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Antikörper-Debakel in Brüssel

Juliet Merz


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(08.04.2021) Das EU-Referenzlabor für Alternativen zu Tierversuchen der EU-Kommission verfasst eine Empfehlung zu tierfreien Antikörpern und gerät damit in die Schusslinie der europäischen Wissenschafts-Community – zu Recht. Von schwerwiegenden Vorwürfen, stillen Sündenböcken und einer wenig einsichtigen Kommission.

Antikörper sind seit Jahrzehnten wertvolle universelle Werkzeuge. Ohne sie würde die heutige biologische sowie biomedizinische Forschung nicht existieren, für viele Patienten würde keine adäquate Therapie bereitstehen und für die Diagnostik verschiedenster Krankheiten gäbe es keine immunologischen Testverfahren.

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Illustr.: Juliet Merz

Die Herstellung von Antikörpern gerät indessen immer wieder in die Kritik. Denn auch heute noch werden sowohl monoklonale als auch polyklonale Antikörper in Tieren produziert. Das EU-Referenzlabor für Alternativen zu Tierversuchen, kurz EURL ECVAM, ein integraler Bestandteil der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS), des Wissenschafts- und Wissensdienstes der Europäischen Kommission, möchte das ändern und beauftragte deshalb ein Team von Wissenschaftlern, die Literatur zu tierfreien Antikörpern zu prüfen, um sich ein Bild darüber zu machen, wie zeitgemäß tierische Antikörper heute überhaupt noch sind, und ob diese nicht durch tierfreie Alternativen wie etwa Phagen-Display (siehe Infokasten) ersetzt werden könnten. [Anm. d. Red.: Sämtliche in diesem Artikel vorkommenden Zitate, die nicht aus Gesprächen mit LJ stammen, sind von der Redaktion frei ins Deutsche übersetzt worden und können bei den angegebenen Quellen in Originalsprache nachgelesen werden.]

Das Ende tierischer Antikörper

Letztlich kam das EURL ECVAM zu einem Ergebnis, das die europäische Wissenschaftsgemeinde empörte: Das EU-Referenzlabor empfiehlt, „Tiere nicht mehr für die Entwicklung und Herstellung von Antikörpern für Forschungs-, diagnostische und therapeutische Anwendungen sowie Zulassungsanträge zu verwenden“ – und fordert damit das Ende von Antikörpern, die in Tieren produziert werden. EURL ECVAM möchte so den Bestimmungen der Richtlinie 2010/63/EU nachkommen, die zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere verfasst wurde. Ganz im Sinne des 3R-Prinzips: Tierversuche ersetzen (replace), reduzieren (reduce) und verbessern (refine).

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Für sein Gutachten hatte das EU-Referenzlabor ein wissenschaftliches Beraterteam aus fünfzehn Mitgliedern zusammengetrommelt, darunter etwa Toxikologen, Biochemiker und zwei Immunologen. Der Beraterstab hört auf den Namen EURL ECVAM Scientific Advisory Committee, kurz ESAC. Aus dieser Zusammenarbeit entstand schließlich ein Papier, das im Mai 2020 unter dem Titel „EURL ECVAM Recommendation on Non-Animal-Dervied Antibodies“ federführend von der GFS veröffentlicht wurde und das fragwürdige Fazit enthält (doi: 10.2760/80554). Noch eine wichtige Information vorweg: Der GFS-Bericht besteht quasi aus zwei Teilen. Im Anhang (Annex 1 und 2) befinden sich der Bericht und die Meinung von ESAC; im vorderen Teil fassen die EURL-ECVAM-Autoren Joao Filipe Viegas Barroso, Maria Elisabeth Halder und Maurice Whelan die Ergebnisse zusammen und formulieren eine Empfehlung.

Fatale Forderungen

Die Forderungen des EU-Referenzlabors sind nicht rechtlich bindend, der GFS-Bericht dient lediglich dem Zweck, „den politischen Entscheidungsprozess in der EU evidenzbasiert wissenschaftlich zu unterstützen“, wie es im Papier heißt. Sollten die EU-Mitgliedsstaaten die Empfehlungen von EURL ECVAM jedoch rechtlich umsetzen, hätte das tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Grundlagenforschung, sondern auch auf die Medikamentenversorgung sowie -entwicklung – und das wahrscheinlich weltweit.

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Gerade im Hinblick auf die aktuelle Corona-Pandemie wäre das fatal: „Während der aktuellen COVID-19-Pandemie haben Forscher europaweit von Tieren stammende Antikörper verwendet, um unser Wissen über diese neuartige Bedrohung für unsere Gesundheit zu erweitern“, schreiben Andreas Radbruch und Doug Brown von der European Federation of Immunological Societies (EFIS) zum GFS-Papier in einem Statement vom 22. Oktober 2020. „Inmitten dieser dringenden Forschungsarbeiten ist es wichtig, dass wir alle verfügbaren Forschungsinstrumente zur Verfügung haben, um zu gewährleisten, dass wir so sicher und schnell wie möglich aus dieser Situation herauskommen.“

Auch die Wissenschafts-Community hierzulande ist besorgt, wie eine Umfrage des Verbands Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) zeigt. Ende 2020 hatte der Dachverband die von ihm vertretenen Fachgesellschaften zum GFS-Bericht befragt, darunter Pflanzenforscher, Genetiker, Entwicklungsbiologen, Mikrobiologen, Biotechnologen, Virologen und Physiologen. Weil die Ergebnisse der Umfrage zum Redaktionsschluss am 15. März noch nicht veröffentlicht sind, fasst VBIO-Pressesprecherin Kerstin Elbing das Stimmungsbild auf Nachfrage zusammen. „Erst einmal wurde deutlich, dass nur den wenigsten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Veröffentlichung der EU-Kommission in Brüssel überhaupt bekannt war“, berichtet Elbing.

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Nahezu alle Befragten hätten sich nach der Lektüre jedoch sehr besorgt und skeptisch geäußert, sollte die Nutzung von Antikörpern, die primär im Tier gewonnen werden, in der EU nicht mehr oder nur unter erheblich erschwerten Bedingungen möglich sein. Die befragten Wissenschaftler würden im Wesentlichen drei Punkte befürchten: Nachteile für Grundlagenforschung und wissenschaftlichen Wettbewerb, Nachteile für industrielle Forschung und Entwicklung sowie internationalen Wettbewerb, aber auch erhebliche zusätzliche Forschungskosten – mit negativen Folgen für den Forschungsstandort Deutschland. „Ein Verbot der Entwicklung und Herstellung tierischer Antikörper könnte zu einer Ausweichtendenz führen, die nicht nur die Forschung in Europa schwächt, sondern auch die Fragen des Tierwohls in andere Gebiete verlagert, die möglicherweise eine weniger strenge Jurisdiktion haben, wie wir in Europa“, fügt Elbing hinzu.

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie reagierte in ihrer Stellungnahme auf die GFS-Veröffentlichung mit deutlichen Worten: „Die derzeitigen Empfehlungen des EURL ECVAM sind […] wissenschaftlich völlig unhaltbar […].“ Auch andere wissenschaftliche Fachgesellschaften kritisierten das GFS-Papier, etwa der Verband der Wissenschaftlichen Gesellschaften Spaniens (COSCE; Nat. Methods 17: 1069-70), die European Animal Research Association mit der European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EARA/EFPIA) oder die Deutsche Gesellschaft für Zellbiologie (DGZ).

Die Liga der Europäischen Forschungsuniversitäten (LERU), ein Netzwerk aus 23 Universitäten in Europa, stellt in ihrer Stellungnahme einige Elemente des GFS-Papiers auf den Prüfstand („A Ban on Animal-Derived Antibodies will Stifle European Competitiveness in the Life Sciences“). Denn nicht nur das Fazit von EURL ECVAM ist bedenklich, der GFS-Bericht enthält eine ganze Fülle von Kritikpunkten. Einen davon spricht die LERU in ihrer Stellungnahme an: Die Aufgabe der ESAC-Arbeitsgruppe lautete, die Literatur zum Stand der Technik monoklonaler, nicht-therapeutischer Antikörper zu überprüfen. Die EURL ECVAM nahm in ihrer Empfehlung allerdings auch polyklonale therapeutische Antikörper mit auf. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies äußerst problematisch, da die Empfehlung – zumindest in diesem Teil – keine wissenschaftlichen Belege enthält“, schließt die LERU.

Tierleid reduzieren

Und sie kritisiert noch einen weiteren Punkt: Im Anhang sprechen die ESAC-Mitglieder als Beispiele für Medikamente aus Phagen-Display-Bibliotheken drei Arzneimittel an, die auf Antikörpern basieren. Jedoch: „Alle drei Antikörper sind von monoklonalen Antikörpern abgeleitet, die unter Verwendung der Hybridom-Technik entwickelt wurden und somit tierischen Ursprungs sind“, stellt die ­LERU klar und meint damit Blinatumomab, Ranibizumab und Certolizumab.

Der spanische Verband COSCE geht in seiner Stellungnahme in Nature Methods genauer auf die Hybridom-Technik (siehe Infokasten) ein. Während der Entwicklung eines Impfstoffs gebe diese Methode viele wertvolle Hinweise darauf, wie etwa das (tierische) Immunsystem auf das Antigen reagiert und welche Immunglobulin-Gene beteiligt sind. „All diese kritischen Informationen gehen bei der Verwendung der Display-Technologie verloren“, gibt COSCE zu bedenken und thematisiert dann auch den tierschutzrechtlichen Aspekt: „Die Erzeugung von Hybridomen erfordert nur während der Immunisierungsphase Tiere. Die nächsten Schritte – zum Beispiel Zellfusion, Klon-Selektion und Antikörperproduktion – sind tierfrei, und große Mengen monoklonaler Antikörper zur therapeutischen Verwendung werden derzeit von gentechnisch veränderten Zellen im industriellen Maßstab hergestellt. Die Antikörper-Produktion ist daher bereits größtenteils tierfrei, ebenso wurden die Protokolle für die Immunisierung verbessert, um den Tieren möglichst viel Leid zu ersparen.“

In wie vielen Tieren europaweit Antikörper produziert werden, ist schwer zu sagen. Denn die EU erhebt zwar Daten, die tatsächlichen Zahlen von Tieren für die Antikörper-Produktion verstecken sich aber in unterschiedlichen Kategorien, eine separate Antikörper-Produktions-Kategorie gibt es nicht. Das EURL ECVAM schätzt in seiner Empfehlung die Zahl auf circa eine Million Tiere in der EU pro Jahr, ohne dabei eine Quelle zu nennen. In den FAQs (Frequently Asked Questions) auf der EU-Kommissions-Homepage bezieht sich das EU-Referenzlabor auf eine Analyse der ESAC-Experten, erneut ohne Verweis.

Im Oktober 2020 klinken sich auch Stimmen aus der Industrie in die Diskussion ein. Autoren um Matthew Truppo, Mitarbeiter bei Janssen Pharmaceutical, positionieren sich in Nature (586: 500): „Wir widersprechen den Behauptungen von Alison Gray und Kollegen, dass synthetische Antikörper tierische Antikörper in ‚allen bekannten Anwendungen‘ ersetzen können.“ Truppo et al. sprechen dabei nicht direkt das GFS-Papier an, sondern eine Publikation, die von ESAC-Mitgliedern zeitgleich in Nature veröffentlicht wurde und dasselbe Thema behandelt (581: 262).

Unter den ESAC-Autoren befinden sich neben der englischen Molekularbiologin und Toxikologin Gray auch Stefan Dübel von der Technischen Universität Braunschweig, der Bio-Rad-Mitarbeiter Hans-Joachim „Achim“ Knappik sowie Andreas Plückthun von der Universität Zürich. Die Kritik beruhte auf einem Missverständnis: Zwei Tage nach dem Kommentar von Truppo und Co. korrigierten Gray et al. ihre Publikation mit dem Hinweis, dass es sich bei den besprochenen Antikörpern nicht um therapeutische handele. Die EURL ECVAM hatte diese dennoch in ihrer Empfehlung mit aufgenommen, aber dazu später mehr.

Die Autoren um Gray fordern in ihrer Veröffentlichung Regierungsbehörden, Fördergeber und Verlage nachdrücklich auf, die Techniken rund um tierfreie Antikörper zu unterstützen, „um die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit zum Wohle der Gesellschaft zu verbessern“. Das formulieren EURL ECVAM in ihrer Empfehlung etwas drastischer: „Da Phagen-Display eine ausgereifte und bewährte tierfreie Technologie für die Entwicklung und Herstellung zuverlässiger und relevanter Antikörper oder Affinitätsreagenzien ist, sollten Projekte, die eine Genehmigung für die Verwendung von Tieren für diese Zwecke beantragen, systematisch angefochten werden […] und von den Genehmigungsstellen abgelehnt, wenn eine solide, legitime wissenschaftliche Rechtfertigung [für die Verwendung von Tieren] fehlt. In Anbetracht der Stellungnahme des ESAC (Anhang 1) und des Berichts der ESAC-Arbeitsgruppe (Anhang 2) konnten keine wissenschaftlichen Gründe festgestellt werden, die eine solche Ausnahme rechtfertigen würden.“

Wirklich unabhängig?

Und auch Wissenschaftsverlage nimmt die EURL ECVAM in die Pflicht: „Manuskripte mit Ergebnissen, die mithilfe von qualitativ schlechten und/oder undefinierten Antikörpern erzielt wurden, sollten systematisch abgelehnt werden.“

Aber nicht nur Aussagen wie diese stoßen Kritikern bitter auf, noch zwei weitere Aspekte rund um das GFS-Papier sind diskussionswürdig. Wir erinnern uns: Das EU-Referenzlabor hatte das Expertenteam ESAC beauftragt, die Literatur rund um tierfreie Antikörper zu bewerten – und das im Sinne einer unabhängigen wissenschaftlichen Begutachtung („Independent Scientific Peer Review“). In der Referenzliste des ESAC-Berichts taucht aber vermehrt Literatur auf, welche die „Peer Reviewer“ zum Teil selbst mitverfasst haben. Bei fast der Hälfte der angeführten Referenzen waren Mitglieder von ESAC Co-Autoren. „Das wäre in etwa so, als würde ich mein Manuskript bei einem Journal einreichen und die schicken das Manuskript zur Peer-Review-Überprüfung gleich wieder an mich zurück“, vergleicht Matthias Gunzer von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und ergänzt: „Natürlich finde ich meine eigene Arbeit gut!“ Eine unabhängige Begutachtung der Literatur schließt er so aus.

ESAC-Mitglied Stefan Dübel von der TU Braunschweig sieht das auf Nachfrage anders: „Da einige der beteiligten Wissenschaftler das Feld der rekombinanten Antikörper mitbegründet und entwickelt haben, sind gezwungenermaßen viele Paper aus dieser Zeit. Genau deshalb sind sie halt nun mal auch geeignete Experten dafür. Das Zitieren eigener wissenschaftlicher Peer-Reviewed-Publikationen kann doch nur verdächtig sein, falls damit bewusst der wissenschaftliche Erkenntnisstand verbogen werden soll, also wenn diese falsche Tatsachen darstellen, wie sonst? Wenn es korrekte Befunde sind (reproduzierbar), dann ist es wissenschaftlich völlig egal, welches Labor sie gemacht hat, oder?“

Doch auch die Zusammensetzung von ESAC sorgt für Zündstoff: Fünf der sechs Ad-hoc Members sind Mitgründer, Anteilseigner oder Mitarbeiter von Firmen, von denen einige ihr Geld mit Antikörpern aus Display-Technologien oder anderen In-vitro-Techniken verdienen – in dem GFS-Bericht ist das an keiner Stelle vermerkt. Die LERU sieht die Verbindung der Autoren in die Industrie kritisch. „Deshalb kann zumindest ein persönliches Interesse der Autoren an der Empfehlung von EURL ECVAM nicht ausgeschlossen werden“, schreibt das Universitäten-Netzwerk. Die DGfI konkretisiert das in ihrer Stellungnahme. Sie sehen rund um die EURL-ECVAM-Empfehlung „Bestrebungen mit starkem Verdacht einer zugrundeliegenden lobbyistischen Absicht“.

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Fragwürdiger politischer Entscheidungshelfer: die Empfehlung der EURL ECVAM. Foto: Pixabay/ dimitrisvetsikas1969

Verbindungen zur Industrie

Dübel, Mitgründer der Firmen Yumab, Abcalis und mAB-factory, gibt zu: „Tatsächlich habe ich anfangs gezögert, dem ESAC beizutreten und die EU nach der Anfrage erstmal über meine Bedenken informiert, dass meine Start-up-Aktivitäten als potenzieller COI [Anm. d. Red.: Conflict of Interest] betrachtet werden könnten, ich habe die offizielle (und veröffentlichte) EU Declaration of Interest [DOI] ausgefüllt, die EU hat diese analysiert und explizit bestätigt, dass sie gerade deshalb meine Meinung hören wollte, in vollem Wissen und gerade deshalb, weil ich ein Protagonist der NADA(Non-Animal-Derived Antibodies)-Generation bin. Die Begründung war, dass sie auch mal die Sicht von Experten für rekombinante Antikörper hören wollten, nicht nur die der Vertreter von Tierantikörpern.“

Andreas Plückthun von der Universität Zürich, der ebenfalls im ESAC sitzt und Mitgründer von MorphoSys und Molecular Partners ist, schreibt auf Anfrage: „Weder MorphoSys noch Molecular Partners machen irgendetwas mit Reagenzien-Antikörpern. Die beiden Companies machen ausschließlich Therapeutika. Demnach sind sie Käufer und nicht Verkäufer der Reagenzien-Antikörper – und sitzen somit im genau gleichen Boot wie akademische Labors.“ Allerdings: Zwei der wichtigsten Technologien von MorphoSys sind die Human Combinatorial Antibody Library, kurz HuCAL, eine Bibliothek mit mehreren Milliarden unterschiedlichen, menschlichen Antikörpern, sowie die Nachfolger-Antikörperplattform Ylanthia. Für die Nutzung der beiden Technologien zur Generierung tierfreier Antikörper verkauft MorphoSys Lizenzen.

Achim Knappik, Mitarbeiter bei Bio-Rad und Anteilseigner bei MorphoSys, hat sich auf unsere Anfrage nicht gemeldet.

Übrigens: Die Firmen Abcalis, Bio-Rad und Yumab sowie die Universität Zürich befinden sich aufgelistet auch im Anhang des ESAC-Berichts unter „nicht von Tieren stammende Antikörper-Ressourcen“ in den Kategorien „Katalog-Antikörper“, „kundenspezifische Erzeugung von Antikörpern, die nicht von Tieren stammen“ und „Aufbau der Phagen-Display-Antikörperbibliothek“.

Gebrochene Stille

Die ESAC-Mitglieder Dübel, Plückthun, Knappik und Andrew Bradbury versuchen mittlerweile eine Stellungnahme zu veröffentlichen, in der sie sich von der EURL-ECVAM-Empfehlung distanzieren. „Das EURL-ECVAM-Statement am Beginn des Berichts ist nicht von uns oder mit uns abgestimmt!“, so Dübel. „Wir versuchen schon seit Monaten eine Gegendarstellung zu publizieren, die Journals möchten das aber nicht drucken.“ Plückthun bestätigt: „Die EURL-ECVAM-Empfehlung ist nicht die Empfehlung der Experten, sondern wandelt sie in entscheidenden Punkten ab.“

Dübel betont auf Nachfrage einen weiteren Aspekt, der zwar auch im ESAC-Report auftaucht, in der EURL-ECVAM-Empfehlung aber komplett außen vor gelassen wurde: Nämlich dass nicht-tierische Antikörper nur begrenzt verfügbar sind. Bei einer abrupten Umstellung auf tierfreie Alternativen könnte der Bedarf an Antikörpern überhaupt nicht gedeckt werden.

Die vier ESAC-Mitglieder stimmen auch in einem anderen Punkt den Kritikern zu. COSCE schrieb zuvor zu In-vitro-Antikörper-Plattformen: „Die Implementierung neuer Technologien in einem Labor erfordert eine Schulung des Personals und eine Umstellungsphase.“ Das sieht Gunzer von der DGfI ähnlich. „Es ist nicht einfach, Plattformen wie Phagen-Display oder Ähnliches im Labor zu etablieren.“ Das hört sich im GFS-Papier anders an: Das EU-Referenzlabor schreibt, nur Standard-Labor-Equipment und -Verbrauchsmaterialien würden benötigt, um nicht-tierische Antikörper zu generieren. Dem widersprechen die ESAC-Mitglieder in ihrer noch unveröffentlichten Stellungnahme vehement. „Die Anforderungen an die effektive Einrichtung von In-vitro-Selektionsplattformen sind für viele einzelne Labors zu hoch“, zitiert Dübel und Plückthun ergänzt: „Nicht-spezialisierte Labors werden kaum in der Lage sein, solche Antikörper herzustellen oder käuflich zu erwerben. Deswegen wäre eine Einschränkung von Hybridoma heute unsinnig.“

Dübel fasst das Fazit ihrer Gegendarstellung zusammen: „Wir sind starke Befürworter der Verwendung von In-vitro-Methoden zur Erzeugung von Antikörpern, um die Forschungsqualität und Reproduzierbarkeit zu verbessern. Um diese Umstellung hin zu Antikörpern aus In-vitro-Technologien jedoch zu fördern, müssen die Plattformen breiter verfügbar werden. Sie sollten mit tierischen Antikörpern konkurrieren und aufgrund ihrer Qualität und Flexibilität ganz natürlich angenommen werden.“

Doch was sagt eigentlich die EU-Kommission zu der Diskussion und der fragwürdigen Empfehlung des EU-Referenzlabors? Angesprochen auf die vielen kritischen Stimmen antwortet Pressesprecherin Sinéad Meehan van Druten von der GFS, die Kommission würde das Feedback der Interessengruppen sehr begrüßen und sich bemühen, dieses gegebenenfalls zu berücksichtigen. Dabei verweist sie auf die FAQs-Seite der EU-Kommission, mit dem Hinweis, die Webseite würde weiterhin auf Grundlage von Informationen, die sie über verschiedene Kanäle empfangen, aktualisiert (ec.europa.eu/jrc/en/eurl/ecvam/faqs/non-animal-derived-antibodies).

Der Blick auf die FAQs-Seite ist allerdings ernüchternd. Zwar betont dort die EU-Kommission beziehungsweise die GFS, die EURL-­ECVAM-Empfehlung sehe weder ein Verbot der Verwendung von Tieren zur Entwicklung und Herstellung von Antikörpern vor, noch schlage sie per se ein Verbot vor – die Empfehlungen werden aber an keiner Stelle korrigiert. Zur Erinnerung: Das EURL ECVAM konnte in seiner Empfehlung keine „wissenschaftlich begründeten Ausnahmen“ feststellen, die eine Verwendung von Tieren zur Antikörper-Produktion rechtfertigen würde.

Schemenhaft angedeutet

Nicht-tierische Antikörper werden indessen auf der FAQs-Seite weiterhin glorifiziert, ohne objektiv über die Vor- und Nachteile tierischer sowie tierfreier Antikörper zu berichten. Die mittlerweile von vielen Fachgesellschaften und anderen Stimmen geäußerte Kritik und aufgezeigten Limitierungen tierfreier Antikörper werden nicht diskutiert – nicht mal die Bedenken der eigenen ESAC-Mitglieder. Dübel: „Ich habe der ECVAM mitgeteilt, dass meiner Meinung nach therapeutische Antikörperentwicklungen beim momentanen Stand der wissenschaftlichen Möglichkeiten nicht auf Tierversuche bei der Antikörpergewinnung verzichten können.“ Davon liest man auf der ­FAQs-Seite der EU-Kommission nichts, stattdessen steht dort: „[…] Die in der ESAC-Stellungnahme dargelegten Hauptargumente [werden] für die wissenschaftliche Gültigkeit tierfreier Antikörper als universell angesehen und sind daher unabhängig vom Anwendungsbereich relevant“ – also laut GFS auch für therapeutische Zwecke.

Zur bislang nur bedingten Verfügbarkeit tierfreier Antikörper kommentiert die GFS auf ihrer Homepage: „Ohne Nachfrage gibt es kein Angebot.“ Und auf die Frage, warum die meisten Wissenschaftler bislang noch keine tierfreien Antikörper verwenden, antwortet sie an gleicher Stelle: „Leider nimmt die wissenschaftliche Gemeinschaft nicht-tierische Alternativen nur sehr langsam an. Gründe hierfür sind eine allgemein fehlende Kenntnis und ein schlechtes wissenschaftliches und technisches Know-how über nicht-tierische Techniken zur Entwicklung oder Herstellung von Antikörpern.“

Immerhin in der Liste zu weiterführender Literatur verlinkt die GFS dann doch noch die beiden Stellungnahmen der LERU und EARA/EFPIA. Der heftige Diskurs und die Empörung der wissenschaftlichen Community werden damit aber nur schemenhaft hinter zwei Links angedeutet. Eine evidenzbasierte wissenschaftliche Unterstützung für den politischen Entscheidungsprozess bietet die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission damit nicht.




Phagen-Display

ist eine Technologie zur Herstellung von Antikörpern. Dabei werden die genetischen Sequenzen eines Repertoires von Antikörpern, die ursprünglich von einem Menschen oder Tier stammen oder in silico entworfen wurden, in die DNA eines Bakteriophagen eingefügt. Bakterien wie E. coli werden mit dem Virus infiziert und produzieren dann Phagen, welche die Antikörper auf ihrer Oberfläche tragen. Mithilfe eines Zielmoleküls lassen sich anschließend passende Phagen aus einer großen Sammlung isolieren.




Hybridom-Technik

Bei der Hybridom-Technik werden Tiere gegen ein bestimmtes Antigen immunisiert und ihre B-Zellen isoliert. Bei kleineren Tieren wie Mäusen wird dafür die Milz entnommen, bei größeren Tieren wie Alpakas reicht die Blut­entnahme. Die Antikörper-produzierenden Zellen werden anschließend mit kultivierten Myelomazellen fusioniert, wodurch eine quasi unsterbliche, zelluläre Antikörper-Fabrik entsteht.

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