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Verstehen Sie mein Projekt?

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr. Nach dem Mittagessen erklimme ich die alten, bröseligen Stufen des Biologie-Departments und gehe direkt in mein Büro. Ich schalte meinen antiken Computer an. Wie jedes Mal bin ich dankbar, als ich das Klappern des alten Ventilators höre. Hoffentlich hält er diesen Tag auch noch durch...

Als ich meine E-Mails öffne, höre ich ein sanftes Klopfen. Die Tür des Büros steht wie immer weit offen, mein Chef tritt durch den Türrahmen. Er trägt ein unauffälliges, gräuliches Hemd und eine schwarze Hose. Auch sein Haarschnitt und seine Schuhe sind unauffällig, ja gar langweilig. Selbst sein Name könnte kaum schnörkelloser sein: Peter Kurz. Allerdings gleicht er diese Schlichtheit mit seinem steten Lächeln und seinen begeistert funkelnden Augen aus. Er ist kein großer Small Talker, sicherlich auch kein Partylöwe. Er ist ein trockener Typ, für ihn zählen nur Fakten. In seinem Fachgebiet kann er alle Zuhörer schnell überzeugen. Mit Fachfremden hat er seine Schwierigkeiten.

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„Komm rein“, sage ich. „Ich habe gute Neuigkeiten.”

„Ja, welche denn?“, lächelt er mich an.

„Ich glaube, ich habe endlich das mutierte Protein“, platzt es aus mir heraus.

„Das sind sogar sehr gute Neuigkeiten“, sagt Peter aufgeregt.

Seit Monaten hatte ich keinerlei Fortschritt erzielt, und langsam desillusionierte mich das Leben als Postdoc. Wie viel einfacher die Wissenschaft in den Jahren zuvor doch war.

Im Studium waren die Experimente auf schnelle Erfolge ausgelegt. Wir bekamen ein Protokoll und folgten der Beschreibung Schritt für Schritt. Nur Leute, die nicht lesen konnten, schafften es nicht, Joghurt aus Milch herzustellen oder dieses gewisse Bakterium aus dem Campus-Teich zu isolieren. Während der Promotion wurden die Projekte anspruchsvoller, die beinahe täglichen, kleinen Erfolge gehörten der Vergangenheit an, doch konnte ich stets auf laufende Projekte aufspringen.

Als Postdoc arbeite ich nun an einem völlig neuen und ungewissen Projekt, das sich seit Monaten um keinen Millimeter bewegt. Und obwohl ich das Labor mit einigen Kollegen teile und hie und da einen Studenten betreue, bin ich in dem Projekt komplett auf mich alleine gestellt und fühlte mich in letzter Zeit zusehends dümmer. Wie nur kann ich meine Experimente entwerfen, damit ich irgendwas Relevantes herausbekomme? Und wer nur könnte mir helfen? Wo sind die Ansprechpartner, die Leute, die durch ähnlich verfahrene Anfangsphasen gegangen sind und die mir aktiv bei dem Design und der Interpretation der Experimente helfen könnten?

Es fühlt sich an, als sei ich jetzt nicht mehr in dieser Phase, als müsse ich selbst jetzt die Expertin sein. Natürlich kann mir Peter beim theoretischen Teil helfen, doch wenn die Probleme praktischer Natur sind, merke ich schnell, dass er schon jahrelang nicht mehr an der Bench gearbeitet hat.

Schon als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Ich spürte eine Menge Adrenalin durch meinen Körper strömen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich nun endlich einen Schritt voran machen würde. Später im Labor nahm ich nervös das SDS-Gel aus der Kammer, entfernte es geduldig von der Glasplatte und ließ es in den Behälter mit Färbelösung gleiten. Dann hob ich leicht den Kopf, schloss meine Augen und bekreuzigte mich vor dem Labortisch. Ein Gebet schoss durch meinen Kopf, wenngleich „Gebet“ wohl nicht der richtige Begriff für meine Gedanken war. Ich bin nicht religiös, nur verzweifelt – und ich würde jedem Loblieder singen, der mir auch nur ein winziges, erfolgreiches Experiment gönnen würde

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Binnen Minuten war der Fingerabdruck der Proteine sichtbar. Unübersehbar zeigte sich ein riesiger Fleck, wo ich seit langem mein überexprimiertes Protein erwartete. Endlich hatte ich es! Tränen des Glücks schossen mir in die Augen. Ich wollte rufen, ja schreien, mich niederknien. Ich konnte mich kaum zurückhalten. Doch ich behielt meine Emotionen für mich. Ich flüsterte mir selbst zu: „Ich hab‘s, ich hab‘s, verdammt nochmal, ich hab‘s!“

„Ich muss es noch reinigen und charakterisieren, aber ich konnte es endlich exprimieren“, zeige ich Peter jetzt aufgeregt das Gel.

„Wenn die Leute das Potenzial davon erkennen, könnte das eine große Sache werden“, lacht Peter.

„Natürlich werden sie das verstehen!“

„Das wünsch ich mir. Aber gerade wurde wieder ein Antrag für das Projekt abgelehnt. Dazu all die Budgetkürzungen – hierzulande, in Europa,... Diese Idioten raffen es einfach nicht. Es ist wirklich saublöd, dass so viele Anträge von interdisziplinären Gremien geprüft werden. Wie sollen die unsere Forschung bewerten können?“ In Peters Stimme klingen Wut und Verzweiflung.

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„Wenn wir das hier publizieren, kapieren sie das vielleicht endlich“, fügt er noch hinzu. Er steht auf und geht zur Tür.

„Nur zur Erinnerung, Professor Wilder von der Northwestern Uni spricht heute um 17 Uhr im Hörsaal“, dreht er sich noch mal um.

„Das werde ich leider nicht schaffen“, antworte ich.

„Warum nicht?“

„Ich nehme heute Abend an einem Science Slam teil. Über unsere Arbeit, natürlich.“

„Hmm, ist das was für Schulkinder?“

„Nein, für Erwachsene.“

„Für Laien?“

„Ja.“

„Was für eine Zeitverschwendung“, sagt er und geht in sein Büro zurück, um dort an einem weiteren Antrag zu schreiben.



Letzte Änderungen: 04.07.2018

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