienen.

Hengstlers Amtsantritt änderte das: 62 seiner nächsten 251 Originalartikel und 7 seiner 22 Reviews veröffentlichte er in Arch. Toxicol. Insgesamt brachte die Fachzeitschrift 18 Prozent der Originalartikel (66 von 372) und 24 Prozent der Reviews (7 von 29) heraus, die Hengstlers Namen in der Autorenliste führen.

Wie sehen zum Vergleich die Publikationsraten anderer Chief Editors in ihren „Hausjournals“ aus? Laut dem SCImago Journal & Country Rank Portal (scimagojr.com) rangiert Arch. Toxicol. nach bibliometrischen Daten auf Platz 9 von weltweit 124 Toxikologie-Journalen. Die Chief Editors der acht davor platzierten Zeitschriften publizierten durchschnittlich 11 Prozent ihrer Originalarbeiten und 19 Prozent ihrer Reviews in „ihren“ Journalen. Dieses Ranking führt Hengstler demnach um einige Prozentpunkte an, die etwa einen Unterschied von insgesamt 25 Veröffentlichungen ausmachen.

Spielt hierbei womöglich eine Art generelle Publikationsmentalität am IfADo mit hinein? Zwei der anderen drei wissenschaftlichen Direktoren tragen ebenfalls zu Editorial Boards renommierter Zeitschriften bei, wenn auch nicht gleich als Chief Editors: Carsten Watzl beim European Journal of Immunology und Michael Nitsche bei Brain Stimulation. 12 beziehungsweise 10 Prozent ihrer Originalarbeiten sowie 18 beziehungsweise 25 Prozent ihrer Reviews platzierten sie in diesen beiden Journalen. Auch hier liegt Hengstler um etwa je zwei Dutzend Manuskripte vorn.

Irrelevanter „Zahlenzauber“?

Oder publiziert schlichtweg die Zunft der Toxikologen konzentrierter in einzelnen Zeitschriften als andere Disziplinen? Die vordersten Plätze in den Laborjournal-Rankings „Toxikologie“ der letzten Jahre (LJ 4/2021: 38-41) belegten neben Hengstler noch Rudolf Krska von der Wiener Universität für Bodenkultur sowie Thomas Brüning vom Bochumer Institut für Prävention und Arbeitsmedizin. Der Österreicher publizierte mit 11 Prozent seiner Originalartikel und 15 Prozent seiner Reviews am häufigsten in Analytical and Bioanalytical Chemistry. Der Deutsche bevorzugte für 8 Prozent seiner Originalartikel und 10 Prozent seiner Reviews die Arch. Toxicol. Hengstler „gewinnt“ demnach auch diesen Vergleich um jeweils etwa dreißig Manuskripte.

Geschlagen geben muss er sich nur Hermann Bolt, seinem Vorgänger sowohl als IfADo-Direktor wie auch als Editor-in-Chief von Arch. Toxicol., der 70 von 210 Originalartikeln und 6 von 23 Reviews in Arch. Toxicol. unterbrachte. Auch nach dessen Emeritierung 2008 berät er Hengstler weiterhin als Deputy Editor-in-Chief der Fachzeitschrift.

Natürlich fungiert Hengstler nicht nur als Chefredakteur von Arch. Toxicol. und EXCLI Journal, sondern schon länger auch als wissenschaftlicher Mentor. Die drei PhD-Studenten seiner IfADo-Projektgruppe Systemtoxikologie publizierten 15 von 16, 9 von 11 sowie 7 von 11 Veröffentlichungen in Arch. Toxicol. und im EXCLI Journal. Ahmed Ghallab, ein ehemaliger Doktorand von Hengstler, der seit 2013 IfADo-Nachwuchsgruppenleiter ist und inzwischen auch als Editor bei Arch. Toxicol. fungiert, ist ebenfalls mit 41 von 56 Veröffentlichungen in diesen beiden Zeitschriften vertreten. Darauf angesprochen erklärt er: „A list of publications is a formality that is not important.

Den in der E-Mail geäußerten Verdacht, dass mit einem solchen Publikationsverhalten womöglich Interessenkonflikte überstrapaziert werden könnten, hält Hengstler selbst für abwegig. Auf Nachfrage von Laborjournal antwortet er: „Ist mir entgangen, dass eine Quote eingeführt wurde? [...] Ob solcher Zahlenzauber relevant ist, wage ich zu bezweifeln. [...] Beiträge mit mir als Autor oder Koautor werden einem externen Managing Editor zugeteilt; diese Zuteilung wird nicht von mir vorgenommen.“

Interessenkonflikt?

Unter der Vermutung, dass sich ein solcher „externer Editor“ aus dem Editorial Board von Arch. Toxicol. rekrutiert, lohnt sich auch hier ein genauer Blick. Mit 7 von 10 Associate Editors und 15 von 35 Advisory Editors publizierte Hengstler bereits gemeinsam. Ähnliches gilt für das EXCLI Journal, das Hengstler 2002 mitgründete, als Chief Editor leitet und seit seinem Amtsantritt am IfADo im Jahr 2007 von der hausinternen Bibliothek herausgeben lässt. Mit 12 von 22 Editoren publizierte Hengstler bereits gemeinsam. Im Editorial Board, für dessen Besetzung im Springer-Verlag der Editor-in-Chief verantwortlich ist, findet sich neben Hengstlers oben zitiertem Ex-Doktoranden Ahmed Ghallab auch Jörg Reinders, der am IfADo die Serviceabteilung für Analytische Chemie leitet. Dazu, dass diese beiden ein Hengstler-Manuskript für das Journal prüfen, kommt es laut Hengstler jedoch nicht: „Der Managing Editor darf keine gemeinsamen Publikationen mit Autoren haben. Manuskripte meiner Mitarbeiter bekomme ich nicht zu sehen.“

Darüber hinaus sieht Hengstler auch generell keinen Interessenkonflikt: „Die Zahl an Reviewers ist in der Toxikologie klein. Falls ich meine Arbeit an ein anderes toxikologisches Journal schicke, habe ich mit deren Editoren meist auch schon publiziert. Sie würden die Arbeit an denselben kleinen Personenkreis zum Begutachten schicken.“ Trotz weltweit mindestens 124 toxikologischen Peer-Review-Journalen (scimagojr.com) scheint es schwer, dem Geflecht früherer Kooperationspartner als Editor und Gutachter zu entkommen.

Letztendlich entscheidet über Wissenschaftskarrieren aber oftmals weniger die Anzahl eigener Veröffentlichungen, sondern vielmehr, wie häufig diese zitiert werden. Für Jan Hengstler listet Clarivate Analytics‘ Web of Science insgesamt 12.522 Zitationen, darunter 376 Selbstzitationen (Stichtag: 7. März 2021). Nur 97 Selbstreferenzen entstammen seinen beiden Fachzeitschriften. Das ist vorbildlich.

Für die Selbstzitationsrate von Arch. Toxicol. galt das nicht immer. Mit Hengstlers Amtsantritt 2008 verdreifachte sie sich von 7,4 auf 21,5 Prozent. Gleichzeitig kam auch Leben in den Impact-Faktor des Journals (JIF). Lag er im Jahrzehnt zuvor bei 2, schnellte er bis 2012 auf 6,6 hoch und pendelte sich in den Folgejahren bei 6 ein. Die Selbstzitationsrate sank wieder auf unter zehn Prozent.

Generell ist es für Fachzeitschriften riskant, ihre Zitationsmetriken durch Selbstzitationen zu verbessern. Clarivate Analytics straft solch ein Vorgehen ab Überschreiten einer bestimmten Quote mit dem Entzug des Impact-Faktors ab. Im letzten Jahr geschah das etwa bei Selbstzitationsraten von mehr als 26 Prozent (jcr.help.clarivate.com/Content/title-suppressions.htm).

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Der Dortmunder Toxikologe Jan Hengstler erklärt, dass der Sachverhalt rund um die Vorwürfe gegen ihn wegen möglichen Fehlverhaltens jetzt extern untersucht wird. Foto: Falk Foundation
Biestige Impact-Faktoren

Hengstler kommentiert: „Die Selbstzitationsrate des Journals liegt entsprechend dem Journal Citation Report von 2019 bei 9,3 Prozent. Dies ist aus Sicht der bibliographischen Experten beim Springer-Verlag im grünen Bereich. Auch kann eine Selbstzitationsrate von etwa zehn Prozent den Anstieg des JIF von 2 auf 5 nicht erklären. Aus meiner Sicht sind das aber müßige Betrachtungen. Ob der JIF nun 2 oder 5 ist – das sind beides relativ niedrige bibliographische Indikatoren.“

Ist es Autoren demnach egal, ob sie in einem Journal mit JIF 2 oder 6,6 publizieren? Autoren aus der Toxikologie offenbar nicht. Jedenfalls verdreifachte sich von 2007 bis heute die Anzahl der Manuskripte in Arch. Toxicol. auf etwa 300 pro Jahr (springer.com/journal/204/).

Dabei ist der JIF eigentlich ein unaufrichtiges Biest. Sein Zähler enthält jegliche Zitierung einer Fachzeitschrift der vorhergehenden zwei Jahre. In seinem Nenner finden sich dagegen nur die Originalartikel und Reviews eines Jahres. Redaktionelle Beiträge und Leserbriefe beispielsweise schlagen sich entsprechend nur über dem Bruchstrich nieder. Zitieren diese ein Journal, verbessert sich folglich dessen JIF. Zitieren deren Autoren dabei andere Kollegen, horchen auch die bibliographischen Experten von Clarivate Analytics nicht auf – schließlich sind es keine Selbstzitationen. Ein Editor-in-Chief, dessen Publikationen von anderen Wissenschaftlern in solchen Gastkommentaren zitiert würden, gewänne demnach doppelt, indem der JIF „seiner“ Fachzeitschrift steigt und zugleich sein eigenes Zitationskonto wächst.

Jan Hengstlers insgesamt 109 Originalartikel und Reviews als Erst- oder Letztautor erbrachten 4.578 seiner 12.164 Fremdzitierungen. 704 dieser 4.578 Zitierungen entspringen Publikationen seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. Weitere 292 Originalartikel und Reviews, in deren Autorenlisten sein Name im Mittelfeld auftaucht, wurden von seinen Mitarbeitern dagegen nur zwanzigmal zitiert. Unterscheiden sie sich thematisch so sehr von Hengstlers Erst- und Letztautorschaften, dass der IfADo-Forschungsbereich Toxikologie fast keinen Bezug zu ihnen hat? Gleichzeitig erhielten dessen Erst- und Letztautorschaften 1.191 von 4.578 Zitierungen aus Veröffentlichungen in Arch. Toxicol. und dem EXCLI Journal. Insgesamt sammelte er 2.381 Zitierungen aus den beiden Fachblättern ein.

Diese Zahlenwerte schließen den Kreis zur Arch.-Toxicol.-Ausgabe vom Oktober 2020, deren neun Leserbriefe mit 113 ihrer 177 Referenzen auf Hengstler verweisen. Tatsächlich finden sich in Arch. Toxicol. und dem EXCLI Journal seit 2008 mindestens 159 derartige Letters to the Editor, Highlight Reports und Editorials. Im Jahr 2020 erbrachte jedes dieser Elaborate durchschnittlich zwölf Zitierungen für Hengstler. In vergleichbaren Editorials anderer Fachzeitschriften erwähnten ihn seine Mitarbeiter dagegen insgesamt nur zweimal seit 2008. Ihr diesbezüglicher Zitiereifer scheint sich also auf die von Hengstler geführten Journale zu beschränken.

All diese Leserbeiträge wurden von einem, selten zwei oder drei, von insgesamt 25 Autoren mit Adresse am IfADo verfasst. Nur IfADo-Projektgruppenleiter Ahmed Ghallab und seine Mitarbeiterin Reham Hassan bilden die Ausnahme. Für ihre 41 Editorials und Leserbriefe nutzten sie ihre Zweit-Affiliation an der South Valley University in Qena, Ägypten. Auf ihre Anstellung am IfADo deutet nichts hin.

Aus Journal Club wird Letter

Die meisten dieser Beiträge sind nach dem gleichen Schema aus zwei Absätzen aufgebaut und verwenden in 300 bis 500 Worten wiederkehrende Formulierungen. Laut zweier IfADo-Mitarbeiter des Forschungsbereichs Toxikologie entspringen sie regelmäßigen Literaturseminaren im Institut. In diesen Journal Clubs stellen Doktoranden Fremdpublikationen vor und werden vom Umfeld am Institut ermutigt, ihre Vorträge dann als Highlight Report oder Letter to the Editor zusammenzufassen. Niemand fordere sie dazu auf oder setze sie gar unter Druck. Allerdings kennen sie es von früheren Doktoranden nicht anders.

Ihre Vorliebe für Arch. Toxicol. begründen sie damit, dass es das Hauptjournal der angewandten Toxikologie-Forschung mit dem höchsten Impact-Faktor sei, dass es auch Diskussionsbeiträge von Junior Scientists ermögliche – und dass sie sich überdies in Publikationsfragen auf die Erfahrung ihrer Seniorautoren verließen. Wegen Jan Hengstlers Position als Editor-in-Chief von Arch. Toxicol. sei die Fachzeitschrift im Haus natürlich auch bekannter. Beide Mitarbeiter wünschten, dass das Laborjournal ihre Originalzitate nicht verwendet.

Wie hoch ist der wissenschaftliche Neuwert dieser Leserbeiträge? Dreiviertel der 372 Originalartikel, zu denen die Arbeitsgruppe Hengstler beitrug, wurden jeweils mindestens zehnmal zitiert, nur vier Prozent wurden nirgendwo erwähnt. Im Gegensatz dazu blieb die Hälfte aller Arch.-Toxicol.-Editorials und -Leserbriefe seiner Mitarbeiter komplett unzitiert. Ein weiteres Viertel wurde ein- oder zweimal erwähnt. Nur sieben Prozent – nämlich neun Editorials seit 2008 – fanden andere Autoren mehr als zehnmal der Erwähnung wert. Letztere stammten selbst teilweise aus dem IfADo.

Welche Funktion haben solche Gastkommentare, die demnach fast nicht beachtet werden, aber überproportional den Editor-in-Chief einer Fachzeitschrift zitieren? Hengstler klärt auf: „Ich sehe die Vorteile eines offenen Diskussionsforums größer, als den Nachteil, dass dadurch etwas Schwaches erscheinen kann. Es gibt sehr gute und kritische Kommentare, zum Beispiel einen, der auf einen Fehler hinweist, der beim Review-Prozess übersehen wurde. Kommentierende und diskutierende Beiträge sind willkommen, aber auch eindeutig als solche gekennzeichnet; bisher ist keiner dieser Beiträge abgelehnt worden.“

Wer sieht die Manuskripte?
Letzteres überrascht nicht, denn die Richtlinien von Arch. Toxicol. verraten zweierlei: „Letters and guest editorials represent personal opinion and will therefore not be peer-reviewed.“ Da die Kontrollinstanz einer wissenschaftlichen Begutachtung entfällt, obliegt es also dem Editorial Board, solche Beiträge zu akzeptieren. Weiter heißt es: „We accept a maximum of three references.” Diese Regel wiederum hält keiner der Gastkommentare von Hengstlers Mitarbeitern ein, die Laborjournal untersucht hat. Das Editorial Board toleriert es.

Als Motivation hinter den Leserbriefen beschreiben die beiden befragten IfADo-Mitarbeiter des Forschungsbereichs Toxikologie den Wunsch, wissenschaftliche Diskussion anzuregen. Im Zuge dessen sei ein wenig Selbstwerbung ja durchaus auch üblich, damit sich mehr Leute die eigenen Originalarbeiten anschauen.

Hengstler stellt dazu klar: „Alle Kommentare sind als Editorial Material ausgewiesen. Ein Bibliograph kann sehr einfach Referenzen aus Originalarbeiten und Kommentaren auseinanderhalten.“ Prinzipiell ist das natürlich möglich. Bei der Ermittlung der Impact-Faktoren von Fachzeitschriften wie Arch. Toxicol. und dem EXCLI Journal geschieht es nachweislich nicht. Fraglich ist auch: Ob Einstellungskomitees die Zitationen ihrer Bewerber nach diesem Schema nach Artikelarten sortieren? Oder ob die Bewerber selbst ihre bibliometrischen Kennzahlen wie etwa ihren h-Index entsprechend nach unten korrigieren?

Hengstler hält fest: „Bei weniger als zehn Prozent der 350 bis 500 Publikationen am IfADo pro Jahr bin ich Autor/Koautor. Manuskripte ohne mich als Autor/Koautor werden mir häufig freiwillig gegeben. Ich lese sie, um informiert zu sein, bin aber nicht für den Inhalt verantwortlich.“ Zusätzlich erklärt der wissenschaftliche Direktor: „Am IfADo fungiere ich als Projektgruppenleiter, vertrete das Institut nach außen, habe aber den anderen Projektgruppenleitern nicht zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.“ Laut der beiden kontaktierten IfADo-Mitarbeiter sieht Hengstler als Leiter des Forschungsbereichs Toxikologie jegliches Manuskript vor der Einreichung – sowohl Originalartikel wie auch Editorials und Letters to the Editor. Beide Mitarbeiter erachten es als schlechten Stil, etwas mit ihrer Affiliation rauszuschicken, ohne dass Hengstler es gesehen hätte.

Wer klärt auf?

Aus der Nachfrage von Laborjournal aufgrund der erwähnten kompromittierenden E-Mail-Zuschrift zog Jan Hengstler jedenfalls direkte Konsequenzen: „Bei einem Vorwurf möglichen Fehlverhaltens bin ich einem bestimmten Prozedere verpflichtet und habe wie vorgesehen Ihre Nachricht der zuständigen Person weitergeleitet, sodass der Sachverhalt jetzt extern untersucht wird.“

Wer diese zuständige Person sei und welche Funktion sie in welcher Institution ausübe, wollte Hengstler allerdings nicht mitteilen. Die Leibniz-Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis schreiben dem IfADo indes vor, bei Vorwürfen möglichen Fehlverhaltens zunächst die dezentrale Ombudsperson des Instituts zu involvieren. Weder bei dieser noch bei dessen Stellvertreterin waren eine Nachricht oder ein Verdachtsmoment eingegangen. Auch dem zentralen Ombudsgremium der gesamten Leibniz-Gemeinschaft in Berlin lag keine Anfrage vor.

Bleibt der Springer-Verlag als Herausgeber von Arch. Toxicol. Dessen Research Integrity Group verriet Laborjournal aus Gründen der Vertraulichkeit nur so viel: „We can confirm that concerns have been logged by the journal‘s internal editor. We will review the relevant publication record and check that the submissions were handled appropriately and independently of the Editor in Chief.

Dass Hengstler die Leserbriefe seiner Mitarbeiter nicht selbst weiter prozessiert, hat dieser ja bereits erklärt. Ob die vom Springer-Verlag genannten Kriterien daher geeignet sein werden, die in der E-Mail geäußerten Verdachtsmomente tatsächlich aufzuklären?

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