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Weihnachtsfeier

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Klebeband, ich brauche Klebeband! Ich halte die ausgeleierten oberen Nähte meiner halterlosen Strumpfhose mit je zwei Fingern fest, damit sie nicht zu meinen Knöcheln rutschen und laufe ins Wohnzimmer. „Felix! Hast du ‘ne Ahnung, wo das Klebeband sein könnte?”, rufe ich viel zu laut. Felix steht vom Sofa auf.

„Da drüben. Wozu brauchst du es denn?“

„Um diese Strumpfhosen an meine Beine zu kleben. Was denn sonst?“

Er zuckt mit den Achseln. „Klar,... hätte ich mir ja denken können. Wofür braucht man denn sonst Klebeband?“

„Einmal rundherum und dann drei Streifen vertikal“, kommandiere ich. „Aber nicht zu eng!“

Er beginnt mit der Prozedur. „Ist es denn normal, Strumpfhosen mit Klebeband ans Bein zu kleben?“

„Keine Ahnung, aber diese hier bleiben sonst nicht oben. Ich bin Naturwissenschaftlerin, keine Strumpfhosenspezialistin.“

„Aber du hast sie gekauft.“

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Ich werfe ihm einen Blick zu, der weitere dümmliche Fragen abwehren soll.

„Warum hast du dir denn keine normalen gekauft? Ich meine solche, die über den Po gehen?“

„Lass es einfach gut sein, Felix!“

Er lacht hämisch und zeigt auf meine verklebten Beine. „Sehr sexy.“

Ich ziehe mein Kleid bis knapp unter die Knie herunter, gerade tief genug, um das Klebeband zu verdecken. Dann schlüpfe ich in mein einziges Paar hochhackige Schuhe und frage mich, wer um Himmels Willen in sowas laufen kann. Ein unangenehmes Kribbeln geht durch meine Beine.

Etwas umständlich besteige ich den Bus. Als ich mich auf dem letzten freien Platz niederlasse, fühle ich es: Das Klebeband löst sich von meinen Beinen. Ich höre es sogar. Bemerkenswert leicht gleiten die Strumpfhosen nach unten. Mist, was mache ich jetzt? Heimlich schlüpfe ich aus meinen Stilettos, ziehe ruckzuck die Strümpfe über die Knöchel aus und stopfe sie in die Handtasche. Diese blöde Weihnachtsfeier kann mich mal...

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„Hi, fertig fürs Weihnachtsessen?“, fragt meine Kollegin Bibbi, als sie die Tür des Restaurants öffnet.

„Hm, bisschen kalte Beine vielleicht“, entgegne ich.

Ich hole den Knoten aus Nylon und Klebeband aus meiner Handtasche. „Das sollten eigentlich halterlose Strumpfhosen sein, doch die sind partout nicht oben geblieben.“

Sie untersucht den Knoten in meinen Händen. „Die sind nicht halterlos, die trägt man mit Strapsen.“

„Strapse?“

Sie nimmt ihr Handy und tippt „Strapse“ in die Suchmaschine. Der Bildschirm füllt sich sofort mit eleganten Frauen in Lingerie. „OK, das ist in der Tat recht... aufreizend. Aber irgendwie anders als ich mich im Moment fühle.“

Bibbi lacht. „Okay, schauen wir mal, was das Weihnachtsessen in diesem Jahr bringt“, sagt sie.

„Ist es so schlimm?“, frage ich.

„Ja. Letztes Jahr war es das jedenfalls.“

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Wir atmen beide tief durch, bevor wir die Türe öffnen. Beklemmung breitet sich aus. Irgendwie will jedes Jahr keiner richtig hin, und auch Walter scheint es nicht gerne zu sehen, dass wir einen Abend aus dem Labor rauskommen.

Walter grüßt uns mit einem derart freundlichen Grinsen, als könne er tatsächlich ein netter Chef sein. So kenne ich ihn gar nicht. Zufrieden und entspannt – ein völlig neuer Walter.

Freundlich redet er mit uns und erzählt lustige Geschichten über Konferenzen und seine Familie. Alle trinken Wein oder Bier. Aber dennoch ist die Atmosphäre komisch. Ich kapiere es nicht. Obwohl sich alle freundlich unterhalten, schwingt eine seltsame Spannung mit. Als ob wir alle für dieses eine Mal so tun müssen, als wären wir Freunde und Teile einer fröhlichen Gruppe – was wir in Wirklichkeit aber nicht sind.

Nach einer Stunde dreht sich alles in meinem Kopf. Walter ist unglaublich charmant. Vielleicht war ja sein Drittmittelantrag erfolgreich. Vielleicht hatte er deswegen zuletzt einfach viel Stress, wegen der unsicheren Finanzierung. Womöglich wird ja jetzt alles besser. Oder saß er tatsächlich mal in einem Kurs für Führungskräfte? Aber Achtung, könnte alles nur Wunschdenken in vorweihnachtlicher Stimmung sein...

Um mein Unbehagen zu verarbeiten, nippe ich ständig am Weinglas, wie alle am Tisch. Mir schwant nichts Gutes, als ich bemerke, dass ich das zweite Glas Wein schon vor der Vorspeise geleert habe und Walter noch ein paar Flaschen bestellt...

Ich fühle, wie das rohe Steak in die Suppe aus Rotwein in meinem Magen fällt. Mit der Denke einer Chemikerin stelle ich mir vor, dass diese Flüssigkeit wohl nicht die geeignetste ist, um das bemerkenswert blutige Fleisch aufzulösen. Langsam beginnt sich mein Kopf zu drehen und ich mache mir Sorgen, dass ich bald am Boden liegen könnte. Doch mit der Zeit normalisiert sich alles. Zumindest sieht das so aus, der Alkohol katalysiert die seltsame Kumpanei und betäubt die Sorgen über die eigene Würde. Wir lachen und witzeln miteinander, wie ich es in unserem Labor noch nie erlebt habe. Es ist schön, es fängt an, mir zu gefallen, es ist verwirrend. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, mag ich es sogar irgendwie in dieser Gruppe!

Walter hebt sein Glas und kündigt mit seinem Löffel einen Toast an. Er lächelt, dann wird er auf einmal ernst. „Danke, dass ihr heute Abend gekommen seid. Dieses Jahr war eindeutig nicht unser Jahr. Zu wenige Ergebnisse, zu wenige Gelder. Aber ich bin mir sicher, dass ihr nächstes Jahr bessere Arbeit leisten werdet. Prost.“

Da ist er wieder, unser alter Walter.



Letzte Änderungen: 04.07.2018


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