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Moleküle am Horizont

Juliet Merz


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Seit 16 Jahren stellen PhD-Studenten in Göttingen ganz alleine ein internationales Symposium auf die Beine: die Horizons-in-Molecular-Biology-Konferenz. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen geworfen und den Trubel hautnah miterlebt.

Die Hydraulik zischt laut, als sich der Bus zur rechten Seite neigt. Die Türen schwingen auf und zwei Handvoll Leute steigen nach draußen. Es ist kühl. Montagmorgen. Haltestelle Faßberg, Göttingen. Ein roter PKW überholt den wartenden Bus, kommt abrupt zum Stehen und lässt die Menschentraube die einspurige Straße passieren. „Das ist schon mein vierter Bänderriss“, erzählt eine junge Frau mit blonden, schulterlangen Haaren ihrer Wegbegleiterin, während sie auf das Gelände der Max-Planck-Gesellschaft einbiegen. Sie trägt eine schwarze Schiene am rechten Knöchel, humpelt aber nicht. „Es ist vermutlich nicht ganz durch“, sagt sie.

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Foto: Juliet Merz

Über der Eingangstür des Administrationsgebäudes ragt ein zwei Meter langes Banner: „16th Horizons in Molecular Biology“ steht dort in Großbuchstaben. Daneben ein illustrierter Sonnenuntergang, in dem ein DNA-Strang verschwindet. Die blonde Frau und die anderen aus dem Bus treten durch die automatische Schiebetür in eine übersichtliche Eingangshalle, von der mehrere Räume links und rechts abgehen. Sie verschwinden zwischen unzähligen herumstehenden Besuchern, bepackt mit Taschen und Rucksäcken. Sie füllen den Raum mit Gemurmel. Es herrscht reges Treiben. Durch eine lange Warteschlange auf der linken Seite, die an provisorisch aufgestellten Anmeldungs­tischen endet, drängt sich ein junger Mann in einem bordeauxroten T-Shirt. Über seinem Herzen prangt ein bekanntes Motiv: ein in Weiß gestickter Sonnenuntergang mit DNA. „Sie kommen von Laborjournal, richtig? Ich heiße Gerrit Altmeppen, wir haben miteinander geschrieben.“

Selbst gemacht

Am 4. Dezember 2003 feierte die Horizons-Konferenz ihre Geburtsstunde. Damals noch im Seminarraum des Göttinger Zentrums für Molekulare Biowissenschaften mit einer zweitägigen Posterpräsentation, ein paar lokalen Rednern und gerade mal fünfzig Teilnehmern. Seitdem ist viel passiert. Der Grundgedanke ist geblieben: Eine wissenschaftliche Konferenz von PhD-Studenten für PhD-Studenten. Deshalb organisieren heute um die zwanzig Studenten mit Masterabschluss und frisch gebackene Doktoranden des PhD-Programms International Max Planck Research School, kurz IMPRS, das Horizons im Alleingang. Eine Besonderheit, wie Altmeppen sagt, der selbst seit drei Jahren zum Organisations-Team gehört und am Max-Planck-Insitut für Biophysikalische Chemie in der Arbeitsgruppe von Melina Schuh mitten in seiner Doktorarbeit steckt.

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Einzig bei den Finanzen gibt es Einschränkungen. „Wir können nicht auf eigene Faust Gelder ausgeben, bei jeder finanziellen Entscheidung müssen wir mit Steffen Burkhardt Rücksprache halten“, sagt Altmeppen. „Er ist im Namen der Graduiertenschule GGNB, zu der auch unser IMPRS-Programm gehört, für einen Teil der Finanzen verantwortlich.“ GGNB steht für Göttingen Graduate Center for Neuro­sciences, Biophysics, and Molecular Biosciences. Steffen Burkhardt hatte vor 16 Jahren die Horizons-Konferenz ins Leben gerufen. Er war es auch, der damals die Research School aufgebaut hatte, und ist auch heute noch Studienkoordinator für Molekularbiologie in Göttingen sowie der Managing Director der Graduiertenschule, wie Altmeppen berichtet. „Wir nennen ihn nicht umsonst den Gründervater der Konferenz.“

Finanziert wird das Horizons über den Verein zur Förderung der molekularen Biowissenschaft Göttingen durch die ansässige Universität und Max-Planck-Gesellschaft. Aber auch 15 Unternehmen treten als Sponsoren in Erscheinung. Eine kleine Finanzspritze erhalten die Organisatoren außerdem über die Tagungspauschalen einiger Besucher, bei denen ein Konferenz-Paket, Mittagessen, eine Stadtrundfahrt, Abendessen und eine Party mit inbegriffen sind. Die Vorträge und Posterpräsentation sind für alle kostenlos.

hg_19_10_03bEin Teil des Horizons-Teams: Gerrit Altmeppen (vorne, vierter v. re.), Antony Grüness (mit Gips) und Ninadini Sharma (hinten Mitte). Foto: Horizons

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Forschung auf der Serviette

Durch die geschlossene Tür dringen Gesprächsfetzen in die mittlerweile leere Eingangshalle am Montagvormittag. Dahinter sitzen knapp 35 junge Menschen in Grüppchen an Tischen und blicken gespannt nach vorne. Dort steht Deb Koen, eine Amerikanerin, die sich als Coach um die Karriere ihrer Klienten bemüht, und schon hunderte solcher Workshops geleitet hat. Sie hält einen Rest-Stapel weißer, quadratischer Servietten in die Höhe, die sie zuvor ausgeteilt hat, und sagt: „Now you will write six words on one of these napkins, that describe your research, or draw a diagram or a picture – You will have three minutes.“ Die Blicke der Teilnehmer senken sich. Konzentrierte Stille tritt ein. Nach etwas mehr als drei Minuten durchbricht Koen das Schweigen. „Now explain your research to your neighbor – You got one minute!“ Die Workshop-Teilnehmer schauen sich um, einige springen von ihren Stühlen auf und im Raum bricht plötzlich ein tumultartiges Stimmengewirr los. Eine junge Frau in der hintersten Reihe beugt sich zu ihrem Gegenüber und beginnt eifrig zu erklären. Sie forscht an Fuchsbandwürmern. Ihr Zuhörer nickt und deutet auf eine Zeichnung auf der weißen Serviette, die in seinen Händen liegt. Es soll eine Krebszelle darstellen.

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„Vor vier Jahren haben sich die Organisatoren dazu entschlossen, den Karrieretag in die Horizons-Konferenz zu integrieren“, erzählt Altmeppen. Das habe die letzten drei Jahre noch etwas gehapert, dieses Jahr lief es flüssig. Neben den sieben Speakern mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, die über ihre Karrierewege plaudern, gibt es zwei Workshops. Den von Deb Koen, in dem die Teilnehmer lernen, wie man seine Forschung richtig und spannend kommuniziert sowie präsentiert. Und einen Workshop von Angelika Hofmann von der Universität Yale über das Verfassen erfolgreicher Förderanträge. Beide sind sehr gut besucht.

Im Laufe der 16 Jahre Horizons ist für die Organisatoren viel Arbeit dazugekommen. Neben der traditionellen Posterpräsentation gibt es heute ein Speed Dating, bei dem die Teilnehmer die Speaker ganz zwanglos zwischen Suppe, belegten Brötchen und Säften mit Fragen löchern können, ein Horizons-Breakfast in vergleichbarem Stil, Awarded Student Talks und Panel Discussions. Parallel sprechen im Laufe des viertägigen Events internationale Wissenschaftler über ihre Forschung und ihren Werdegang.

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Foto: Horizons

„Die Konferenz-Sprecher haben wir vom Organisations-Team alle selbst eingeladen“, sagt Antony Grüness, einer der Mit-Organisatoren, der gerade seine Masterarbeit in Pflanzenbiochemie an der Uni Göttingen beendet hat. Schlussendlich sind es 21 Redner aus sieben Ländern, die ihre Forschung vor insgesamt rund 400 Besuchern präsentieren. Darunter etwa Gaia Pigino vom MPI für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden, die ihre Zuhörer darüber aufklärt, wie das Cilium assembliert wird. Oder Leonie Rigoros von der Humboldt-Universität in Berlin, die über epigenetische Genregulierung spricht. Und dann ist da noch ­Michael Rosbash, der 2017 zusammen mit Jeffrey Hall und Michael Young für seine Arbeiten zum circadianen Rhythmus den Nobelpreis in Physiologie oder Medizin bekommen hat. Er eröffnet die wissenschaftliche Vortragsreihe.

Im November des vorherigen Jahres hatte sich das Horizons-Team getroffen und die Speaker gewählt. „In der ersten Runde diskutieren wir, wer sich als Redner eignen könnte“, gibt Altmeppen einen Einblick. Das können ehemalige Chefs oder Arbeitsgruppenmitglieder sein oder Forscher, die als Speaker schon einmal positiv aufgefallen sind. Nach einer Abstimmung waren knapp dreißig Einladungen an Wissenschaftler weltweit rausgegangen, von denen etwa zwei Drittel abgelehnt hatten. Die Prozedur wiederholt sich, bis die Redner-Liste voll ist. Die Einladung an Rosbash erfolgte einstimmig. „Unsere Kollegin Ninadini Sharma aus Indien hatte sich darum gekümmert und ihn eingeladen“, sagt ­Altmeppen. Ganz einfach über Twitter.

Locker und entspannt

Er schreitet drei Schritte nach rechts, dann bleibt er stehen, dreht sich um und geht erneut drei Schritte zurück nach links. Michael Rosbash ist vertieft, während er über seine Forschung referiert. Mit der rechten Hand greift er immer wieder in seine Hosentasche. Es klimpert darin. Münzen oder vielleicht ein Schlüsselbund.

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Foto: Juliet Merz

Der Manfred-Eigen-Saal auf dem MPG-Gelände ist brechend voll. Einige Zuhörer stehen bis zur Tür. Rosbash ist der zehnte Nobelpreisträger, den das Horizons-Team für die Konferenz im Laufe der Jahre gewinnen konnte. Sein Thema: natürlich die „innere Uhr“. Er spricht über die ersten Experimente in Drosophila, wie er und sein Team die zugrundeliegenden Clock-Mechanismen entdeckten und wie sich schließlich herausstellte, dass die Gene und Mechanismen in allen Tieren konserviert sind. Dann beginnt die Fragerunde. Ein grüner, Fußball-großer Stoffwürfel mit integriertem Mikrofon wird in die Menge geworfen. Die erste Frage ertönt, Rosbash schaut verdutzt, dann erhellt sich seine Miene: „I thought the green box was Kleenex. Wondered how you communicate with that.“ Er lächelt, dann antwortet er.

Die Erfahrung zählt

„Die Horizons-Konferenz ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen“, sagt ­Altmeppen. Und trotzdem helfen die jungen Organisatoren alle freiwillig. Geld gibt es nicht. Dafür aber Softskills und Kontakte, wie Grüness meint. „Nicht jeder Wissenschaftler hat die Chance, eine solche Konferenz zu organisieren. Es kostet Zeit, aber schlussendlich habe ich viel Spaß dabei. Man lernt eine Menge neuer Leute kennen und wie man organisiert und kommuniziert.“

Altmeppen und Grüness sind sichtlich stolz auf das Horizons. Neue Ideen gebe es dennoch immer viele. Eine steht sogar schon seit letztem Jahr auf der To-do-Liste: Eine Art ­Challenge, bei der die Besucher Kunstwerke aus ihrem Labor mitbringen können. Mikroskopie-Aufnahmen, Histologie-Bilder, sonstige Fotografien oder selbst gezeichnete Kunstwerke. Vielleicht mit einer Preisverleihung. Die Sponsoren-Firmen würden sicher etwas dazu beisteuern, ist sich Altmeppen sicher. „Das würde mich persönlich sehr freuen, wenn das klappen würde“, sagt er. „Letztes und dieses Jahr haben wir es leider nicht mehr geschafft.“

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Foto: Horizons

Während Altmeppen und Grüness die Außentreppe des Konferenz-Gebäudes betreten, stellt direkt darunter eine Fotografin mit blonden Haaren und grünem Oberteil die Horizons-Teilnehmer in Reih und Glied auf. „Speaker nach vorne“, dirigiert sie in freundlichem Ton. Mit einem letzten kritischen Blick prüft sie die Menge, dann steigt sie ein paar Meter entfernt auf einen blauen Gartentisch, auf dem eine große Fotokamera mit einem Stativ thront. Er wackelt gefährlich. Noch bevor die Leute wissen, dass es los geht, knipst sie im Sekundentakt. „See you in 2020!“, liest sie von 13 DIN-A4-Zetteln ab, die vom Horizons-Team nach oben gehalten werden. Ihr Englisch ist brüchig. „Ich übe noch.“ Ein Schmunzeln durchzieht die Menge. Ein finaler Countdown. Und alle Hände fliegen in die Luft.

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Michael Rosbash beantwortet die Fragen des Publikums. Foto: Horizons


Letzte Änderungen: 29.11.2019
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