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„Bei Forschungsanträgen gibt es kein Recycling“

Im Gespräch: Guntram Bauer, Human Frontier Science Program Organisation (HFSPO), Laborjournal 05/2018


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Guntram Bauer, Direktor für Wissenschaft
und Kommunikation in der
Human Frontier Science Program Organisation (HFSPO).
Foto: HFSPO

Der promovierte Pflanzenbiologe Guntram Bauer arbeitet seit 2004 bei der internationalen Human Frontier Science Program Organisation (HFSPO) in Straßburg. Laborjournal sprach mit ihm über aktuelle Entwicklungen in deren Förderprogrammen.

Laborjournal: Wie kamen Sie zur HFSPO und welches sind aktuell Ihre Aufgaben?

Bauer » Ich wechselte Anfang 2004 vom Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln zur HFSPO nach Straßburg. Die Möglichkeit, ein globales Förderprogramm für Postdoktoranden zu leiten war nach meiner Tätigkeit in Köln sehr verlockend. Der Wechsel eröffnete mir die Möglichkeit, innovative und zukunftsorientierte Forschung der besten Wissenschaftler der Welt voranzutreiben. Seit 2012 habe ich die eher strategisch ausgerichtete Leitungsfunktion als Direktor für Wissenschaft und Kommunikation inne. Ich verantworte ein breites und sehr abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld, angefangen von der kompletten Verantwortung für die Wissenschaftskommunikation, über die Organisation unserer jährlich stattfindenden Wissenschaftskonferenz bis hin zur strategischen Beratung des Generalsekretärs und des Vorstands.

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Was sind für Sie Alleinstellungsmerkmale des HFSP?

Bauer » In einem Zeitraum von nur wenigen Jahren hat die globale Förderlandschaft für die Wissenschaften sehr große Umbrüche erlebt. Monodisziplinäre Ausschreibungen sind stark in den Hintergrund gerückt; internationale Forschungskooperation ist in der globalen Forschung ein absolutes Muss. Vor diesem Hintergrund hat es das HFSP erreicht, sehr klar umrissene Alleinstellungsmerkmale zu etablieren. Unsere Mitgliedsländer haben uns zur Aufgabe gemacht, einen Förderbereich zu entwickeln, der für große nationale Organisationen nur sehr schwer abzudecken ist: Risiko-betonte Grundlagenforschung in den gesamten Lebenswissenschaften; Förderprogramme, die nicht an die Existenz vorläufiger Ergebnisse gekoppelt sind; unbedingte fächerübergreifende, interkontinentale Zusammenarbeit, die das Potential hat, einen wirklichen Quantensprung zu bewirken. Seit 1990, dem Beginn der Förderaktivität, wurden 27 vom HFSP geförderte Wissenschaftler mit einem Nobelpreis ausgezeichnet. Das bestätigt unseren Ansatz.

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Welche Ansprüche stellt der HFSP an seine Antragsteller?

Bauer » Die Antragsteller im Stipendienprogramm müssen glaubhaft darstellen, wie der thematische Wechsel ihnen selbst, aber auch dem gastgebenden Labor weiterhelfen wird. Der Wechsel der Forschungsrichtung soll nicht als ein erzwungenes Ende einer erfolgreichen Dissertation verstanden werden, sondern als Aufforderung sich weiterzuentwickeln. Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Direktor habe ich daher eine neue Programmvariante bei den Stipendien eingeführt. Seit 2005 können auch Postdocs aus der Physik, Chemie, Mathematik und angrenzenden Disziplinen der sogenannten Physical Sciences, die Interesse haben, sich den Lebenswissenschaften anzunähern oder einen kompletten Richtungswechsel vollziehen möchten, Anträge stellen.

Ähnlich hoch ist der Anspruch in der Projektförderung, den HFSP Research Grants. Das HFSP möchte neuformierte Teams fördern und besteht auf Einbindung von Forschungsansätzen, die für jedes Teammitglied neu sind. Aussichten auf Erfolg haben daher mutige, risikobereite Teams, die neue Wege beschreiten möchten. Etablierte Zusammenarbeit über viele Jahre garantiert mit großer Wahrscheinlichkeit ausgezeichnete Ergebnisse und einen andauernden Strom an Publikationen, entspricht aber nicht dem Förderauftrag unserer Mitgliedsländer. Kurzum, bei den Research Grants hat das HFSP den Anspruch, neue Forschungsimpulse zu setzen. Dabei ist uns die fächerübergreifende Konstellation der Teams wichtig: ein Team aus einem Physiker, einem Mathematiker und einem Biologen zu fördern, hat für uns Vorrang vor einem Team von drei Entwicklungsbiologen. Dies bedeutet nicht, dass drei Entwicklungsbiologen nicht höchste Qualität abliefern können – es ist nur nicht Teil unseres sehr spezifischen, interdisziplinären Auftrags.

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Welche sind gerade die aktuellen Entwicklungen beim HFSP?

Bauer » Wir sind ständig im Begriff, das HFSP weiterzuentwickeln und weiter als weltweit renommierte Organisation für Forschungsförderung zu gelten. Gerade in diesen Tagen bin ich sehr damit beschäftigt, die nächste unabhängige Evaluierung mit einer Agentur zu koordinieren. Ebenso finden erste Diskussionen über das neue Strategie-Dokument „HFSP 2020-2022“ mit den Vertretern unserer Mitgliedsländer statt. Damit wollen wir uns noch besser auf die Bedingungen der Forschungslandschaft im 21. Jahrhundert einstellen. Große Änderungen an den bestehenden Förderprogrammen sind derzeit allerdings nicht vorgesehen, und wir werden weiterhin herausragende Wissenschaft fördern. Überdies haben wir einen großen Meilenstein vor uns: das dreißigjährige Jubiläum des HFSP. Das werden wir im Juli 2019 zusammen mit der nächsten Regierungskonferenz auf unserer Jahreskonferenz in Tokio feiern.

Beim HFSP gehen jährlich mehr als 1.500 Anträge ein. Allein diese Zahl ist sicherlich schon eine große Herausforderung für die Begutachtung. Gibt es Überlegungen, die „Antragsflut“ einzudämmen?

Bauer » Die große Zahl an Anträgen ist nicht nur ein Zeichen für den Bekanntheitsgrad des HFSP, es ist ein deutliches Signal, dass das Interesse der Wissenschaftler und der Bedarf an globaler Wissenschaftskooperation ungebrochen groß ist. Jedes Jahr stellen wir daher unsere Antragsdokumente und die Begleit­informationen auf den Prüfstand, um die Formulierungen klarer und eindeutig zu machen. Sie müssen sich dazu vor Augen halten, dass der sprachliche Aspekt bei HFSP sehr wichtig ist, weil jedes Jahr Anträge aus über fünfzig Ländern bei uns eingehen.

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Wo sehen Sie persönlich weitere Entwicklungsmöglichkeiten der HFSP-Förderprogramme?

Bauer » Ideen haben wir sehr viele. Nach dem Erfolg der Cross-Disciplinary Fellowships, die ich 2005 in das Stipendienprogramm integriert habe, würden wir gerne noch mehr junge Wissenschaftler mit Abschlüssen in der Physik oder Chemie für die biologische Grundlagenforschung gewinnen. Es steht außer Frage, dass Fortschritt in den Lebenswissenschaften an moderne qualitative Ansätze und Verfahren gekoppelt ist. Das HFSP sieht sich als Förderorganisation für Frontier Science. Aus diesem Grund versuchen wir, die Wissenschaftler mit unseren Fördermaßnahmen zu neuen Wegen bei ihren Forschungsansätzen zu ermutigen, ihnen die Scheu vor dem Risiko zu nehmen und sie in neue Bereiche vordringen zu lassen.

Frauen sind unter den durch HFSP-geförderten Wissenschaftlern eher unterrepräsentiert. Welcher Stellenwert wird einer Erhöhung des Frauenanteils eingeräumt?

Bauer » Grundsätzlich versuchen wir, nur die wissenschaftlich besten Anträge zu fördern. Was uns aber ständig beschäftigt, ist die Überwindung des unbewussten Vorbehalts (unconscious bias) von Gutachtern gegenüber Forschungsanträgen von Frauen. Hier sind wir besonders aufmerksam. Des Weiteren versuchen wir auch gezielt, die Förderbedingungen an die Bedürfnisse von Frauen anzupassen. Als ich 2004 zu HFSP gestoßen bin, war ich sehr überrascht, dass für Frauen im Rahmen der Postdoktoranden-Stipendien keine Möglichkeit vorgesehen war, die Forschungsarbeit kurz vor Geburt eines Kindes zu unterbrechen. Die Einführung einer dreimonatigen bezahlten Elternzeit war eine erste große Änderung, die ich im Stipendienprogramm eingeführt habe und die von Wissenschaftlerinnen als sehr hilfreich empfunden wird.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Qualität der HFSP-Anträge im letzten Jahrzehnt verändert?

Bauer » Die wissenschaftlichen Ansätze in der biologischen Grundlagenforschung haben sich allgemein stark verändert. Lassen Sie mich eine Anekdote voranstellen. Als ich 2004 bei HFSP angefangen habe, hörte man im Verlauf von Gutachtersitzungen noch sehr oft das „geflügelte“ Wort: irgendetwas Gutes wird dabei schon rauskommen („something useful will come out it“). Oft war dies der herausragenden Qualität der Forschungseinrichtung oder des gastgebenden Labors geschuldet. Dies ist in 2018 nicht mehr denkbar.

Forschungsansätze sind heute technisch ausgefeilt, überzeugen durch lückenlose Verbindung zwischen Theorie und Experiment, setzen Prioritäten bei qualitativen Verfahren und vermeiden es, den Text mit Allgemeinplätzen (Buzzwords) und Phrasen zu belegen. Gerade bei den Stipendienanträgen sind Neuerungen besonders präsent: Crowd Computing, Live Imaging in Freely Moving Animals, In-situ-Verfahren bei Geweben oder Zellen. Das HFSP versucht durch flexible Vorgaben und wenige Einschränkungen zu ermöglichen, dass Frontier Science stattfinden kann. Wir stellen aber fest, dass auch erfahrene Wissenschaftler sehr tech savvy sind. Vielleicht steht dies in direktem Zusammenhang mit dem sehr jungen Altersdurchschnitt von etwa 49 Jahren bei den Program Grants und 38 Jahren bei den Young Investigator Grants.

Was ist Ihr Rat für den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Bauer » Mein Rat wäre, sich im Vorfeld eine umfassende Strategie zu überlegen, um sich auf wichtige Aspekte wie zum Beispiel Forschungsförderung oder andere Aspekte der Berufswahl vorzubereiten. Bei Forschungsanträgen ist man in der heutigen Zeit gezwungen, mehrgleisig zu fahren. Die Fördermittel sind begrenzt, und die Nachfrage ist groß. Das hat zur Folge, dass man den Antrag bei mehr als einem Förderprogramm einreichen muss. Das alles ist jedoch leichter gesagt als getan. Denn je nach Organisation muss die Forschungsidee unterschiedlich präsentiert werden, um den Anforderungskriterien und der Philosophie des Programms gerecht zu werden. Der organisatorische Aufwand ist groß und wird gerade von jungen Wissenschaftlern oft unterschätzt. Wir sehen leider sehr viele HFSP-Forschungsanträge, die sich als Kopien erweisen und ohne zusätzliche Reflektion sowie Überarbeitung einfach wiederverwendet werden. Grundsätzlich gilt: Bei Forschungsanträgen gibt es kein Recycling.



Last Changed: 08.05.2018


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