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Konferenz mit Schwiegermutter

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Sieben Uhr morgens, Frankfurt Flughafen. Ich stehe am Check-in von Lufthansa. Meine Schwiegermutter steht neben mir und summt die langsamste Version von „Schlaf, Kindlein schlaf“ vor sich hin. Mein müder Sohn, Sam, sitzt auf ihrem linken Arm. Auf dem rechten hält sie einen übergroßen Picknick-Korb, der mit einem Geschirrtuch abgedeckt ist. Ich trage einen Blazer und habe einen großen Rucksack, eine Laptoptasche, eine Posterrolle und eine große Windeltasche voll mit nassen Tüchern, Windeln, Milchflaschen, Wechselkleidung und weiß Gott was ein Elfmonatiger für einen dreistündigen Flug und einen viertägigen Aufenthalt in Barcelona sonst noch alles brauchen könnte. Den leeren Buggy schiebe ich vor mir her.

Ich fühle mich total ausgezehrt, ich bin verschwitzt vom Gepäckschleppen und Kinderwagenschieben, rauf und runter durch verschiedene Bahnstationen, bis wir endlich den Flughafen erreicht haben. All das nach einer vollen Woche Laborarbeit, nach langen Abenden am Laptop. Ja, ich hatte natürlich verzweifelt und erfolglos versucht, vor der Konferenz noch ein paar Ergebnisse zu produzieren. Heute Morgen schließlich der frühe Start um vier Uhr, damit wir rechtzeitig am Flughafen sind. Und obwohl ich solch eine harte Woche in meinen Gliedern hatte, war ich sofort hellwach, als der Wecker klingelte.

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Vielleicht hatte ich in den vergangenen sechs Stunden ja gar nicht geschlafen? Während der Nacht machte ich mir nur Sorgen um die Konferenz: Wie um alles in der Welt sollte das funktionieren mit Sam UND Oma? Was, wenn er während des Flugs auf einmal anfängt zu schreien wie ein Spanferkel? Was, wenn er krank wird oder einfach keine Lust hat auf Oma? Was, wenn er in der Nacht vor der Präsentation dreimal aufwacht? Was, wenn ich dort in der Nacht keine Mikrowelle zur Verfügung habe, um seine Milch aufzuwärmen? Was, wenn..? Und was, wenn...?

Ich kletterte aus meinem Bett und ging ins Badezimmer. „Bist du in Ordnung?“ Martin schaute besorgt, während ich auf meiner Zahnbürste rumkaute. „Du hast dich die ganze Nacht nur rumgewälzt“, fügte er hinzu.

„Ich weiß. Ich mache mir solche Sorgen, dass ich etwas für Sam vergessen habe. Und dann noch eine Reise zusammen mit deiner Mutter...“, seufzte ich. „Ich bin mir sicher, dass das die schlechteste Idee war, die mein Chef jemals hatte.“

„Wir haben noch Geld im Gender-Topf – du kannst ja Sam mit nach Barcelona bringen“, schlug mein Chef Bill vor sechs Wochen vor.

„Ich denke, das ist keine gute Idee. Sam schläft nicht viel und kann nur still sitzen, während er eine Brezel isst“, versuchte ich vorsichtig zu argumentieren.

„Die haben da Kinderbetreuung.“

„Ich bin mir aber nicht sicher, dass er den ganzen Tag mit jemandem sein kann, den er nicht kennt.“

„Du kannst ihn ja in den Pausen besuchen. Sieh’ mal, es geht doch darum, jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu zeigen, dass man Akademikerin und Mutter sein kann.“

Auf Wiedersehen, sinnstiftende Gespräche und saubere Kleidung! Hundertprozentig gibt es jedes Mal Geschrei, wenn ich wieder weggehen will...

„Aber ich habe Kinderbetreuung zu Hause. Ich muss ihn gar nicht mitbringen.“

„Bitte, versuche es. Bring doch deinen Partner oder die Großeltern als Babysitter mit, wenn du willst“, sagte Markus mit flehenden Augen. Offenbar war er nur so sehr auf seine Idee erpicht, weil er damit die Sektion „Gender“ in seinem Folgeantrag aufmotzen könnte.

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So stehe ich nun also mit Sam und meiner Schwiegermutter in einer sehr langsamen Schlange in Richtung Check-in.

Sam schluchzt. Ich nehme an, ich würde auch schluchzen, wenn ich in seiner Haut steckte. Viel zu früh aufgeweckt, in einen überfüllten Flughafen gezerrt, wo sich das arme Würstchen mit der Nase über einem Picknick-Korb mit miefenden Käsebroten wiederfindet, während ihm eine ältere Dame andauernd schreckliche Melodien ins Ohr summt. Er hat recht: Das nervt!

„Hast du eine Mütze für ihn?“, fragt Oma in ihrem standardisiert-wertenden Tonfall.

„Nein, es ist fast Sommer und wir fliegen nach Barcelona. Ich denke nicht, dass er eine Mütze braucht“, sage ich und bewege mich genau einen Schritt auf den Schalter zu.

„Er hat aber kalte Ohren“, sagt sie genervt und stellt ihren Korb in den Buggy, damit sie eine Hand freihat um sich das Halstuch abzunehmen und es um Sams Ohren zu binden. Er sieht stinksauer aus, hebt seine speckigen Babyarme, reißt sich das Tuch vom Kopf und schmeißt es auf den Boden.

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Ich kann mir kaum ein Lachen verkneifen und kommentiere: „Ich glaube, seine Ohren sind warm genug.“

Die Stewardess druckt unsere Bordkarten. Heimlich hoffe ich, dass Sam und Oma auf der anderen Seite des Ganges im Flugzeug sitzen, damit ich ein Nickerchen halten kann – obwohl ich weiß, dass meine Chancen dafür gering sind. Und tatsächlich bekommen wir Bordkarten für zwei Sitze direkt nebeneinander. Beim Sicherheitscheck versucht Oma, ihre frisch gebraute Pfannkuchensuppe und ihr Kaffee-Derivat heimlich durchschleusen zu können, doch beides landet im Abfall, wo es vielleicht auch hingehört. Selbst wenn Terroristen das Flugzeug sprengen sollten, hat der Check zumindest einen Zweck erfüllt.

Das hier wird ein komplett anderes Erlebnis als die Konferenz in Berlin, die ich vor zwei Monaten besuchte, dachte ich. Ich konnte „netzwerken“ und es genießen, dass ich zum ersten Mal seit Sams Geburt frei von familiären Verpflichtungen war und zwei Nächte durchschlafen konnte. Aber sei’s drum: Auf geht’s, Barcelona, wir kommen!...



Letzte Änderungen: 04.07.2018

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