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Wir, die Wissenschaftler

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Montagmorgen, 3:35 Uhr. Ein schrecklicher Lärm kommt aus meinem Telefon, ich stehe sofort senkrecht im Bett. Ich schalte das Licht an und schlüpfe in Jeans und T-Shirt. Die Wände strahlen noch immer die Hitze des Tages ab, die Luft ist stickig. Schon seit Monaten ist es sehr heiß, seit dem Frühjahr. Und obwohl ich den ganzen Abend die Fenster offen hatte und das Licht in der Wohnung brannte, ist das einzige Krabbeltier, das mir Gesellschaft leistet, eine kleine Spinne in der Ecke meines Wohnzimmers. Sie hat sich ein kleines Netz gesponnen, aber darin noch nichts gefangen. Ansonsten gibt es hier keine weiteren Acht- oder Sechsbeiner. Nicht ein Tier.

Noch vor zwei Jahren war es anders. Wespen waren eine wahre Plage. Mein Garten war voller Schmetterlinge und Honigbienen. Fliegen und Mücken belästigten mich in der Nacht. Jetzt kann das Mückenspray im Schrank bleiben. Meine Haut hat nicht einen Stich.

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Ich nehme den Koffer, der fertig gepackt bei der Haustüre steht, und mache mich auf den Weg zum Flughafen. Acht Stunden später befinde ich mich im Stadtzentrum von Toulouse und stehe zum zweiten Mal an diesem Tag in einer Schlange für einen Sicherheitscheck, diesmal beim Eingang des Konferenzzentrums. Die Sonne brennt auf meiner Haut, Schweiß quillt aus allen Poren. Ich hoffe, dass sich keine peinlichen Flecken auf meinem Kleid bilden, bevor ich endlich in die Eingangshalle eingelassen werde.

Ich muss daran denken, wie sinnlos diese Sicherheitschecks sind. Wir alle wissen, dass sie nichts bringen – außer uns ein Gefühl der Sicherheit vorzugaukeln und dabei hohe Kosten und sinnlose Beschäftigung zu erzeugen. Es ist irrational. Dennoch spielen wir das Spiel mit.

Ich gehe zum Begrüßungsschalter und erhalte mein Namensschild mit QR-Code, der sofort von einem jungen Mann gescannt wird. Diese Prozedur wird sich jedes Mal wiederholen, wenn ich die Eingangshalle betrete. Das Band, an dem es hängt, fühlt sich weich an, obwohl Kabel im Inneren verlaufen. Es hat einen doppelten Nutzen, es trägt nicht nur mein Namensschild, sondern kann auch als Smartphone-USB-Ladegerät dienen. Praktisch, denke ich. Sicherlich hat einer der 4.500 Besucher sein Ladegerät vergessen und muss sich nun keines leihen oder ein neues besorgen. Was die übrigen 4.499 Gäste angeht, haben die Kinderarbeiter mal wieder für die Mülltonne produziert.

Die Eröffnung im Sportstadium ist beeindruckend. Die Hauptthemen sind der Klimawandel und Wissenschaftskommunikation. Ein Wissenschaftler trägt zu tropischen Krankheiten vor, die durch Insekten übertragen werden, und wie sie sich nach Norden ausbreiten. Ein Anderer präsentiert vorläufige Erkenntnisse, wie sich das menschliche Gehirn an Veränderungen der Umgebung anpasst. Eine Dritte zeigt, wie verwundbar unser Planet vom Weltall aussieht.

Im letzten Vortrag dieser Session spricht ein hochrangiger Vertreter von Airbus. Als weitaus größter Arbeitgeber in der Region scheint das eine offensichtliche Wahl. Er erzählt davon, wie Airbus alle Kräfte zusammenzieht, um Fortschritte dabei zu erzielen, emissionsfreie Flugzeuge zu entwickeln. Beim Zuhören murmele ich zu mir selbst: „Wow, das wäre ein echter Game Changer, wenn die das hinbekommen würden.“ Ich frage mich, wie viele der 130.000 Angestellten wohl an diesem zukunftsweisenden Projekt arbeiten und ob es überhaupt realisierbar ist.

Der Moderator nickt und lächelt während des Vortrags. Als er die Fragerunde eröffnet, kommt keine kritische Frage darüber, wie hoch die „riesige“ Investition in diese neue Technologie sei und wie wahrscheinlich es sei, dass tatsächlich jemals ein elektrisch betriebenes Passagierflugzeug unsere Flughäfen ansteuern wird. Ich sitze stumm da und hoffe, dass aus Vision bald Realität wird.

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Am frühen Abend befinde ich mich bei einem Cocktail-Empfang in der Eingangshalle. „Ist es nicht seltsam, dass hier fast nur Fleisch als Snack serviert wird?“, kommentiert eine alte Bekannte von mir, während sie aufs Buffet deutet.

„Ja, das ist bei einer großen internationalen Konferenz zum Thema Klimawandel durchaus ironisch“, antworte ich.

„Manchmal frage ich mich, ob wir Wissenschaftler wirklich aufgeklärter sind als andere Leute“, meint sie.

„Bist Du hergeflogen?“, erkundige ich mich.

„Ja. Und Du?“

„Ebenfalls.“

Sie nickt, als würde sie dadurch von einem Schuldgefühl befreit werden.

„Ich nehme an, das beantwortet die Frage,“ füge ich hinzu.

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Später am Abend trinke ich ein Glas Wein mit den Gastgebern meines AirB&B-Zimmers, in dem ich untergekommen bin. Alle außer einem arbeiten für Airbus. Ich erzähle ihnen aufgeregt von der Rede ihres Chefs, die ich heute gehört habe, und dass ich es kaum erwarten könne, bis das erste CO2-freie Flugzeug Passagiere transportieren wird. Alle brechen in Gelächter aus und erzählen mir die wahre Geschichte dieses Projektes. Airbus werde wohl jahrzehntelang keinen wirklichen Schritt in diese Richtung machen, es sei alles nur ein Märchen, ein unterfinanziertes Vorzeigeprojekt mit kaum einem Dutzend Mitarbeitern.

Corporate social responsibility bullshit”, meint einer bissig. „Wenn die aufwandsneutral Ressourcen schonen könnten, würden sie es nicht tun. Weil es eben aufwandsneutral und nicht gewinnbringend ist.“

Fünf Tage später komme ich nach Hause zurück. Die Spinne ist tot, verhungert. Die Welt sollte weinen.



Letzte Änderungen: 07.09.2018

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